Rückblick: Fachtag Sozial im Netz – Die Zukunft der Sozialen Arbeit ist digital!

Auch wir in der Sozia­len Arbeit haben gehofft, geze­tert, gebangt und geschimpft, aber es bleibt wohl dabei: Das Inter­net geht nicht ein­fach wie­der weg! Fol­ge­rich­tig kann des­halb auch die Zukunft der Sozia­len Arbeit nur eine digi­ta­le sein. Und um die­se Zukunft gemein­sam gestal­ten zu kön­nen, tra­fen sich vor einem Monat Prak­ti­ke­rIn­nen und Stu­die­ren­de aus den Sozi­al­be­ru­fen, Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Inter­es­sier­te auf dem ers­ten Fach­tag „Sozi­al im Netz“ in Köln. Mit etwas zeit­li­chem Abstand möch­ten wir einen Schul­ter­bli­ck zurück wagen und den gemein­sa­men Tag „in die Welt ein­schrei­ben“ (vgl. Stal­der 2016: 95).

Leid­me­di­en und Refe­ren­zia­li­tät

Die zen­tra­len Impuls­vor­trä­ge des Fach­tags – also Keyno­tes, lie­be Gene­ra­ti­on Ted­talk – gin­gen aus von Raul Kraut­hau­sen, Inter­net­ak­ti­vist und Grün­dungs­mit­glied der Sozi­al­hel­den sowie dem Kultur- und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Felix Stal­der.

Raul Kraut­hau­sen eröff­ne­te die Ver­an­stal­tung inhalt­li­ch mit einem beleb­ten Bericht aus eini­gen Jah­ren Sozial­en­ga­ge­ment und Akti­vis­mus im und mit dem Inter­net. Er beschrieb eini­ge Ker­n­ide­en und Her­an­ge­hens­wei­sen der Sozi­al­hel­den, deren Mot­to lau­tet „Ein­fach mal machen!“ und führ­te dabei sehr ein­drück­li­ch vor, wel­che Gestaltungs- und Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten das Netz bei­spiels­wei­se für Men­schen mit Behin­de­rung bie­tet, wenn ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment auf Digi­ta­li­tät stößt.

Felix Stal­der beschrieb dann spä­ter pas­send dazu wie in der Kul­tur der Digi­ta­li­tät bei­spiels­wei­se über Remix,Namensschild Fachtag Remake, Mas­hup und ähn­li­che Prak­ti­ken „Men­schen  (…) an kol­lek­ti­ven Ver­hand­lun­gen von Bedeu­tung teil­neh­men (…)“ (Stal­der 2016: 96) und so Kul­tur von immer mehr Akteu­rIn­nen geschaf­fen wird. Er bezeich­net dies als Refe­ren­tia­li­tät und sieht dar­in neben Gemein­schaft­lich­keit und Algo­rith­mi­zi­tät eine grund­le­gen­de Form der Digi­ta­li­tät. Den Zusam­men­hang die­ser For­men des „Kul­tur­schaf­fens“ erör­tert er in sei­nem sehr zu emp­feh­len­den Werk „Kul­tur der Digi­ta­li­tät“. Beson­ders hob Stal­der aber noch­mal hevor, dass „neue kul­tu­rel­le Rea­li­tä­ten, die heu­te unse­ren All­tag prä­gen“ eben kei­ne direk­te Fol­ge tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung sei­en. Mit ande­ren Wor­t­en: Bit­te alle wie­der set­zen und beru­hi­gen – das Inter­net ist nicht schuld! (vgl. Stal­der 2016: 21)

Herr Stal­der wur­de übri­gens – einem Fach­tag zur Digi­ta­li­sie­rung ange­mes­sen – per Sky­pe für den Vor­trag zuge­schal­tet, was einen inter­es­san­ten Effekt her­bei­führ­te, den Micha­el Wesch als „con­text col­lap­se“ beschreibt: wäh­rend rund 150 Fach­tag­teil­neh­men­de im Ple­num dem anre­gen­den Vor­trag auf Lein­wand fol­gen, spricht der Spea­ker hun­der­te von Kilo­me­tern ent­fernt in sei­nem Büro zu einer Web­cam.

Ärmel hoch!

Thomas Fachtag

Prof. Dr. Tho­mas Mün­ch: „Der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess der Sozia­len Arbeit ins Digi­ta­le hat längst begon­nen. Auf dem Fach­tag heu­te gab es den Auf­bruch 2.0. Ver­trau­en wir unse­ren jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen: Sie sind in der Digi­ta­len Welt groß gewor­den, sie haben das Exper­ten­wis­sen, wie die digi­ta­le Zukunft der Sozia­len Arbeit gehen kann.“

Die Viel­falt der ange­bo­te­nen Work­shops zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit gab einen schüch­ter­nen Hin­weis dar­auf wie viel in der kom­men­den Zeit zu tun ist, um „das Sozia­le ins Netz“ zu brin­gen: Digi­ta­li­sie­rung im Kon­text von Woh­nungs­lo­sig­keit, Digi­ta­le Arbeit mit Senio­ren, Digi­ta­le Arbeit mit Geflüch­te­ten, Öffent­lich­keits­ar­beit Online, Digi­ta­le Sozi­al­be­ra­tung und natür­li­ch auch Arbeit mit Jugend­li­chen im Netz, um nur eini­ge The­men­fel­der zu nen­nen.

Ein wie­der­keh­ren­der Topos – das zei­gen die Aus­wer­tun­gen der Work­shops und auch Gesprä­che beim Mit­tag­es­sen – bleibt dabei: Wir müs­sen schnell und kon­kret mit der digi­ta­len Sozi­al­ar­beit begin­nen, auch auf die Gefahr hin, dass es hier und da noch hol­pert oder knirscht. Wir haben lan­ge gewar­tet und nun gibt es viel zu tun! Und so fin­det sich auf vie­len Ergeb­nis­pla­ka­ten der Work­shops das Mot­to der Sozi­al­hel­den wie­der: „Ein­fach mal machen!“

Mikro­re­bel­lion am Steh­ti­sch

Am Nach­mit­tag hat­ten die Fach­tag­teil­neh­me­rIn­nen noch­mals die Gele­gen­heit, bei den soge­nann­ten Table Ses­si­ons an Steh­ti­schen die The­men der Work­shops offen zu dis­ku­tie­ren. Der beson­de­re Effekt die­ser Metho­de, die aus der Bar­camp­kul­tur stammt, ist dass die Teil­neh­me­rIn­nen unge­zwun­gen und auf Augen­hö­he dis­ku­tie­ren kön­nen d.h. auch gege­be­nen­falls über Hier­ar­chie­ebe­nen hin­weg.

Und so ent­wi­ckel­te sich am Tisch „For­schung und Digi­ta­li­sie­rung“ eine ange­reg­te und recht typi­sche Dis­kus­si­on dar­über, wie Füh­rung und Inter­net­kul­tur nun zuein­an­der ste­hen soll­ten. Wäh­rend eini­ge lebens- und berufs­er­fah­re­ne Kol­le­gIn­nen im Kon­text von Hate­spee­ch dafür plä­dier­ten, dass weni­ge in der Hier­ar­chie hoch­an­ge­sie­del­ten Per­so­nen „Gesicht zei­gen“ und füh­ren müss­ten, plä­dier­ten die Berufs­ein­stei­ge­rIn­nen und „digi­tal nati­ves“ dafür, dass alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen der Orga­ni­sa­ti­on im Netz die Gele­gen­heit haben soll­ten sich ver­ant­wor­tungs­voll zu bestim­men The­men zu posi­tio­nie­ren. „Wir krie­gen das hin, lasst uns auch mal machen!“, so eine Teil­neh­me­rin der Gene­ra­ti­on Y. Und so lau­tet ein Ergeb­nis der Table Ses­si­on fol­ge­rich­tig: #mehr­Ver­trau­en­in­den­Nach­wuchs.

Alter Wein und neue Schläu­che

Als eine Beson­der­heit des Fach­tags ist mit Sicher­heit zu nen­nen, dass hier auch neue digi­ta­le und ana­lo­ge For­ma­te ein­ge­bracht wur­den, die über die eines klas­si­schen Fach­ta­ges hin­aus­rei­chen: Vor­stel­lungs­run­de über hash­tags, Twit­ter­wall, Table Ses­si­ons, Sky­pe­vor­trä­ge oder auch der gemein­sa­me Hash­tag #sozia­lim­netz. Über letz­te­ren und in diver­sen Face­book­grup­pen zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit wer­den die begon­ne­nen Dis­kus­sio­nen und Initia­ti­ven des Fach­ta­ges wei­ter­ge­führt. Denn auch wenn die Sozia­le Arbeit im Digi­ta­len neue For­men und Werk­zeu­ge gewinnt, so bleibt die „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ doch immer noch ein Geschäft, dass mit Mühe und Beharr­lich­keit ver­bun­den ist. Um die Auf­bruchs­stim­mung, die bei „Sozi­al im Netz“ deut­li­ch zu spü­ren war, nun umzu­set­zen, heißt es also dran­blei­ben, bas­teln und wer­keln.

In die­sem Sin­ne, lie­be Sozi­al­ar­beit, auf ins #Neu­land!

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Ver­an­stal­dungs­do­ku­men­ta­ti­on und Kon­tak­te

Pres­se­mit­tei­lung zum Fach­tag

Bei­trag im Dom­ra­dio

Lite­ra­tur:

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Kai Hau­prich

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Digitalität in der Sozialen Arbeit – es bewegt sich was!

Wer sich mit Digi­ta­li­tät in der Sozia­len Arbeit beschäf­tigt – also der Fra­ge, wie sich die „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ durch die Digi­ta­li­tät ver­än­dert – kann erstaun­li­che und dabei oft wider­sprüch­li­che Erfah­run­gen machen: schlich­te Igno­ranz steht unver­mit­telt neben gro­ßer Begeis­te­rung; inno­va­ti­ve digi­ta­le „Auf­he­bun­gen“ reagie­ren auf die beson­de­ren struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen des Fel­des und dane­ben agie­ren ana­lo­ge Akteu­re ohne jedes Inter­es­se am WEB 2.0.

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Tho­mas Mün­ch war auf dem “Bar­camp Sozia­le Arbeit” 2016.

Nun könn­te man mit einem Ach­sel­zu­cken zur Tages­ord­nung über­ge­hen und sich auf Wolf­gang Sei­bel und sei­nen „funk­tio­na­len Dilet­tan­tis­mus“ (Sei­bel 1994) beru­fen – so ist sie halt, die Pro­fes­si­on. Oder kann man einen neu­en und inter­es­sier­ten Fokus auf die Ent­wick­lung des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit legen, um zu schau­en was, wie und wohin es sich dort gera­de ent­wi­ckelt.

Und gen­au das haben die Initia­to­rin­nen und Initia­to­ren des ers­ten „Bar­camp Sozia­le Arbeit“  in Bonn getan; einen neu­en und enga­gier­ten Bli­ck auf die Pro­fes­si­on unter­nom­men. An den bei­den Tagen Ende Novem­ber in Bonn tra­fen sich Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus Hoch­schu­le und Inter­es­sier­te aus der Digi­ta­len Welt zu einer ers­ten Bestands­auf­nah­me. Her­aus kamen einen Viel­zahl von „Ses­si­ons“ – der Grund­bau­stein eines Bar­camp im Sin­ne von kur­zen Arbeits­ein­hei­ten zu einem bestimm­ten The­ma – die einen ers­ten Bli­ck auf die Wirk­lich­keit des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit erlau­ben.

Natür­li­ch wur­den auch Hemm­nis­se beschrie­ben, aber vor allem wur­de aus Ver­bän­den, Ver­ei­nen und Pro­jek­ten berich­tet, in denen lang­sam aber sicher das Ana­lo­ge durch das Digi­ta­le ersetzt wird. Da ist oft „Ver­su­ch und Irr­tum“ die Metho­de der Wahl, da sind Lei­tungs­ka­der völ­lig ver­wirrt ange­sichts der hier­ar­chi­schen Ver­wüs­tun­gen, die das Digi­ta­le anrich­tet, da wer­den neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men erprobt und über unbe­ab­sich­tig­te Neben­fol­gen dis­ku­tiert – bunt ist die neue digi­ta­le Welt in der Sozia­len Arbeit!

Man­che Ses­si­on lie­fer­te einen wun­der­ba­ren, ana­ly­ti­schen Bli­ck in die Para­dig­ma­wech­sel, die sich dort in der digi­ta­len Pra­xis längst voll­zie­hen: Chris­ti­an Mül­lers Berich­te aus den orga­ni­sa­tio­na­len Kon­se­quen­zen und Ver­än­de­run­gen der Digi­ta­li­tät waren zum Bei­spiel ein­fach wun­der­bar in ihren prä­zi­sen und dich­ten Beschrei­bun­gen und beru­hig­ten gleich­zei­tig die eige­nen dünn gewor­de­nen Ner­ven ange­sichts einer zähen Pra­xis.

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Hier geht es zum Fach­tag “Sozi­al im Netz”, der am 24.01.2017 in Köln statt­fin­det!

Die Kaf­fee­pau­sen boten aus­rei­chend Raum und Zeit für Ide­en, Anre­gun­gen, Fra­gen und Kon­tak­te – auch dar­auf ach­te­ten die Orga­ni­sa­to­rin­nen des Bar­camp – und wie es sich für ein Bar­camp zur Digi­ta­li­tät gehört, war das Echo im Digi­ta­len (#sozi­al­camp) in Echt­zeit.

Dabei wird es nicht blei­ben: „Twit­ter­stamm­ti­sche“ und „Labs“ (@SabineDepew) sind geplant  und bereits Ende Janu­ar wird der Fach­tag „Sozi­al im Netz“ – eine Koope­ra­ti­on von Cari­tas­ver­band Köln, Diö­ze­san Cari­tas­ver­band Erz­bis­tum Köln und der Hoch­schu­le Düs­sel­dorf HSD – den nächs­ten Schritt in der Digi­ta­li­tät der Sozia­len Arbeit gehen.

Wenn es denn stimmt, dass die „Zukunft der Sozia­len Arbeit digi­tal ist“ – so der Unter­ti­tel des Fach­ta­ges im Janu­ar 2017 – dann hat sich die Pro­fes­si­on bereits auf den rich­ti­gen Weg gemacht.

Oder wie es Felix Stal­der – einer der bei­den Keyno­tespea­ker auf dem Fach­tag „Sozi­al im Netz“ for­mu­liert:

Sol­che Ver­fah­ren des Sich-​Einschreibens in die Welt durch Hin­wei­sen, Ver­bin­den und Ver­än­dern wer­den ange­wandt, um durch das eige­ne Han­deln in der Welt Bedeu­tung zu schaf­fen und um sich selbst in ihr zu kon­sti­tu­ie­ren, für sich und für ande­re (…) Dies nicht zu tun, wür­de zu Unsicht­bar­keit und Vergessen-​Werden füh­ren.“ (Stal­der 2016: 123).

Wir sind gespannt, wie sich die Sozia­le Arbeit in die „schö­ne neue Welt“ ein­schrei­ben wird!

 

Lite­ra­tur:

Sei­bel, Wolf­gang (1994). Funk­tio­na­ler Dilet­tan­tis­mus. Baden-​Baden.

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schu­le Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­ren­de den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man die­se Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schu­le und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Vie­le unter­schied­li­che Akteu­re mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­ga­be, begrenz­te Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­ri­ge For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Por­st es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­be­ck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­re­ne Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­ti­ge Vari­an­te des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lan­ge“ (Por­st 2009: 186).

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Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Jüdi­sche Mesu­sa und Mari­eni­ko­ne

Stu­die­ren­de der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­bat­te früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­si­on gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flik­te und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­ti­ve Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Fra­ge, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stel­le tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist qua­si Flei­sch gewor­de­ne Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­li­ch umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nen­de Fra­ge – ertra­gen Stu­die­ren­de die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­ren­de Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zes­se erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schie­de, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läu­fe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­ble­me nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­ti­sch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jek­te die not­wen­di­ge Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Weni­ge Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­si­on mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­ti­on GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv gerin­ge Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lo­se und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­ti­on auf der „After­sei­te“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­di­ge Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­ble­me.

Und in der Dis­kus­si­on im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­ti­on (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­li­ch, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäs­te in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lo­se, Zuwan­de­rer – kom­men angst­frei­er in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­frei­en Zone“ der Über­le­bens­sta­ti­on (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben die­se „Ereig­nis­se“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bau­er hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­li­ch gemacht, wie wesent­li­ch die­se Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so sei­ne The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sin­ne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bau­er 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­de­te Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quel­le von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­li­ch, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­ben­de Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bau­er 2011: 13). Und das inter­es­san­te an Bau­ers Stu­die ist eben dar­in zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, wel­ch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­rel­le Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio huma­na (Bau­er 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und dar­an ändern die „Ereig­nis­se“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Gerings­te!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bau­er, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Por­st, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Mit Bourdieu in der Cocktailbar

Ein Abend in der Cock­tail­bar; der Bar­kee­per nimmt mei­ne Bestel­lung auf. Etwas schnodd­rig, aber doch bestimmt, bestel­le ich einen „Gin Tonic“!

Und“, sagt der war­ten­de Bar­kee­per „Bour­dieu?“. Um dann in mei­ne Ver­blüf­fung hin­ein sei­ne Nach­fra­ge nach der Gin Sor­te, der Tonic Sor­te und nach der Eis Sor­te (Wel­ches Mine­ral­was­ser wird zu Eis?) zu stel­len. „Noch nie was von den fei­nen Unter­schie­den gehört?“ – so sein Kom­men­tar zu mei­ner Sim­pli­zi­tät. Und zu mei­nem unzu­rei­chen­den Dis­tink­ti­ons­ver­mö­gen; es feh­le mir eben – um mit Nor­bert Eli­as zu spre­chen – die „Lust am Kon­trast“.

Denn auf der Folie der „Fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) wird mei­ne sim­ple Geträn­ke­be­stel­lung zum Nach­weis mei­ner man­gel­haf­ten Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem Kapi­tal und damit zu einer ein­deu­ti­gen Zuord­nung zu einer Schicht, die die „Fei­nen Unter­schie­de“ nicht kennt. Mei­ne sim­ple (im dop­pel­ten Sin­ne) Geträn­ke­be­stel­lung labelt mich im Feld der Cock­tail­bar als „bar-​fern“ und „kul­tur­fern“!

Cocktails

Die Pra­xis­taug­lich­keit von Bour­dieu zeigt sich bei­zei­ten sogar in der Cock­tail­bar.

Selbst wenn mein Porte­mon­naie an die­sem Abend den Genuss eines „hand­ge­bla­se­nen“ Schwarz­waldgins mög­li­ch machen könn­te, ver­un­mög­licht es mein man­geln­des kul­tu­rel­les Kapi­tal: Ich weiß nichts über eben die­sen köst­li­chen Gin und daher wer­de ich ihn nicht trin­ken kön­nen.

Ganz prak­ti­sch gewinnt an die­sem Abend in der Cock­tail­bar Bour­dieus Kri­tik des kul­tu­rel­len Kon­sums und Geschmacks ihre unschlag­ba­re Pra­xis­taug­lich­keit – sie erklärt uns die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen unse­rer eige­nen kul­tu­rel­len Aus­stat­tung und wie die­se unse­re eige­ne Pra­xis uns im gesell­schaft­li­chen Oben und Unten zuord­net. Und wie uns eine ent­spre­chen­de ana­ly­ti­sche Aus­stat­tung, eben die­se Zuord­nung auch und gera­de in all­täg­li­chen Pra­xen ermög­licht.

Bour­dieu im Jugend­amt

Ein Bera­tungs­set­ting im Jugend­amt einer Ruhr­ge­biets­kom­mu­ne – gestan­de­ne Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und Päd­ago­gen mit jah­re­lan­ger Pra­xis in der offe­nen Jugend­ar­beit dis­ku­tie­ren zwei Tage ihren päd­ago­gi­schen All­tag im Kon­text eines kom­mu­na­len Spar­haus­hal­tes. „Wie“, so ihre Fra­ge „kann Jugend­ar­beit bei lee­ren Kas­sen aus­se­hen?“ und zwangs­läu­fig mäan­driert die­se Dis­kus­si­on auch und immer um „Kul­tur“.

Plötz­li­ch steht Oper, Schau­spiel und Muse­um kon­tro­vers zur Offe­nen Jugend­ar­beit und erstaun­li­cher­wei­se (?) ord­nen sich die Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker der Sozia­len Arbeit in ihrer Wer­tig­keit den „Hohen Küns­ten“ frei­wil­lig unter. Und im Fort­gang der Dis­kus­si­on wird dann deut­li­ch, wie wenig ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis sich in Oper, Schau­spiel und Muse­um wie­der­fin­det.

Hoch­kul­tur“ wird viel­mehr dem gesell­schaft­li­chen Oben zuge­ord­net (ein qua­si natur­wüch­si­ger „Bour­dieuis­mus“?) und im Unten ist eben ihr All­tag und der All­tag der „nor­ma­len“ Men­schen – so das Fazit die­ses Dis­kur­ses.

In der Rezep­ti­on der „Fei­nen Unter­schie­de“ ver­än­dert sich ihre „All­tags­so­zio­lo­gie“; dass kul­tu­rel­le Pra­xis auch immer der Dis­tink­ti­on dient, ver­än­dert ihren Fokus auf ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis und auf die Pra­xis der „Hoch­kul­tur“. Und mit „Habi­tus“, „Kapi­tal“ und „Feld“ (vgl. Bour­dieu 1998 und 2001) ver­mit­teln sich ihnen ana­ly­ti­sche Instru­men­te, die ihre pro­fes­sio­nel­len Fel­der ver­ste­hen und erklä­ren und tak­ti­sche, sowie stra­te­gi­sche Mus­ter für ihr ganz eige­nes prak­ti­sches und poli­ti­sches Han­deln ver­mit­teln.

In der Rezep­ti­on und Dis­kus­si­on der Bour­dieu­schen Begrif­fe und (Feld-)Analysen ent­ste­hen den Exper­tin­nen der Sozia­len Arbeit ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Instru­men­te, die dann in ihrer eige­nen Pra­xis neue ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Ein­sich­ten her­vor­brin­gen: Eine ganz prak­ti­sche Theo­rie!

Der „Königs­me­cha­nis­mus“ im rhei­ni­schen Rat­haus

Beim Lesen von Eli­as bin ich immer wie­der frap­piert, wie sehr unse­re Posi­tio­nen sich glei­chen“ (Leuw und Zim­mer­mann 1983), so beschreibt Bour­dieu sein Ver­hält­nis zu Nor­bert Eli­as, den er mit Marx, Durk­heim und Weber zu sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Vor­bil­dern zähl­te. Und so ist es auch nicht ver­wun­der­li­ch, son­dern viel­mehr fol­ge­rich­tig, dass auch Nor­bert Eli­as als „Men­schen­wis­sen­schaft­ler“ uns in die­sem Blog prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft – wenn auch nicht in der Cock­tail­bar – begeg­net.

Sozia­le Arbeit als „schwa­che Ver­tre­tung schwa­cher Inter­es­sen“ – man den­ke nur an die „Erwerbs­lo­sen­be­we­gung“ (vgl. Kie­ser 1988) oder die Durch­set­zungs­stra­te­gi­en der Sozia­len Arbeit auf EU-​Ebene (vgl. Sei­bel 2010) – nimmt ger­ne Anlei­hen in angren­zen­den Dis­zi­pli­nen; ob es nun Politik-, Geschichts- oder Sozi­al­wis­sen­schaft ist. Nor­bert Eli­as hat mit sei­nen gro­ßen Erzäh­lun­gen über „Zivi­li­sa­ti­on“ (vgl. Eli­as 1983 und 1987) eine wah­re „Fund­gru­be“ für Ana­ly­sen und Hand­lungs­stra­te­gi­en gelie­fert, deren Taug­lich­keit für die „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ nur in der Pra­xis über­prüft wer­den kann – folgt man denn hier Marx und sei­nen „The­sen über Feu­er­bach“ .

In „Die höfi­sche Gesell­schaft“ (Eli­as 1983) ent­wi­ckelt Eli­as mit dem „Königs­me­cha­nis­mus“ eine erfolg­rei­che Stra­te­gie (zumin­dest für die Köni­ge Frank­reichs), um Macht zu erobern und zu erhal­ten, indem geg­ne­ri­sche Inter­es­sen­grup­pen immer in einem Macht­gleich­ge­wicht zu hal­ten sind. Nur dann, wenn sich die Macht­po­ten­tia­le gegen­sei­tig im Schach hal­ten, kön­nen schwa­che Zen­tral­mäch­te oder Zen­tral­fi­gu­ren Macht­po­si­tio­nen erobern und der­art Macht akku­mu­lie­ren. Inter­es­san­ter­wei­se benutzt Her­mann Kor­te die­se Denk­fi­gur, um Ange­la Mer­kels Auf­stieg zur Macht im Rah­men einer Fall­stu­die zu beschrei­ben (Kor­te 2009).

In einem Semi­n­ar zur Ein­füh­rung in Kom­mu­na­le Sozi­al­po­li­tik; Hand­lungs­stra­te­gi­en zur Inter­es­sen­durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen wer­den am Bei­spiel eines Arbeits­lo­sen­zen­trums in einer rhei­ni­schen Groß­stadt dis­ku­tiert. Die Ein­füh­rung der Denk­fi­gur des „Königs­me­cha­nis­mus“ eröff­net einen völ­lig neu­en Fokus für die Stu­die­ren­den; Macht­po­ten­tia­le in der Ver­än­de­rung wer­den nun­mehr in den (Be-)Griff genom­men; ein sozio­lo­gi­scher und his­to­ri­scher Rück­bli­ck schafft eine neue Per­spek­ti­ve für aktu­el­le Pro­ble­me.

Poli­tik wird in ihrer his­to­ri­schen und sach­li­ch begrün­de­ten Ver­än­der­bar­keit als Mecha­nis­mus erkenn­bar, die ein­zel­nen Zahn­rä­der sicht­bar, Instru­men­te zur Neu­ein­stel­lung kön­nen ent­wi­ckelt und umge­setzt wer­den – „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ eben.

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Fröh­li­ch, Ger­hard und Reh­bein, Boi­ke (2009). Bourdieu-​Handbuch. Leben, Werk, Wir­kung. Stutt­gart: J.B. Metz­ler.

Leuw, Peter de und Zim­mer­mann, Hans-​Dieter (1983). Die fei­nen Unter­schei­de und wie sie ent­ste­hen. Pier­re Bour­dieu erforscht den All­tag. Frank­furt: Hes­si­scher Rund­funk TV-​Film.

Lite­ra­tur:

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Kri­tik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Bour­dieu, Pier­re (1998). Vom Gebrauch der Wis­sen­schaft. Für eine kli­ni­sche Sozio­lo­gie des wis­sen­schaft­li­chen Fel­des. Kon­stanz: UVK.

Bour­dieu, Pier­re (2001). Die Regeln der Kunst: Gene­se und Struk­tur des lite­ra­ri­schen Fel­des. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1983). Die höfi­sche Gesell­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1987). Über den Pro­zeß der Zivi­li­sa­ti­on. Frank­furt: Suhr­kamp.

Kie­ser, Albrecht (1988). Zwi­schen Siech­tum und Wider­stand. Sozi­al­ar­beit und Erwerbs­lo­sen­be­we­gung. Bie­le­feld: Lucht­erhand.

Kor­te, Her­mann (2009). “Und ich gucke mir das an. Ange­la Mer­kels Weg zur Macht. Eine Fall­stu­die”, In: Mar­ti­na, Löw (Hg.), Geschlecht und Macht. Ana­ly­sen zum Span­nungs­feld von Arbeit, Bil­dung und Fami­lie (S. 16–28). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

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Autor

Tho­mas Mün­ch

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