Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schu­le Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­ren­de den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man die­se Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schu­le und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Vie­le unter­schied­li­che Akteu­re mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­ga­be, begrenz­te Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­ri­ge For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Por­st es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­be­ck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­re­ne Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­ti­ge Vari­an­te des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lan­ge“ (Por­st 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Jüdi­sche Mesu­sa und Mari­eni­ko­ne

Stu­die­ren­de der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­bat­te früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­si­on gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flik­te und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­ti­ve Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Fra­ge, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stel­le tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist qua­si Flei­sch gewor­de­ne Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­li­ch umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nen­de Fra­ge – ertra­gen Stu­die­ren­de die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­ren­de Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zes­se erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schie­de, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läu­fe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­ble­me nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­ti­sch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jek­te die not­wen­di­ge Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Weni­ge Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­si­on mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­ti­on GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv gerin­ge Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lo­se und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­ti­on auf der „After­sei­te“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­di­ge Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­ble­me.

Und in der Dis­kus­si­on im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­ti­on (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­li­ch, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäs­te in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lo­se, Zuwan­de­rer – kom­men angst­frei­er in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­frei­en Zone“ der Über­le­bens­sta­ti­on (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben die­se „Ereig­nis­se“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bau­er hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­li­ch gemacht, wie wesent­li­ch die­se Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so sei­ne The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sin­ne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bau­er 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­de­te Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quel­le von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­li­ch, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­ben­de Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bau­er 2011: 13). Und das inter­es­san­te an Bau­ers Stu­die ist eben dar­in zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, wel­ch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­rel­le Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio huma­na (Bau­er 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und dar­an ändern die „Ereig­nis­se“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Gerings­te!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bau­er, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Por­st, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Mit Bourdieu in der Cocktailbar

Ein Abend in der Cock­tail­bar; der Bar­kee­per nimmt mei­ne Bestel­lung auf. Etwas schnodd­rig, aber doch bestimmt, bestel­le ich einen „Gin Tonic“!

Und“, sagt der war­ten­de Bar­kee­per „Bour­dieu?“. Um dann in mei­ne Ver­blüf­fung hin­ein sei­ne Nach­fra­ge nach der Gin Sor­te, der Tonic Sor­te und nach der Eis Sor­te (Wel­ches Mine­ral­was­ser wird zu Eis?) zu stel­len. „Noch nie was von den fei­nen Unter­schie­den gehört?“ – so sein Kom­men­tar zu mei­ner Sim­pli­zi­tät. Und zu mei­nem unzu­rei­chen­den Dis­tink­ti­ons­ver­mö­gen; es feh­le mir eben – um mit Nor­bert Eli­as zu spre­chen – die „Lust am Kon­trast“.

Denn auf der Folie der „Fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) wird mei­ne sim­ple Geträn­ke­be­stel­lung zum Nach­weis mei­ner man­gel­haf­ten Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem Kapi­tal und damit zu einer ein­deu­ti­gen Zuord­nung zu einer Schicht, die die „Fei­nen Unter­schie­de“ nicht kennt. Mei­ne sim­ple (im dop­pel­ten Sin­ne) Geträn­ke­be­stel­lung labelt mich im Feld der Cock­tail­bar als „bar-​fern“ und „kul­tur­fern“!

Cocktails

Die Pra­xis­taug­lich­keit von Bour­dieu zeigt sich bei­zei­ten sogar in der Cock­tail­bar.

Selbst wenn mein Porte­mon­naie an die­sem Abend den Genuss eines „hand­ge­bla­se­nen“ Schwarz­waldgins mög­li­ch machen könn­te, ver­un­mög­licht es mein man­geln­des kul­tu­rel­les Kapi­tal: Ich weiß nichts über eben die­sen köst­li­chen Gin und daher wer­de ich ihn nicht trin­ken kön­nen.

Ganz prak­ti­sch gewinnt an die­sem Abend in der Cock­tail­bar Bour­dieus Kri­tik des kul­tu­rel­len Kon­sums und Geschmacks ihre unschlag­ba­re Pra­xis­taug­lich­keit – sie erklärt uns die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen unse­rer eige­nen kul­tu­rel­len Aus­stat­tung und wie die­se unse­re eige­ne Pra­xis uns im gesell­schaft­li­chen Oben und Unten zuord­net. Und wie uns eine ent­spre­chen­de ana­ly­ti­sche Aus­stat­tung, eben die­se Zuord­nung auch und gera­de in all­täg­li­chen Pra­xen ermög­licht.

Bour­dieu im Jugend­amt

Ein Bera­tungs­set­ting im Jugend­amt einer Ruhr­ge­biets­kom­mu­ne – gestan­de­ne Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und Päd­ago­gen mit jah­re­lan­ger Pra­xis in der offe­nen Jugend­ar­beit dis­ku­tie­ren zwei Tage ihren päd­ago­gi­schen All­tag im Kon­text eines kom­mu­na­len Spar­haus­hal­tes. „Wie“, so ihre Fra­ge „kann Jugend­ar­beit bei lee­ren Kas­sen aus­se­hen?“ und zwangs­läu­fig mäan­driert die­se Dis­kus­si­on auch und immer um „Kul­tur“.

Plötz­li­ch steht Oper, Schau­spiel und Muse­um kon­tro­vers zur Offe­nen Jugend­ar­beit und erstaun­li­cher­wei­se (?) ord­nen sich die Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker der Sozia­len Arbeit in ihrer Wer­tig­keit den „Hohen Küns­ten“ frei­wil­lig unter. Und im Fort­gang der Dis­kus­si­on wird dann deut­li­ch, wie wenig ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis sich in Oper, Schau­spiel und Muse­um wie­der­fin­det.

Hoch­kul­tur“ wird viel­mehr dem gesell­schaft­li­chen Oben zuge­ord­net (ein qua­si natur­wüch­si­ger „Bour­dieuis­mus“?) und im Unten ist eben ihr All­tag und der All­tag der „nor­ma­len“ Men­schen – so das Fazit die­ses Dis­kur­ses.

In der Rezep­ti­on der „Fei­nen Unter­schie­de“ ver­än­dert sich ihre „All­tags­so­zio­lo­gie“; dass kul­tu­rel­le Pra­xis auch immer der Dis­tink­ti­on dient, ver­än­dert ihren Fokus auf ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis und auf die Pra­xis der „Hoch­kul­tur“. Und mit „Habi­tus“, „Kapi­tal“ und „Feld“ (vgl. Bour­dieu 1998 und 2001) ver­mit­teln sich ihnen ana­ly­ti­sche Instru­men­te, die ihre pro­fes­sio­nel­len Fel­der ver­ste­hen und erklä­ren und tak­ti­sche, sowie stra­te­gi­sche Mus­ter für ihr ganz eige­nes prak­ti­sches und poli­ti­sches Han­deln ver­mit­teln.

In der Rezep­ti­on und Dis­kus­si­on der Bour­dieu­schen Begrif­fe und (Feld-)Analysen ent­ste­hen den Exper­tin­nen der Sozia­len Arbeit ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Instru­men­te, die dann in ihrer eige­nen Pra­xis neue ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Ein­sich­ten her­vor­brin­gen: Eine ganz prak­ti­sche Theo­rie!

Der „Königs­me­cha­nis­mus“ im rhei­ni­schen Rat­haus

Beim Lesen von Eli­as bin ich immer wie­der frap­piert, wie sehr unse­re Posi­tio­nen sich glei­chen“ (Leuw und Zim­mer­mann 1983), so beschreibt Bour­dieu sein Ver­hält­nis zu Nor­bert Eli­as, den er mit Marx, Durk­heim und Weber zu sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Vor­bil­dern zähl­te. Und so ist es auch nicht ver­wun­der­li­ch, son­dern viel­mehr fol­ge­rich­tig, dass auch Nor­bert Eli­as als „Men­schen­wis­sen­schaft­ler“ uns in die­sem Blog prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft – wenn auch nicht in der Cock­tail­bar – begeg­net.

Sozia­le Arbeit als „schwa­che Ver­tre­tung schwa­cher Inter­es­sen“ – man den­ke nur an die „Erwerbs­lo­sen­be­we­gung“ (vgl. Kie­ser 1988) oder die Durch­set­zungs­stra­te­gi­en der Sozia­len Arbeit auf EU-​Ebene (vgl. Sei­bel 2010) – nimmt ger­ne Anlei­hen in angren­zen­den Dis­zi­pli­nen; ob es nun Politik-, Geschichts- oder Sozi­al­wis­sen­schaft ist. Nor­bert Eli­as hat mit sei­nen gro­ßen Erzäh­lun­gen über „Zivi­li­sa­ti­on“ (vgl. Eli­as 1983 und 1987) eine wah­re „Fund­gru­be“ für Ana­ly­sen und Hand­lungs­stra­te­gi­en gelie­fert, deren Taug­lich­keit für die „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ nur in der Pra­xis über­prüft wer­den kann – folgt man denn hier Marx und sei­nen „The­sen über Feu­er­bach“ .

In „Die höfi­sche Gesell­schaft“ (Eli­as 1983) ent­wi­ckelt Eli­as mit dem „Königs­me­cha­nis­mus“ eine erfolg­rei­che Stra­te­gie (zumin­dest für die Köni­ge Frank­reichs), um Macht zu erobern und zu erhal­ten, indem geg­ne­ri­sche Inter­es­sen­grup­pen immer in einem Macht­gleich­ge­wicht zu hal­ten sind. Nur dann, wenn sich die Macht­po­ten­tia­le gegen­sei­tig im Schach hal­ten, kön­nen schwa­che Zen­tral­mäch­te oder Zen­tral­fi­gu­ren Macht­po­si­tio­nen erobern und der­art Macht akku­mu­lie­ren. Inter­es­san­ter­wei­se benutzt Her­mann Kor­te die­se Denk­fi­gur, um Ange­la Mer­kels Auf­stieg zur Macht im Rah­men einer Fall­stu­die zu beschrei­ben (Kor­te 2009).

In einem Semi­n­ar zur Ein­füh­rung in Kom­mu­na­le Sozi­al­po­li­tik; Hand­lungs­stra­te­gi­en zur Inter­es­sen­durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen wer­den am Bei­spiel eines Arbeits­lo­sen­zen­trums in einer rhei­ni­schen Groß­stadt dis­ku­tiert. Die Ein­füh­rung der Denk­fi­gur des „Königs­me­cha­nis­mus“ eröff­net einen völ­lig neu­en Fokus für die Stu­die­ren­den; Macht­po­ten­tia­le in der Ver­än­de­rung wer­den nun­mehr in den (Be-)Griff genom­men; ein sozio­lo­gi­scher und his­to­ri­scher Rück­bli­ck schafft eine neue Per­spek­ti­ve für aktu­el­le Pro­ble­me.

Poli­tik wird in ihrer his­to­ri­schen und sach­li­ch begrün­de­ten Ver­än­der­bar­keit als Mecha­nis­mus erkenn­bar, die ein­zel­nen Zahn­rä­der sicht­bar, Instru­men­te zur Neu­ein­stel­lung kön­nen ent­wi­ckelt und umge­setzt wer­den – „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ eben.

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Fröh­li­ch, Ger­hard und Reh­bein, Boi­ke (2009). Bourdieu-​Handbuch. Leben, Werk, Wir­kung. Stutt­gart: J.B. Metz­ler.

Leuw, Peter de und Zim­mer­mann, Hans-​Dieter (1983). Die fei­nen Unter­schei­de und wie sie ent­ste­hen. Pier­re Bour­dieu erforscht den All­tag. Frank­furt: Hes­si­scher Rund­funk TV-​Film.

Lite­ra­tur:

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Kri­tik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Bour­dieu, Pier­re (1998). Vom Gebrauch der Wis­sen­schaft. Für eine kli­ni­sche Sozio­lo­gie des wis­sen­schaft­li­chen Fel­des. Kon­stanz: UVK.

Bour­dieu, Pier­re (2001). Die Regeln der Kunst: Gene­se und Struk­tur des lite­ra­ri­schen Fel­des. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1983). Die höfi­sche Gesell­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1987). Über den Pro­zeß der Zivi­li­sa­ti­on. Frank­furt: Suhr­kamp.

Kie­ser, Albrecht (1988). Zwi­schen Siech­tum und Wider­stand. Sozi­al­ar­beit und Erwerbs­lo­sen­be­we­gung. Bie­le­feld: Lucht­erhand.

Kor­te, Her­mann (2009). “Und ich gucke mir das an. Ange­la Mer­kels Weg zur Macht. Eine Fall­stu­die”, In: Mar­ti­na, Löw (Hg.), Geschlecht und Macht. Ana­ly­sen zum Span­nungs­feld von Arbeit, Bil­dung und Fami­lie (S. 16–28). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Sei­bel, Katha­ri­na (2010). “Rekla­ma­ti­on und Durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen”, In: , Ben­ja­min Benz u.A (Hrsg.). Sozia­le Poli­tik – Sozia­le Lage- Sozia­le Arbeit (S. 207–224). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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Wie im „Permanent White Water“ des Netzes die “Eskimorolle” das Überleben sichert

Wohl um 250 nach Chris­tus wur­de der Pari­ser Bischof Dio­ny­si­us im Rah­men der Chris­ten­ver­fol­gun­gen auf dem Mont­mar­t­re ent­haup­tet. Die Legen­de berich­tet, dass er nach der Ent­haup­tung sei­nen Kopf in sei­ne Hän­de nahm und dort­hin ging, wo er denn begra­ben sein woll­te. An sei­nem Begräb­nis­ort steht heu­te die Kathe­dra­le Saint Denis.

Däu­me­lin­chen klappt ihr Note­book auf. Mag sie sich jener Legen­de auch nicht ent­sin­nen – was sie da vor Augen hat, ist nichts ande­res als ihr Kopf. Wohl­ge­füllt kraft sei­ner uner­schöpf­li­chen Infor­ma­ti­ons­be­stän­de, aber auch wohl­be­schaf­fen, weil sich durch Such­ma­schi­nen in ihm Tex­te und Bil­der nach Lau­ne auf­ru­fen las­sen.“ (Ser­res 2013: 27)

 Wie der Hei­li­ge sei­nen Kopf, so trägt sie nun­mehr

ihre vor­mals inter­nen, nun exter­na­li­sier­ten kogni­ti­ven Fähig­kei­ten in Hän­den“ (Ser­res 2013: 27)!

So beschreibt uns Michel Ser­res in sei­nem 2013 ver­öf­fent­lich­ten Text mit dem schö­nen Unter­ti­tel „Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on“ das Wun­der unse­rer Zeit: In unse­ren Hän­den hal­ten wir in klei­nen schwar­zen oder bun­ten Käst­chen das gesam­te Wis­sen unse­rer Zeit! Oder genau­er gesagt, den Zugang dazu. Wir müs­sen uns noch nicht ein­mal mehr mer­ken, wo im Regal ein gesuch­tes Buch steht; wir kön­nen ein­fach Such­ma­schi­nen befra­gen!

Dies ver­än­dert unse­re Zeit und auch unser Leben; gen­au wie der Buch­druck die Pro­duk­ti­on von Wis­sen, die Wei­ter­ga­be von Wis­sen und die Rezep­ti­on von Wis­sen ver­än­dert hat.

Als Leh­ren­der bedeu­tet dies in der Pra­xis einer Vor­le­sung oder eines Semi­nars, dass wir mit dem all­zeit ver­füg­ba­ren Wis­sen kon­kur­rie­ren:

Weil alle Welt das Wis­sen, das da ver­brei­tet wird, bereit hat. Zur Gän­ze. Zur frei­en Ver­fü­gung. Zur Hand. Jeder­zeit zugäng­li­ch im Netz, bei Wiki­pe­dia, mit dem Han­dy, durch jedes belie­bi­ge Por­tal“ (Ser­res 2013: 35)

Das Wis­sen fokus­siert sich nicht mehr im Kathe­der, im Red­ner­pult – es ist all­ge­gen­wär­tig im Raum der Vor­le­sung, des Semi­nars, der Schu­le. Und damit ändert sich die Rol­le des Leh­ren­den; was ist denn der wirk­li­che Mehr­wert, der Nut­zen, der Gebrauchs­wert, den wir als Leh­ren­de rea­li­sie­ren kön­nen?

Heu­ris­ti­ken zu ent­wi­ckeln und zu ver­mit­teln, ein­zel­ne Mosa­ik­stei­ne zu einem Gesamt­bild zusam­men­zu­fü­gen, den Gebrauchs- und Erklä­rungs­wert von Theo­ri­en durch eine erfah­rungs­ge­sät­tig­te Pra­xis­an­kopp­lung her­zu­stel­len, Lern­vor­gän­ge zu initi­ie­ren, durch­zu­füh­ren, zu beglei­ten, zu kom­men­tie­ren und zu bewer­ten – so könn­ten die Auf­ga­ben eines Leh­ren­den beschrie­ben wer­den.

Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als Per­ma­nent Whi­te Water

Den All­tag von „sozia­len per­so­nen­be­zo­ge­nen Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen“ in der Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als „kom­plex, kon­flikt­be­la­den, mehr­deu­tig und daher rela­tiv schwer zu ver­ste­hen“ (Kla­tetz­ki 2010: 18) zu beschrei­ben ist das Eine. Die Dis­kus­si­on und Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes im Rah­men eines Semi­nars kann sogar für die Stu­die­ren­den bis zu einer beding­ten und begrenz­ten Ein­sicht in den All­tag eben jener Orga­ni­sa­tio­nen füh­ren.

Kop­peln wir aber den All­tag der Erfah­run­gen der Leh­ren­den und der Ler­nen­den – denn ein Groß­teil der Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten kommt mit Erfah­run­gen aus eben jenen Orga­ni­sa­tio­nen in die Semi­na­re – mit theo­re­ti­schen Ein­sich­ten, wie sie uns bei­spiels­wei­se Peter Vaill mit sei­ner Zustands­be­schrei­bung des „Per­ma­nent Whi­te Water“ (Vaill 1996) lie­fert, so wird der chao­ti­sche und erleb­te All­tag erklär­bar.

Eskimorolle Digital

Das sinn­bild­li­che Ver­mit­teln der “Eski­mo­rol­le” als eige­ne Qua­li­tät per­sön­li­cher Leh­re in der Sozi­al­ar­beit

Unsi­cher­heit und Risi­ko wer­den im Bild des Wild­was­ser­fah­rers im wei­ßen Was­ser nach­voll­zieh­bar, die Ver­knüp­fung von Theo­rie und Pra­xis wer­den sicht­bar in Schutz­maß­nah­men wie Schwimm­wes­te und Helm (wobei en pas­sant die span­nen­de Fra­ge zu klä­ren ist, ob Theo­rie jetzt mehr Schwimm­wes­te oder mehr Helm ist) und die “Eski­mo­rol­le” kann über­setzt wer­den in die kunst­vol­le Beherr­schung des ana­ly­ti­schen und metho­di­schen Instru­men­ta­ri­ums.

Die­ses hier ansatz­wei­se skiz­zier­te Zusam­men­stel­len von kon­text­fer­nen und kon­text­na­hen Bil­dern, das Über­tra­gen von Erklä­rungs­an­sät­zen aus grund­le­gend anders struk­tu­rier­ten Fel­dern in die Sozia­le Arbeit, das Her­stel­len von trans­dis­zi­pli­nä­ren Ver­knüp­fun­gen auch jen­seits der Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – so könn­te man die neu­en Auf­ga­ben des Leh­rens im Zeit­al­ter der ubi­qui­tä­ren Weis­heit ver­su­chen zu beschrei­ben. Die Anfor­de­run­gen an die­se neu­en Aufgaben- und Rol­len­zu­schrei­bun­gen sind anspruchs­voll und kom­plex; Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät, Ambi­gui­täts­to­le­ranz, und Beschei­den­heit sind dabei die Grund­aus­stat­tung und das mephis­to­phe­li­sche

all­wis­send bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst“ (Faust I)

kann in der einen oder ande­ren Situa­ti­on durch­aus wei­ter­hel­fen.

Das Gan­ze macht uns Kopf­schmer­zen; die Wis­sens­dif­fu­si­on, die Rol­len­ver­än­de­rung, die zuneh­men­den Unsi­cher­hei­ten. Da mag dann wie­der­um ein Bli­ck zurück auf den hei­li­gen Dio­ny­si­us hel­fen; er gilt als einer der 14 Not­hel­fer und sei­ne Anru­fung soll bei Kopf­schmer­zen hel­fen!

Quel­len:

Kla­tetz­ki, Tho­mas (Hrsg.)(2010). Sozia­le per­so­nen­be­zo­ge­ne Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Ser­res, Michel (2013). Erfin­det Euch! Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on. Ber­lin: Edi­ti­on Suhr­kamp.

Vaill, Peter (1996). Learning as a Way of Being: Stra­te­gies for Sur­vi­val in a World of Per­ma­nent Whi­te Water. New York: Jos­sey Bass.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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