Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Ein Freund, ein guter Freund.

Der Men­sch ist ein sozia­les Wesen und von Zeit zu Zeit sind wir selbst­ver­ständ­li­ch auch auf die Unter­stüt­zung von Freun­dIn­nen oder Bekann­ten ange­wie­sen. Über unse­re Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen gelan­gen wir an wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen, sie hel­fen uns in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen, ver­mit­teln uns Ver­hal­tens­wei­sen und Kul­tur­tech­ni­ken, oder geben uns emo­tio­na­le Unter­stüt­zung und Rück­halt. Das Netz unse­rer Bezie­hun­gen zu Fami­lie, Freun­dIn­nen und Bekann­ten bil­det unser soge­nann­tes „Sozi­al­ka­pi­tal“. Dar­un­ter ver­steht der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pier­re Bour­dieu (von Hau­se aus Phi­lo­so­ph)

die Gesamt­heit der aktu­el­len und poten­ti­el­len Res­sour­cen, die mit dem Besitz eines dau­er­haf­ten Net­zes […] gegen­sei­ti­gen Ken­nens oder Aner­ken­nens ver­bun­den sind; oder, anders aus­ge­drückt, es han­delt sich dabei um Res­sour­cen, die auf der Zuge­hö­rig­keit zu einer Grup­pe beru­hen.“ (Bour­dieu 1992: 63)

Die­ses Bezie­hungs­netz­werk muss von uns aller­dings stets gepflegt wer­den, da es durch das Prin­zip der Gegen­sei­tig­keit (Rezi­pro­zi­tät) zusam­men­ge­hal­ten wird: Wer nach dem Mot­to lebt „Du hilfst mir und im Gegen­zug wird mir von dir gehol­fen (The Simpsons)“, von dem füh­len wir uns schnell aus­ge­nutzt. Und da unser aller Zeit begrenzt ist müs­sen wir – bewusst oder unbe­wusst – stets Ent­schei­dun­gen dar­über tref­fen, wel­che Bezie­hun­gen uns wich­tig sind; wel­che wir auf­recht­erhal­ten wol­len und wel­che wir „ein­schla­fen las­sen“. Wäh­rend eini­ge Men­schen lie­ber auf weni­ge, dafür aber enge Bezie­hun­gen zu Freun­dIn­nen zäh­len („Men­schen auf die man sich immer ver­las­sen kann“), ken­nen ande­re sprich­wört­li­ch “Gott und die Welt”; dafür aber eher ober­fläch­li­ch.

Ler­nen Ver­tre­te­rIn­nen die­ser bei­den Lebens­kon­zep­te sich neu ken­nen – viel­leicht bei der Umzugs­hil­fe eines gemein­sa­men Bekann­ten –, so kann es schon ein­mal zu hit­zi­gen Debat­ten dar­über kom­men, wel­che Bezie­hun­gen nun „wert­vol­ler“ sei­en. Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die in die­sem kri­ti­schen Moment nicht schnell genug hin­ter den Umzugs­kar­tons in Deckung gehen, wer­den kur­zer­hand – die Rück­wand eines Bil­ly Regals unter dem rech­ten Arm, das Trep­pen­haus hin­un­ter­pol­ternd – zu Schieds­rich­te­rIn­nen des Streit­ge­sprächs beru­fen. Wel­ches Bezie­hungs­kon­zept ist nun das bes­se­re? Aus Sicht der Wis­sen­schaft muss das Urteil natür­li­ch ein­mal mehr lau­ten: Es kommt ganz dar­auf an!

Gemein­sam durch dick und doof.

Der Wert enger Bezie­hun­gen – die Netz­werkana­ly­se spricht von „strong ties“ (vgl. Gra­no­vet­ter 1973) – liegt auf der Hand: sie sind ver­läss­li­ch, bestän­dig und belast­bar. Emo­tio­na­le Unter­stüt­zung erhal­ten wir typi­scher­wei­se von „guten“, „ech­ten“ Freun­dIn­nen oder Fami­li­en­mit­glie­dern. Mate­ri­el­le Unter­stüt­zung oder Hil­fe in beson­ders schwe­ren Lebens­la­gen kön­nen wir uns am ehes­ten von die­sen Bezie­hun­gen erhof­fen (vgl. Steg­bau­er 2010: 672). Auch die Ver­mitt­lung von kom­plex­em Wis­sen gelingt in vie­len Fäl­len bes­ser über strong ties (vgl. Ricken und Seidl 2010: 102). Das Pro­blem mit die­ser Art von Bezie­hung ken­nen wir alle nur zu gut aus dem All­tag: enge Bezie­hun­gen wol­len gepflegt wer­den, neh­men viel Zeit in Anspruch, for­dern viel Auf­merk­sam­keit (vgl. Jan­sen und Diaz-​Bone 2014: 75). Der Über­gang von einer star­ken in eine schwä­che­re Bezie­hung wird des­halb häu­fig ein­ge­lei­tet mit dem Satz: „Von dir hört man ja auch nichts mehr!“.

Hände

Sozi­al­ka­pi­tal und sozia­le Unter­stüt­zung: Was soll das nun ganz kon­kret sein? Ein Netz­werk aus star­ken und schwa­chen Bezie­hun­gen?

Eini­ge Schwä­chen oder nega­ti­ve Effek­te, die enge Bezie­hun­gen und Freund­schaf­ten mit sich brin­gen, lie­gen in der Art und Wei­se begrün­det, wie wir unse­re Freun­dIn­nen wäh­len. Häu­fig ten­die­ren wir dazu Men­schen, die uns ähn­li­ch sind oder die ähn­li­che Eigen­schaf­ten oder Ein­stel­lun­gen haben, beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den (vgl. Her­kner 1978; Frey 1997: 214ff) – die­sen Effekt bezeich­net man als Homo­phi­lie (vgl. Heid­ler 2010: 367). Im Volks­mund: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“ Im Umkehr­schluss beein­flus­sen unse­re Bezie­hun­gen zu bestimm­ten Men­schen auch unse­re eige­nen Ein­stel­lun­gen – je inten­si­ver die Bezie­hung desto stär­ker der sozia­le Ein­fluss (vgl. Osgood und Tan­nen­baum 1955). Die Kon­se­quenz: Ähn­li­che Men­schen fin­den sich häu­fi­ger zusam­men als unähn­li­che; je stär­ker die Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, desto homo­ge­ner wird die Grup­pe mit der Zeit. Aus­nah­men bestä­ti­gen wie so oft die Regel!

Grup­pen mit sehr engen Bezie­hun­gen ten­die­ren – so der worst case – jedoch auch zu soge­nann­ter sozia­ler Schlie­ßung d.h. “Nor­men und Iden­ti­tä­ten wer­den immer wie­der bestä­tigt. Abweich­ler und Neu­ar­ti­ges wer­den aus­ge­schlos­sen” (Jan­sen 2006: 107). Es kommt also zu homo­ge­nen Mei­nun­gen, Sicht- und Hand­lungs­wei­sen (vgl. Schei­deg­ger 2010: 149). In bestimm­ten „fest­ge­fah­re­nen“ Lebens­si­tua­tio­nen kann es des­halb – die „Nest­wär­me“ der eige­nen Grup­pe in allen Ehren – durch­aus sinn­voll sein, sich den Rat eines/​einer sprich­wört­li­ch „Außen­ste­hen­den“ ein­zu­ho­len, um alter­na­ti­ve Sicht­wei­sen ken­nen zu ler­nen.

Jeman­den ken­nen, der jeman­den kennt.

Der Nach­teil schwa­cher Bekannt­schaf­ten liegt im Umkehr­schluss auch nahe: sie sind wenig belast­bar, wenig bestän­dig, vie­les „kann man nicht ver­lan­gen“. Außer­dem kann die Annah­me von Unter­stüt­zung stets mit Scham, einem Unter­le­gen­heits­ge­fühl oder Ver­pflich­tun­gen zur Gegen­leis­tung ver­bun­den sein (vgl. Die­wald und Satt­ler 2010: 690) – und bei schwa­chen Bezie­hun­gen gilt das umso mehr.

Ander­seits haben die soge­nann­ten weak ties einen ganz beson­de­ren Char­me: Sie bau­en uns oft Brü­cken in sozia­le Krei­se und Lebens­wel­ten von denen wir son­st oft aus­ge­schlos­sen sind. Put­nam bezeich­net dies als Bridging Soci­al Capi­tal (vgl. Haug 2010: 248). Klas­si­sche Orte zum Brü­cken­bau: Sport­clubs, Schüt­zen­ver­ei­ne oder Glau­bens­ge­mein­schaf­ten! Über ein „gemein­sa­mes Drit­tes“ begeg­nen sich hier Men­schen, die son­st wohl eher unwahr­schein­li­ch in Kon­takt kämen.

Auf die­se Wei­se gelangt man an Infor­ma­tio­nen oder Hilfs­mög­lich­kei­ten, die son­st uner­reich­bar blie­ben – nicht zuletzt macht man hier neue, berei­chern­de Erfah­run­gen. Mark Gra­no­vet­ter (1973) konn­te in sei­ner berühm­ten Arbeit „The Streng­th of Weak Ties“ zei­gen, dass schwa­che Bezie­hun­gen z.B. bei der Job­su­che als Infor­ma­ti­ons­quel­le beson­ders nütz­li­ch sind. Und auch der ein oder ande­re Sport­ver­ein lebt ein Stück weit davon, dass hier Bekannt­schaf­ten zwi­schen Men­schen unter­schied­lichs­ter Her­kunft ent­ste­hen und sich so Exper­tIn­nen für alle Lebens­la­gen fin­den las­sen. Men­schen, die es schaf­fen (und aus­hal­ten) ver­schie­de­ne Grup­pen als Brü­cke zu ver­bin­den – soge­nann­te „bro­ker“ –, denen spricht die Netz­werkana­ly­se eine beson­ders gro­ße Inno­va­ti­ons­kraft zu:

Peop­le who­se net­works bridge the struc­tu­ral holes bet­ween groups have an advan­ta­ge in detec­ting and deve­lo­ping rewar­ding oppor­tu­nities. Infor­ma­ti­on arbi­tra­ge is their advan­ta­ge. They are able to see ear­ly, see more broad­ly, and trans­la­te infor­ma­ti­on across groups.” Burt (2004: 354)

Wem nun der Kopf raucht vor lau­ter sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Bezie­hungs­kal­kül, dem kann gera­ten wer­den noch die letz­ten Umzugs­kar­tons in den Sprin­ter zu laden und mit sei­nen neu­en Bekannt­schaf­ten etwas Küh­les trin­ken zu gehen. Denn zu sozia­ler Unter­stüt­zung zählt schein­bar auch ein­fach „Gesel­lig­keit inso­fern sie zu einer posi­ti­ven Gemüts­la­ge bei­trägt bzw. Spaß macht“ – so zumin­dest Die­wald und Satt­ler (2010: 691).

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Die­wald, Mar­tin und Satt­ler, Sebas­ti­an (2010). Sozia­le Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 689–699). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Frey, Die­t­er (1997). Sozi­al­psy­cho­lo­gie: Ein Hand­buch in Schlüs­sel­be­grif­fen. Wein­heim: Beltz.

Gra­no­vet­ter, Mark S. (1973). „The Streng­th of Weak Ties”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 78 (6), 1360–1380.

Jan­sen, Doro­thea und Diaz-​Bone, Rai­ner (2014). Netz­struk­tu­ren als sozia­les Kapi­tal. In: J. Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke: Kon­zep­te und Metho­den der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Netz­werk­for­schung (S. 71–104). Mün­chen: De Gruy­ter Olden­bourg.

Schei­deg­ger, Nico­li­ne (2010). Struk­tu­rel­le Löcher. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg.), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S.145–155), Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Quel­len:

Bour­dieu, Pier­re und Stein­rü­cke, Maga­re­ta (Hrsg.) (2005). Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht. Schrif­ten zu Poli­tik und Kul­tur. Ham­burg: VSA-​Verlag.

Burt, Ronald S. (2004). “Struc­tu­ral Holes and Good Ide­as”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 110 (2), 349–399.

Haug, Son­ja (2010). Sozia­le Netz­wer­ke und sozia­les Kapi­tal. Fak­to­ren für die struk­tu­rel­le Inte­gra­ti­on von Migran­ten in Deutsch­land. In: M. Gam­per und L. Reschke (Hrsg.), Kno­ten und Kan­ten: Sozia­le Netz­werkana­ly­se in Wirtschafts- und Migra­ti­ons­for­schung (S. 247–273). Bie­le­feld: Tran­script.

Heid­ler, Richard (2010). Zur Evo­lu­ti­on sozia­ler Netz­wer­ke. Theo­re­ti­sche Impli­ka­tio­nen einer akteurs­ba­sier­ten Metho­de. In: C. Steg­bau­er (Hg.), Netz­werkana­ly­se und Netz­werk­theo­rie: Ein neu­es Para­dig­ma in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten (S. 359–373). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Her­kner, Wer­ner (1978). Kon­takt, Sym­pa­thie und Ein­stel­lungs­ähn­lich­keit: Unter­su­chun­gen zur Balan­ce­theo­rie. Bern: H. Huber.

Jan­sen, Doro­thea (2006). Ein­füh­rung in die Netz­werkana­ly­se. Grund­la­gen, Metho­den, For­schungs­bei­spie­le. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Osgood, Charles und Tan­nen­baum, Per­cy (1955). “The Prin­ci­ple of congrui­ty in the pre­dic­tion of atti­tu­de chan­ge”, Psy­cho­lo­gi­cal Review, 62 (1), 42–55.

Ricken, Boris und Seidl, David (2010). Unsicht­ba­re Netz­wer­ke: Wie sich die sozia­le Netz­werkana­ly­se für Unter­neh­men nut­zen lässt. Wies­ba­den: Gab­ler.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Autor:

Kai Hau­prich

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