Gesellschaft – da machst du dir (k)ein Bild von!

Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wie die Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft oder auch die Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft beschäf­ti­gen sich teil­wei­se mit recht abs­trak­ten Begrif­fen, wie bei­spiels­wei­se „Gesell­schaft“ oder „sozia­ler Wirk­lich­keit“. Din­ge und Pro­zes­se, die wir irgend­wie jeden Tag erfah­ren, die aber doch häu­fig nur recht schwer oder unbe­frie­di­gend nüch­tern in Worte zu fas­sen sind. Als Hilfs­kon­struk­ti­on zur Beschrei­bung nut­zen die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – wie wir es im All­tag auch alle tun – aller­hand Bil­der, Meta­phern und Sprach­bil­der, denn

weil die Gesell­schaft als Ein­heit uner­reich­bar ist, kann deren Beschrei­bung nur eine ima­gi­nä­re sein.“ (Schlech­trie­men 2014: 26)

Und so beschreibt der Kul­tur­so­zio­lo­ge Tobi­as Schlech­trie­men den Men­schen als ein Wesen, das eben nicht nur vernunft- und sprach­be­gabt ist, son­dern als eines was „mit Bil­dern umgeht, was Bil­der pro­du­ziert, was in Bil­dern kom­mu­ni­ziert, was sich Bil­der von sich selbst, aber auch von der Welt macht.“

Des­halb ist es nicht ver­wun­der­li­ch, dass auch die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten aller­hand „Bil­der des Sozia­len“ zeich­nen, Ver­glei­che zu kon­kre­ten Din­gen des All­tags zie­hen und Meta­phern und ande­re sprach­li­che Bil­der auf­grei­fen, um ihre Gegen­stän­de qua­si „be-​greifbar“ zu machen. Wir erin­nern uns an die ver­schie­de­nen „Zwie­bel­mo­del­le“ in Sozio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie, an „Bedürf­nis­py­ra­mi­den“,  „Gärt­ner und Bildhauer“-Modelle in der Päd­ago­gik oder Meta­phern, wie der „Schwar­min­tel­li­genz“ zur Beschrei­bung sozia­ler Koope­ra­ti­ons­leis­tun­gen.

Die Zwiebel ist erstaunlicherweise ein häufig genutztes "Bild des Sozialen".

Die Zwie­bel ist erstaun­li­cher­wei­se ein häu­fig ver­wen­de­tes “Bild des Sozia­len”.

Auf­fäl­lig ist hier bestimmt auch, dass vie­le ein­fluss­rei­che „Grand Theo­ries“ oder berühm­te Theo­ri­en mitt­le­rer Reich­wei­te (vgl. Mer­ton 1968) mit sehr ein­präg­sa­men Bil­dern arbei­ten oder ihre zen­tra­len Ide­en in ein­drucks­vol­le Meta­phern klei­den. Man könn­te fast behaup­ten: je fass­ba­rer, all­täg­li­cher und ein­drück­li­cher das geis­tig gemal­te Bild, desto durch­set­zungs­fä­hi­ger das beschrie­be­ne Modell im wis­sen­schaft­li­chen und auch öffent­li­chen Dis­kurs.

Rudolf Schmitt (vgl. 2014: 5) nennt im sozio­lo­gi­schen Kon­text unter ande­rem das Bild der „Gesell­schaft als Orga­nis­mus“ (z.B. Durk­heim, Spen­cer, Luh­mann), „Gesell­schaft als Krieg/​Kampf“ (z.B. Marx, Hob­bes, Frank­fur­ter Schu­le) oder „Gesell­schaft als Spiel“ (z.B. Bour­dieu, Goff­mann). Als ein Bild, das in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit wie­der stär­ker „in Mode“ gekom­men ist, müss­te man hier sicher­li­ch die „Gesell­schaft als Netz­werk“ (z.B. Cas­tells, More­no, Whi­te) her­vor­he­ben. Die­se Ent­wick­lung hat mit Sicher­heit auch etwas mit den viel­fäl­ti­gen neu­en Mög­lich­kei­ten der Ver­net­zung über das Inter­net zu tun, denn auf­kom­men­de Gesell­schafts­bil­der sind stets eng mit kon­kre­ten kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen ver­bun­den.

Solan­ge es uns die­se Bil­der ermög­li­chen Erkennt­nis bes­ser mit­zu­tei­len und solan­ge wir uns der sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten (schär­fer noch: Inter­pre­ta­ti­ons­not­wen­dig­kei­ten) bewusst sind, scheint dies auch alles unpro­ble­ma­ti­sch zu sein. Manch­mal erzeu­gen gera­de die Kon­no­ta­tio­nen und Asso­zia­tio­nen, die die Bil­der in ande­ren wecken, ganz neue Erkennt­nis­se oder wer­fen inter­es­san­te Fra­gen auf: Wenn ich bei­spiels­wei­se „Gesell­schaft“ als ein „Spiel“ beschrei­be, gibt es dann nicht zwangs­läu­fig auch Regeln, die ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen? Wer ist im Spiel Schieds­rich­te­rIn? Spielt jeder allei­ne oder ist das Gan­ze ein Mann­schafts­sport? Wie viel Kon­takt ist erlaubt, das heißt wo beginnt das Foul und wie wird es geahn­det? Und wo sind eigent­li­ch die gan­zen Zuschaue­rIn­nen hin, wenn doch jeder spielt?

Am Tellerrand

In sei­ner meta­pher­ana­ly­ti­schen Arbeit „Bil­der des Sozia­len“ ver­gleicht Tobi­as Schlech­trie­men (2014) die Arbei­ten von Jacob More­no, Manu­el Cas­tells und Bru­no Latour, die alle­samt Gesell­schaft im Bild des „Netz­werks“ beschrei­ben. Schlech­trie­men zeigt hier anschau­li­ch wie eng Theo­rie­bil­dung mit Bil­dern, Meta­phern und Sprach­bil­dern ver­wo­ben ist. Lese­rIn­nen wird bei der Lek­tü­re jedoch sicher­li­ch auch schnell bewusst, dass die Bil­der und Meta­phern dem Den­ken hin und wie­der Schran­ken set­zen kön­nen, denn

die sozio­lo­gi­sche Theo­rie­bil­dung über die Bil­der des Sozia­len [ist] eng an die gesell­schaft­li­chen Erfah­run­gen einer Zeit gebun­den, die sich in die­sen Bil­dern arti­ku­liert.“ (Schlech­trie­men 2014: 33)

Und damit wird eben auch nichts erklärt, „was uns nicht ins Bild passt“. Wer sich Gesell­schaft bei­spiels­wei­se wie einen mensch­li­chen Orga­nis­mus vor­stellt, der ver­fügt zwar über ein ein­drucks­vol­les Bild, weil hier das „gro­ße Gan­ze“ (Makro) im „Klei­nen“ (Mikro) wider­ge­spie­gelt wird. Das Nach­den­ken über Gesell­schaft wird dadurch aber auch unwei­ger­li­ch „starr“, denn im gedach­ten „Gesell­schafts­or­ga­nis­mus“ oder „Volks­kör­per“ hat alles sei­nen Platz und sei­ne angeb­li­ch „natür­li­che“ Ord­nung. Der ima­gi­nier­te Orga­nis­mus ist außer­dem durch sei­ne Haut nach außen hin klar abge­grenzt (vgl. Schlech­trie­men 2014: 87). Dadurch wird in die­sem „Bild des Sozia­len“ alles Neue, jede Ver­än­de­rung und alles was von außen “ein­dringt”, unwei­ger­li­ch als bedroh­li­ch emp­fun­den. Wer sich umge­kehrt „Gesell­schaft als einen fort­wäh­ren­den Kampf“ vor­stellt, ver­bringt sein Leben immer im gefühl­ten sozia­len Kriegs­zu­stand – sicher­li­ch ein eben­so gefähr­li­ches, geis­ti­ges Gefäng­nis.

Ana­tol Ste­fa­no­wit­sch beschreibt dar­über hin­aus in sei­nem Sprach­log und bei sei­nen Vor­trä­gen anhand prak­ti­scher Bei­spie­le immer wie­der deut­li­ch und eben­so unter­halt­sam, wie Sprach­bil­der sozia­le Wirk­lich­keit auch schaf­fen und fal­sche „Bil­der­rah­men“ unser Den­ken und sozia­les Han­deln bei­zei­ten unbe­wusst und unge­wollt beein­flus­sen. Das fal­sch gewähl­te Sprach­bild kann uns eben auch schnell Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven „ent-​möglichen“, da es bestimm­te Wege nicht mehr auf­zeigt. Dies beginnt bei schrä­gen Bil­dern wie dem „Inter­net als einen Ort“ (Cyber­space) und reicht bis in kon­kre­te poli­ti­sche Debat­ten über „Flücht­lings­wel­len“ und „Gast­recht“ hin­ein.

Bilderrahmen und Sozialarbeit

Die Sozi­al­ar­beit als eine prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft ist eben­so wie die Erzie­hungs­wis­sen­schaft sicher­li­ch eine sehr bil­der­rei­che Dis­zi­plin. Umso erstaun­li­cher, dass es in der Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft – im Ver­gleich zu metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten – sel­te­ner zu tie­fer­ge­hen­den Dis­kur­sen über ver­wen­de­te Theo­rie­bil­der kommt.

Wer den falschen Bilderrahmen wählt, dem entgeht manchmal Wesentliches.

Wer den fal­schen Bil­der­rah­men wählt, dem ent­geht manch­mal das Wesent­li­che.

Zen­tra­le Sprach­bil­der in Bezug auf Fach­be­grif­fe wie „Adres­sa­tIn“, „Kli­en­tIn“ und „Kun­dIn“ sind hier sicher­li­ch aus­ge­nom­men. Sie wer­den zu Recht und auch immer wie­der (vgl. dazu auch HBS 1996) aus­führ­li­ch geführt.

Rudolf Schmitt unter­zog rund 80 Haus­ar­bei­ten von Sozi­al­ar­beits­stu­die­ren­den zum The­ma „Gesell­schaft“ einer Meta­pher­ana­ly­se und beschreibt wun­der­bar wel­che „Bil­der von Gesell­schaft“ sich die Stu­di­en­an­fän­ge­rIn­nen machen. Neben den Bil­dern von „Gesell­schaft als Behäl­ter“, „Gesell­schaft als Schich­tung“ und „Gesell­schaft als kau­sa­ler Kraft“, fin­det sich hier auch das Bild der „Gesell­schaft als eine elter­li­che Per­son“. Gera­de die bei­den letzt­ge­nann­ten las­sen schon erah­nen, wie uns (Sprach-) Meta­phern in der prak­ti­schen Arbeit auch schnell uner­wünsch­te glä­ser­ne Decken ein­zie­hen kön­nen. Denn wer sich Staat und Gesell­schaft als eine Vater– oder Mut­ter­fi­gur vor­stellt oder als eine unbeug­sa­me Kraft („Gesell­schafts­druck“), der läuft sicher­li­ch auch ein­mal Gefahr, sich gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen und Zusam­men­hän­gen ohne Wider­stand zu beu­gen, sie als unver­än­der­bar und not­wen­dig zu emp­fin­den und zu erdul­den. Bour­dieu beschrieb wun­der­bar in sei­ner “männ­li­chen Herr­schaft”, wie grau­sam es sein kann, dass “Papa” für sich in Anspruch nimmt immer Recht zu haben:

Das ‘Nein’ des Vaters braucht weder aus­ge­spro­chen noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. Es gibt für ein ver­nünf­ti­ges Wesen (‘Sei ver­nünf­tig’, ‘spä­ter wirst du das ver­ste­hen’) kei­ne ande­re Wahl, als sich umstands­los der höhe­ren Macht der Din­ge zu beu­gen. Das väter­li­che Wort ist in sei­ner mit­leid­lo­sen Für­sor­ge nie schreck­li­cher, als wenn es sich spon­tan in die Logik der pro­phy­lak­ti­schen Vor­aus­sa­ge ein­ord­net.” (Bour­dieu 2005: 126)

Was aus dem Kaffeefilter tröpfelt

… wenn man sich mit der genann­ten Lite­ra­tur (Schlech­trie­men 2014; Schmitt 2014, Ste­fa­no­wit­sch) befasst, ist sicher­li­ch ein stär­ke­res Bewusst­sein dafür, wie die „Bil­der des Sozia­len“ in All­tag, Wis­sen­schaft und auch sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis Ein­fluss auf unser Den­ken und Han­deln neh­men kön­nen. Wer in der prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft unre­flek­tiert die fal­schen „Bil­der­rah­men“ wählt, setzt dem Den­ken und Han­deln mit­un­ter unbe­wusst, ungüns­ti­ge oder viel­leicht auch gefähr­li­che Gren­zen. Neben metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten, die je nach Feld doch eine beträcht­li­che Domi­nanz in sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fach­dis­kur­sen gewin­nen kön­nen, wäre es manch­mal bestimmt genauso „ertrag­reich“ mehr Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­über zu füh­ren, mit wel­chen Bil­dern wir „Gesell­schaft“ und „sozia­le Wirk­lich­keit“ beschrei­ben. Dass die­se auch mal hef­tig wer­den kön­nen, ist bestimmt weder ver­wun­der­li­ch, noch muss es Schlim­mes bedeu­ten, solan­ge es denn kol­le­gi­al fair bleibt.

Denn wie wir von Bour­dieu bild­li­ch beschrie­ben wis­sen: „Sozio­lo­gie ist ein Kampf­sport!“

Fragt sich nur wel­cher.

Zum Wei­ter­le­sen:

Schlech­trie­men, Tobi­as (2014). Bil­der des Sozia­len. Das Netz­werk in der sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Pader­born: Wil­helm Fink Ver­lag.

Literatur:

Bour­dieu, Pier­re (2005). Die männ­li­che Herr­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Hans Böck­ler Stif­tung (1996). Vom „Kli­en­ten“ zum „Kun­den“. Die markt­wirt­schaft­li­che Qua­dra­tur des sozi­al­staat­li­chen Krei­ses. Ham­burg.

Mer­ton, Robert K. (1968). Soci­al theo­ry und soci­al struc­tu­re. New York: Free Press.

Schmitt, Rudolf (2014). Bil­der der Gesell­schaft von Stu­die­ren­den de Sozia­len Arbeit: Das Eltern-​Modell und ande­re Her­aus­for­de­run­gen für sozio­lo­gi­sches Wis­sen.

Autor:

Kai Hau­prich

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Ein Freund, ein guter Freund.

Der Men­sch ist ein sozia­les Wesen und von Zeit zu Zeit sind wir selbst­ver­ständ­li­ch auch auf die Unter­stüt­zung von Freun­dIn­nen oder Bekann­ten ange­wie­sen. Über unse­re Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen gelan­gen wir an wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen, sie hel­fen uns in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen, ver­mit­teln uns Ver­hal­tens­wei­sen und Kul­tur­tech­ni­ken, oder geben uns emo­tio­na­le Unter­stüt­zung und Rück­halt. Das Netz unse­rer Bezie­hun­gen zu Fami­lie, Freun­dIn­nen und Bekann­ten bil­det unser soge­nann­tes „Sozi­al­ka­pi­tal“. Dar­un­ter ver­steht der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pier­re Bour­dieu (von Hau­se aus Phi­lo­so­ph)

die Gesamt­heit der aktu­el­len und poten­ti­el­len Res­sour­cen, die mit dem Besitz eines dau­er­haf­ten Net­zes […] gegen­sei­ti­gen Ken­nens oder Aner­ken­nens ver­bun­den sind; oder, anders aus­ge­drückt, es han­delt sich dabei um Res­sour­cen, die auf der Zuge­hö­rig­keit zu einer Grup­pe beru­hen.“ (Bour­dieu 1992: 63)

Die­ses Bezie­hungs­netz­werk muss von uns aller­dings stets gepflegt wer­den, da es durch das Prin­zip der Gegen­sei­tig­keit (Rezi­pro­zi­tät) zusam­men­ge­hal­ten wird: Wer nach dem Mot­to lebt „Du hilfst mir und im Gegen­zug wird mir von dir gehol­fen (The Simpsons)“, von dem füh­len wir uns schnell aus­ge­nutzt. Und da unser aller Zeit begrenzt ist müs­sen wir – bewusst oder unbe­wusst – stets Ent­schei­dun­gen dar­über tref­fen, wel­che Bezie­hun­gen uns wich­tig sind; wel­che wir auf­recht­erhal­ten wol­len und wel­che wir „ein­schla­fen las­sen“. Wäh­rend eini­ge Men­schen lie­ber auf weni­ge, dafür aber enge Bezie­hun­gen zu Freun­dIn­nen zäh­len („Men­schen auf die man sich immer ver­las­sen kann“), ken­nen ande­re sprich­wört­li­ch “Gott und die Welt”; dafür aber eher ober­fläch­li­ch.

Ler­nen Ver­tre­te­rIn­nen die­ser bei­den Lebens­kon­zep­te sich neu ken­nen – viel­leicht bei der Umzugs­hil­fe eines gemein­sa­men Bekann­ten –, so kann es schon ein­mal zu hit­zi­gen Debat­ten dar­über kom­men, wel­che Bezie­hun­gen nun „wert­vol­ler“ sei­en. Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die in die­sem kri­ti­schen Moment nicht schnell genug hin­ter den Umzugs­kar­tons in Deckung gehen, wer­den kur­zer­hand – die Rück­wand eines Bil­ly Regals unter dem rech­ten Arm, das Trep­pen­haus hin­un­ter­pol­ternd – zu Schieds­rich­te­rIn­nen des Streit­ge­sprächs beru­fen. Wel­ches Bezie­hungs­kon­zept ist nun das bes­se­re? Aus Sicht der Wis­sen­schaft muss das Urteil natür­li­ch ein­mal mehr lau­ten: Es kommt ganz dar­auf an!

Gemein­sam durch dick und doof.

Der Wert enger Bezie­hun­gen – die Netz­werkana­ly­se spricht von „strong ties“ (vgl. Gra­no­vet­ter 1973) – liegt auf der Hand: sie sind ver­läss­li­ch, bestän­dig und belast­bar. Emo­tio­na­le Unter­stüt­zung erhal­ten wir typi­scher­wei­se von „guten“, „ech­ten“ Freun­dIn­nen oder Fami­li­en­mit­glie­dern. Mate­ri­el­le Unter­stüt­zung oder Hil­fe in beson­ders schwe­ren Lebens­la­gen kön­nen wir uns am ehes­ten von die­sen Bezie­hun­gen erhof­fen (vgl. Steg­bau­er 2010: 672). Auch die Ver­mitt­lung von kom­plex­em Wis­sen gelingt in vie­len Fäl­len bes­ser über strong ties (vgl. Ricken und Seidl 2010: 102). Das Pro­blem mit die­ser Art von Bezie­hung ken­nen wir alle nur zu gut aus dem All­tag: enge Bezie­hun­gen wol­len gepflegt wer­den, neh­men viel Zeit in Anspruch, for­dern viel Auf­merk­sam­keit (vgl. Jan­sen und Diaz-​Bone 2014: 75). Der Über­gang von einer star­ken in eine schwä­che­re Bezie­hung wird des­halb häu­fig ein­ge­lei­tet mit dem Satz: „Von dir hört man ja auch nichts mehr!“.

Hände

Sozi­al­ka­pi­tal und sozia­le Unter­stüt­zung: Was soll das nun ganz kon­kret sein? Ein Netz­werk aus star­ken und schwa­chen Bezie­hun­gen?

Eini­ge Schwä­chen oder nega­ti­ve Effek­te, die enge Bezie­hun­gen und Freund­schaf­ten mit sich brin­gen, lie­gen in der Art und Wei­se begrün­det, wie wir unse­re Freun­dIn­nen wäh­len. Häu­fig ten­die­ren wir dazu Men­schen, die uns ähn­li­ch sind oder die ähn­li­che Eigen­schaf­ten oder Ein­stel­lun­gen haben, beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den (vgl. Her­kner 1978; Frey 1997: 214ff) – die­sen Effekt bezeich­net man als Homo­phi­lie (vgl. Heid­ler 2010: 367). Im Volks­mund: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“ Im Umkehr­schluss beein­flus­sen unse­re Bezie­hun­gen zu bestimm­ten Men­schen auch unse­re eige­nen Ein­stel­lun­gen – je inten­si­ver die Bezie­hung desto stär­ker der sozia­le Ein­fluss (vgl. Osgood und Tan­nen­baum 1955). Die Kon­se­quenz: Ähn­li­che Men­schen fin­den sich häu­fi­ger zusam­men als unähn­li­che; je stär­ker die Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, desto homo­ge­ner wird die Grup­pe mit der Zeit. Aus­nah­men bestä­ti­gen wie so oft die Regel!

Grup­pen mit sehr engen Bezie­hun­gen ten­die­ren – so der worst case – jedoch auch zu soge­nann­ter sozia­ler Schlie­ßung d.h. “Nor­men und Iden­ti­tä­ten wer­den immer wie­der bestä­tigt. Abweich­ler und Neu­ar­ti­ges wer­den aus­ge­schlos­sen” (Jan­sen 2006: 107). Es kommt also zu homo­ge­nen Mei­nun­gen, Sicht- und Hand­lungs­wei­sen (vgl. Schei­deg­ger 2010: 149). In bestimm­ten „fest­ge­fah­re­nen“ Lebens­si­tua­tio­nen kann es des­halb – die „Nest­wär­me“ der eige­nen Grup­pe in allen Ehren – durch­aus sinn­voll sein, sich den Rat eines/​einer sprich­wört­li­ch „Außen­ste­hen­den“ ein­zu­ho­len, um alter­na­ti­ve Sicht­wei­sen ken­nen zu ler­nen.

Jeman­den ken­nen, der jeman­den kennt.

Der Nach­teil schwa­cher Bekannt­schaf­ten liegt im Umkehr­schluss auch nahe: sie sind wenig belast­bar, wenig bestän­dig, vie­les „kann man nicht ver­lan­gen“. Außer­dem kann die Annah­me von Unter­stüt­zung stets mit Scham, einem Unter­le­gen­heits­ge­fühl oder Ver­pflich­tun­gen zur Gegen­leis­tung ver­bun­den sein (vgl. Die­wald und Satt­ler 2010: 690) – und bei schwa­chen Bezie­hun­gen gilt das umso mehr.

Ander­seits haben die soge­nann­ten weak ties einen ganz beson­de­ren Char­me: Sie bau­en uns oft Brü­cken in sozia­le Krei­se und Lebens­wel­ten von denen wir son­st oft aus­ge­schlos­sen sind. Put­nam bezeich­net dies als Bridging Soci­al Capi­tal (vgl. Haug 2010: 248). Klas­si­sche Orte zum Brü­cken­bau: Sport­clubs, Schüt­zen­ver­ei­ne oder Glau­bens­ge­mein­schaf­ten! Über ein „gemein­sa­mes Drit­tes“ begeg­nen sich hier Men­schen, die son­st wohl eher unwahr­schein­li­ch in Kon­takt kämen.

Auf die­se Wei­se gelangt man an Infor­ma­tio­nen oder Hilfs­mög­lich­kei­ten, die son­st uner­reich­bar blie­ben – nicht zuletzt macht man hier neue, berei­chern­de Erfah­run­gen. Mark Gra­no­vet­ter (1973) konn­te in sei­ner berühm­ten Arbeit „The Streng­th of Weak Ties“ zei­gen, dass schwa­che Bezie­hun­gen z.B. bei der Job­su­che als Infor­ma­ti­ons­quel­le beson­ders nütz­li­ch sind. Und auch der ein oder ande­re Sport­ver­ein lebt ein Stück weit davon, dass hier Bekannt­schaf­ten zwi­schen Men­schen unter­schied­lichs­ter Her­kunft ent­ste­hen und sich so Exper­tIn­nen für alle Lebens­la­gen fin­den las­sen. Men­schen, die es schaf­fen (und aus­hal­ten) ver­schie­de­ne Grup­pen als Brü­cke zu ver­bin­den – soge­nann­te „bro­ker“ –, denen spricht die Netz­werkana­ly­se eine beson­ders gro­ße Inno­va­ti­ons­kraft zu:

Peop­le who­se net­works bridge the struc­tu­ral holes bet­ween groups have an advan­ta­ge in detec­ting and deve­lo­ping rewar­ding oppor­tu­nities. Infor­ma­ti­on arbi­tra­ge is their advan­ta­ge. They are able to see ear­ly, see more broad­ly, and trans­la­te infor­ma­ti­on across groups.” Burt (2004: 354)

Wem nun der Kopf raucht vor lau­ter sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Bezie­hungs­kal­kül, dem kann gera­ten wer­den noch die letz­ten Umzugs­kar­tons in den Sprin­ter zu laden und mit sei­nen neu­en Bekannt­schaf­ten etwas Küh­les trin­ken zu gehen. Denn zu sozia­ler Unter­stüt­zung zählt schein­bar auch ein­fach „Gesel­lig­keit inso­fern sie zu einer posi­ti­ven Gemüts­la­ge bei­trägt bzw. Spaß macht“ – so zumin­dest Die­wald und Satt­ler (2010: 691).

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Die­wald, Mar­tin und Satt­ler, Sebas­ti­an (2010). Sozia­le Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 689–699). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Frey, Die­t­er (1997). Sozi­al­psy­cho­lo­gie: Ein Hand­buch in Schlüs­sel­be­grif­fen. Wein­heim: Beltz.

Gra­no­vet­ter, Mark S. (1973). „The Streng­th of Weak Ties”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 78 (6), 1360–1380.

Jan­sen, Doro­thea und Diaz-​Bone, Rai­ner (2014). Netz­struk­tu­ren als sozia­les Kapi­tal. In: J. Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke: Kon­zep­te und Metho­den der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Netz­werk­for­schung (S. 71–104). Mün­chen: De Gruy­ter Olden­bourg.

Schei­deg­ger, Nico­li­ne (2010). Struk­tu­rel­le Löcher. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg.), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S.145–155), Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Quel­len:

Bour­dieu, Pier­re und Stein­rü­cke, Maga­re­ta (Hrsg.) (2005). Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht. Schrif­ten zu Poli­tik und Kul­tur. Ham­burg: VSA-​Verlag.

Burt, Ronald S. (2004). “Struc­tu­ral Holes and Good Ide­as”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 110 (2), 349–399.

Haug, Son­ja (2010). Sozia­le Netz­wer­ke und sozia­les Kapi­tal. Fak­to­ren für die struk­tu­rel­le Inte­gra­ti­on von Migran­ten in Deutsch­land. In: M. Gam­per und L. Reschke (Hrsg.), Kno­ten und Kan­ten: Sozia­le Netz­werkana­ly­se in Wirtschafts- und Migra­ti­ons­for­schung (S. 247–273). Bie­le­feld: Tran­script.

Heid­ler, Richard (2010). Zur Evo­lu­ti­on sozia­ler Netz­wer­ke. Theo­re­ti­sche Impli­ka­tio­nen einer akteurs­ba­sier­ten Metho­de. In: C. Steg­bau­er (Hg.), Netz­werkana­ly­se und Netz­werk­theo­rie: Ein neu­es Para­dig­ma in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten (S. 359–373). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Her­kner, Wer­ner (1978). Kon­takt, Sym­pa­thie und Ein­stel­lungs­ähn­lich­keit: Unter­su­chun­gen zur Balan­ce­theo­rie. Bern: H. Huber.

Jan­sen, Doro­thea (2006). Ein­füh­rung in die Netz­werkana­ly­se. Grund­la­gen, Metho­den, For­schungs­bei­spie­le. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Osgood, Charles und Tan­nen­baum, Per­cy (1955). “The Prin­ci­ple of congrui­ty in the pre­dic­tion of atti­tu­de chan­ge”, Psy­cho­lo­gi­cal Review, 62 (1), 42–55.

Ricken, Boris und Seidl, David (2010). Unsicht­ba­re Netz­wer­ke: Wie sich die sozia­le Netz­werkana­ly­se für Unter­neh­men nut­zen lässt. Wies­ba­den: Gab­ler.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Autor:

Kai Hau­prich

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Internet – Great Equalizer oder digitale Exklusionsmaschine?

Die Wur­zeln des Inter­nets rei­chen bekannt­li­ch weit zurück bis in die 1950er Jah­re. Die Arbei­ten der ARPA (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jekt Agen­cy), die als Fol­ge des Sput­nik­schocks vom US Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ins Leben geru­fen wur­de, leg­te den Grund­stein für die Tech­no­lo­gi­en des Inter­nets, wie wir es heu­te ken­nen – so die klas­si­sche Erzähl­wei­se (vgl. Blei­cher 2010). In Wirk­lich­keit war es wohl etwas leben­di­ger und ver­wor­re­ner. Wer sich für die­se Epo­che der Inter­net­ge­schich­te inter­es­siert, dem sei das Buch „ARPA Kada­b­ra“ ans digi­ta­le Herz gelegt (Haf­ner und Lyon 2000).

Der Per­so­nal Com­pu­ter war aber noch lan­ge nur ein from­mer Wunsch. Die frü­hen Inter­net­tech­no­lo­gi­en und Groß­re­chen­ma­schi­nen stan­den nur ein paar weni­gen Aus­er­wähl­ten zur Ver­fü­gung. Heu­ti­ge Tech­no­lo­gie­gi­gan­ten wie IBM, App­le, Micro­soft und noch vie­le wei­te­re trie­ben die Ent­wick­lung der Rechen­ma­schi­nen vor­an ­– die Visi­on „Ein Com­pu­ter auf jedem Schreib­ti­sch“, die in den 90ern noch grö­ßen­wahn­sin­nig klang, ringt der Gene­ra­ti­on Y heu­te nur noch ein müdes Lächeln ab – “wie süß”! Wer den küh­nen Ver­su­ch wagen möch­te die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen und des Inter­nets lücken­los zu erzäh­len, der soll­te zuvor eini­ge Meter Regal­wand auf­sto­cken. Doch Blei­cher (2010) nimmt inter­es­sier­te Ein­stei­ge­rIn­nen auch schon über 100 Sei­ten mit auf einen span­nen­den Schweins­ga­lopp durch die Netz­his­to­rie! Die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen wird aus­führ­li­ch und detail­ver­liebt von Lip­pe (2013) erzählt. Wir neh­men hier eine Abkür­zung: Ent­wick­lun­gen wie die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge (HTML) von Tim Berners-​Lee (vgl. Blei­cher 2010), Web­brow­ser wie Net­scape und der Inter­net Explo­r­er, fal­len­de Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und immer schnel­le­re Ver­bin­dun­gen (vgl. Rich­ter und Koch 2007) führ­ten spä­tes­tens in den 1990er Jah­ren dazu, dass das Inter­net mas­sen­kom­pa­ti­bel wur­de und für den pri­va­ten Gebrauch nun auch sinn­voll nutz­bar war.

Im Jah­re 1987 über­stieg die Anzahl der Hosts (Com­pu­ter­sys­te­me mit regis­trier­ter IP-​Adresse) zum ers­ten Mal die 10.000er Mar­ke; nur fünf Jah­re spä­ter waren es bereits eine Mil­lion Hosts. Wer die ARD/​ZDF Online­stu­die mit­ver­folgt (eine seit 1997 fort­lau­fen­de, reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung zur Inter­net­nut­zung der Deut­schen), dem wird nicht ent­gan­gen sein, dass in der Grup­pe der unter 20-​Jährigen seit dem Jahr 2010 100 Pro­zent der Deut­schen online sind. Ach­sel­zu­cken bei Kids der Netflix- und Snapchat-​Ära, doch wer in den 90ern puber­tier­te, der mus­s­te noch lan­ge, hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Eltern füh­ren, ob man „die­ses Inter­net von dem jetzt alle reden“ wirk­li­ch auch Zuhau­se braucht. Für vie­le Eltern war klar: „Geld- und Zeit­ver­schwen­dung. Die­ses Inter­net wird sich nicht durch­set­zen!“ Der digi­ta­le Kampf der Kul­tu­ren im Kin­der­zim­mer wur­de aus­ge­tra­gen zwi­schen den soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves und den Digi­tal Immi­grants. Die­ses Begriffs­paar wur­de berühmt durch John Per­ry Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space, in der es unter ande­rem heißt:

You are ter­ri­fied of your own child­ren, sin­ce they are nati­ves in a world whe­re you will always be immi­grants.“

Bar­low beschreibt (auch mit einem Augen­zwin­kern) ein Phä­no­men, das die Inter­net­for­schung – eine Wis­sen­schaft in den Kin­der­schu­hen – umtreibt: Nicht alle Men­schen nut­zen das Inter­net und schon gar nicht in glei­cher Wei­se. Nicht alle kön­nen von den, durch Netz­ve­te­ra­nen oft pro­pa­gier­ten, Chan­cen die­ser revo­lu­tio­nä­ren Tech­no­lo­gie in glei­cher Wei­se pro­fi­tie­ren. Die Inter­net­for­schung spricht vom Digi­tal Divi­de, also der digi­ta­len Spal­tung.

Jeder kann vom Inter­net pro­fi­tie­ren! Solan­ge man mit­bringt was es braucht.

Schät­zungs­wei­se drei Mil­li­ar­den Men­schen haben weltweit Zugang zu Inter­net. Das klingt im Kon­trast zu den ein­gangs erwähn­ten Nut­zer­zah­len der 90er exor­bi­tant. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass dies nicht ein­mal der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung ent­spricht, wäre es ver­mes­sen von einem digi­ta­len Glo­bus oder einem „Glo­bal Vil­la­ge“ (McLu­han) zu spre­chen. Von den unter­schied­li­chen Band­brei­ten soll hier noch gar kei­ne Rede sein. Wer aber erle­ben möch­te wie sich die eige­nen Inter­net­ge­wohn­hei­ten in Tei­len der Welt anfüh­len, in denen es bis jetzt nur lang­sa­me Ver­bin­dun­gen gibt, dem ist die­se Simu­la­ti­on zu emp­feh­len.

Für Deut­sche ist das Inter­net mitt­ler­wei­le wohl schon ubi­qui­tär. Vor 15 Jah­ren hör­te man noch hin und wie­der die Fra­ge „Hast du eigent­li­ch eine eMail Adres­se?“. Heut­zu­ta­ge kann man doch hin­ge­gen schon davon aus­ge­hen, dass das Gegen­über sich in min­des­tens drei ver­schie­de­nen sozia­len Netz­wer­ken sou­ve­r­än bewegt, rich­tig? Ein zwei­ter Bli­ck in die ARD/​ZDF Online­stu­die zeigt jedoch: nur die Hälf­te der deut­schen Rent­ne­rIn­nen und nicht Berufs­tä­ti­gen nutzt zumin­dest gele­gent­li­ch das Inter­net. Das Ste­reo­typ der jun­gen, tech­ni­kaf­fi­nen Digi­tal Nati­ves und der lebens­er­fah­re­nen, inter­ne­ta­ver­si­ven Digi­tal Immi­grants scheint auch 2015 noch in Ansät­zen zu stim­men. Tat­säch­li­ch ist die­se dicho­to­me Typo­lo­gie selbst­ver­ständ­li­ch völ­lig unter­kom­plex. Nicht jeder Jugend­li­che ist den digi­ta­len Medi­en ver­fal­len und „dad­delt“ pau­sen­los auf sei­nem Smart­pho­ne rum; nicht alle Senio­rIn­nen sind unwil­lig oder unfä­hig zu sky­pen oder Spo­ti­fy zu nut­zen. Es wäre des­halb wohl auch tref­fen­der, wie Whi­te und Le Cor­nu es tun, von “Digi­tal Resi­dents” und “Digi­tal Visi­tors” zu spre­chen und das unter­schied­li­che Nut­zungs­ver­hal­ten in den Fokus der Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Nut­zer­grup­pen zu rücken.

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Eine jun­ge Blog­ge­rin beklagt den “Recep­ti­on Divi­de”.

Wer schon in den Genuss einer bezahl­ba­ren und schnel­len Inter­net­ver­bin­dung kommt, der pro­fi­tiert von den Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung jedoch nur bedingt, wenn er nicht auch bestimm­te Vor­kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten im Umgang mit digi­ta­len Medi­en mit­bringt. Kim und Kim (2001) spre­chen neben dem „Oppor­tu­ni­ty Divi­de“ (also dem rei­nen Zugang zum Inter­net) des­halb von „Uti­liza­t­i­on Divi­de“ und „Recep­ti­on Divi­de“. Use­rIn­nen müs­sen also auch über ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen, Software- und Hard­ware­kennt­nis­se sowie die Fähig­keit ver­fü­gen, Infor­ma­ti­ons­quel­len rich­tig zu bewer­ten. Sie müs­sen Erfah­run­gen sam­meln und so etwas wie eine „Intui­ti­on“ in Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln.

Es zeigt sich also hier ganz deut­li­ch: von einem Inter­net von dem alle Men­schen in glei­chem Maße pro­fi­tie­ren, sind wir noch weit ent­fernt.

Alle sind hier gleich! Aber man­che sind eben glei­cher.

Mit dem Inter­net war seit jeher auch die Vor­stel­lung von digi­ta­ler Frei­heit, Gleich­heit und neu­en basis­de­mo­kra­ti­schen Chan­cen ver­bun­den. Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung liest sich fei­er­li­ch und ist des­halb zu einem Teil Inter­net­pro­gram­ma­tik gewor­den. Das Inter­net soll sozia­le Ungleich­heits­me­cha­nis­men auf­he­ben z.B. durch das zur Ver­fü­gung stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen für alle – so die hoff­nungs­vol­le Ide­al­vor­stel­lung. Marr und Zil­li­en (2012: 258) beschrei­ben:

[…] größ­te Eupho­rie lös­te in die­sem Zusam­men­hang aller­dings ohne Zwei­fel das Inter­net aus, das nicht nur als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft […] son­dern gleich­zei­tig als ‚the great equa­li­zer‘ […] des neu­en digi­ta­len Zeit­al­ters begrüßt und gefei­ert wur­de.“

Abge­lei­tet wur­den die­se Poten­zia­le von der tech­ni­schen Beschaf­fen­heit des Inter­nets, das durch eine prin­zi­pi­el­le Gleich­stel­lung aller Nut­ze­rIn­nen qua­si einen „vor­po­li­ti­schen, nicht­hi­er­ar­chi­schen und nicht exper­to­kra­ti­schen Mei­nungs­aus­tau­sch“ ermög­li­chen soll­te (Steg­bau­er 2006: 95). Alle Infor­ma­tio­nen müs­sen völ­lig frei zur Ver­fü­gung ste­hen – so noch heu­te die gut gemein­te For­de­rung eini­ger Prot­ago­nis­tIn­nen der Netz­ge­sell­schaft und Inter­net­ak­ti­vis­tIn­nen für eine gerech­te­re Gesell­schaft.

Doch schon 1970 – also noch lan­ge vor der Geburt des World Wide Web – stell­te eine Grup­pe von For­sche­rIn­nen eine Behaup­tung in Bezug auf Mas­sen­me­di­en und Bil­dung auf, die bis heu­te in der Wis­sen­schaft heiß dis­ku­tiert wird:

Wenn der Infor­ma­ti­ons­fluss von den Mas­sen­me­di­en in ein Sozi­al­sys­tem wächst, ten­die­ren die Bevöl­ke­rungs­seg­men­te mit höhe­rem sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus und/​oder höhe­rer for­ma­ler Bil­dung zu einer rasche­ren Aneig­nung die­ser Infor­ma­ti­on als die status- und bil­dungs­nied­ri­ge­ren Seg­men­te, so dass die Wis­sens­kluft zwi­schen die­sen Seg­men­ten ten­den­zi­ell zu- statt abnimmt.“ (Tichen­or et al. 1970)

Das freie Zur­ver­fü­gung­stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen soll also eben gera­de nicht dazu füh­ren, dass alle Men­schen auf ein gleich hohes Maß an Bil­dung geho­ben wer­den. Viel­mehr schei­nen ohne­hin schon „infor­ma­ti­ons­rei­che“ Bevöl­ke­rungs­grup­pen dazu zu nei­gen sich Wis­sen schnel­ler anzu­eig­nen, als jene Grup­pen die bereits vor­her benach­tei­ligt waren. Im Kern han­delt es sich bei der soge­nann­ten Wis­sens­kluft­hy­po­the­se um den Mat­thäu­s­ef­fekts, der Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Ungleich­heits­for­sche­rIn­nen immer wie­der in ver­schie­de­nen Gewän­dern vor die Augen tritt:

Denn wer da hat, dem wird gege­ben, dass er die Fül­le habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genom­men, was er hat.“– Mt 25,29 LUT

Jeder darf hier spre­chen! Aber halt nicht alle.

Auch das Ide­al der frei­en und offe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der alle zu Wort kom­men kön­nen, scheint sich im Netz bei wei­tem nicht zu rea­li­sie­ren. In Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space wird der digi­ta­le Anspruch wie folgt umschrie­ben:

Wir erschaf­fen eine Welt, in der jeder Ein­zel­ne an jedem Ort sei­ne oder ihre Über­zeu­gun­gen aus­drü­cken darf, wie indi­vi­du­ell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schwei­gen der Kon­for­mi­tät auf­ge­hen zu müs­sen.“

Doch bereits Jakob Niel­sens berühm­te 90:9:1 Regel besagt, dass im Inter­net nur 1 Pro­zent der Use­rIn­nen eige­ne Inhal­te erstellt und sich nur wei­te­re 9 Pro­zent aktiv an Bei­trä­gen und Dis­kus­sio­nen betei­li­gen. Der über­wie­gen­de Teil (für Niel­sen sind es 90 Pro­zent) der Use­rIn­nen kommt nicht zu Wort oder möch­te nicht zu Wort kom­men. Die­ser Hypo­the­se könn­te man eine feh­len­de empi­ri­sche Basis vor­wer­fen – d’accord! Jedoch beschreibt Steg­bau­er (2006) auf empi­ri­scher Basis für Mai­ling­lis­ten, Dis­kus­si­ons­fo­ren und ande­re vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten ähn­li­che Ungleich­hei­ten in Bezug auf die Dis­kus­si­ons­be­tei­li­gung. Er nutzt dazu struk­tu­ra­lis­ti­sche und netz­werkana­ly­ti­sche Metho­den. Die digi­ta­le schwei­gen­de Mehr­heit (Lur­ker genannt) erfüllt aller­dings auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Grup­pe: ohne das Zuhö­ren und das Reden-​lassen wären Dis­kus­sio­nen grö­ße­rer Com­mu­nities über­haupt nicht mög­li­ch (vgl. Steg­bau­er 2006).

Klassisches Kommunikationsnetzwerk: eher framentierte Diskussionskreise als Schwarmintelligenz

Ein klas­si­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk auf Twit­ter: eher frag­men­tier­te Dis­kus­si­ons­krei­se rund um Netz­prot­ago­nis­tIn­nen als “Schwar­min­tel­li­genz” und ega­li­tä­re Dis­kur­se [erstellt mir NodeXL]

Mit­hil­fe der Soft­ware NodeXL las­sen sich Twit­ter Dis­kus­sio­nen schnell und leicht netz­werkana­ly­ti­sch unter­su­chen. Auch hier zeigt sich: Es dis­ku­tiert in der Regel kein intel­li­gen­ter Schwarm mit­tels eines basis­de­mo­kra­ti­schen Medi­ums in einem digi­ta­len Raum der fla­chen Hier­ar­chien. Viel­mehr twit­tern in aller Regel frag­men­tier­te Gesprächs­krei­se rund um eini­ge Wort­füh­rer. Über­all dort wo “Wölk­chen” zu sehen sind, hören meh­re­re Per­so­nen einem ein­zel­nen Men­schen via Twit­ter zu. Dass Netz­prot­ago­nis­tIn­nen dann von anre­gen­den und viel­fäl­ti­gen Dis­kus­sio­nen im welt­wei­ten Netz schwär­men (kön­nen), liegt auf der Hand. Dass alle zu Wort kom­men (kön­nen) darf ange­zwei­felt wer­den.

Wen küm­mert die Spie­le­rei?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet mit gro­ßen Schrit­ten vor­an. Beim Inter­net han­delt es sich schon lan­ge nicht mehr

um ein irgend­wie eso­te­ri­sches Phä­no­men einer klei­nen Klas­se tech­no­phi­ler Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten oder netz­ni­schen­nut­zen­der Jugend­li­cher.“ (Mün­ker 2012: 47).

Mit dem mobi­len Inter­net und dem Inter­net der Din­ge (Inter­net of Things) steht bereits die nächs­te gro­ße Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on an unse­rer gesell­schaft­li­chen Tür­schwel­le. Und selbst Ange­la Mer­kel, für die das Inter­net noch vor kur­zem #Neu­land war, spricht in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che 2015 von der

digitale[n] Revo­lu­ti­on, die unser Leben fun­da­men­tal ver­än­dert […]“ (Ange­la Mer­kel)

Eine gute Inter­net­ver­bin­dung und die Mög­lich­keit ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen erwer­ben zu kön­nen, wer­den in der digi­ta­len Gesell­schaft zu not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der sozia­len Teil­ha­be. Hen­ke et al. (2012) the­ma­ti­sie­ren im „Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung“ des­halb völ­lig zurecht die Fra­ge einer mög­li­chen e-​Exclusion. In Est­land ist der Zugang zum Inter­net fol­ge­rich­tig bereits zum Grund­recht gewor­den.

Zwei neue Formen gesellschaftlicher Exklusion in der digitalen Gesellschaft?

Zwei neue For­men gesell­schaft­li­cher Exklu­si­on in der digi­ta­len Gesell­schaft?

Mit die­sem Bei­trag soll kei­nes­wegs der Ver­su­ch unter­nom­men wer­den den “Digi­tal Resi­dents” die unglaub­li­chen Poten­tia­le und Chan­cen des Inter­nets und der Digi­ta­li­sie­rung madig zu machen. Wer einen Blog schreibt (oder auch liest), der ist von den Vor­zü­gen neu­er Informations- und tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en doch wohl bereits über­zeugt. Doch sie hier noch ein­mal man­t­ra­ar­tig her­un­ter­zu­be­ten wäre fol­ge­rich­tig nichts wei­ter als ein „pre­aching to the con­ver­ted“.

Dass das Inter­net bereits frei, offen und basis­de­mo­kra­ti­sch sei und dass es Ungleich­heits­pro­zes­se allei­ne durch sei­ne tech­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten aus­he­belt, ist bis­her eine empi­ri­sch nicht beleg­ba­re Ide­al­vor­stel­lung. So schön die Idee auch sein mag, um sie „gerin­nen zu las­sen“ also wahr zu machen (und das soll­ten wir tun!), bedarf es viel Arbeit und einer ste­ti­gen kri­ti­schen Refle­xi­on des sta­tus quo.

Wor­an es in Deutsch­land – so mein Erle­ben – zum Teil noch fehlt, ist unter ande­rem die Ein­sicht eini­ger “Digi­tal Visi­tors”, dass es sich beim Inter­net nicht mehr um ein Nice-​to-​Have oder schmü­cken­des Bei­werk han­delt: Es ist schon längst fes­ter Bestand­teil sozia­ler Wirk­lich­keit und viel­leicht wird es ja sogar tat­säch­li­ch eine Art gesell­schaft­li­ches Betriebs­sys­tem.

Zum Wei­ter­le­sen und anschau­en:

Mey­en, Micha­el, Duden­höf­fer, Kath­rin, Huss, Julia, Pfaff-​Rüdiger, Sen­ta (2009). “Zuhau­se im Netz: Eine qua­li­ta­ti­ve Stu­die zu Mus­tern und Moti­ven der Inter­net­nut­zung”, Publi­zis­tik, 54, 513–53.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Rau­sch, Alex­an­der (2006). Struk­tu­ra­lis­ti­sche Inter­net­for­schung. Netz­werkana­ly­sen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2009). Digi­ta­le Ungleich­heit. Neue Tech­no­lo­gi­en und alte Ungleich­hei­ten in der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2015). Ungleich­heit der Inter­net­nut­zung (Vor­trag). Col­lo­qui­um Fun­da­men­ta­le. Karls­ru­he: YouTube Video.

Quel­len:

Blei­cher, Joan Kris­tin (2010). Inter­net. Kon­stanz: UTB Ver­lag.

Haf­ner, Katie und Lyon, Mat­t­hew (2000). ARPA Kada­b­ra. Oder die Geschich­te des Inter­net. Whe­re wizards stay up late. Hei­del­berg: dpunkt-​Verlag.

Hen­ke, Ursu­la; Hus­ter, Ernst-​Ulrich und Mogge-​Grotjahn, Hil­de­gard (2012). E-​exclusion oder E-​inclusion? In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 548–567). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Kim, Mun-​Cho und Kim, Jong-​Kil (2001). „Digi­tal Divi­de. Con­cep­tual Dis­cus­sions and Pro­s­pect”, The Human Socie­ty and the Inter­net, 78–91.

Lip­pe, Wolfram-​M. (2013). Die Geschich­te der Rechen­au­to­ma­ten. Von mecha­ni­schen Chif­frier­ge­rä­ten bis zu den ers­ten pro­gram­mier­ba­ren Rech­nern. Berlin/​Heidelberg: Sprin­ger View­eg.

Marr, Mir­ko und Zil­li­en, Nicole (2012). Digi­ta­le Spal­tung. In: W. Schwei­ger und K. Beck (Hrsg.), Hand­buch Online­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 257–282). Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Mün­ker, Ste­fan (2012). Die sozia­len Medi­en des Web 2.0. In: D. Miche­lis (Hg.), Social-​Media-​Handbuch: Theo­ri­en, Metho­den, Model­le und Pra­xis (S.45–55). Baden-​Baden: Nomos Ver­lag.

Rich­ter, Alex­an­der und Koch, Micha­el (2007). Soci­al Soft­ware: Sta­tus quo und Zukunft. Mün­chen.

Tichen­or, P.J.; Dono­hue, G.A. und Oli­en, C.N. (1970). “Mass Media Flow and Dif­fe­ren­ti­al Grow­th in Know­led­ge”, Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 34 (2), 159–170.

Autor:

Kai Hau­prich

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Zeig‘ mir deine Follower und ich sag dir, wer du bist

Der Umgang, den wir pfle­gen, sagt viel über uns selbst aus. Wir nei­gen dazu, Kon­takt zu Men­schen auf­zu­neh­men, die uns ähn­li­ch sind ­­– Sozi­al­psy­cho­lo­gIn­nen spre­chen von Homo­phi­lie – und las­sen uns im Umkehr­schluss natür­li­ch auch von Per­so­nen beein­flus­sen, die uns nahe ste­hen – Bis hier­hin: Bin­sen­weis­heit. Fritz Hei­der (1946) beschrieb in sei­ner Balan­ce­theo­rie (zuge­ge­ben noch recht rudi­men­tär – aber doch ein guter Ein­stieg) bereits Mit­te der 1940er Jah­re einen sol­chen Zusam­men­hang zwi­schen unse­ren Ein­stel­lun­gen und den Bezie­hun­gen zu Mit­men­schen.

In Zei­ten, in denen der Umgang mit Soci­al Media Platt­for­men wie Face­book, Ins­ta­gram oder auch Twit­ter zu unse­rem all­täg­li­chen Stan­dard­re­per­toire des Sozia­len gehört, wird uns „der Umgang den wir pfle­gen“ so plas­ti­sch wie noch nie vor Augen gestellt: Sven schreibt dir über Whats­app, Sabi­ne kom­men­tiert dei­nen Bei­trag auf Ins­ta­gram, Micha­el hat dich auf einem Foto mar­kiert und @Thomas folgt dir jetzt auf Twit­ter! In wel­chem Ver­hält­nis unse­re digi­ta­len Bezie­hun­gen nun zu unse­ren Freun­den und Bekannt­schaf­ten im Real-​Life ste­hen (Reiz­wort: „Face­book­freun­de“) steht auf einem ande­ren Blatt und darf (soll­te!) ger­ne kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­den. Aus empi­ri­sch sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve han­delt es sich doch nüch­tern betrach­tet zunächst mal um gut doku­men­tier­te – weil en pas­sant ent­stan­de­ne – Daten über das sozia­le Sys­tem der betref­fen­den Per­son. Im öffent­li­chen Dis­kurs fällt der Fokus der Debat­ten um sol­che Daten sehr schnell auf jene, die von Pri­vat­un­ter­neh­men oder auch Geheim­diens­ten im Hin­ter­grund erho­ben und aus­ge­wer­tet wer­den könn­ten und wohl auch wer­den. Die­se Debat­ten sind unge­mein wich­tig und müs­sen auch geführt wer­den! Es gibt da aber noch eine ande­re Form von Daten, über die in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und poli­ti­schen Dis­kur­sen sel­te­ner gespro­chen wird:

Auf vie­len Soci­al Media Platt­for­men (und beson­ders auf Twit­ter) fal­len fort­wäh­rend Infor­ma­tio­nen und Daten über Nut­ze­rIn­nen an, die noch zunächst kei­ne beson­de­re Aus­sa­ge­kraft haben, weil sie recht frag­men­tiert (also in klei­nen Tei­len) und chao­ti­sch vor­lie­gen. Es fehlt der Über­bli­ck! Die­sen Daten wird von den meis­ten Usern des­halb auch kei­ne wei­te­re Beach­tung geschenkt: ein Like hier, ein Favo­rit dort, noch schnell ein Ret­weet und ab heu­te fol­ge ich @MaxMustermann – wen kümmert’s? Sam­melt bzw. aggre­giert – Sozi­al­wis­sen­schaft­ler­sprech – man die­se Infor­ma­tio­nen aber und stellt sie gra­phi­sch dar, kann man sehr viel über einen Men­schen ler­nen.

Etwas kon­kre­ter: Mit kos­ten­lo­ser Soft­ware wie NodeXL (eine Erwei­te­rung für Excel – für Netz­werkana­ly­ti­ker emp­feh­lens­wert!) ist es mög­li­ch, ego­zen­trier­te Follower-​Netzwerke von Twit­ter zu erhe­ben. Heißt jetzt was? Es ist mög­li­ch, eine Lis­te der Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt her­un­ter­zu­la­den. Im nächs­ten Schritt lässt sich ermit­teln, wer im Krei­se die­ser User, wem der ande­ren auf Twit­ter folgt. Die­ses Bezie­hungs­cha­os wird in einem nächs­ten Schritt z.B. mit der Open Sour­ce Soft­ware Gephi geord­net und dar­ge­stellt. Dazu wer­den Grup­pen (soge­nann­te „Modu­la­ri­ty Clas­ses“) errech­net von Per­so­nen, die unter­ein­an­der stark ver­bun­den sind – sozu­sa­gen Cli­quen. Was hier recht tri­vi­al klingt, erzeugt zum Teil erschre­ckend exak­te Bil­der bzw. Pro­fi­le eines Users. Ord­net man das Bezie­hungs­ge­wirr gra­phi­sch mit ent­spre­chen­den Algo­rith­men (soge­nann­te „Spring Embed­der“) und schaut sich die ent­ste­hen­den Grup­pen unter der Fra­ge­stel­lung an “Was haben die­se Per­so­nen gemein­sam?”, lässt sich schnell able­sen, mit wem man es da zu tun hat. Bei­spiel gefäl­lig?

Kai Follower Network

Twit­ter Follow-​Netzwerk: Die­ser Nut­zer inter­es­siert sich schein­bar für Sozi­al­wis­sen­schaft (grün), Digitalisierung/​Internet (blau/​gelb) und kommt aus Düs­sel­dorf (rosa). Guess who?

Mir geht es hier, ganz aus­drück­li­ch nicht, um den schon infla­tio­när ver­wen­de­ten und recht unkon­kre­ten Mode-​Begriff der „Big Data“. Auch geht es mir nicht um den Leit­spruch „Pass bloß auf was du pos­test!“. Ich spre­che von den Daten, die bei der Nut­zung von Soci­al Media unwei­ger­li­ch anfal­len und von jeder­mann gesam­melt und ana­ly­siert wer­den kön­nen. Für sich genom­men sind das in der Regel harm­lo­se und tri­via­le Infos. Bün­delt man sie aber mit ein­fa­chen Metho­den, bekom­men sie eine ganz neue Qua­li­tät (Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen wür­den viel­leicht von Emer­genz spre­chen).

Aus einer rein sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve drän­gen sich mir immer wie­der zwei Fra­gen auf:

  1. Was lässt sich aus den Daten able­sen und wie kann ich es kon­struk­tiv und für gute (!) Zwecke nut­zen?
  2. Wel­che Daten darf ich aus dem Blick­win­kel der Wis­sen­schafts­ethik über­haupt erhe­ben, aus­wer­ten und vor allem wo und wie publi­zie­ren?

Zur ers­ten Fra­ge habe ich im Aus­tau­sch mit ande­ren Netz­werkana­ly­ti­ke­rIn­nen und Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen jeden Tag neue Idee, wie man die­se Daten struk­tu­rie­ren könn­te und was sich dar­aus epis­te­mio­lo­gi­sch (erkennt­nis­ge­win­nend) ablei­ten lie­ße. Mein Favo­rit: Man erhe­be auf beschrie­be­ne Wei­se ein Netz­werk, aller Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt, und ein wei­te­res Netz­werk der Per­so­nen, die wie­der­um ihm fol­gen. Dar­an lässt sich able­sen, woher @maxmustermann sei­ne Infor­ma­tio­nen bezieht, an wem er sich inhalt­li­ch ori­en­tiert und wen er unter­stützt. Letz­te­res Netz­werk zeigt, wie er auf ande­re Men­schen wirkt, wen er anzieht und in wel­chen Krei­sen er Ein­fluss hat.

Die, wie ich fin­de, kniff­li­ge­re Fra­ge ist aber doch Fol­gen­de: An wel­chen Daten darf ich mich über­haupt unge­fragt bedie­nen und was darf ich davon öffent­li­ch machen? Man könn­te sich zwar (von naiv bis dreist) auf den Stand­punkt stel­len, alle Daten sei­en ja ohne­hin frei von der betref­fen­den Per­son im Netz zur Ver­fü­gung gestellt wor­den und des­halb kön­ne man sich bedie­nen – man habe ja rein wis­sen­schaft­li­che Inter­es­sen. Dage­gen hal­te ich aber, dass die meis­ten Nut­ze­rIn­nen die vor­ge­stell­ten Mög­lich­kei­ten über­haupt nicht ken­nen und sich ver­mut­li­ch anders im Web “beneh­men” wür­den, wenn man ihnen die Ergeb­nis­se zeigt. Noch schär­fer: Darf ich mei­ne Ana­ly­sen öffent­li­ch machen? Einer­seits zeigt man nichts, was nicht für jeder­mann theo­re­ti­sch recher­chier­bar wäre (bei Twit­ter ist es für jeder­mann mög­li­ch ein­zu­se­hen wem @maxmustermann folgt). Ich hal­te aber hier dage­gen, dass die Dar­stel­lung der Daten der­ma­ßen kon­zen­triert ist, dass ihre Ver­öf­fent­li­chung der Zustim­mung bedarf, wenn es sich um Ein­zel­per­so­nen han­delt. Denn die­se Ana­ly­sen kön­nen kon­kre­te (nega­ti­ve) Aus­wir­kun­gen auf das Leben die­ser Per­so­nen haben – sie sind sehr aus­sa­ge­kräf­tig. Wenn man sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Lai­en ein sol­ches Netz­werk zeigt, erfas­sen nahe­zu alle sehr intui­tiv, in wel­chen Krei­sen sich die unter­such­ten Per­so­nen bewe­gen und was das über sie sagt. Ich erin­ne­re hier nur an die Debat­te um goo­gle street view! Natür­li­ch wäre es auch theo­re­ti­sch mög­li­ch, dass ich mir mal anschaue, wo mei­ne Kol­le­gIn­nen woh­nen – auch in Real-​Life. Dass das nun aber jeder bequem von Zuhau­se aus tun kann, hat aber eine ganz ande­re Qua­li­tät. Es wird zurecht pro­tes­tiert!

Ich fin­de die prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft soll­te sich kei­nes­wegs die kon­struk­ti­ven Mög­lich­kei­ten die­ser neu­en digi­ta­len Metho­den ent­ge­hen las­sen, zumal das Inter­net zu einem immer wich­ti­ge­ren Teil von Gesell­schaft wird. Wir kön­nen hier sehr viel über Gesell­schaft ler­nen und für „gute Din­ge“ nut­zen. Über die ethi­schen Rah­men­be­din­gun­gen und Gren­zen der Erhe­bung und Aus­wer­tung von öffent­li­chen Online­da­ten wird aber unbe­dingt zu dis­ku­tie­ren sein – bevor auch hier das mora­li­sche Vaku­um ent­steht, das wir ger­ne Wirt­schafts­un­ter­neh­men vor­wer­fen.

Oder um es mit dem gro­ßen Phi­lo­so­phen Lem­my Kil­mis­ter zu sagen:

Just ‘cos you got the power. That don’t mean you got the right”

Quel­len:

Hei­der, F. (1946) “Atti­tu­des and Cogni­ti­ve Orga­niza­t­i­on”, Jour­nal of Psy­cho­lo­gie, Vol. 1946 No. 21, pp. 107–112.

Autor:

Kai Hau­prich

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