Internet – Great Equalizer oder digitale Exklusionsmaschine?

Die Wur­zeln des Inter­nets rei­chen bekannt­li­ch weit zurück bis in die 1950er Jah­re. Die Arbei­ten der ARPA (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jekt Agen­cy), die als Fol­ge des Sput­nik­schocks vom US Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ins Leben geru­fen wur­de, leg­te den Grund­stein für die Tech­no­lo­gi­en des Inter­nets, wie wir es heu­te ken­nen – so die klas­si­sche Erzähl­wei­se (vgl. Blei­cher 2010). In Wirk­lich­keit war es wohl etwas leben­di­ger und ver­wor­re­ner. Wer sich für die­se Epo­che der Inter­net­ge­schich­te inter­es­siert, dem sei das Buch „ARPA Kada­b­ra“ ans digi­ta­le Herz gelegt (Haf­ner und Lyon 2000).

Der Per­so­nal Com­pu­ter war aber noch lan­ge nur ein from­mer Wunsch. Die frü­hen Inter­net­tech­no­lo­gi­en und Groß­re­chen­ma­schi­nen stan­den nur ein paar weni­gen Aus­er­wähl­ten zur Ver­fü­gung. Heu­ti­ge Tech­no­lo­gie­gi­gan­ten wie IBM, App­le, Micro­soft und noch vie­le wei­te­re trie­ben die Ent­wick­lung der Rechen­ma­schi­nen vor­an ­– die Visi­on „Ein Com­pu­ter auf jedem Schreib­ti­sch“, die in den 90ern noch grö­ßen­wahn­sin­nig klang, ringt der Gene­ra­ti­on Y heu­te nur noch ein müdes Lächeln ab – “wie süß”! Wer den küh­nen Ver­su­ch wagen möch­te die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen und des Inter­nets lücken­los zu erzäh­len, der soll­te zuvor eini­ge Meter Regal­wand auf­sto­cken. Doch Blei­cher (2010) nimmt inter­es­sier­te Ein­stei­ge­rIn­nen auch schon über 100 Sei­ten mit auf einen span­nen­den Schweins­ga­lopp durch die Netz­his­to­rie! Die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen wird aus­führ­li­ch und detail­ver­liebt von Lip­pe (2013) erzählt. Wir neh­men hier eine Abkür­zung: Ent­wick­lun­gen wie die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge (HTML) von Tim Berners-​Lee (vgl. Blei­cher 2010), Web­brow­ser wie Net­scape und der Inter­net Explo­r­er, fal­len­de Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und immer schnel­le­re Ver­bin­dun­gen (vgl. Rich­ter und Koch 2007) führ­ten spä­tes­tens in den 1990er Jah­ren dazu, dass das Inter­net mas­sen­kom­pa­ti­bel wur­de und für den pri­va­ten Gebrauch nun auch sinn­voll nutz­bar war.

Im Jah­re 1987 über­stieg die Anzahl der Hosts (Com­pu­ter­sys­te­me mit regis­trier­ter IP-​Adresse) zum ers­ten Mal die 10.000er Mar­ke; nur fünf Jah­re spä­ter waren es bereits eine Mil­lion Hosts. Wer die ARD/​ZDF Online­stu­die mit­ver­folgt (eine seit 1997 fort­lau­fen­de, reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung zur Inter­net­nut­zung der Deut­schen), dem wird nicht ent­gan­gen sein, dass in der Grup­pe der unter 20-​Jährigen seit dem Jahr 2010 100 Pro­zent der Deut­schen online sind. Ach­sel­zu­cken bei Kids der Netflix- und Snapchat-​Ära, doch wer in den 90ern puber­tier­te, der mus­s­te noch lan­ge, hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Eltern füh­ren, ob man „die­ses Inter­net von dem jetzt alle reden“ wirk­li­ch auch Zuhau­se braucht. Für vie­le Eltern war klar: „Geld- und Zeit­ver­schwen­dung. Die­ses Inter­net wird sich nicht durch­set­zen!“ Der digi­ta­le Kampf der Kul­tu­ren im Kin­der­zim­mer wur­de aus­ge­tra­gen zwi­schen den soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves und den Digi­tal Immi­grants. Die­ses Begriffs­paar wur­de berühmt durch John Per­ry Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space, in der es unter ande­rem heißt:

You are ter­ri­fied of your own child­ren, sin­ce they are nati­ves in a world whe­re you will always be immi­grants.“

Bar­low beschreibt (auch mit einem Augen­zwin­kern) ein Phä­no­men, das die Inter­net­for­schung – eine Wis­sen­schaft in den Kin­der­schu­hen – umtreibt: Nicht alle Men­schen nut­zen das Inter­net und schon gar nicht in glei­cher Wei­se. Nicht alle kön­nen von den, durch Netz­ve­te­ra­nen oft pro­pa­gier­ten, Chan­cen die­ser revo­lu­tio­nä­ren Tech­no­lo­gie in glei­cher Wei­se pro­fi­tie­ren. Die Inter­net­for­schung spricht vom Digi­tal Divi­de, also der digi­ta­len Spal­tung.

Jeder kann vom Inter­net pro­fi­tie­ren! Solan­ge man mit­bringt was es braucht.

Schät­zungs­wei­se drei Mil­li­ar­den Men­schen haben weltweit Zugang zu Inter­net. Das klingt im Kon­trast zu den ein­gangs erwähn­ten Nut­zer­zah­len der 90er exor­bi­tant. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass dies nicht ein­mal der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung ent­spricht, wäre es ver­mes­sen von einem digi­ta­len Glo­bus oder einem „Glo­bal Vil­la­ge“ (McLu­han) zu spre­chen. Von den unter­schied­li­chen Band­brei­ten soll hier noch gar kei­ne Rede sein. Wer aber erle­ben möch­te wie sich die eige­nen Inter­net­ge­wohn­hei­ten in Tei­len der Welt anfüh­len, in denen es bis jetzt nur lang­sa­me Ver­bin­dun­gen gibt, dem ist die­se Simu­la­ti­on zu emp­feh­len.

Für Deut­sche ist das Inter­net mitt­ler­wei­le wohl schon ubi­qui­tär. Vor 15 Jah­ren hör­te man noch hin und wie­der die Fra­ge „Hast du eigent­li­ch eine eMail Adres­se?“. Heut­zu­ta­ge kann man doch hin­ge­gen schon davon aus­ge­hen, dass das Gegen­über sich in min­des­tens drei ver­schie­de­nen sozia­len Netz­wer­ken sou­ve­r­än bewegt, rich­tig? Ein zwei­ter Bli­ck in die ARD/​ZDF Online­stu­die zeigt jedoch: nur die Hälf­te der deut­schen Rent­ne­rIn­nen und nicht Berufs­tä­ti­gen nutzt zumin­dest gele­gent­li­ch das Inter­net. Das Ste­reo­typ der jun­gen, tech­ni­kaf­fi­nen Digi­tal Nati­ves und der lebens­er­fah­re­nen, inter­ne­ta­ver­si­ven Digi­tal Immi­grants scheint auch 2015 noch in Ansät­zen zu stim­men. Tat­säch­li­ch ist die­se dicho­to­me Typo­lo­gie selbst­ver­ständ­li­ch völ­lig unter­kom­plex. Nicht jeder Jugend­li­che ist den digi­ta­len Medi­en ver­fal­len und „dad­delt“ pau­sen­los auf sei­nem Smart­pho­ne rum; nicht alle Senio­rIn­nen sind unwil­lig oder unfä­hig zu sky­pen oder Spo­ti­fy zu nut­zen. Es wäre des­halb wohl auch tref­fen­der, wie Whi­te und Le Cor­nu es tun, von “Digi­tal Resi­dents” und “Digi­tal Visi­tors” zu spre­chen und das unter­schied­li­che Nut­zungs­ver­hal­ten in den Fokus der Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Nut­zer­grup­pen zu rücken.

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Eine jun­ge Blog­ge­rin beklagt den “Recep­ti­on Divi­de”.

Wer schon in den Genuss einer bezahl­ba­ren und schnel­len Inter­net­ver­bin­dung kommt, der pro­fi­tiert von den Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung jedoch nur bedingt, wenn er nicht auch bestimm­te Vor­kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten im Umgang mit digi­ta­len Medi­en mit­bringt. Kim und Kim (2001) spre­chen neben dem „Oppor­tu­ni­ty Divi­de“ (also dem rei­nen Zugang zum Inter­net) des­halb von „Uti­liza­t­i­on Divi­de“ und „Recep­ti­on Divi­de“. Use­rIn­nen müs­sen also auch über ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen, Software- und Hard­ware­kennt­nis­se sowie die Fähig­keit ver­fü­gen, Infor­ma­ti­ons­quel­len rich­tig zu bewer­ten. Sie müs­sen Erfah­run­gen sam­meln und so etwas wie eine „Intui­ti­on“ in Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln.

Es zeigt sich also hier ganz deut­li­ch: von einem Inter­net von dem alle Men­schen in glei­chem Maße pro­fi­tie­ren, sind wir noch weit ent­fernt.

Alle sind hier gleich! Aber man­che sind eben glei­cher.

Mit dem Inter­net war seit jeher auch die Vor­stel­lung von digi­ta­ler Frei­heit, Gleich­heit und neu­en basis­de­mo­kra­ti­schen Chan­cen ver­bun­den. Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung liest sich fei­er­li­ch und ist des­halb zu einem Teil Inter­net­pro­gram­ma­tik gewor­den. Das Inter­net soll sozia­le Ungleich­heits­me­cha­nis­men auf­he­ben z.B. durch das zur Ver­fü­gung stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen für alle – so die hoff­nungs­vol­le Ide­al­vor­stel­lung. Marr und Zil­li­en (2012: 258) beschrei­ben:

[…] größ­te Eupho­rie lös­te in die­sem Zusam­men­hang aller­dings ohne Zwei­fel das Inter­net aus, das nicht nur als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft […] son­dern gleich­zei­tig als ‚the great equa­li­zer‘ […] des neu­en digi­ta­len Zeit­al­ters begrüßt und gefei­ert wur­de.“

Abge­lei­tet wur­den die­se Poten­zia­le von der tech­ni­schen Beschaf­fen­heit des Inter­nets, das durch eine prin­zi­pi­el­le Gleich­stel­lung aller Nut­ze­rIn­nen qua­si einen „vor­po­li­ti­schen, nicht­hi­er­ar­chi­schen und nicht exper­to­kra­ti­schen Mei­nungs­aus­tau­sch“ ermög­li­chen soll­te (Steg­bau­er 2006: 95). Alle Infor­ma­tio­nen müs­sen völ­lig frei zur Ver­fü­gung ste­hen – so noch heu­te die gut gemein­te For­de­rung eini­ger Prot­ago­nis­tIn­nen der Netz­ge­sell­schaft und Inter­net­ak­ti­vis­tIn­nen für eine gerech­te­re Gesell­schaft.

Doch schon 1970 – also noch lan­ge vor der Geburt des World Wide Web – stell­te eine Grup­pe von For­sche­rIn­nen eine Behaup­tung in Bezug auf Mas­sen­me­di­en und Bil­dung auf, die bis heu­te in der Wis­sen­schaft heiß dis­ku­tiert wird:

Wenn der Infor­ma­ti­ons­fluss von den Mas­sen­me­di­en in ein Sozi­al­sys­tem wächst, ten­die­ren die Bevöl­ke­rungs­seg­men­te mit höhe­rem sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus und/​oder höhe­rer for­ma­ler Bil­dung zu einer rasche­ren Aneig­nung die­ser Infor­ma­ti­on als die status- und bil­dungs­nied­ri­ge­ren Seg­men­te, so dass die Wis­sens­kluft zwi­schen die­sen Seg­men­ten ten­den­zi­ell zu- statt abnimmt.“ (Tichen­or et al. 1970)

Das freie Zur­ver­fü­gung­stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen soll also eben gera­de nicht dazu füh­ren, dass alle Men­schen auf ein gleich hohes Maß an Bil­dung geho­ben wer­den. Viel­mehr schei­nen ohne­hin schon „infor­ma­ti­ons­rei­che“ Bevöl­ke­rungs­grup­pen dazu zu nei­gen sich Wis­sen schnel­ler anzu­eig­nen, als jene Grup­pen die bereits vor­her benach­tei­ligt waren. Im Kern han­delt es sich bei der soge­nann­ten Wis­sens­kluft­hy­po­the­se um den Mat­thäu­s­ef­fekts, der Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Ungleich­heits­for­sche­rIn­nen immer wie­der in ver­schie­de­nen Gewän­dern vor die Augen tritt:

Denn wer da hat, dem wird gege­ben, dass er die Fül­le habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genom­men, was er hat.“– Mt 25,29 LUT

Jeder darf hier spre­chen! Aber halt nicht alle.

Auch das Ide­al der frei­en und offe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der alle zu Wort kom­men kön­nen, scheint sich im Netz bei wei­tem nicht zu rea­li­sie­ren. In Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space wird der digi­ta­le Anspruch wie folgt umschrie­ben:

Wir erschaf­fen eine Welt, in der jeder Ein­zel­ne an jedem Ort sei­ne oder ihre Über­zeu­gun­gen aus­drü­cken darf, wie indi­vi­du­ell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schwei­gen der Kon­for­mi­tät auf­ge­hen zu müs­sen.“

Doch bereits Jakob Niel­sens berühm­te 90:9:1 Regel besagt, dass im Inter­net nur 1 Pro­zent der Use­rIn­nen eige­ne Inhal­te erstellt und sich nur wei­te­re 9 Pro­zent aktiv an Bei­trä­gen und Dis­kus­sio­nen betei­li­gen. Der über­wie­gen­de Teil (für Niel­sen sind es 90 Pro­zent) der Use­rIn­nen kommt nicht zu Wort oder möch­te nicht zu Wort kom­men. Die­ser Hypo­the­se könn­te man eine feh­len­de empi­ri­sche Basis vor­wer­fen – d’accord! Jedoch beschreibt Steg­bau­er (2006) auf empi­ri­scher Basis für Mai­ling­lis­ten, Dis­kus­si­ons­fo­ren und ande­re vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten ähn­li­che Ungleich­hei­ten in Bezug auf die Dis­kus­si­ons­be­tei­li­gung. Er nutzt dazu struk­tu­ra­lis­ti­sche und netz­werkana­ly­ti­sche Metho­den. Die digi­ta­le schwei­gen­de Mehr­heit (Lur­ker genannt) erfüllt aller­dings auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Grup­pe: ohne das Zuhö­ren und das Reden-​lassen wären Dis­kus­sio­nen grö­ße­rer Com­mu­nities über­haupt nicht mög­li­ch (vgl. Steg­bau­er 2006).

Klassisches Kommunikationsnetzwerk: eher framentierte Diskussionskreise als Schwarmintelligenz

Ein klas­si­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk auf Twit­ter: eher frag­men­tier­te Dis­kus­si­ons­krei­se rund um Netz­prot­ago­nis­tIn­nen als “Schwar­min­tel­li­genz” und ega­li­tä­re Dis­kur­se [erstellt mir NodeXL]

Mit­hil­fe der Soft­ware NodeXL las­sen sich Twit­ter Dis­kus­sio­nen schnell und leicht netz­werkana­ly­ti­sch unter­su­chen. Auch hier zeigt sich: Es dis­ku­tiert in der Regel kein intel­li­gen­ter Schwarm mit­tels eines basis­de­mo­kra­ti­schen Medi­ums in einem digi­ta­len Raum der fla­chen Hier­ar­chien. Viel­mehr twit­tern in aller Regel frag­men­tier­te Gesprächs­krei­se rund um eini­ge Wort­füh­rer. Über­all dort wo “Wölk­chen” zu sehen sind, hören meh­re­re Per­so­nen einem ein­zel­nen Men­schen via Twit­ter zu. Dass Netz­prot­ago­nis­tIn­nen dann von anre­gen­den und viel­fäl­ti­gen Dis­kus­sio­nen im welt­wei­ten Netz schwär­men (kön­nen), liegt auf der Hand. Dass alle zu Wort kom­men (kön­nen) darf ange­zwei­felt wer­den.

Wen küm­mert die Spie­le­rei?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet mit gro­ßen Schrit­ten vor­an. Beim Inter­net han­delt es sich schon lan­ge nicht mehr

um ein irgend­wie eso­te­ri­sches Phä­no­men einer klei­nen Klas­se tech­no­phi­ler Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten oder netz­ni­schen­nut­zen­der Jugend­li­cher.“ (Mün­ker 2012: 47).

Mit dem mobi­len Inter­net und dem Inter­net der Din­ge (Inter­net of Things) steht bereits die nächs­te gro­ße Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on an unse­rer gesell­schaft­li­chen Tür­schwel­le. Und selbst Ange­la Mer­kel, für die das Inter­net noch vor kur­zem #Neu­land war, spricht in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che 2015 von der

digitale[n] Revo­lu­ti­on, die unser Leben fun­da­men­tal ver­än­dert […]“ (Ange­la Mer­kel)

Eine gute Inter­net­ver­bin­dung und die Mög­lich­keit ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen erwer­ben zu kön­nen, wer­den in der digi­ta­len Gesell­schaft zu not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der sozia­len Teil­ha­be. Hen­ke et al. (2012) the­ma­ti­sie­ren im „Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung“ des­halb völ­lig zurecht die Fra­ge einer mög­li­chen e-​Exclusion. In Est­land ist der Zugang zum Inter­net fol­ge­rich­tig bereits zum Grund­recht gewor­den.

Zwei neue Formen gesellschaftlicher Exklusion in der digitalen Gesellschaft?

Zwei neue For­men gesell­schaft­li­cher Exklu­si­on in der digi­ta­len Gesell­schaft?

Mit die­sem Bei­trag soll kei­nes­wegs der Ver­su­ch unter­nom­men wer­den den “Digi­tal Resi­dents” die unglaub­li­chen Poten­tia­le und Chan­cen des Inter­nets und der Digi­ta­li­sie­rung madig zu machen. Wer einen Blog schreibt (oder auch liest), der ist von den Vor­zü­gen neu­er Informations- und tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en doch wohl bereits über­zeugt. Doch sie hier noch ein­mal man­t­ra­ar­tig her­un­ter­zu­be­ten wäre fol­ge­rich­tig nichts wei­ter als ein „pre­aching to the con­ver­ted“.

Dass das Inter­net bereits frei, offen und basis­de­mo­kra­ti­sch sei und dass es Ungleich­heits­pro­zes­se allei­ne durch sei­ne tech­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten aus­he­belt, ist bis­her eine empi­ri­sch nicht beleg­ba­re Ide­al­vor­stel­lung. So schön die Idee auch sein mag, um sie „gerin­nen zu las­sen“ also wahr zu machen (und das soll­ten wir tun!), bedarf es viel Arbeit und einer ste­ti­gen kri­ti­schen Refle­xi­on des sta­tus quo.

Wor­an es in Deutsch­land – so mein Erle­ben – zum Teil noch fehlt, ist unter ande­rem die Ein­sicht eini­ger “Digi­tal Visi­tors”, dass es sich beim Inter­net nicht mehr um ein Nice-​to-​Have oder schmü­cken­des Bei­werk han­delt: Es ist schon längst fes­ter Bestand­teil sozia­ler Wirk­lich­keit und viel­leicht wird es ja sogar tat­säch­li­ch eine Art gesell­schaft­li­ches Betriebs­sys­tem.

Zum Wei­ter­le­sen und anschau­en:

Mey­en, Micha­el, Duden­höf­fer, Kath­rin, Huss, Julia, Pfaff-​Rüdiger, Sen­ta (2009). “Zuhau­se im Netz: Eine qua­li­ta­ti­ve Stu­die zu Mus­tern und Moti­ven der Inter­net­nut­zung”, Publi­zis­tik, 54, 513–53.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Rau­sch, Alex­an­der (2006). Struk­tu­ra­lis­ti­sche Inter­net­for­schung. Netz­werkana­ly­sen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2009). Digi­ta­le Ungleich­heit. Neue Tech­no­lo­gi­en und alte Ungleich­hei­ten in der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2015). Ungleich­heit der Inter­net­nut­zung (Vor­trag). Col­lo­qui­um Fun­da­men­ta­le. Karls­ru­he: YouTube Video.

Quel­len:

Blei­cher, Joan Kris­tin (2010). Inter­net. Kon­stanz: UTB Ver­lag.

Haf­ner, Katie und Lyon, Mat­t­hew (2000). ARPA Kada­b­ra. Oder die Geschich­te des Inter­net. Whe­re wizards stay up late. Hei­del­berg: dpunkt-​Verlag.

Hen­ke, Ursu­la; Hus­ter, Ernst-​Ulrich und Mogge-​Grotjahn, Hil­de­gard (2012). E-​exclusion oder E-​inclusion? In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 548–567). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Kim, Mun-​Cho und Kim, Jong-​Kil (2001). „Digi­tal Divi­de. Con­cep­tual Dis­cus­sions and Pro­s­pect”, The Human Socie­ty and the Inter­net, 78–91.

Lip­pe, Wolfram-​M. (2013). Die Geschich­te der Rechen­au­to­ma­ten. Von mecha­ni­schen Chif­frier­ge­rä­ten bis zu den ers­ten pro­gram­mier­ba­ren Rech­nern. Berlin/​Heidelberg: Sprin­ger View­eg.

Marr, Mir­ko und Zil­li­en, Nicole (2012). Digi­ta­le Spal­tung. In: W. Schwei­ger und K. Beck (Hrsg.), Hand­buch Online­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 257–282). Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Mün­ker, Ste­fan (2012). Die sozia­len Medi­en des Web 2.0. In: D. Miche­lis (Hg.), Social-​Media-​Handbuch: Theo­ri­en, Metho­den, Model­le und Pra­xis (S.45–55). Baden-​Baden: Nomos Ver­lag.

Rich­ter, Alex­an­der und Koch, Micha­el (2007). Soci­al Soft­ware: Sta­tus quo und Zukunft. Mün­chen.

Tichen­or, P.J.; Dono­hue, G.A. und Oli­en, C.N. (1970). “Mass Media Flow and Dif­fe­ren­ti­al Grow­th in Know­led­ge”, Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 34 (2), 159–170.

Autor:

Kai Hau­prich

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Der Umgang, den wir pfle­gen, sagt viel über uns selbst aus. Wir nei­gen dazu, Kon­takt zu Men­schen auf­zu­neh­men, die uns ähn­li­ch sind ­­– Sozi­al­psy­cho­lo­gIn­nen spre­chen von Homo­phi­lie – und las­sen uns im Umkehr­schluss natür­li­ch auch von Per­so­nen beein­flus­sen, die uns nahe ste­hen – Bis hier­hin: Bin­sen­weis­heit. Fritz Hei­der (1946) beschrieb in sei­ner Balan­ce­theo­rie (zuge­ge­ben noch recht rudi­men­tär – aber doch ein guter Ein­stieg) bereits Mit­te der 1940er Jah­re einen sol­chen Zusam­men­hang zwi­schen unse­ren Ein­stel­lun­gen und den Bezie­hun­gen zu Mit­men­schen.

In Zei­ten, in denen der Umgang mit Soci­al Media Platt­for­men wie Face­book, Ins­ta­gram oder auch Twit­ter zu unse­rem all­täg­li­chen Stan­dard­re­per­toire des Sozia­len gehört, wird uns „der Umgang den wir pfle­gen“ so plas­ti­sch wie noch nie vor Augen gestellt: Sven schreibt dir über Whats­app, Sabi­ne kom­men­tiert dei­nen Bei­trag auf Ins­ta­gram, Micha­el hat dich auf einem Foto mar­kiert und @Thomas folgt dir jetzt auf Twit­ter! In wel­chem Ver­hält­nis unse­re digi­ta­len Bezie­hun­gen nun zu unse­ren Freun­den und Bekannt­schaf­ten im Real-​Life ste­hen (Reiz­wort: „Face­book­freun­de“) steht auf einem ande­ren Blatt und darf (soll­te!) ger­ne kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­den. Aus empi­ri­sch sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve han­delt es sich doch nüch­tern betrach­tet zunächst mal um gut doku­men­tier­te – weil en pas­sant ent­stan­de­ne – Daten über das sozia­le Sys­tem der betref­fen­den Per­son. Im öffent­li­chen Dis­kurs fällt der Fokus der Debat­ten um sol­che Daten sehr schnell auf jene, die von Pri­vat­un­ter­neh­men oder auch Geheim­diens­ten im Hin­ter­grund erho­ben und aus­ge­wer­tet wer­den könn­ten und wohl auch wer­den. Die­se Debat­ten sind unge­mein wich­tig und müs­sen auch geführt wer­den! Es gibt da aber noch eine ande­re Form von Daten, über die in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und poli­ti­schen Dis­kur­sen sel­te­ner gespro­chen wird:

Auf vie­len Soci­al Media Platt­for­men (und beson­ders auf Twit­ter) fal­len fort­wäh­rend Infor­ma­tio­nen und Daten über Nut­ze­rIn­nen an, die noch zunächst kei­ne beson­de­re Aus­sa­ge­kraft haben, weil sie recht frag­men­tiert (also in klei­nen Tei­len) und chao­ti­sch vor­lie­gen. Es fehlt der Über­bli­ck! Die­sen Daten wird von den meis­ten Usern des­halb auch kei­ne wei­te­re Beach­tung geschenkt: ein Like hier, ein Favo­rit dort, noch schnell ein Ret­weet und ab heu­te fol­ge ich @MaxMustermann – wen kümmert’s? Sam­melt bzw. aggre­giert – Sozi­al­wis­sen­schaft­ler­sprech – man die­se Infor­ma­tio­nen aber und stellt sie gra­phi­sch dar, kann man sehr viel über einen Men­schen ler­nen.

Etwas kon­kre­ter: Mit kos­ten­lo­ser Soft­ware wie NodeXL (eine Erwei­te­rung für Excel – für Netz­werkana­ly­ti­ker emp­feh­lens­wert!) ist es mög­li­ch, ego­zen­trier­te Follower-​Netzwerke von Twit­ter zu erhe­ben. Heißt jetzt was? Es ist mög­li­ch, eine Lis­te der Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt her­un­ter­zu­la­den. Im nächs­ten Schritt lässt sich ermit­teln, wer im Krei­se die­ser User, wem der ande­ren auf Twit­ter folgt. Die­ses Bezie­hungs­cha­os wird in einem nächs­ten Schritt z.B. mit der Open Sour­ce Soft­ware Gephi geord­net und dar­ge­stellt. Dazu wer­den Grup­pen (soge­nann­te „Modu­la­ri­ty Clas­ses“) errech­net von Per­so­nen, die unter­ein­an­der stark ver­bun­den sind – sozu­sa­gen Cli­quen. Was hier recht tri­vi­al klingt, erzeugt zum Teil erschre­ckend exak­te Bil­der bzw. Pro­fi­le eines Users. Ord­net man das Bezie­hungs­ge­wirr gra­phi­sch mit ent­spre­chen­den Algo­rith­men (soge­nann­te „Spring Embed­der“) und schaut sich die ent­ste­hen­den Grup­pen unter der Fra­ge­stel­lung an “Was haben die­se Per­so­nen gemein­sam?”, lässt sich schnell able­sen, mit wem man es da zu tun hat. Bei­spiel gefäl­lig?

Kai Follower Network

Twit­ter Follow-​Netzwerk: Die­ser Nut­zer inter­es­siert sich schein­bar für Sozi­al­wis­sen­schaft (grün), Digitalisierung/​Internet (blau/​gelb) und kommt aus Düs­sel­dorf (rosa). Guess who?

Mir geht es hier, ganz aus­drück­li­ch nicht, um den schon infla­tio­när ver­wen­de­ten und recht unkon­kre­ten Mode-​Begriff der „Big Data“. Auch geht es mir nicht um den Leit­spruch „Pass bloß auf was du pos­test!“. Ich spre­che von den Daten, die bei der Nut­zung von Soci­al Media unwei­ger­li­ch anfal­len und von jeder­mann gesam­melt und ana­ly­siert wer­den kön­nen. Für sich genom­men sind das in der Regel harm­lo­se und tri­via­le Infos. Bün­delt man sie aber mit ein­fa­chen Metho­den, bekom­men sie eine ganz neue Qua­li­tät (Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen wür­den viel­leicht von Emer­genz spre­chen).

Aus einer rein sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve drän­gen sich mir immer wie­der zwei Fra­gen auf:

  1. Was lässt sich aus den Daten able­sen und wie kann ich es kon­struk­tiv und für gute (!) Zwecke nut­zen?
  2. Wel­che Daten darf ich aus dem Blick­win­kel der Wis­sen­schafts­ethik über­haupt erhe­ben, aus­wer­ten und vor allem wo und wie publi­zie­ren?

Zur ers­ten Fra­ge habe ich im Aus­tau­sch mit ande­ren Netz­werkana­ly­ti­ke­rIn­nen und Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen jeden Tag neue Idee, wie man die­se Daten struk­tu­rie­ren könn­te und was sich dar­aus epis­te­mio­lo­gi­sch (erkennt­nis­ge­win­nend) ablei­ten lie­ße. Mein Favo­rit: Man erhe­be auf beschrie­be­ne Wei­se ein Netz­werk, aller Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt, und ein wei­te­res Netz­werk der Per­so­nen, die wie­der­um ihm fol­gen. Dar­an lässt sich able­sen, woher @maxmustermann sei­ne Infor­ma­tio­nen bezieht, an wem er sich inhalt­li­ch ori­en­tiert und wen er unter­stützt. Letz­te­res Netz­werk zeigt, wie er auf ande­re Men­schen wirkt, wen er anzieht und in wel­chen Krei­sen er Ein­fluss hat.

Die, wie ich fin­de, kniff­li­ge­re Fra­ge ist aber doch Fol­gen­de: An wel­chen Daten darf ich mich über­haupt unge­fragt bedie­nen und was darf ich davon öffent­li­ch machen? Man könn­te sich zwar (von naiv bis dreist) auf den Stand­punkt stel­len, alle Daten sei­en ja ohne­hin frei von der betref­fen­den Per­son im Netz zur Ver­fü­gung gestellt wor­den und des­halb kön­ne man sich bedie­nen – man habe ja rein wis­sen­schaft­li­che Inter­es­sen. Dage­gen hal­te ich aber, dass die meis­ten Nut­ze­rIn­nen die vor­ge­stell­ten Mög­lich­kei­ten über­haupt nicht ken­nen und sich ver­mut­li­ch anders im Web “beneh­men” wür­den, wenn man ihnen die Ergeb­nis­se zeigt. Noch schär­fer: Darf ich mei­ne Ana­ly­sen öffent­li­ch machen? Einer­seits zeigt man nichts, was nicht für jeder­mann theo­re­ti­sch recher­chier­bar wäre (bei Twit­ter ist es für jeder­mann mög­li­ch ein­zu­se­hen wem @maxmustermann folgt). Ich hal­te aber hier dage­gen, dass die Dar­stel­lung der Daten der­ma­ßen kon­zen­triert ist, dass ihre Ver­öf­fent­li­chung der Zustim­mung bedarf, wenn es sich um Ein­zel­per­so­nen han­delt. Denn die­se Ana­ly­sen kön­nen kon­kre­te (nega­ti­ve) Aus­wir­kun­gen auf das Leben die­ser Per­so­nen haben – sie sind sehr aus­sa­ge­kräf­tig. Wenn man sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Lai­en ein sol­ches Netz­werk zeigt, erfas­sen nahe­zu alle sehr intui­tiv, in wel­chen Krei­sen sich die unter­such­ten Per­so­nen bewe­gen und was das über sie sagt. Ich erin­ne­re hier nur an die Debat­te um goo­gle street view! Natür­li­ch wäre es auch theo­re­ti­sch mög­li­ch, dass ich mir mal anschaue, wo mei­ne Kol­le­gIn­nen woh­nen – auch in Real-​Life. Dass das nun aber jeder bequem von Zuhau­se aus tun kann, hat aber eine ganz ande­re Qua­li­tät. Es wird zurecht pro­tes­tiert!

Ich fin­de die prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft soll­te sich kei­nes­wegs die kon­struk­ti­ven Mög­lich­kei­ten die­ser neu­en digi­ta­len Metho­den ent­ge­hen las­sen, zumal das Inter­net zu einem immer wich­ti­ge­ren Teil von Gesell­schaft wird. Wir kön­nen hier sehr viel über Gesell­schaft ler­nen und für „gute Din­ge“ nut­zen. Über die ethi­schen Rah­men­be­din­gun­gen und Gren­zen der Erhe­bung und Aus­wer­tung von öffent­li­chen Online­da­ten wird aber unbe­dingt zu dis­ku­tie­ren sein – bevor auch hier das mora­li­sche Vaku­um ent­steht, das wir ger­ne Wirt­schafts­un­ter­neh­men vor­wer­fen.

Oder um es mit dem gro­ßen Phi­lo­so­phen Lem­my Kil­mis­ter zu sagen:

Just ‘cos you got the power. That don’t mean you got the right”

Quel­len:

Hei­der, F. (1946) “Atti­tu­des and Cogni­ti­ve Orga­niza­t­i­on”, Jour­nal of Psy­cho­lo­gie, Vol. 1946 No. 21, pp. 107–112.

Autor:

Kai Hau­prich

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