Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Mit Bourdieu in der Cocktailbar

Ein Abend in der Cock­tail­bar; der Bar­kee­per nimmt mei­ne Bestel­lung auf. Etwas schnodd­rig, aber doch bestimmt, bestel­le ich einen „Gin Tonic“!

Und“, sagt der war­ten­de Bar­kee­per „Bour­dieu?“. Um dann in mei­ne Ver­blüf­fung hin­ein sei­ne Nach­fra­ge nach der Gin Sor­te, der Tonic Sor­te und nach der Eis Sor­te (Wel­ches Mine­ral­was­ser wird zu Eis?) zu stel­len. „Noch nie was von den fei­nen Unter­schie­den gehört?“ – so sein Kom­men­tar zu mei­ner Sim­pli­zi­tät. Und zu mei­nem unzu­rei­chen­den Dis­tink­ti­ons­ver­mö­gen; es feh­le mir eben – um mit Nor­bert Eli­as zu spre­chen – die „Lust am Kon­trast“.

Denn auf der Folie der „Fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) wird mei­ne sim­ple Geträn­ke­be­stel­lung zum Nach­weis mei­ner man­gel­haf­ten Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem Kapi­tal und damit zu einer ein­deu­ti­gen Zuord­nung zu einer Schicht, die die „Fei­nen Unter­schie­de“ nicht kennt. Mei­ne sim­ple (im dop­pel­ten Sin­ne) Geträn­ke­be­stel­lung labelt mich im Feld der Cock­tail­bar als „bar-​fern“ und „kul­tur­fern“!

Cocktails

Die Pra­xis­taug­lich­keit von Bour­dieu zeigt sich bei­zei­ten sogar in der Cock­tail­bar.

Selbst wenn mein Porte­mon­naie an die­sem Abend den Genuss eines „hand­ge­bla­se­nen“ Schwarz­waldgins mög­li­ch machen könn­te, ver­un­mög­licht es mein man­geln­des kul­tu­rel­les Kapi­tal: Ich weiß nichts über eben die­sen köst­li­chen Gin und daher wer­de ich ihn nicht trin­ken kön­nen.

Ganz prak­ti­sch gewinnt an die­sem Abend in der Cock­tail­bar Bour­dieus Kri­tik des kul­tu­rel­len Kon­sums und Geschmacks ihre unschlag­ba­re Pra­xis­taug­lich­keit – sie erklärt uns die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen unse­rer eige­nen kul­tu­rel­len Aus­stat­tung und wie die­se unse­re eige­ne Pra­xis uns im gesell­schaft­li­chen Oben und Unten zuord­net. Und wie uns eine ent­spre­chen­de ana­ly­ti­sche Aus­stat­tung, eben die­se Zuord­nung auch und gera­de in all­täg­li­chen Pra­xen ermög­licht.

Bour­dieu im Jugend­amt

Ein Bera­tungs­set­ting im Jugend­amt einer Ruhr­ge­biets­kom­mu­ne – gestan­de­ne Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und Päd­ago­gen mit jah­re­lan­ger Pra­xis in der offe­nen Jugend­ar­beit dis­ku­tie­ren zwei Tage ihren päd­ago­gi­schen All­tag im Kon­text eines kom­mu­na­len Spar­haus­hal­tes. „Wie“, so ihre Fra­ge „kann Jugend­ar­beit bei lee­ren Kas­sen aus­se­hen?“ und zwangs­läu­fig mäan­driert die­se Dis­kus­si­on auch und immer um „Kul­tur“.

Plötz­li­ch steht Oper, Schau­spiel und Muse­um kon­tro­vers zur Offe­nen Jugend­ar­beit und erstaun­li­cher­wei­se (?) ord­nen sich die Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker der Sozia­len Arbeit in ihrer Wer­tig­keit den „Hohen Küns­ten“ frei­wil­lig unter. Und im Fort­gang der Dis­kus­si­on wird dann deut­li­ch, wie wenig ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis sich in Oper, Schau­spiel und Muse­um wie­der­fin­det.

Hoch­kul­tur“ wird viel­mehr dem gesell­schaft­li­chen Oben zuge­ord­net (ein qua­si natur­wüch­si­ger „Bour­dieuis­mus“?) und im Unten ist eben ihr All­tag und der All­tag der „nor­ma­len“ Men­schen – so das Fazit die­ses Dis­kur­ses.

In der Rezep­ti­on der „Fei­nen Unter­schie­de“ ver­än­dert sich ihre „All­tags­so­zio­lo­gie“; dass kul­tu­rel­le Pra­xis auch immer der Dis­tink­ti­on dient, ver­än­dert ihren Fokus auf ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis und auf die Pra­xis der „Hoch­kul­tur“. Und mit „Habi­tus“, „Kapi­tal“ und „Feld“ (vgl. Bour­dieu 1998 und 2001) ver­mit­teln sich ihnen ana­ly­ti­sche Instru­men­te, die ihre pro­fes­sio­nel­len Fel­der ver­ste­hen und erklä­ren und tak­ti­sche, sowie stra­te­gi­sche Mus­ter für ihr ganz eige­nes prak­ti­sches und poli­ti­sches Han­deln ver­mit­teln.

In der Rezep­ti­on und Dis­kus­si­on der Bour­dieu­schen Begrif­fe und (Feld-)Analysen ent­ste­hen den Exper­tin­nen der Sozia­len Arbeit ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Instru­men­te, die dann in ihrer eige­nen Pra­xis neue ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Ein­sich­ten her­vor­brin­gen: Eine ganz prak­ti­sche Theo­rie!

Der „Königs­me­cha­nis­mus“ im rhei­ni­schen Rat­haus

Beim Lesen von Eli­as bin ich immer wie­der frap­piert, wie sehr unse­re Posi­tio­nen sich glei­chen“ (Leuw und Zim­mer­mann 1983), so beschreibt Bour­dieu sein Ver­hält­nis zu Nor­bert Eli­as, den er mit Marx, Durk­heim und Weber zu sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Vor­bil­dern zähl­te. Und so ist es auch nicht ver­wun­der­li­ch, son­dern viel­mehr fol­ge­rich­tig, dass auch Nor­bert Eli­as als „Men­schen­wis­sen­schaft­ler“ uns in die­sem Blog prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft – wenn auch nicht in der Cock­tail­bar – begeg­net.

Sozia­le Arbeit als „schwa­che Ver­tre­tung schwa­cher Inter­es­sen“ – man den­ke nur an die „Erwerbs­lo­sen­be­we­gung“ (vgl. Kie­ser 1988) oder die Durch­set­zungs­stra­te­gi­en der Sozia­len Arbeit auf EU-​Ebene (vgl. Sei­bel 2010) – nimmt ger­ne Anlei­hen in angren­zen­den Dis­zi­pli­nen; ob es nun Politik-, Geschichts- oder Sozi­al­wis­sen­schaft ist. Nor­bert Eli­as hat mit sei­nen gro­ßen Erzäh­lun­gen über „Zivi­li­sa­ti­on“ (vgl. Eli­as 1983 und 1987) eine wah­re „Fund­gru­be“ für Ana­ly­sen und Hand­lungs­stra­te­gi­en gelie­fert, deren Taug­lich­keit für die „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ nur in der Pra­xis über­prüft wer­den kann – folgt man denn hier Marx und sei­nen „The­sen über Feu­er­bach“ .

In „Die höfi­sche Gesell­schaft“ (Eli­as 1983) ent­wi­ckelt Eli­as mit dem „Königs­me­cha­nis­mus“ eine erfolg­rei­che Stra­te­gie (zumin­dest für die Köni­ge Frank­reichs), um Macht zu erobern und zu erhal­ten, indem geg­ne­ri­sche Inter­es­sen­grup­pen immer in einem Macht­gleich­ge­wicht zu hal­ten sind. Nur dann, wenn sich die Macht­po­ten­tia­le gegen­sei­tig im Schach hal­ten, kön­nen schwa­che Zen­tral­mäch­te oder Zen­tral­fi­gu­ren Macht­po­si­tio­nen erobern und der­art Macht akku­mu­lie­ren. Inter­es­san­ter­wei­se benutzt Her­mann Kor­te die­se Denk­fi­gur, um Ange­la Mer­kels Auf­stieg zur Macht im Rah­men einer Fall­stu­die zu beschrei­ben (Kor­te 2009).

In einem Semi­n­ar zur Ein­füh­rung in Kom­mu­na­le Sozi­al­po­li­tik; Hand­lungs­stra­te­gi­en zur Inter­es­sen­durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen wer­den am Bei­spiel eines Arbeits­lo­sen­zen­trums in einer rhei­ni­schen Groß­stadt dis­ku­tiert. Die Ein­füh­rung der Denk­fi­gur des „Königs­me­cha­nis­mus“ eröff­net einen völ­lig neu­en Fokus für die Stu­die­ren­den; Macht­po­ten­tia­le in der Ver­än­de­rung wer­den nun­mehr in den (Be-)Griff genom­men; ein sozio­lo­gi­scher und his­to­ri­scher Rück­bli­ck schafft eine neue Per­spek­ti­ve für aktu­el­le Pro­ble­me.

Poli­tik wird in ihrer his­to­ri­schen und sach­li­ch begrün­de­ten Ver­än­der­bar­keit als Mecha­nis­mus erkenn­bar, die ein­zel­nen Zahn­rä­der sicht­bar, Instru­men­te zur Neu­ein­stel­lung kön­nen ent­wi­ckelt und umge­setzt wer­den – „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ eben.

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Fröh­li­ch, Ger­hard und Reh­bein, Boi­ke (2009). Bourdieu-​Handbuch. Leben, Werk, Wir­kung. Stutt­gart: J.B. Metz­ler.

Leuw, Peter de und Zim­mer­mann, Hans-​Dieter (1983). Die fei­nen Unter­schei­de und wie sie ent­ste­hen. Pier­re Bour­dieu erforscht den All­tag. Frank­furt: Hes­si­scher Rund­funk TV-​Film.

Lite­ra­tur:

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Kri­tik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Bour­dieu, Pier­re (1998). Vom Gebrauch der Wis­sen­schaft. Für eine kli­ni­sche Sozio­lo­gie des wis­sen­schaft­li­chen Fel­des. Kon­stanz: UVK.

Bour­dieu, Pier­re (2001). Die Regeln der Kunst: Gene­se und Struk­tur des lite­ra­ri­schen Fel­des. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1983). Die höfi­sche Gesell­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1987). Über den Pro­zeß der Zivi­li­sa­ti­on. Frank­furt: Suhr­kamp.

Kie­ser, Albrecht (1988). Zwi­schen Siech­tum und Wider­stand. Sozi­al­ar­beit und Erwerbs­lo­sen­be­we­gung. Bie­le­feld: Lucht­erhand.

Kor­te, Her­mann (2009). “Und ich gucke mir das an. Ange­la Mer­kels Weg zur Macht. Eine Fall­stu­die”, In: Mar­ti­na, Löw (Hg.), Geschlecht und Macht. Ana­ly­sen zum Span­nungs­feld von Arbeit, Bil­dung und Fami­lie (S. 16–28). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Sei­bel, Katha­ri­na (2010). “Rekla­ma­ti­on und Durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen”, In: , Ben­ja­min Benz u.A (Hrsg.). Sozia­le Poli­tik – Sozia­le Lage- Sozia­le Arbeit (S. 207–224). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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Internet – Great Equalizer oder digitale Exklusionsmaschine?

Die Wur­zeln des Inter­nets rei­chen bekannt­li­ch weit zurück bis in die 1950er Jah­re. Die Arbei­ten der ARPA (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jekt Agen­cy), die als Fol­ge des Sput­nik­schocks vom US Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ins Leben geru­fen wur­de, leg­te den Grund­stein für die Tech­no­lo­gi­en des Inter­nets, wie wir es heu­te ken­nen – so die klas­si­sche Erzähl­wei­se (vgl. Blei­cher 2010). In Wirk­lich­keit war es wohl etwas leben­di­ger und ver­wor­re­ner. Wer sich für die­se Epo­che der Inter­net­ge­schich­te inter­es­siert, dem sei das Buch „ARPA Kada­b­ra“ ans digi­ta­le Herz gelegt (Haf­ner und Lyon 2000).

Der Per­so­nal Com­pu­ter war aber noch lan­ge nur ein from­mer Wunsch. Die frü­hen Inter­net­tech­no­lo­gi­en und Groß­re­chen­ma­schi­nen stan­den nur ein paar weni­gen Aus­er­wähl­ten zur Ver­fü­gung. Heu­ti­ge Tech­no­lo­gie­gi­gan­ten wie IBM, App­le, Micro­soft und noch vie­le wei­te­re trie­ben die Ent­wick­lung der Rechen­ma­schi­nen vor­an ­– die Visi­on „Ein Com­pu­ter auf jedem Schreib­ti­sch“, die in den 90ern noch grö­ßen­wahn­sin­nig klang, ringt der Gene­ra­ti­on Y heu­te nur noch ein müdes Lächeln ab – “wie süß”! Wer den küh­nen Ver­su­ch wagen möch­te die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen und des Inter­nets lücken­los zu erzäh­len, der soll­te zuvor eini­ge Meter Regal­wand auf­sto­cken. Doch Blei­cher (2010) nimmt inter­es­sier­te Ein­stei­ge­rIn­nen auch schon über 100 Sei­ten mit auf einen span­nen­den Schweins­ga­lopp durch die Netz­his­to­rie! Die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen wird aus­führ­li­ch und detail­ver­liebt von Lip­pe (2013) erzählt. Wir neh­men hier eine Abkür­zung: Ent­wick­lun­gen wie die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge (HTML) von Tim Berners-​Lee (vgl. Blei­cher 2010), Web­brow­ser wie Net­scape und der Inter­net Explo­r­er, fal­len­de Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und immer schnel­le­re Ver­bin­dun­gen (vgl. Rich­ter und Koch 2007) führ­ten spä­tes­tens in den 1990er Jah­ren dazu, dass das Inter­net mas­sen­kom­pa­ti­bel wur­de und für den pri­va­ten Gebrauch nun auch sinn­voll nutz­bar war.

Im Jah­re 1987 über­stieg die Anzahl der Hosts (Com­pu­ter­sys­te­me mit regis­trier­ter IP-​Adresse) zum ers­ten Mal die 10.000er Mar­ke; nur fünf Jah­re spä­ter waren es bereits eine Mil­lion Hosts. Wer die ARD/​ZDF Online­stu­die mit­ver­folgt (eine seit 1997 fort­lau­fen­de, reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung zur Inter­net­nut­zung der Deut­schen), dem wird nicht ent­gan­gen sein, dass in der Grup­pe der unter 20-​Jährigen seit dem Jahr 2010 100 Pro­zent der Deut­schen online sind. Ach­sel­zu­cken bei Kids der Netflix- und Snapchat-​Ära, doch wer in den 90ern puber­tier­te, der mus­s­te noch lan­ge, hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Eltern füh­ren, ob man „die­ses Inter­net von dem jetzt alle reden“ wirk­li­ch auch Zuhau­se braucht. Für vie­le Eltern war klar: „Geld- und Zeit­ver­schwen­dung. Die­ses Inter­net wird sich nicht durch­set­zen!“ Der digi­ta­le Kampf der Kul­tu­ren im Kin­der­zim­mer wur­de aus­ge­tra­gen zwi­schen den soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves und den Digi­tal Immi­grants. Die­ses Begriffs­paar wur­de berühmt durch John Per­ry Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space, in der es unter ande­rem heißt:

You are ter­ri­fied of your own child­ren, sin­ce they are nati­ves in a world whe­re you will always be immi­grants.“

Bar­low beschreibt (auch mit einem Augen­zwin­kern) ein Phä­no­men, das die Inter­net­for­schung – eine Wis­sen­schaft in den Kin­der­schu­hen – umtreibt: Nicht alle Men­schen nut­zen das Inter­net und schon gar nicht in glei­cher Wei­se. Nicht alle kön­nen von den, durch Netz­ve­te­ra­nen oft pro­pa­gier­ten, Chan­cen die­ser revo­lu­tio­nä­ren Tech­no­lo­gie in glei­cher Wei­se pro­fi­tie­ren. Die Inter­net­for­schung spricht vom Digi­tal Divi­de, also der digi­ta­len Spal­tung.

Jeder kann vom Inter­net pro­fi­tie­ren! Solan­ge man mit­bringt was es braucht.

Schät­zungs­wei­se drei Mil­li­ar­den Men­schen haben weltweit Zugang zu Inter­net. Das klingt im Kon­trast zu den ein­gangs erwähn­ten Nut­zer­zah­len der 90er exor­bi­tant. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass dies nicht ein­mal der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung ent­spricht, wäre es ver­mes­sen von einem digi­ta­len Glo­bus oder einem „Glo­bal Vil­la­ge“ (McLu­han) zu spre­chen. Von den unter­schied­li­chen Band­brei­ten soll hier noch gar kei­ne Rede sein. Wer aber erle­ben möch­te wie sich die eige­nen Inter­net­ge­wohn­hei­ten in Tei­len der Welt anfüh­len, in denen es bis jetzt nur lang­sa­me Ver­bin­dun­gen gibt, dem ist die­se Simu­la­ti­on zu emp­feh­len.

Für Deut­sche ist das Inter­net mitt­ler­wei­le wohl schon ubi­qui­tär. Vor 15 Jah­ren hör­te man noch hin und wie­der die Fra­ge „Hast du eigent­li­ch eine eMail Adres­se?“. Heut­zu­ta­ge kann man doch hin­ge­gen schon davon aus­ge­hen, dass das Gegen­über sich in min­des­tens drei ver­schie­de­nen sozia­len Netz­wer­ken sou­ve­r­än bewegt, rich­tig? Ein zwei­ter Bli­ck in die ARD/​ZDF Online­stu­die zeigt jedoch: nur die Hälf­te der deut­schen Rent­ne­rIn­nen und nicht Berufs­tä­ti­gen nutzt zumin­dest gele­gent­li­ch das Inter­net. Das Ste­reo­typ der jun­gen, tech­ni­kaf­fi­nen Digi­tal Nati­ves und der lebens­er­fah­re­nen, inter­ne­ta­ver­si­ven Digi­tal Immi­grants scheint auch 2015 noch in Ansät­zen zu stim­men. Tat­säch­li­ch ist die­se dicho­to­me Typo­lo­gie selbst­ver­ständ­li­ch völ­lig unter­kom­plex. Nicht jeder Jugend­li­che ist den digi­ta­len Medi­en ver­fal­len und „dad­delt“ pau­sen­los auf sei­nem Smart­pho­ne rum; nicht alle Senio­rIn­nen sind unwil­lig oder unfä­hig zu sky­pen oder Spo­ti­fy zu nut­zen. Es wäre des­halb wohl auch tref­fen­der, wie Whi­te und Le Cor­nu es tun, von “Digi­tal Resi­dents” und “Digi­tal Visi­tors” zu spre­chen und das unter­schied­li­che Nut­zungs­ver­hal­ten in den Fokus der Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Nut­zer­grup­pen zu rücken.

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Eine jun­ge Blog­ge­rin beklagt den “Recep­ti­on Divi­de”.

Wer schon in den Genuss einer bezahl­ba­ren und schnel­len Inter­net­ver­bin­dung kommt, der pro­fi­tiert von den Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung jedoch nur bedingt, wenn er nicht auch bestimm­te Vor­kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten im Umgang mit digi­ta­len Medi­en mit­bringt. Kim und Kim (2001) spre­chen neben dem „Oppor­tu­ni­ty Divi­de“ (also dem rei­nen Zugang zum Inter­net) des­halb von „Uti­liza­t­i­on Divi­de“ und „Recep­ti­on Divi­de“. Use­rIn­nen müs­sen also auch über ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen, Software- und Hard­ware­kennt­nis­se sowie die Fähig­keit ver­fü­gen, Infor­ma­ti­ons­quel­len rich­tig zu bewer­ten. Sie müs­sen Erfah­run­gen sam­meln und so etwas wie eine „Intui­ti­on“ in Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln.

Es zeigt sich also hier ganz deut­li­ch: von einem Inter­net von dem alle Men­schen in glei­chem Maße pro­fi­tie­ren, sind wir noch weit ent­fernt.

Alle sind hier gleich! Aber man­che sind eben glei­cher.

Mit dem Inter­net war seit jeher auch die Vor­stel­lung von digi­ta­ler Frei­heit, Gleich­heit und neu­en basis­de­mo­kra­ti­schen Chan­cen ver­bun­den. Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung liest sich fei­er­li­ch und ist des­halb zu einem Teil Inter­net­pro­gram­ma­tik gewor­den. Das Inter­net soll sozia­le Ungleich­heits­me­cha­nis­men auf­he­ben z.B. durch das zur Ver­fü­gung stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen für alle – so die hoff­nungs­vol­le Ide­al­vor­stel­lung. Marr und Zil­li­en (2012: 258) beschrei­ben:

[…] größ­te Eupho­rie lös­te in die­sem Zusam­men­hang aller­dings ohne Zwei­fel das Inter­net aus, das nicht nur als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft […] son­dern gleich­zei­tig als ‚the great equa­li­zer‘ […] des neu­en digi­ta­len Zeit­al­ters begrüßt und gefei­ert wur­de.“

Abge­lei­tet wur­den die­se Poten­zia­le von der tech­ni­schen Beschaf­fen­heit des Inter­nets, das durch eine prin­zi­pi­el­le Gleich­stel­lung aller Nut­ze­rIn­nen qua­si einen „vor­po­li­ti­schen, nicht­hi­er­ar­chi­schen und nicht exper­to­kra­ti­schen Mei­nungs­aus­tau­sch“ ermög­li­chen soll­te (Steg­bau­er 2006: 95). Alle Infor­ma­tio­nen müs­sen völ­lig frei zur Ver­fü­gung ste­hen – so noch heu­te die gut gemein­te For­de­rung eini­ger Prot­ago­nis­tIn­nen der Netz­ge­sell­schaft und Inter­net­ak­ti­vis­tIn­nen für eine gerech­te­re Gesell­schaft.

Doch schon 1970 – also noch lan­ge vor der Geburt des World Wide Web – stell­te eine Grup­pe von For­sche­rIn­nen eine Behaup­tung in Bezug auf Mas­sen­me­di­en und Bil­dung auf, die bis heu­te in der Wis­sen­schaft heiß dis­ku­tiert wird:

Wenn der Infor­ma­ti­ons­fluss von den Mas­sen­me­di­en in ein Sozi­al­sys­tem wächst, ten­die­ren die Bevöl­ke­rungs­seg­men­te mit höhe­rem sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus und/​oder höhe­rer for­ma­ler Bil­dung zu einer rasche­ren Aneig­nung die­ser Infor­ma­ti­on als die status- und bil­dungs­nied­ri­ge­ren Seg­men­te, so dass die Wis­sens­kluft zwi­schen die­sen Seg­men­ten ten­den­zi­ell zu- statt abnimmt.“ (Tichen­or et al. 1970)

Das freie Zur­ver­fü­gung­stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen soll also eben gera­de nicht dazu füh­ren, dass alle Men­schen auf ein gleich hohes Maß an Bil­dung geho­ben wer­den. Viel­mehr schei­nen ohne­hin schon „infor­ma­ti­ons­rei­che“ Bevöl­ke­rungs­grup­pen dazu zu nei­gen sich Wis­sen schnel­ler anzu­eig­nen, als jene Grup­pen die bereits vor­her benach­tei­ligt waren. Im Kern han­delt es sich bei der soge­nann­ten Wis­sens­kluft­hy­po­the­se um den Mat­thäu­s­ef­fekts, der Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Ungleich­heits­for­sche­rIn­nen immer wie­der in ver­schie­de­nen Gewän­dern vor die Augen tritt:

Denn wer da hat, dem wird gege­ben, dass er die Fül­le habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genom­men, was er hat.“– Mt 25,29 LUT

Jeder darf hier spre­chen! Aber halt nicht alle.

Auch das Ide­al der frei­en und offe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der alle zu Wort kom­men kön­nen, scheint sich im Netz bei wei­tem nicht zu rea­li­sie­ren. In Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space wird der digi­ta­le Anspruch wie folgt umschrie­ben:

Wir erschaf­fen eine Welt, in der jeder Ein­zel­ne an jedem Ort sei­ne oder ihre Über­zeu­gun­gen aus­drü­cken darf, wie indi­vi­du­ell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schwei­gen der Kon­for­mi­tät auf­ge­hen zu müs­sen.“

Doch bereits Jakob Niel­sens berühm­te 90:9:1 Regel besagt, dass im Inter­net nur 1 Pro­zent der Use­rIn­nen eige­ne Inhal­te erstellt und sich nur wei­te­re 9 Pro­zent aktiv an Bei­trä­gen und Dis­kus­sio­nen betei­li­gen. Der über­wie­gen­de Teil (für Niel­sen sind es 90 Pro­zent) der Use­rIn­nen kommt nicht zu Wort oder möch­te nicht zu Wort kom­men. Die­ser Hypo­the­se könn­te man eine feh­len­de empi­ri­sche Basis vor­wer­fen – d’accord! Jedoch beschreibt Steg­bau­er (2006) auf empi­ri­scher Basis für Mai­ling­lis­ten, Dis­kus­si­ons­fo­ren und ande­re vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten ähn­li­che Ungleich­hei­ten in Bezug auf die Dis­kus­si­ons­be­tei­li­gung. Er nutzt dazu struk­tu­ra­lis­ti­sche und netz­werkana­ly­ti­sche Metho­den. Die digi­ta­le schwei­gen­de Mehr­heit (Lur­ker genannt) erfüllt aller­dings auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Grup­pe: ohne das Zuhö­ren und das Reden-​lassen wären Dis­kus­sio­nen grö­ße­rer Com­mu­nities über­haupt nicht mög­li­ch (vgl. Steg­bau­er 2006).

Klassisches Kommunikationsnetzwerk: eher framentierte Diskussionskreise als Schwarmintelligenz

Ein klas­si­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk auf Twit­ter: eher frag­men­tier­te Dis­kus­si­ons­krei­se rund um Netz­prot­ago­nis­tIn­nen als “Schwar­min­tel­li­genz” und ega­li­tä­re Dis­kur­se [erstellt mir NodeXL]

Mit­hil­fe der Soft­ware NodeXL las­sen sich Twit­ter Dis­kus­sio­nen schnell und leicht netz­werkana­ly­ti­sch unter­su­chen. Auch hier zeigt sich: Es dis­ku­tiert in der Regel kein intel­li­gen­ter Schwarm mit­tels eines basis­de­mo­kra­ti­schen Medi­ums in einem digi­ta­len Raum der fla­chen Hier­ar­chien. Viel­mehr twit­tern in aller Regel frag­men­tier­te Gesprächs­krei­se rund um eini­ge Wort­füh­rer. Über­all dort wo “Wölk­chen” zu sehen sind, hören meh­re­re Per­so­nen einem ein­zel­nen Men­schen via Twit­ter zu. Dass Netz­prot­ago­nis­tIn­nen dann von anre­gen­den und viel­fäl­ti­gen Dis­kus­sio­nen im welt­wei­ten Netz schwär­men (kön­nen), liegt auf der Hand. Dass alle zu Wort kom­men (kön­nen) darf ange­zwei­felt wer­den.

Wen küm­mert die Spie­le­rei?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet mit gro­ßen Schrit­ten vor­an. Beim Inter­net han­delt es sich schon lan­ge nicht mehr

um ein irgend­wie eso­te­ri­sches Phä­no­men einer klei­nen Klas­se tech­no­phi­ler Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten oder netz­ni­schen­nut­zen­der Jugend­li­cher.“ (Mün­ker 2012: 47).

Mit dem mobi­len Inter­net und dem Inter­net der Din­ge (Inter­net of Things) steht bereits die nächs­te gro­ße Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on an unse­rer gesell­schaft­li­chen Tür­schwel­le. Und selbst Ange­la Mer­kel, für die das Inter­net noch vor kur­zem #Neu­land war, spricht in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che 2015 von der

digitale[n] Revo­lu­ti­on, die unser Leben fun­da­men­tal ver­än­dert […]“ (Ange­la Mer­kel)

Eine gute Inter­net­ver­bin­dung und die Mög­lich­keit ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen erwer­ben zu kön­nen, wer­den in der digi­ta­len Gesell­schaft zu not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der sozia­len Teil­ha­be. Hen­ke et al. (2012) the­ma­ti­sie­ren im „Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung“ des­halb völ­lig zurecht die Fra­ge einer mög­li­chen e-​Exclusion. In Est­land ist der Zugang zum Inter­net fol­ge­rich­tig bereits zum Grund­recht gewor­den.

Zwei neue Formen gesellschaftlicher Exklusion in der digitalen Gesellschaft?

Zwei neue For­men gesell­schaft­li­cher Exklu­si­on in der digi­ta­len Gesell­schaft?

Mit die­sem Bei­trag soll kei­nes­wegs der Ver­su­ch unter­nom­men wer­den den “Digi­tal Resi­dents” die unglaub­li­chen Poten­tia­le und Chan­cen des Inter­nets und der Digi­ta­li­sie­rung madig zu machen. Wer einen Blog schreibt (oder auch liest), der ist von den Vor­zü­gen neu­er Informations- und tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en doch wohl bereits über­zeugt. Doch sie hier noch ein­mal man­t­ra­ar­tig her­un­ter­zu­be­ten wäre fol­ge­rich­tig nichts wei­ter als ein „pre­aching to the con­ver­ted“.

Dass das Inter­net bereits frei, offen und basis­de­mo­kra­ti­sch sei und dass es Ungleich­heits­pro­zes­se allei­ne durch sei­ne tech­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten aus­he­belt, ist bis­her eine empi­ri­sch nicht beleg­ba­re Ide­al­vor­stel­lung. So schön die Idee auch sein mag, um sie „gerin­nen zu las­sen“ also wahr zu machen (und das soll­ten wir tun!), bedarf es viel Arbeit und einer ste­ti­gen kri­ti­schen Refle­xi­on des sta­tus quo.

Wor­an es in Deutsch­land – so mein Erle­ben – zum Teil noch fehlt, ist unter ande­rem die Ein­sicht eini­ger “Digi­tal Visi­tors”, dass es sich beim Inter­net nicht mehr um ein Nice-​to-​Have oder schmü­cken­des Bei­werk han­delt: Es ist schon längst fes­ter Bestand­teil sozia­ler Wirk­lich­keit und viel­leicht wird es ja sogar tat­säch­li­ch eine Art gesell­schaft­li­ches Betriebs­sys­tem.

Zum Wei­ter­le­sen und anschau­en:

Mey­en, Micha­el, Duden­höf­fer, Kath­rin, Huss, Julia, Pfaff-​Rüdiger, Sen­ta (2009). “Zuhau­se im Netz: Eine qua­li­ta­ti­ve Stu­die zu Mus­tern und Moti­ven der Inter­net­nut­zung”, Publi­zis­tik, 54, 513–53.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Rau­sch, Alex­an­der (2006). Struk­tu­ra­lis­ti­sche Inter­net­for­schung. Netz­werkana­ly­sen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2009). Digi­ta­le Ungleich­heit. Neue Tech­no­lo­gi­en und alte Ungleich­hei­ten in der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2015). Ungleich­heit der Inter­net­nut­zung (Vor­trag). Col­lo­qui­um Fun­da­men­ta­le. Karls­ru­he: YouTube Video.

Quel­len:

Blei­cher, Joan Kris­tin (2010). Inter­net. Kon­stanz: UTB Ver­lag.

Haf­ner, Katie und Lyon, Mat­t­hew (2000). ARPA Kada­b­ra. Oder die Geschich­te des Inter­net. Whe­re wizards stay up late. Hei­del­berg: dpunkt-​Verlag.

Hen­ke, Ursu­la; Hus­ter, Ernst-​Ulrich und Mogge-​Grotjahn, Hil­de­gard (2012). E-​exclusion oder E-​inclusion? In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 548–567). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Kim, Mun-​Cho und Kim, Jong-​Kil (2001). „Digi­tal Divi­de. Con­cep­tual Dis­cus­sions and Pro­s­pect”, The Human Socie­ty and the Inter­net, 78–91.

Lip­pe, Wolfram-​M. (2013). Die Geschich­te der Rechen­au­to­ma­ten. Von mecha­ni­schen Chif­frier­ge­rä­ten bis zu den ers­ten pro­gram­mier­ba­ren Rech­nern. Berlin/​Heidelberg: Sprin­ger View­eg.

Marr, Mir­ko und Zil­li­en, Nicole (2012). Digi­ta­le Spal­tung. In: W. Schwei­ger und K. Beck (Hrsg.), Hand­buch Online­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 257–282). Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Mün­ker, Ste­fan (2012). Die sozia­len Medi­en des Web 2.0. In: D. Miche­lis (Hg.), Social-​Media-​Handbuch: Theo­ri­en, Metho­den, Model­le und Pra­xis (S.45–55). Baden-​Baden: Nomos Ver­lag.

Rich­ter, Alex­an­der und Koch, Micha­el (2007). Soci­al Soft­ware: Sta­tus quo und Zukunft. Mün­chen.

Tichen­or, P.J.; Dono­hue, G.A. und Oli­en, C.N. (1970). “Mass Media Flow and Dif­fe­ren­ti­al Grow­th in Know­led­ge”, Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 34 (2), 159–170.

Autor:

Kai Hau­prich

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Quartier, Quartier was sagst du mir?

Sozia­le Ungleich­heit gehört zu den klas­si­schen For­schungs­ge­gen­stän­den der moder­nen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Im Lau­fe der Zeit haben sich von Marx über Weber, Durk­heim und Gei­ger bis hin zu Bour­dieu unter­schied­lichs­te Theo­ri­en und Model­le sozia­ler Ungleich­heit eta­bliert (vgl. Burzan 2011). Für sozio­lo­gi­sche New­bies: sozia­le Ungleich­heit meint nicht etwa nur die Viel­falt der Men­schen und deren Lebens­wei­sen, frei nach dem Mot­to: „Die Welt ist eben bunt!“. Es han­delt sich dar­über hin­aus um die Beob­ach­tung, dass

Men­schen auf­grund ihrer Stel­lung in sozia­len Bezie­hungs­ge­fü­gen von den ‚wert­vol­len Gütern‘ einer Gesell­schaft regel­mä­ßig mehr als ande­re erhal­ten.“  (Hra­dil 2005: 30)

Robert E. Park über­trug die­ses Kon­zept bereits Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf den (Wohn-) Raum (vgl. Volk­mann 2012: 15). Die sich dar­aus erge­ben­de Annah­me, dass sich sozia­le Dis­tanz auch räum­li­ch mani­fes­tiert, bezeich­net man als Segre­ga­ti­on („Ent­mi­schung“ von lat. segre­ga­re: „abson­dern“, „tren­nen“). Sozi­al­ähn­li­che Grup­pen woh­nen häu­fig gemein­sam in bestimm­ten Stadt­tei­len oder Quar­tie­ren. Bei sozi­al benach­tei­lig­ten Per­so­nen­grup­pen geschieht dies jedoch oft nicht gänz­li­ch frei­wil­lig, denn Hart­mut Häu­ßer­mann (2012: 384) beschreibt zutref­fend:

Die Rei­chen woh­nen wo sie wol­len, die Armen woh­nen, wo sie müs­sen.“

Strit­tig bleibt in der Wis­sen­schaft nach wie vor, ob die räum­li­che Kon­zen­tra­ti­on sozi­al benach­tei­lig­ter Grup­pen, bzw. die Ent­mi­schung eines Stadt­teils, selbst­ver­stär­ken­de Nega­ti­v­e­f­fek­te auf die Bewoh­ner­schaft eines Quar­tiers haben kann. Let’s have a look!

Zer­bro­che­nes Glas

Broken Window

Annah­me der Broken-​Window-​Theorie: Ver­wüs­tung erzeugt Ver­wüs­tung, erzeugt letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät.

Im Jah­re 1982 ver­öf­fent­li­chen James Q. Wil­son und Geor­ge L. Kel­ling einen nun berühm­ten (aber auch umstrit­te­nen) Arti­kel, der Bezug nahm auf ein sozi­al­psy­cho­lo­gi­sches Expe­ri­ment von Phil­ip Zim­bar­do aus dem Jah­re 1969 (vgl. Hae­fe­le 2013: 36ff). Zim­bar­do hat­te beob­ach­tet, dass eine ein­ge­schla­ge­ne Fens­ter­schei­be an einem Auto, das ohne Num­mern­schild und mit offe­ner Motor­hau­be in der Bronx abge­stellt war, dazu führ­te, dass das Fahr­zeug in kür­zes­ter Zeit völ­lig aus­ge­plün­dert und zer­stört wur­de. War das Auto hin­ge­gen unbe­schä­digt, blieb das auch wei­ter­hin so. Die abge­lei­te­te Broken-​Window-Theo­rie besagt nun, dass nicht beho­be­ne, leich­te Beschä­di­gun­gen oder Ver­un­rei­ni­gun­gen in einer Nach­bar­schaft (typi­sch für benach­tei­lig­te Quar­tie­re) wei­te­re schwer­wie­gen­de­re „phy­si­cal and soci­al inci­vi­li­ties“ und letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät nach sich zie­hen. Zer­stö­run­gen und Abfall signa­li­sie­ren den Bewoh­ne­rIn­nen man­geln­de sozia­le Kon­trol­le, Kri­mi­na­li­täts­furcht ent­steht, Bewoh­ne­rIn­nen zie­hen fort, die Miet­prei­se sin­ken, sozi­al benach­tei­lig­te Per­so­nen zie­hen zu, das Quar­tier wird stig­ma­ti­siert, auch für Kri­mi­nel­le wird das Quar­tier schließ­li­ch zum Rück­zugs­raum – eine Abwärts­spi­ra­le beginnt. Die­se noch recht mecha­ni­sche Beschrei­bung sozia­ler Wirk­lich­keit wur­de im Lau­fe der Jah­re durch ver­schie­de­ne Disorder-​Theorien erwei­tert und modi­fi­ziert (sie­he dazu Hae­fe­le 2013). Schon Engels stell­te fest:

Hier woh­nen die Aerms­ten der Armen. […] mit Die­ben, Gau­nern und Opfern der Pro­sti­tu­ti­on bunt durch ein­an­der […], sin­ken doch täg­li­ch tie­fer, ver­lie­ren täg­li­ch mehr und mehr die Kraft den demo­ra­li­sie­ren­den Ein­flüs­sen der Noth, des Schmut­zes und der schlech­ten Umge­bung zu wider­ste­hen“ (Engels 1845: 41 zit. in Volk­mann 2012: 21).

Doch auch ande­re deut­sche Berühmt­hei­ten beschrei­ben recht aktu­ell ähn­li­che Phä­no­me­ne in ihrem Blo­ck, die die Annah­me von selbst­ver­stär­ken­den nega­ti­ven Quar­tier­s­ef­fek­ten nahe legen.

Ein Hafen in die Gesell­schaft

Ent­ge­gen öffent­li­cher Debat­ten über Zuwan­de­rung, in denen oft auch eine dif­fu­se Angst vor „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ mit­schwingt, kann eine soge­nann­te „eth­ni­sche Segre­ga­ti­on“ (Men­schen mit ähn­li­chen kul­tu­rel­len Wur­zeln woh­nen gemein­sam an einem Ort) durch­aus auch posi­ti­ve und inte­gra­ti­ons­för­dern­de Mecha­nis­men aus­lö­sen. Für sozio­öko­no­mi­sche geschwäch­te Zuwan­de­rIn­nen ­bie­ten Quar­tie­re mit einem hohen Anteil von Migran­tIn­nen zunächst eine Chan­ce: Sie die­nen als eine ers­te Anlauf­stel­le, als eine Art „Hafen“ in die frem­de Gesell­schaft. Denn die Migra­ti­on stellt häu­fig zunächst eine Situa­ti­on der Ver­un­si­che­rung dar, weil

in der Frem­de die Tra­di­tio­nen, Gewohn­hei­ten, die Kul­tur, Spra­che, Klei­dung und die Ritua­le des Hei­mat­lan­des wert­los gewor­den sind, im Gegen­teil sogar mit Ableh­nung behan­delt wer­den“ (Far­wick 2009: 35).

Arrival City

Ein Quar­tier mit “beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf” kann auch als Arri­val City fun­gie­ren und damit eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Stadt erfül­len.

Dadurch, dass Zuge­wan­der­te ähn­li­cher Her­kunft sich im Quar­tier wech­sel­sei­tig unter­stüt­zen, schüt­zen sie ihr sozia­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal. Haben sie sich wie­der sozio­öko­no­mi­sch sta­bi­li­siert und kul­tu­rell ori­en­tiert, zie­hen sie in der Regel ein­zeln wei­ter in ande­re Stadt­tei­le – eine Art nied­rig­schwel­li­ge Inte­gra­ti­on voll­zieht sich. Vor­aus­set­zung ist dabei aber stets, dass den Zuge­wan­der­ten ein gesell­schaft­li­cher Auf­stieg ermög­licht wird (sozia­le Mobi­li­tät). Hier ist die Auf­nah­me­ge­sell­schaft in der Ver­ant­wor­tung! Saun­ders (2011) bezeich­net Orte über die sich sol­che Migra­tio­nen voll­zie­hen als „Arri­val Cities“. Sie las­sen sich in Groß­städ­ten auf der gan­zen Welt fin­den – von Los Ange­les über Rio de Janei­ro bis hin nach Berlin-​Kreuzberg (vgl. Saun­ders 2011). Die­se sinn­bild­li­chen „Häfen“ erfül­len die wich­ti­ge Funk­ti­on eines gesell­schaft­li­chen „Durch­lauf­er­hit­zers“ für eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on. Ähn­li­che Effek­te wur­den bereits 1938 von Paul Fre­de­rick Cres­sey für Chi­ca­go beschrie­ben (vgl. Far­wick 2009: 42) – auch hier also: no brea­king news!

Viel­leicht sind es ein­fach die Stör­che.

Empi­ri­sch lässt sich eines immer wie­der wun­der­bar bewei­sen: der Stor­ch bringt die Kin­der. Denn in kin­der­rei­chen Regio­nen, gibt es eben auch vie­le Stör­che. So ein­fach!

In Wirk­lich­keit han­delt es sich hier aber um eine Schein­kor­re­la­ti­on. Tat­säch­li­ch besteht kein ech­ter Ursache-​Wirkungs-​Zusammenhang – cum hoc ergo prop­ter hoc! Viel­mehr ist es so, dass Stör­che auf dem Land leben und Men­schen in länd­li­chen Regio­nen in der Regel mehr Kin­der bekom­men bzw. Fami­li­en mit vie­len Kin­dern auf’s Land zie­hen. Man nennt dies das Stor­chen­pro­blem. Auf glei­che Wei­se lässt sich übri­gens auch „nach­wei­sen“, dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem durch­schnitt­li­chen Scho­ko­la­den­kon­sum eines Lan­des und der Anzahl sei­ner Nobel­preis­trä­ger gibt. Also, nur zu!

Was auf den ersten Blick so klar strukturiert und einfach wirkt, ist in Wahrheit ein hochsensibles Konstrukt.

Was auf den ers­ten Bli­ck so klar struk­tu­riert und ein­fach wirkt, ist in Wahr­heit ein hoch­sen­si­bles Kon­strukt.

Ich möch­te behaup­ten, dass es sich  mit Quar­tier­s­ef­fek­ten ähn­li­ch ver­hält: Zwar klin­gen eini­ge der beschrie­be­nen Zusam­men­hän­ge zunächst durch­aus plau­si­bel, las­sen sich even­tu­ell sogar mit Daten­ma­te­ri­al unter­füt­tern, doch ob ein unmit­tel­ba­rer – oder gar  mecha­ni­scher – Zusam­men­hang zwi­schen der äuße­ren Umwelt und dem Ver­hal­ten der Bewoh­ne­rIn­nen besteht, bleibt oft zu bezwei­feln (vgl. auch Hae­fe­le 2013: 224). Hin­zu kommt, dass sich posi­ti­ve wie nega­ti­ve Quar­tier­s­ef­fek­te ohne wei­te­res über­la­gern und wech­sel­sei­tig beein­flus­sen kön­nen. Ein Stadt­teil kann durch­aus sowohl Schau­platz eines Broken-​Window-​Effekts, als auch eine inte­gra­ti­ons­för­dern­de Arri­val City sein. Was im Hin­ter­grund noch alles zusam­men­spielt, aber nicht direkt beob­acht­bar ist (laten­te Varia­blen), wis­sen wir oft nicht. Auch ist ein Stadt­teil kein abge­schlos­se­ner Con­tai­ner. Men­schen bewe­gen sich zusätz­li­ch in wei­te­ren sozia­len Sphä­ren (Davon wird an ande­rer Stel­le noch zu spre­chen sein.). Ober­fläch­li­che Zuschrei­bun­gen wie „Pro­blem­kiez“ oder „auf­stre­ben­der Stadt­teil“ grei­fen zu kurz, wenn sie den Wan­del eines Quar­tiers auf eini­ge weni­ge Deter­mi­nan­ten zurück­füh­ren wol­len und fata­lis­ti­sche Zusam­men­hän­ge zwi­schen mate­ri­el­ler Umwelt und Men­sch pos­tu­lie­ren. Aber wir alle nei­gen lei­der oft dazu, ein­fa­che Ant­wor­ten auf schwie­ri­ge Fra­gen beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den.

Wer sozia­le Pro­ble­me bes­ser ver­ste­hen möch­te, soll­te stets ein gerüt­telt‘ Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Gepäck haben, denn die Ursa­chen und Fol­gen von Armut und sozia­ler Aus­gren­zung sind ver­wor­ren und kom­plex. Viel­schich­tig zu den­ken und Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten wer­den zur Grund­vor­rau­set­zung guter sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Und die Imple­men­tie­rung von Maß­nah­men, wel­che die Lebens­um­stän­de der Bewoh­ne­rIn­nen eines „Stadt­teils mit beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf“ ver­bes­sern sol­len, wird zur sinn­bild­li­chen Mika­do­pro­ble­ma­tik: Zieht man unbe­darft das fal­sche Stäb­chen, wackeln drei wei­te­re Hölz­chen unge­wollt mit.

Zum Wei­ter­le­sen:

Hae­fe­le, Joa­chim (2013). Die Stadt, das Frem­de und die Furcht vor Kri­mi­na­li­tät. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Saun­ders, Dou­glas (2011). Arri­val City: Über alle Gren­zen hin­weg zie­hen Mil­lio­nen Men­schen vom Land in die Städ­te – von ihnen hängt unse­re Zukunft ab. Mün­chen: Bles­sing.

Quel­len:

Burzan, Nicole (2011). Sozia­le Ungleich­heit. Eine Ein­füh­rung in die zen­tra­len Theo­ri­en. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Cres­sey, Paul Fre­de­rick (1938). “Popu­la­ti­on Suc­ces­si­on in Chi­ca­go, 1898–1930”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 44, 59–69.

Far­wick, Andre­as (2009). Segre­ga­ti­on und Ein­glie­de­rung: Zum Ein­fluss der räum­li­chen Kon­zen­tra­ti­on von Zuwan­de­rern auf den Ein­glie­de­rungs­pro­zess. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Häu­ßer­mann, Hart­mut (2012). Woh­nen und Quar­tier. Ursa­chen sozi­al­räum­li­cher Segre­ga­ti­on. In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 383–396). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Hra­dil, Ste­fan und Schie­ner, Jür­gen (2005). Sozia­le Ungleich­heit in Deutsch­land. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Volk­mann, Anne (2012). Quar­tier­s­ef­fek­te in der Stadt­for­schung und in der sozia­len Stadt­po­li­titk: Die Rol­le des Rau­mes bei der Repro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit. Ber­lin: Univ.-Verl. der TU, Univ.-Bibliothek.

Wil­son, James und Kel­ling, Geor­ge (1982). Bro­ken Win­dows.

Autor:

Kai Hau­prich

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Vom „ordentlichen Betteln“

Als Fol­ge der EU-​Osterweiterungen im Jah­re 2007 kommt es in Euro­pa zu neu­en Arbeits­mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen. Den aller­meis­ten Zuwan­de­rIn­nen aus Süd-​Osteuropa gelingt in Deutsch­land schnell und mühe­los eine Inte­gra­ti­on in den ers­ten Arbeits­markt. Ein­rich­tun­gen der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe berich­ten aber auch immer wie­der von einer klei­nen Grup­pe in Armut leben­der Men­schen, denen dies nicht geglückt ist. Sie kom­men in der Hoff­nung auf ein bes­se­res Leben, rut­schen jedoch in Deutsch­land schnell in pre­kä­re Lebens­ver­hält­nis­se und am Hil­fe­sys­tem vor­bei – im öffent­li­chen Dis­kurs wird häu­fig der Dys­phe­mis­mus der „Elends­mi­gra­ti­on“ bemüht. In Woh­nungs­lo­sig­keit und Armut ver­su­chen die­se Men­schen schließ­li­ch ihre Exis­tenz durch das Bet­teln in Fuß­gän­ger­zo­nen zu sichern. Vie­le Pas­san­tIn­nen reagie­ren irri­tiert bis ver­är­gert. Häu­fig weni­ger dar­über, dass gebet­telt wird – die Not ist augen­schein­li­ch –, son­dern viel­mehr über die Art und Wei­se wie es geschieht: dis­tanz­lo­ses Auf­tre­ten, akti­ves Anspre­chen, bis hin zur Zur­schau­stel­lung von Kör­per­be­hin­de­run­gen. Mit­men­schen, die „eigent­li­ch“, „nor­ma­ler­wei­se“ und „selbst­ver­ständ­li­ch“ woh­nungs­lo­sen Men­schen „immer etwas geben“, bau­en inner­li­ch Wider­stän­de auf. Man könn­te pro­vo­kant behaup­ten: Die auto­chtho­ne Bevöl­ke­rung wünscht sich ein „ordent­li­ches“ Bet­teln. Gibt es so etwas? Kann man rich­tig oder fal­sch bet­teln? Um das Geben und Bet­teln bes­ser zu ver­ste­hen, lohnt sich ein sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Bli­ck dar­auf, denn

it’s an import­ant and popu­lar fact, that things are not always what they seem”. (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Gesell­schaft durch Geben und Neh­men

Mar­cel Mauss beschreibt in sei­nem Klas­si­ker „Die Gabe“ (1968) ein­drucks­voll wel­che Bedeu­tung das Tau­schen, Schen­ken, Opfern und Geben für eine Gemein­schaft hat. Wich­ti­ge Erkennt­nis: Es geht nicht nur um das, was getauscht wird, son­dern viel­mehr dar­um, wie und war­um es getauscht wird. Dadurch, dass wir die Gabe eines ande­ren anneh­men, gehen wir die Ver­pflich­tung ein, uns bei Gele­gen­heit zu revan­chie­ren. Geschieht die­se Gegen­ga­be dann bei­zei­ten, schaf­fen wir dadurch Ver­trau­en zuein­an­der (vgl. Steg­bau­er 2010: 115). Die­ses Grund­prin­zip des sozia­len Mit­ein­an­ders nennt man „Rezi­pro­zi­tät“ – kennt man doch: „Wie du mir, so ich dir.“, „Eine Hand wäscht die ande­re.“ und die Bismarck’sche Sozi­al­ge­setz­ge­bung baut auch dar­auf. Des­halb schreibt Georg Sim­mel (1908: 663) wohl zurecht:

Ohne dass in der Gesell­schaft dau­ernd gege­ben und genom­men wird […] wür­de über­haupt kei­ne Gesell­schaft zustan­de kom­men.“

Nicht umson­st laden wir Frem­de zu einem Getränk ein, um sie oder ihn in unse­re Rei­hen auf­zu­neh­men. Oder wie der Köl­ner sagen wür­de: … trink noch Ene mit.

It’s a kind of magic

Als eine beson­de­re Form der Gabe kann man das Spen­den lesen: Wir „opfern“ hier sozu­sa­gen etwas, das uns gehört, um spä­ter dafür belohnt zu wer­den. Wenn sich die Gabe und Gegen­ga­be nicht mehr ver­rech­nen las­sen, spricht man von „gene­ra­li­sier­ter Rezi­pro­zi­tät“ – die Spen­de gilt dann der gan­zen Gemein­schaft (vgl. Steg­bau­er 2010: 118) von der wir uns bei Gele­gen­heit belohnt sehen wol­len. Die­se Idee kann sogar in eine Art „magi­sches Han­deln“ hin­über­glei­ten: Wir opfern einem „höhe­ren Wesen“ etwas und erhof­fen uns Glück davon. Klingt zu eso­te­ri­sch? Fang­fra­ge: Wann haben Sie das letz­te Mal eine Mün­ze in einen Klin­gel­beu­tel oder Brun­nen gewor­fen? Das Klein­geld steht hier sym­bo­li­sch für unser Ver­mö­gen das geop­fert wird, um uns auf magi­sche Wei­se Glück zu besche­ren – ein Teil für das Gan­ze (lat: „pars pro toto“) (vgl. Voß 1992: 136). Wer möch­te, darf auch ger­ne den ers­ten Schluck sei­nes Geträn­kes für die Göt­ter ver­gie­ßen – jeder Jeck ist anders!

Das Spen­den an Bett­ler als Opfer­ri­tual

Andre­as Voß (1992) wirft in “Bet­teln und Spen­den” einen tie­fe­ren sozio­lo­gi­schen Bli­ck auf die „Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung“. Bet­teln und Spen­den kön­nen ver­stan­den wer­den als eine Art Opfer­ri­tus (vgl. ebd.: 137ff). Der Bett­ler schafft durch die Insze­nie­rung des Bet­tel­ri­tu­als für die Pas­san­ten eine „auße­r­all­täg­li­che“ Situa­ti­on (vgl. ebd.: 135), die es dem Geben­den ermög­licht etwas zu opfern, um sich spi­ri­tu­ell „zu ver­si­chern“ – wenn auch „nur ein biss­chen Klein­geld“. Wer jetzt Gutes tut, dem wider­fährt auch Gutes im Jen­seits. Mild­tä­tig­keit gegen Arme wird in vie­len Reli­gio­nen belohnt. Wie die Bet­tel­in­sze­nie­rung aus­zu­se­hen hat, und was „erlaubt ist“ ori­en­tiert sich an der jewei­li­gen Zeit und Kul­tur (vgl. ebd.). Außer­dem ver­si­chert uns der Bett­ler, als Figur, die sich durch ihre ritu­el­le Selbst­er­nied­ri­gung erkenn­bar „außer­halb der Gesell­schaft“ stellt, dass der Geben­de zum „Innen“ der Gesell­schaft gehört. Der Bett­ler ver­si­chert: „Uns geht es gut, wir gehö­ren noch dazu!“ (vgl. ebd.: 147).

Beim Ritual des Bettelns markiert den Spendenbecher die fassbare Grenze des "Innen" und "Außen" einer Gesellschaft.

Beim Ritual des Bet­telns mar­kiert der Spen­den­be­cher die fass­ba­re Gren­ze des “Innen” und “Außen” einer Gesell­schaft.

Die­ses Gefühl ist es, das uns der Bett­ler zurück-​gibt: sei­ne Leis­tung, sei­ne Gegen­ga­be. „Dem Bett­ler kommt beson­ders in einem Wohl­fahrts­staat […] die Funk­ti­on eines sozia­len Mess­punk­tes zu“ (Voß 1992: 147). Das Bet­tel­ri­tual ist also kei­nes­wegs Betrug, son­dern aus sozio­lo­gi­scher Sicht sozu­sa­gen ein gesell­schaft­li­ches Büh­nen­stück. Es folgt einer Cho­reo­gra­phie, die geschicht­li­ch gewach­sen und kul­tu­rell gefärbt ist (vgl. ebd.: 82ff) – wie „ordent­li­ch“, im Sin­ne von gesell­schaft­li­ch gewünscht, gebet­telt wird, ist wan­del­bar: Im Ste­hen, Sit­zen oder auf den Kni­en, mit oder ohne Bet­tel­schild, Becher oder Hand, akti­ves Anspre­chen oder stil­les Ver­har­ren in der Ecke, Zur­schau­stel­len von Kör­per­be­hin­de­run­gen oder doch lie­ber ein ori­gi­nel­ler Spruch (vgl. ebd.: 175ff). Was heu­te unter Straf­an­dro­hung ver­bo­ten wird, war frü­her nor­mal und wird es viel­leicht auch wie­der ein­mal sein. Was es jedoch beim Bet­teln für den Geben­den immer braucht, ist die „Zwi­schen­schal­tung eines ritu­el­len Fil­ters“, denn:

Die Not und das Elend des rand­stän­di­gen Armen kön­nen so groß sein, dass das unmit­tel­ba­re Mit­ge­fühl über­for­dert ist. Die Flucht­re­ak­ti­on vor der Wahr­neh­mung des Armen ist die Fol­ge.“ (Voß 1992: 149)

Der „frem­de Bett­ler“ als Spie­gel

Die mora­li­sche oder emo­tio­na­le Irri­ta­ti­on, die bei eini­gen Pas­san­tIn­nen häu­fig sogar in Aggres­si­on gegen den Bet­telen­den umschlägt, könn­te man sozio­lo­gi­sch auch so deu­ten, dass hier das insze­nier­te Bet­tel­ri­tual nicht mit unse­ren eige­nen, aktu­el­len Vor­stel­lun­gen zusam­men­passt. Die Fra­ge nach Klein­geld des „frem­den Bett­lers“ wird zum Spie­gel des Zeit­geists und der eige­nen Kul­tur. Wenn uns also das nächs­te Mal ein „unor­dent­li­cher Bett­ler“ vor dem Dis­coun­ter im Kopf oder Her­zen durch­ein­an­der bringt, ist es doch gut zu wis­sen, dass das oft mehr mit uns selbst und unse­ren Wert­vor­stel­lun­gen zu tun hat, als mit dem­je­ni­gen der uns in sei­ner Not um Hil­fe bit­tet.

Und wenn man den Wert einer Gesell­schaft wirk­li­ch dar­an erkennt, wie sie mit den schwächs­ten ihrer Glie­der ver­fährt (Gus­tav Hei­nemann), dann wird das Bet­tel­ri­tual zum mora­li­schen Kas­sen­sturz. In die­sem Sin­ne:

So long and thanks for all the fish.“ (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Zum Wei­ter­le­sen:

For­schungs­be­richt des Pro­jekts “Port GULLIVER – Süd­ost­eu­ro­päi­sche Elends­mi­gra­ti­on in Köln” (2013) in Zusam­men­ar­beit mit dem Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum e.V.

Mün­ch, Tho­mas und Hau­prich, Kai (2015). “Groun­ded Rese­ar­ch. For­schung als Inter­ven­ti­on”, in. L. Schmitz (Hg.) Arti­vis­mus. Kunst und Akti­on im All­tag der Stadt (S.123–142) Bie­le­feld: Tran­script.

Inter­views mit bet­teln­den Men­schen (Bet­tel­lob­by Wien)

Quel­len:

Mauss, Mar­cel (1968 zuer­st 1924). Die Gabe: Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Sim­mel, Georg (1908). Sozio­lo­gie: Unter­su­chun­gen über die For­men der Ver­ge­sell­schaf­tung. Leip­zig: Duncker & Hum­blot.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Steg­bau­er, Chris­ti­an (2010). Rezi­pro­zi­tät. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling, Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 113–122). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den: Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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