Wer mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben” oder von der Schwierigkeit des Fundraisings

Es begann mit einer „Tro­cken­übung“ in einem Semi­n­ar zum The­ma „Macht und Geld“ im ver­gan­ge­nen Win­ter­se­mes­ter: „Wenn ich Spen­den akqui­rie­re, gibt es mora­li­sche Gren­zen?“ war die Grund­satz­fra­ge. Eini­ge der dis­ku­tier­ten Fall­bei­spie­le waren schnell und ein­deu­tig zu klä­ren: Von Rüs­tungs­kon­zer­nen woll­ten die Stu­die­ren­den kei­ne Spen­den anneh­men; ein Hilfs­pro­jekt für Minen­op­fer in Kam­bo­dscha finan­ziert von einem Minen­her­stel­ler – das gin­ge gar nicht.

Doch schon bei der Ban­ken­fra­ge wur­de es kniff­lig! Kön­nen z.B. Spen­den von glo­bal täti­gen Ban­ken ange­nom­men wer­den, die mit Lebens­mit­teln spe­ku­lie­ren, war eine Fra­ge, die kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de und zu der es kein ein­deu­ti­ges Mei­nungs­bild im Semi­n­ar gab.

Als Papst hat man es da ein­fa­cher. Papst Bene­dikt XVI hat­te bei sei­nem Besu­ch in Köln anläss­li­ch des Welt­ju­gend­ta­ges 2005 kein Pro­blem, eine Spen­de der Kreis­spar­kas­se Köln über 20.000 Euro anzu­neh­men:

Für den Abschluss­got­tes­dienst auf dem Mari­en­feld wer­den die Kar­di­nä­le und Bischö­fe mit ein­heit­li­chen Mit­ren aus­ge­stat­tet. Das hat­te sich der Papst gewünscht.“ (KSTAZ 2005)

Und in die­sem Fall gab es allem Anschein nach kei­ne Beden­ken bei Papst und Kar­di­nal, die Spen­de einer loka­len Köl­ner Bank anzu­neh­men.

Zur „Tro­cken­übung“ in die­sem Auf­bau­se­mi­n­ar des Stu­di­en­gangs der Sozia­len Arbeit an unse­rer Hoch­schu­le gehör­te auch ein nur leicht fik­ti­ves Fall­bei­spiel aus der Pra­xis: Dür­fen Pro­jek­te der Sozia­len Arbeit in der Arbeitslosen- und Armuts­ar­beit Spen­den eines Bor­dells anneh­men?  So die Anfra­ge aus der Pra­xis. Und „leicht fik­tiv“ des­halb, weil der Dozent in sei­ner Pra­xis als Geschäfts­füh­rer eines Arbeits­lo­sen­zen­trums vor Jah­ren mit eben die­ser Anfra­ge kon­fron­tiert wur­de. Die Debat­te war span­nend, kon­tro­vers und „anwen­dungs­ori­en­tiert“ (um an die­ser Stel­le den Begriff „prag­ma­ti­sch“ zu ver­mei­den). Die Mehr­heit der Stu­die­ren­den war für die Annah­me einer sol­chen Spen­de.

Vor­aus­ge­setzt wur­de aller­dings, dass es sich im kon­kre­ten Fall um einen Bor­dell­be­trieb han­delt, in dem die For­de­run­gen der „Huren­be­we­gung“ wie z.B. von Hydra e.V.  oder dem BesD (Bun­des­ver­band ero­ti­sche und sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen e.V.) nach  „Nor­ma­li­sie­rung der Sex­ar­beit“ oder „Sex­ar­beit ist Arbeit!“ Wirk­lich­keit wer­den kön­nen (vgl. www.berufsverband-sexarbeit.de). Da es sich hier um Orte han­delt, an denen „das Recht auf Arbeit und gesell­schaft­li­che Akzep­tanz statt mora­li­sie­ren­der Ver­bots­men­ta­li­tät“ exis­tiert!

Zwangs­pro­sti­tu­ti­on, so der Ten­or der Dis­kus­si­on, ver­un­mög­licht für sozia­le Pro­jek­te eine Spen­de­n­an­nah­me; selbst­be­stimm­te Sex­ar­beit – wie sie die „Huren­be­we­gung“ defi­niert – ermög­licht sie.

Dass die­se Posi­ti­on mit der Dop­pel­mo­ral bür­ger­li­cher Spen­der­grup­pen unter Umstän­den kol­li­die­ren kann,  „sei nicht zu ver­mei­den und müs­se im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“ – so eine Erkennt­nis der Semi­nar­teil­neh­me­rin­nen im Lau­fe der Dis­kus­si­on.

Schmut­zi­ges Geld? Die Geschich­te einer Kol­li­si­on.

Aus der „Tro­cken­übung“ eines Hoch­schuls­e­mi­nars wur­de dann ganz schnell der Ernst­fall: Zum 20-​jährigen Bestehen des Köl­ner Bor­dells „Pascha“ (eines der größ­ten Bor­del­le Deutsch­lands, das sich als „Euro­pas größ­tes Lauf­haus“ bewirbt) ver­kün­det der Besit­zer Her­mann „Pascha“ Mül­ler erheb­li­che Spen­den­be­trä­ge an Köl­ner Ver­ei­ne, wie den Vrings­treff e.V, das Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum KALZ e.V. mit sei­ner Über­le­bens­sta­ti­on Gul­li­ver, den Sack e.V und eini­ge mehr.

Hand mit Geld

Pecu­n­ia non olet?

An einem ent­spre­chen­den „Bene­fiz­abend“ im „Pascha“ neh­men auch die bei­den Ver­eins­vor­sit­zen­den von Vrings­treff und KALZ teil. Bei­de sind evan­ge­li­sche Pfar­rer und bei­de äußern ihre Bereit­schaft, auch „Bordell-​Spenden“ anzu­neh­men. Ein „Shits­torm“ – noch ganz klas­si­sch haupt­säch­li­ch in Print – bricht los: Das ört­li­che Leit­me­di­um „Köl­ner Stadt-​Anzeiger“ brei­tet am Kar­ne­vals­sams­tag auf einer gan­zen Sei­te der Lokal­aus­ga­be die Geschich­te aus; alles unter der Über­schrift „Pfar­rer hof­fen auf Bordell-​Spende. Südstadt-​Seelsorger lobt Sex­be­trieb bei Bene­fiz­abend – Kri­tik von Kir­che und Femi­nis­ten“ inklu­si­ve eines Kom­men­tars mit  dem Titel „Pfar­rer Mört­ters Ver­hält­nis zum Bor­dell. Dem Pascha in die Fal­le gegan­gen“ (KSTAZ 6./7.02.2016) in dem „natür­li­ch“ ein Zusam­men­hang zwi­schen „Sil­ves­ter­nacht“ und „Bor­dell­spen­den“ her­ge­stellt wird.

Was in der „Tro­cken­übung“ noch ein­fach zu beant­wor­ten schien, wird in der Pra­xis zu einem fun­da­men­ta­len Pro­blem. Nicht jeder Trä­ger der Sozia­len Arbeit kann von jedem Spen­der Geld anneh­men – es ist wohl doch kom­pli­zier­ter in der Pra­xis des Fund­rai­sings.

Hei­ligt der Zweck die Mit­tel?

Im media­len Fundraising-​Diskurs fin­det der Fall sofort sei­nen Nie­der­schlag: Auf der Web­site „ngo:dialog“ wird der Fall skiz­ziert, ana­ly­siert und es wer­den im Umgang mit dem „Rot­licht“ Leit­fra­gen ent­wi­ckelt, um ein ähn­li­ches Fias­ko zu ver­mei­den. Denn – so die pro­fes­sio­nel­len Fund­rai­ser –

nicht jede Fund­rai­sing­me­tho­de ist ethi­sch“ und eine „unethi­sche Ent­schei­dung bringt gewöhn­li­ch unmit­tel­ba­re Vor­tei­le, kann aber lang­fris­tig sehr teu­er kom­men.“

Ganz „prak­ti­sch“ kom­men die Fund­rai­ser dann zu der Ein­schät­zung, dass sich für das Pascha die Sache doch eher aus­ge­zahlt habe. Denn „so viel Auf­merk­sam­keit erzielt man nor­ma­ler­wei­se nicht mit die­sem Gewer­be“ ist ihr Fazit. Für den Geber hat es sich schein­bar gelohnt.

Die Gabe

Andre­as Voß hat uns in sei­ner wun­der­ba­ren Stu­die über „Bet­teln und Spen­den“ (Voß 1992), die er in Anleh­nung und krea­ti­ver Wei­ter­ent­wick­lung von Mar­cel Mauss’ „Die Gabe“ (Mauss 1990) erar­bei­tet hat, auf die inne­re Logik und Struk­tur des Bet­telns und des Spen­dens hin­ge­wie­sen. Und wie Mauss legt Voß den Fokus auf den Aus­tau­sch: Was wird getauscht und was ist der Gegen­wert – wür­den bei­de Auto­ren in die­sem ganz kon­kre­ten Fall fra­gen.

So len­ken wir den ana­ly­ti­schen, neu­gie­ri­gen Bli­ck auf das Gesche­hen und lesen eine ganz ande­re mög­li­che Logik: Ein Bor­dell, sei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und der Bor­dell­be­sit­zer wol­len Akzep­tanz und Aner­ken­nung dadurch errei­chen, dass sie sich im Enga­ge­ment für die Armen enga­gie­ren, aus­zeich­nen und so ihren Sta­tus ver­bes­sern – ähn­li­ch wie die Deut­sche Bank in ihren CSR Akti­vi­tä­ten.

Löffel

Wer mit dem Teu­fel isst, muss einen lan­gen Löf­fel haben!

Aber im Unter­schied zur Deut­schen Bank ist ihre Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem und sozia­lem Kapi­tal völ­lig unzu­rei­chend und ihr Ver­su­ch, mit­tels ihres öko­no­mi­schen Kapi­tals – dar­ge­bracht in Spen­den – dies zu ver­än­dern, ist stra­te­gi­sch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Ihr Anspruch, durch ihre Dienst­leis­tun­gen im „Rot­licht­mi­lieu“ gen­au so wich­ti­ge Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft zu erbrin­gen wie Kir­chen, Sozi­al­ar­beit, Feu­er­wehr, Poli­zei und Müll­ab­fuhr, muss abge­wehrt wer­den. Denn im Unter­scheid zu den ande­ren Akteu­ren der gesell­schaft­li­ch not­wen­di­gen Dienst­leis­tun­gen, erbrin­gen sie ihre Leis­tun­gen im „Abgrund der Lei­den­schaf­ten“, in denen wir „nicht Herr im eige­nen Hau­se sind“. Und die hier­mit ver­bun­de­nen Ängs­te und Sehn­süch­te, sind nicht durch Spen­den zu „hei­len“. Ganz im Gegen­teil: Wird hier gespen­det, stim­men Leis­tung und Gegen­lei­tung ganz schnell nicht mehr über­ein.

Lan­ger Löf­fel“ oder gute Ana­ly­se­kom­pe­tenz

Wer, so das Fazit aus die­ser Köl­ner Bege­ben­heit, als Akteur in der „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ Spen­den­ak­qui­se betreibt, soll­te also gen­au hin­se­hen, wel­che Qua­li­tä­ten den Spen­der aus­zeich­nen. Stört oder ver­stört der Spen­der durch sei­ne „mora­li­schen Eigen­schaf­ten“ das Spen­der­um­feld einer Orga­ni­sa­ti­on, gilt es sorg­fäl­tig zu über­le­gen. Ist der eige­ne Löf­fel lang genug – also über­ste­he ich einen sol­chen Shits­torm unbe­scha­det – oder kom­me ich als Orga­ni­sa­ti­on nach einer sorg­fäl­ti­gen und ana­ly­ti­sch begrün­de­ten Abwä­gung doch eher zu der Ent­schei­dung, dass die Kosten-​Nutzen-​Relation in die­sem kon­kre­ten Fall nicht stimmt?

Und was wür­de ich tun, wenn mir Uli Hoen­eß oder Ali­ce Schwar­zer Geld spen­den?

Gute Fra­ge!

 

Lite­ra­tur:

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2008). Die Bischö­fe tra­gen Weiß. Aus­ga­be vom 11.08.2005. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Kari­ta­ti­ve Ver­ei­ne gehen auf Abstand zum Pascha. Aus­ga­be vom 11.02.2016. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Pfar­rer hof­fen auf Bor­dell­spen­de. Aus­ga­be vom 06./07.02.2016. Köln.

Mauss, Mar­cel (1990). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den. Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

Arti­kel wei­ter­emp­feh­len über:
Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedIn

Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schu­le Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­ren­de den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man die­se Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schu­le und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Vie­le unter­schied­li­che Akteu­re mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­ga­be, begrenz­te Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­ri­ge For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Por­st es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­be­ck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­re­ne Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­ti­ge Vari­an­te des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lan­ge“ (Por­st 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Jüdi­sche Mesu­sa und Mari­eni­ko­ne

Stu­die­ren­de der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­bat­te früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­si­on gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flik­te und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­ti­ve Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Fra­ge, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stel­le tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist qua­si Flei­sch gewor­de­ne Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­li­ch umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nen­de Fra­ge – ertra­gen Stu­die­ren­de die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­ren­de Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zes­se erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schie­de, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läu­fe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­ble­me nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­ti­sch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jek­te die not­wen­di­ge Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Weni­ge Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­si­on mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­ti­on GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv gerin­ge Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lo­se und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­ti­on auf der „After­sei­te“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­di­ge Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­ble­me.

Und in der Dis­kus­si­on im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­ti­on (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­li­ch, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäs­te in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lo­se, Zuwan­de­rer – kom­men angst­frei­er in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­frei­en Zone“ der Über­le­bens­sta­ti­on (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben die­se „Ereig­nis­se“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bau­er hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­li­ch gemacht, wie wesent­li­ch die­se Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so sei­ne The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sin­ne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bau­er 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­de­te Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quel­le von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­li­ch, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­ben­de Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bau­er 2011: 13). Und das inter­es­san­te an Bau­ers Stu­die ist eben dar­in zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, wel­ch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­rel­le Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio huma­na (Bau­er 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und dar­an ändern die „Ereig­nis­se“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Gerings­te!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bau­er, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Por­st, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

Arti­kel wei­ter­emp­feh­len über:
Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedIn

Quartier, Quartier was sagst du mir?

Sozia­le Ungleich­heit gehört zu den klas­si­schen For­schungs­ge­gen­stän­den der moder­nen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Im Lau­fe der Zeit haben sich von Marx über Weber, Durk­heim und Gei­ger bis hin zu Bour­dieu unter­schied­lichs­te Theo­ri­en und Model­le sozia­ler Ungleich­heit eta­bliert (vgl. Burzan 2011). Für sozio­lo­gi­sche New­bies: sozia­le Ungleich­heit meint nicht etwa nur die Viel­falt der Men­schen und deren Lebens­wei­sen, frei nach dem Mot­to: „Die Welt ist eben bunt!“. Es han­delt sich dar­über hin­aus um die Beob­ach­tung, dass

Men­schen auf­grund ihrer Stel­lung in sozia­len Bezie­hungs­ge­fü­gen von den ‚wert­vol­len Gütern‘ einer Gesell­schaft regel­mä­ßig mehr als ande­re erhal­ten.“  (Hra­dil 2005: 30)

Robert E. Park über­trug die­ses Kon­zept bereits Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf den (Wohn-) Raum (vgl. Volk­mann 2012: 15). Die sich dar­aus erge­ben­de Annah­me, dass sich sozia­le Dis­tanz auch räum­li­ch mani­fes­tiert, bezeich­net man als Segre­ga­ti­on („Ent­mi­schung“ von lat. segre­ga­re: „abson­dern“, „tren­nen“). Sozi­al­ähn­li­che Grup­pen woh­nen häu­fig gemein­sam in bestimm­ten Stadt­tei­len oder Quar­tie­ren. Bei sozi­al benach­tei­lig­ten Per­so­nen­grup­pen geschieht dies jedoch oft nicht gänz­li­ch frei­wil­lig, denn Hart­mut Häu­ßer­mann (2012: 384) beschreibt zutref­fend:

Die Rei­chen woh­nen wo sie wol­len, die Armen woh­nen, wo sie müs­sen.“

Strit­tig bleibt in der Wis­sen­schaft nach wie vor, ob die räum­li­che Kon­zen­tra­ti­on sozi­al benach­tei­lig­ter Grup­pen, bzw. die Ent­mi­schung eines Stadt­teils, selbst­ver­stär­ken­de Nega­ti­v­e­f­fek­te auf die Bewoh­ner­schaft eines Quar­tiers haben kann. Let’s have a look!

Zer­bro­che­nes Glas

Broken Window

Annah­me der Broken-​Window-​Theorie: Ver­wüs­tung erzeugt Ver­wüs­tung, erzeugt letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät.

Im Jah­re 1982 ver­öf­fent­li­chen James Q. Wil­son und Geor­ge L. Kel­ling einen nun berühm­ten (aber auch umstrit­te­nen) Arti­kel, der Bezug nahm auf ein sozi­al­psy­cho­lo­gi­sches Expe­ri­ment von Phil­ip Zim­bar­do aus dem Jah­re 1969 (vgl. Hae­fe­le 2013: 36ff). Zim­bar­do hat­te beob­ach­tet, dass eine ein­ge­schla­ge­ne Fens­ter­schei­be an einem Auto, das ohne Num­mern­schild und mit offe­ner Motor­hau­be in der Bronx abge­stellt war, dazu führ­te, dass das Fahr­zeug in kür­zes­ter Zeit völ­lig aus­ge­plün­dert und zer­stört wur­de. War das Auto hin­ge­gen unbe­schä­digt, blieb das auch wei­ter­hin so. Die abge­lei­te­te Broken-​Window-Theo­rie besagt nun, dass nicht beho­be­ne, leich­te Beschä­di­gun­gen oder Ver­un­rei­ni­gun­gen in einer Nach­bar­schaft (typi­sch für benach­tei­lig­te Quar­tie­re) wei­te­re schwer­wie­gen­de­re „phy­si­cal and soci­al inci­vi­li­ties“ und letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät nach sich zie­hen. Zer­stö­run­gen und Abfall signa­li­sie­ren den Bewoh­ne­rIn­nen man­geln­de sozia­le Kon­trol­le, Kri­mi­na­li­täts­furcht ent­steht, Bewoh­ne­rIn­nen zie­hen fort, die Miet­prei­se sin­ken, sozi­al benach­tei­lig­te Per­so­nen zie­hen zu, das Quar­tier wird stig­ma­ti­siert, auch für Kri­mi­nel­le wird das Quar­tier schließ­li­ch zum Rück­zugs­raum – eine Abwärts­spi­ra­le beginnt. Die­se noch recht mecha­ni­sche Beschrei­bung sozia­ler Wirk­lich­keit wur­de im Lau­fe der Jah­re durch ver­schie­de­ne Disorder-​Theorien erwei­tert und modi­fi­ziert (sie­he dazu Hae­fe­le 2013). Schon Engels stell­te fest:

Hier woh­nen die Aerms­ten der Armen. […] mit Die­ben, Gau­nern und Opfern der Pro­sti­tu­ti­on bunt durch ein­an­der […], sin­ken doch täg­li­ch tie­fer, ver­lie­ren täg­li­ch mehr und mehr die Kraft den demo­ra­li­sie­ren­den Ein­flüs­sen der Noth, des Schmut­zes und der schlech­ten Umge­bung zu wider­ste­hen“ (Engels 1845: 41 zit. in Volk­mann 2012: 21).

Doch auch ande­re deut­sche Berühmt­hei­ten beschrei­ben recht aktu­ell ähn­li­che Phä­no­me­ne in ihrem Blo­ck, die die Annah­me von selbst­ver­stär­ken­den nega­ti­ven Quar­tier­s­ef­fek­ten nahe legen.

Ein Hafen in die Gesell­schaft

Ent­ge­gen öffent­li­cher Debat­ten über Zuwan­de­rung, in denen oft auch eine dif­fu­se Angst vor „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ mit­schwingt, kann eine soge­nann­te „eth­ni­sche Segre­ga­ti­on“ (Men­schen mit ähn­li­chen kul­tu­rel­len Wur­zeln woh­nen gemein­sam an einem Ort) durch­aus auch posi­ti­ve und inte­gra­ti­ons­för­dern­de Mecha­nis­men aus­lö­sen. Für sozio­öko­no­mi­sche geschwäch­te Zuwan­de­rIn­nen ­bie­ten Quar­tie­re mit einem hohen Anteil von Migran­tIn­nen zunächst eine Chan­ce: Sie die­nen als eine ers­te Anlauf­stel­le, als eine Art „Hafen“ in die frem­de Gesell­schaft. Denn die Migra­ti­on stellt häu­fig zunächst eine Situa­ti­on der Ver­un­si­che­rung dar, weil

in der Frem­de die Tra­di­tio­nen, Gewohn­hei­ten, die Kul­tur, Spra­che, Klei­dung und die Ritua­le des Hei­mat­lan­des wert­los gewor­den sind, im Gegen­teil sogar mit Ableh­nung behan­delt wer­den“ (Far­wick 2009: 35).

Arrival City

Ein Quar­tier mit “beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf” kann auch als Arri­val City fun­gie­ren und damit eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Stadt erfül­len.

Dadurch, dass Zuge­wan­der­te ähn­li­cher Her­kunft sich im Quar­tier wech­sel­sei­tig unter­stüt­zen, schüt­zen sie ihr sozia­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal. Haben sie sich wie­der sozio­öko­no­mi­sch sta­bi­li­siert und kul­tu­rell ori­en­tiert, zie­hen sie in der Regel ein­zeln wei­ter in ande­re Stadt­tei­le – eine Art nied­rig­schwel­li­ge Inte­gra­ti­on voll­zieht sich. Vor­aus­set­zung ist dabei aber stets, dass den Zuge­wan­der­ten ein gesell­schaft­li­cher Auf­stieg ermög­licht wird (sozia­le Mobi­li­tät). Hier ist die Auf­nah­me­ge­sell­schaft in der Ver­ant­wor­tung! Saun­ders (2011) bezeich­net Orte über die sich sol­che Migra­tio­nen voll­zie­hen als „Arri­val Cities“. Sie las­sen sich in Groß­städ­ten auf der gan­zen Welt fin­den – von Los Ange­les über Rio de Janei­ro bis hin nach Berlin-​Kreuzberg (vgl. Saun­ders 2011). Die­se sinn­bild­li­chen „Häfen“ erfül­len die wich­ti­ge Funk­ti­on eines gesell­schaft­li­chen „Durch­lauf­er­hit­zers“ für eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on. Ähn­li­che Effek­te wur­den bereits 1938 von Paul Fre­de­rick Cres­sey für Chi­ca­go beschrie­ben (vgl. Far­wick 2009: 42) – auch hier also: no brea­king news!

Viel­leicht sind es ein­fach die Stör­che.

Empi­ri­sch lässt sich eines immer wie­der wun­der­bar bewei­sen: der Stor­ch bringt die Kin­der. Denn in kin­der­rei­chen Regio­nen, gibt es eben auch vie­le Stör­che. So ein­fach!

In Wirk­lich­keit han­delt es sich hier aber um eine Schein­kor­re­la­ti­on. Tat­säch­li­ch besteht kein ech­ter Ursache-​Wirkungs-​Zusammenhang – cum hoc ergo prop­ter hoc! Viel­mehr ist es so, dass Stör­che auf dem Land leben und Men­schen in länd­li­chen Regio­nen in der Regel mehr Kin­der bekom­men bzw. Fami­li­en mit vie­len Kin­dern auf’s Land zie­hen. Man nennt dies das Stor­chen­pro­blem. Auf glei­che Wei­se lässt sich übri­gens auch „nach­wei­sen“, dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem durch­schnitt­li­chen Scho­ko­la­den­kon­sum eines Lan­des und der Anzahl sei­ner Nobel­preis­trä­ger gibt. Also, nur zu!

Was auf den ersten Blick so klar strukturiert und einfach wirkt, ist in Wahrheit ein hochsensibles Konstrukt.

Was auf den ers­ten Bli­ck so klar struk­tu­riert und ein­fach wirkt, ist in Wahr­heit ein hoch­sen­si­bles Kon­strukt.

Ich möch­te behaup­ten, dass es sich  mit Quar­tier­s­ef­fek­ten ähn­li­ch ver­hält: Zwar klin­gen eini­ge der beschrie­be­nen Zusam­men­hän­ge zunächst durch­aus plau­si­bel, las­sen sich even­tu­ell sogar mit Daten­ma­te­ri­al unter­füt­tern, doch ob ein unmit­tel­ba­rer – oder gar  mecha­ni­scher – Zusam­men­hang zwi­schen der äuße­ren Umwelt und dem Ver­hal­ten der Bewoh­ne­rIn­nen besteht, bleibt oft zu bezwei­feln (vgl. auch Hae­fe­le 2013: 224). Hin­zu kommt, dass sich posi­ti­ve wie nega­ti­ve Quar­tier­s­ef­fek­te ohne wei­te­res über­la­gern und wech­sel­sei­tig beein­flus­sen kön­nen. Ein Stadt­teil kann durch­aus sowohl Schau­platz eines Broken-​Window-​Effekts, als auch eine inte­gra­ti­ons­för­dern­de Arri­val City sein. Was im Hin­ter­grund noch alles zusam­men­spielt, aber nicht direkt beob­acht­bar ist (laten­te Varia­blen), wis­sen wir oft nicht. Auch ist ein Stadt­teil kein abge­schlos­se­ner Con­tai­ner. Men­schen bewe­gen sich zusätz­li­ch in wei­te­ren sozia­len Sphä­ren (Davon wird an ande­rer Stel­le noch zu spre­chen sein.). Ober­fläch­li­che Zuschrei­bun­gen wie „Pro­blem­kiez“ oder „auf­stre­ben­der Stadt­teil“ grei­fen zu kurz, wenn sie den Wan­del eines Quar­tiers auf eini­ge weni­ge Deter­mi­nan­ten zurück­füh­ren wol­len und fata­lis­ti­sche Zusam­men­hän­ge zwi­schen mate­ri­el­ler Umwelt und Men­sch pos­tu­lie­ren. Aber wir alle nei­gen lei­der oft dazu, ein­fa­che Ant­wor­ten auf schwie­ri­ge Fra­gen beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den.

Wer sozia­le Pro­ble­me bes­ser ver­ste­hen möch­te, soll­te stets ein gerüt­telt‘ Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Gepäck haben, denn die Ursa­chen und Fol­gen von Armut und sozia­ler Aus­gren­zung sind ver­wor­ren und kom­plex. Viel­schich­tig zu den­ken und Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten wer­den zur Grund­vor­rau­set­zung guter sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Und die Imple­men­tie­rung von Maß­nah­men, wel­che die Lebens­um­stän­de der Bewoh­ne­rIn­nen eines „Stadt­teils mit beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf“ ver­bes­sern sol­len, wird zur sinn­bild­li­chen Mika­do­pro­ble­ma­tik: Zieht man unbe­darft das fal­sche Stäb­chen, wackeln drei wei­te­re Hölz­chen unge­wollt mit.

Zum Wei­ter­le­sen:

Hae­fe­le, Joa­chim (2013). Die Stadt, das Frem­de und die Furcht vor Kri­mi­na­li­tät. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Saun­ders, Dou­glas (2011). Arri­val City: Über alle Gren­zen hin­weg zie­hen Mil­lio­nen Men­schen vom Land in die Städ­te – von ihnen hängt unse­re Zukunft ab. Mün­chen: Bles­sing.

Quel­len:

Burzan, Nicole (2011). Sozia­le Ungleich­heit. Eine Ein­füh­rung in die zen­tra­len Theo­ri­en. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Cres­sey, Paul Fre­de­rick (1938). “Popu­la­ti­on Suc­ces­si­on in Chi­ca­go, 1898–1930”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 44, 59–69.

Far­wick, Andre­as (2009). Segre­ga­ti­on und Ein­glie­de­rung: Zum Ein­fluss der räum­li­chen Kon­zen­tra­ti­on von Zuwan­de­rern auf den Ein­glie­de­rungs­pro­zess. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Häu­ßer­mann, Hart­mut (2012). Woh­nen und Quar­tier. Ursa­chen sozi­al­räum­li­cher Segre­ga­ti­on. In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 383–396). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Hra­dil, Ste­fan und Schie­ner, Jür­gen (2005). Sozia­le Ungleich­heit in Deutsch­land. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Volk­mann, Anne (2012). Quar­tier­s­ef­fek­te in der Stadt­for­schung und in der sozia­len Stadt­po­li­titk: Die Rol­le des Rau­mes bei der Repro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit. Ber­lin: Univ.-Verl. der TU, Univ.-Bibliothek.

Wil­son, James und Kel­ling, Geor­ge (1982). Bro­ken Win­dows.

Autor:

Kai Hau­prich

Arti­kel wei­ter­emp­feh­len über:
Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedIn