Die heiße Schlacht um ein kaltes Medium

Die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung löst tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung aus. Dabei ist das Inter­net schon lan­ge nicht mehr nur noch das Medi­um der Kat­zen­fo­tos und übri­gen Belang­lo­sig­kei­ten. Es wird über das „Inter­net of Things“ qua­si zu einer neu­en Infra­struk­tur: Radio über Spo­ti­fy, Fern­se­hen über Net­flix, die Strom­zäh­ler wer­den per Smart­pho­ne regel­bar und ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Büro­tä­tig­kei­ten wird in der Cloud abge­ar­bei­tet. Selbst­fah­ren­de Autos ste­hen in den Start­lö­chern!Roboter

Der Umstand, dass ein Leben ohne das World Wide Web in weni­gen Jah­ren so unvor­stell­bar erscheint wie ein All­tag ohne elek­tri­sches Licht oder Auto­mo­bil (velo­phi­le Zeit­ge­nos­sen dür­fen ger­ne auch eine Welt ohne Fahr­rad ima­gi­nie­ren), spal­tet oft in zwei Lager: tech­nik­be­geis­ter­te Inter­ne­teu­pho­ri­ker schwär­men von den Mög­lich­kei­ten des Net­zes, den Pla­ne­ten nun „offe­ner und gerech­ter“ zu machen, gleich­zei­tig sor­gen sich selbst­er­nann­te „Tech­nik­kri­ti­ker“ um eine Welt „in der alle stän­dig nur auf die­se Din­ger glot­zen“. Wäh­rend ers­te­re häu­fig eine gewis­se quasi-​prophetische Arro­ganz umgibt, nut­zen letz­te­re eine alte Immu­ni­sie­rungs­tak­tik: Wer sich selbst die Eigen­schaft zuschreibt beson­ders kri­ti­sch zu sein, lässt Dis­kus­si­ons­part­ne­rIn­nen nur noch die Welt der Nai­vi­tät. Unterm Strich: eine auf­ge­la­de­ne, wenig frucht­ba­re und für alle Betei­lig­ten nerv­rau­ben­de Debat­te, die schon so man­ches sonnta­g­li­che Fami­li­en­früh­stück in ein digi­ta­les Schlacht­feld ver­wan­delt hat. Eine geeig­ne­te Medi­zin dage­gen kann die Lek­tü­re von Mar­shall McLu­hans „Magi­schen Kanä­len“ sein, die der hit­zi­gen Debat­te eine medi­en­his­to­ri­sche und medi­en­theo­re­ti­sche Decke ein­zieht.

Bücher, die die Welt ver­än­dern?

Für den kana­di­schen Medi­en­theo­re­ti­ker Mar­shall McLu­han ist jedes Medi­um als eine Erwei­te­rung des Men­schen bzw. eine Aus­wei­tung sei­ner Sin­ne oder Fähig­kei­ten zu ver­ste­hen: das Fern­glas ist eine Erwei­te­rung des Auges, das Rad eine Erwei­te­rung des Fußes (vgl. McLu­han 1964: 118), das Tele­fon eine Erwei­te­rung der Stim­me und des Hör­sinns (vgl. McLu­han 1995: 219). McLu­han arbei­te­te also mit einem sehr wei­ten Medi­en­be­griff. Das Inter­net kann­te der 1980 ver­stor­be­ne Medi­en­ana­ly­ti­ker noch nicht, pro­gnos­ti­zier­te aber bereits:

Sowohl Com­pu­ter als auch hoch­ent­wi­ckel­te Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me wer­den wahr­schein­li­ch in Net­zen geschal­tet wer­den, um für 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, sowie den Über­gang von einer auf Schwer­in­dus­trie auf­ge­bau­ten Wirt­schaft zu einer dienst­leis­tungs­ori­en­tier­ten zu voll­zie­hen, deren Mit­tel­punkt die Bedürf­nis­se des Ein­zel­ver­brau­chers bil­den wer­den.“ (McLu­han 1995: 120)

Über die­je­ni­gen, die ver­söhn­li­ch beto­nen, dass es beim Wert eines Medi­um pri­mär dar­auf ankä­me zu wel­chen Zwecken man es letzt­li­ch ein­set­zen möch­te, spot­te­te der Kana­di­er, der heu­te als einer der ein­fluss­reichs­ten Medi­en­theo­re­ti­kern gilt. Er ent­geg­ne­te: „In die­ser Behaup­tung […] steckt ein­fach gar nichts, was einer genaue­ren Über­prü­fung stand­hiel­te, denn es ent­geht ihm [einem Ver­tre­ter die­ser Posi­ti­on] das Wesen des Medi­ums […]“ (McLu­han 1964: 21). Möch­te man unter­su­chen wel­che gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen eine neue Tech­no­lo­gie aus­löst, so kommt es nicht auf den Inhalt an, den sie trans­por­tiert, son­dern auf die Eigen­schaf­ten und Wir­kun­gen des Medi­ums an sich. Was wird erwei­tert und was wird begrenzt? Die­ser Gedan­ke ver­dich­tet sich in einem Satz mit dem McLu­han klas­si­scher­wei­se zitiert wird:

Das Medi­um ist die Bot­schaft.” (McLu­han 1964: 17)

Es kommt im Kern also weni­ger dar­auf an, ob die Anzahl der „gehalt­vol­len“ Bücher die „Schund­li­te­ra­tur“ über­wiegt. Was unse­re Gesell­schafts­form grund­le­gend ver­än­dert hat, war der Buch­druck an sich. Ohne Schrift, pho­ne­ti­sches Alpha­bet und Druck wären Ver­wal­tung, Hoch­spra­che und „ein his­to­ri­sches Bewusst­sein“ undenk­bar (vgl. McLu­han 1964; 1995). Und so wur­de der Druck im 16. Jahr­hun­dert – aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht – eben auch zur Grund­la­ge von Natio­na­lis­mus einer­seits und Indi­vi­dua­lis­mus ande­rer­seits (vgl. McLu­han 1964: 31).

Alles bleibt beim Alten, das heißt: alles wird neu!

Die Lek­tü­re von McLu­hans Schrif­ten lässt all jene wie­der bes­ser schla­fen, die sich davor ängs­ti­gen, dass Bücher, Hand­schrift und ande­re Kul­tur­tech­ni­ken durch die Digi­ta­li­sie­rung ver­schwin­den könn­ten und so die Gesell­schaft ernst­haf­ten Scha­den nimmt. Denn alte Medi­en wer­den bei McLu­han nicht ein­fach ersetzt; viel­mehr beinhal­tet jedes neue Medi­um eine Viel­zahl von älte­ren kul­tu­rel­len Errun­gen­schaf­ten (vgl. McLu­han 1964: 18).

Wie bei einer Matrjoschka enthält jedes neue Medium zahlreiche alte Medien.

Wie bei einer Matrjosch­ka, ent­hält jedes neue Medi­um zahl­rei­che alte Medi­en.

Ähn­li­ch wie bei einer rus­si­schen Matrjosch­ka hat das Tablet – by the way: das hap­tischs­te Medi­um der Welt – ganz aktu­ell das Papier­buch „ver­schluckt“. Das Buch wie­der­um beinhal­tet den Druck, der Druck die Schrift, die Schrift das pho­ne­ti­sche Alpha­bet, das Alpha­bet die Spra­che und so wei­ter. Ein Trost für alle Biblio­phi­len: Die Gene­ra­ti­on Y passt gut auf eure Lieb­lin­ge auf – ver­spro­chen!

Die Erfin­dung und Ver­brei­tung eines neu­en Medi­ums hat jedoch auch per­sön­li­che, sowie gesell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen, die zu Rei­bun­gen füh­ren und regel­recht Schmer­zen berei­ten. McLu­han ist also kei­nes­wegs als tech­ni­ke­u­pho­ri­scher Medi­en­na­iv­ling zu lesen! Jedes neue Medi­um, ver­stan­den als Aus­wei­tung oder Erwei­te­rung des Kör­pers, führt auch immer zu einer „Selbstam­pu­ta­ti­on“ (vgl. McLu­han 1994: 58). Ein Scho­ck durch die plötz­li­che Erwei­te­rung führt zu einer Art Betäu­bung als Schutz­me­cha­nis­mus (Nar­ko­se):

Die Aus­wahl eines ein­zi­gen Sin­nes zur star­ken Sti­mu­lie­rung oder eines ein­zi­gen erwei­ter­ten, iso­lier­ten oder »ampu­tier­ten« Sin­nes in der Tech­nik ist zum Teil der Grund für die betäu­ben­de Wir­kung, die die Tech­nik als sol­che auf jene aus­übt, die sie geschaf­fen haben und sie ver­wen­den.“ (McLu­han 1964: 60)

Medi­en­fein­de, die jetzt vom Stuhl auf­sprin­gen und rufen „Ich hab’s gewusst!“ mögen sich bit­te noch­mal kurz hin­set­zen. McLu­han geht es weni­ger dar­um, dass bestimm­te Medi­en „dumm machen“. Er sen­si­bi­li­siert in den „Magi­schen Kanä­len“ und vor allem in „The Glo­bal Vil­la­ge“ Lese­rIn­nen in ers­ter Linie dafür, dass jedes neue Medi­um bestimm­te Sin­ne betont und in den Vor­der­grund rücken lässt. Jede Erwei­te­rung durch ein Medi­um löst dabei bestimm­te gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen aus über die Umge­stal­tung der Sin­nes­kom­po­si­ti­on. McLu­han (1995: 218) dekli­niert nach einem Vie­rer­sche­ma (sei­ne berühm­te Tetra­de) ver­schie­de­ne Medi­en – hier das Flug­zeug – in Bezug auf die Ver­än­de­run­gen, die sie aus­lö­sen:

A Erwei­tert die ver­ti­ka­len wie hori­zon­ta­len Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten.
B Ver­al­tet das Rad und die Stra­ße, die Eisen­bahn und das Schiff.
C Bringt die Vogel­per­spek­ti­ve ver­bun­den mit der Aura der Minia­tu­ri­sie­rung zurück.
D Kehrt um in gelei­te­te Geschos­se. Ver­wan­delt den Pla­ne­ten in eine aus­ge­dehn­te Stadt: urb orbs.”

In glei­cher Wei­se ver­än­dert die Eisen­bahn unser Ver­hält­nis zu Raum und Zeit; die Schrift löst sprach­münd­li­che Kul­tu­ren ab; das Bar­geld ver­al­tet den Tau­sch und die Klei­dung – eine Erwei­te­rung der Haut – „schal­tet das Kli­ma aus“ (vgl. McLu­han 1995: 214). Jedes neue Medi­um wird dabei beglei­tet von eupho­ri­schen Heils­ver­spre­chen einer­seits und kul­tur­pes­si­mis­ti­scher Kri­tik ande­rer­seits, wie Kat­rin Pas­sig sie in ihren schö­nen Bei­trä­gen zu den Stan­dard­si­tua­tio­nen der Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung und Tech­nik­kri­tik beschreibt. Eine fan­tas­ti­sche Grab­bel­kis­te für Fana­ti­ker mit einer Aus­wahl völ­lig unspe­zi­fi­scher und des­halb zeit­lo­ser Pseu­do­ar­gu­men­te!

HTML und das Glo­ba­le Dorf

McLu­han selbst hat die Geburt des Inter­nets durch die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge von Sir Tim Berners-​Lee wie gesagt nicht mehr mit­er­le­ben kön­nen. Und trotz­dem beschrieb er bereits etwas, das uns durch Whats­app, Face­book und Sky­pe tag­täg­li­ch vor Augen gestellt wird:

Elek­tri­sch zusam­men­ge­zo­gen ist die Welt nur mehr ein Dorf. Die elek­tri­sche Geschwin­dig­keit, mit der alle sozia­len und poli­ti­schen Funk­tio­nen in einer plötz­li­chen Implo­si­on koor­di­niert wer­den, hat die Ver­ant­wor­tung des Men­schen in erhöh­tem Maß bewusst wer­den las­sen.“ (McLu­han 1964: 13)

Wer den Kana­di­er liest, dem soll­te schnell däm­mern, dass die Fra­ge, ob Face­book nun „Fluch oder Segen” sei oder der Frust über die Ortho­gra­phie in Chat­ver­läu­fen nur an der Ober­flä­che des Medi­ums krat­zen. Die Ver­än­de­run­gen, die das Inter­net aus­ge­löst hat und noch aus­lö­sen wird, lie­gen tie­fer. Sie erge­ben sich auch hier nicht aus dem Inhalt (Kat­zen­fo­tos), son­dern den beson­de­ren Eigen­schaf­ten des Medi­ums. Und mit dem Kul­tur­anthro­po­lo­gen Micha­el Wesch gespro­chen, könn­te eine Bot­schaft des Medi­ums Inter­net bei­spiels­wei­se lau­ten: „The machine is us/​ing us!“

 

 

Die Fra­gen, die Micha­el Wesch hier auf­wirft, sind Fra­gen, die in einer “inter­net­be­trie­be­nen” Gesell­schaft nun wirk­li­ch mal zu dis­ku­tie­ren wären, denn:

jedes Medi­um hat die Macht, sei­ne eige­nen Pos­tu­la­te dem Ahnungs­lo­sen auf­zu­zwin­gen.“ (McLu­han 1964: 26)

… aber es muss ja viel­leicht nicht gera­de am Früh­stücks­ti­sch sein.

Zum Anschau­en:

3Sat (2011). Sco­bel. Mar­shall McLu­han. Ein Visio­när des Medi­en­zeit­al­ters.

Quel­len:

McLu­han, Mar­shall (1964). Die magi­schen Kanä­le. Under­stan­ding Media. Düs­sel­dorf: Econ Ver­lag.

McLu­han, Mar­shall und Powers, Bru­ce (1995). The Glo­bal Vil­la­ge. Der Weg der Medi­en­ge­sell­schaft in das 21. Jahr­hun­dert. Pader­born: Jun­fer­mann Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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