Gesellschaft – da machst du dir (k)ein Bild von!

Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wie die Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft oder auch die Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft beschäf­ti­gen sich teil­wei­se mit recht abs­trak­ten Begrif­fen, wie bei­spiels­wei­se „Gesell­schaft“ oder „sozia­ler Wirk­lich­keit“. Din­ge und Pro­zes­se, die wir irgend­wie jeden Tag erfah­ren, die aber doch häu­fig nur recht schwer oder unbe­frie­di­gend nüch­tern in Worte zu fas­sen sind. Als Hilfs­kon­struk­ti­on zur Beschrei­bung nut­zen die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – wie wir es im All­tag auch alle tun – aller­hand Bil­der, Meta­phern und Sprach­bil­der, denn

weil die Gesell­schaft als Ein­heit uner­reich­bar ist, kann deren Beschrei­bung nur eine ima­gi­nä­re sein.“ (Schlech­trie­men 2014: 26)

Und so beschreibt der Kul­tur­so­zio­lo­ge Tobi­as Schlech­trie­men den Men­schen als ein Wesen, das eben nicht nur vernunft- und sprach­be­gabt ist, son­dern als eines was „mit Bil­dern umgeht, was Bil­der pro­du­ziert, was in Bil­dern kom­mu­ni­ziert, was sich Bil­der von sich selbst, aber auch von der Welt macht.“

Des­halb ist es nicht ver­wun­der­li­ch, dass auch die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten aller­hand „Bil­der des Sozia­len“ zeich­nen, Ver­glei­che zu kon­kre­ten Din­gen des All­tags zie­hen und Meta­phern und ande­re sprach­li­che Bil­der auf­grei­fen, um ihre Gegen­stän­de qua­si „be-​greifbar“ zu machen. Wir erin­nern uns an die ver­schie­de­nen „Zwie­bel­mo­del­le“ in Sozio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie, an „Bedürf­nis­py­ra­mi­den“,  „Gärt­ner und Bildhauer“-Modelle in der Päd­ago­gik oder Meta­phern, wie der „Schwar­min­tel­li­genz“ zur Beschrei­bung sozia­ler Koope­ra­ti­ons­leis­tun­gen.

Die Zwiebel ist erstaunlicherweise ein häufig genutztes "Bild des Sozialen".

Die Zwie­bel ist erstaun­li­cher­wei­se ein häu­fig ver­wen­de­tes “Bild des Sozia­len”.

Auf­fäl­lig ist hier bestimmt auch, dass vie­le ein­fluss­rei­che „Grand Theo­ries“ oder berühm­te Theo­ri­en mitt­le­rer Reich­wei­te (vgl. Mer­ton 1968) mit sehr ein­präg­sa­men Bil­dern arbei­ten oder ihre zen­tra­len Ide­en in ein­drucks­vol­le Meta­phern klei­den. Man könn­te fast behaup­ten: je fass­ba­rer, all­täg­li­cher und ein­drück­li­cher das geis­tig gemal­te Bild, desto durch­set­zungs­fä­hi­ger das beschrie­be­ne Modell im wis­sen­schaft­li­chen und auch öffent­li­chen Dis­kurs.

Rudolf Schmitt (vgl. 2014: 5) nennt im sozio­lo­gi­schen Kon­text unter ande­rem das Bild der „Gesell­schaft als Orga­nis­mus“ (z.B. Durk­heim, Spen­cer, Luh­mann), „Gesell­schaft als Krieg/​Kampf“ (z.B. Marx, Hob­bes, Frank­fur­ter Schu­le) oder „Gesell­schaft als Spiel“ (z.B. Bour­dieu, Goff­mann). Als ein Bild, das in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit wie­der stär­ker „in Mode“ gekom­men ist, müss­te man hier sicher­li­ch die „Gesell­schaft als Netz­werk“ (z.B. Cas­tells, More­no, Whi­te) her­vor­he­ben. Die­se Ent­wick­lung hat mit Sicher­heit auch etwas mit den viel­fäl­ti­gen neu­en Mög­lich­kei­ten der Ver­net­zung über das Inter­net zu tun, denn auf­kom­men­de Gesell­schafts­bil­der sind stets eng mit kon­kre­ten kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen ver­bun­den.

Solan­ge es uns die­se Bil­der ermög­li­chen Erkennt­nis bes­ser mit­zu­tei­len und solan­ge wir uns der sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten (schär­fer noch: Inter­pre­ta­ti­ons­not­wen­dig­kei­ten) bewusst sind, scheint dies auch alles unpro­ble­ma­ti­sch zu sein. Manch­mal erzeu­gen gera­de die Kon­no­ta­tio­nen und Asso­zia­tio­nen, die die Bil­der in ande­ren wecken, ganz neue Erkennt­nis­se oder wer­fen inter­es­san­te Fra­gen auf: Wenn ich bei­spiels­wei­se „Gesell­schaft“ als ein „Spiel“ beschrei­be, gibt es dann nicht zwangs­läu­fig auch Regeln, die ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen? Wer ist im Spiel Schieds­rich­te­rIn? Spielt jeder allei­ne oder ist das Gan­ze ein Mann­schafts­sport? Wie viel Kon­takt ist erlaubt, das heißt wo beginnt das Foul und wie wird es geahn­det? Und wo sind eigent­li­ch die gan­zen Zuschaue­rIn­nen hin, wenn doch jeder spielt?

Am Tellerrand

In sei­ner meta­pher­ana­ly­ti­schen Arbeit „Bil­der des Sozia­len“ ver­gleicht Tobi­as Schlech­trie­men (2014) die Arbei­ten von Jacob More­no, Manu­el Cas­tells und Bru­no Latour, die alle­samt Gesell­schaft im Bild des „Netz­werks“ beschrei­ben. Schlech­trie­men zeigt hier anschau­li­ch wie eng Theo­rie­bil­dung mit Bil­dern, Meta­phern und Sprach­bil­dern ver­wo­ben ist. Lese­rIn­nen wird bei der Lek­tü­re jedoch sicher­li­ch auch schnell bewusst, dass die Bil­der und Meta­phern dem Den­ken hin und wie­der Schran­ken set­zen kön­nen, denn

die sozio­lo­gi­sche Theo­rie­bil­dung über die Bil­der des Sozia­len [ist] eng an die gesell­schaft­li­chen Erfah­run­gen einer Zeit gebun­den, die sich in die­sen Bil­dern arti­ku­liert.“ (Schlech­trie­men 2014: 33)

Und damit wird eben auch nichts erklärt, „was uns nicht ins Bild passt“. Wer sich Gesell­schaft bei­spiels­wei­se wie einen mensch­li­chen Orga­nis­mus vor­stellt, der ver­fügt zwar über ein ein­drucks­vol­les Bild, weil hier das „gro­ße Gan­ze“ (Makro) im „Klei­nen“ (Mikro) wider­ge­spie­gelt wird. Das Nach­den­ken über Gesell­schaft wird dadurch aber auch unwei­ger­li­ch „starr“, denn im gedach­ten „Gesell­schafts­or­ga­nis­mus“ oder „Volks­kör­per“ hat alles sei­nen Platz und sei­ne angeb­li­ch „natür­li­che“ Ord­nung. Der ima­gi­nier­te Orga­nis­mus ist außer­dem durch sei­ne Haut nach außen hin klar abge­grenzt (vgl. Schlech­trie­men 2014: 87). Dadurch wird in die­sem „Bild des Sozia­len“ alles Neue, jede Ver­än­de­rung und alles was von außen “ein­dringt”, unwei­ger­li­ch als bedroh­li­ch emp­fun­den. Wer sich umge­kehrt „Gesell­schaft als einen fort­wäh­ren­den Kampf“ vor­stellt, ver­bringt sein Leben immer im gefühl­ten sozia­len Kriegs­zu­stand – sicher­li­ch ein eben­so gefähr­li­ches, geis­ti­ges Gefäng­nis.

Ana­tol Ste­fa­no­wit­sch beschreibt dar­über hin­aus in sei­nem Sprach­log und bei sei­nen Vor­trä­gen anhand prak­ti­scher Bei­spie­le immer wie­der deut­li­ch und eben­so unter­halt­sam, wie Sprach­bil­der sozia­le Wirk­lich­keit auch schaf­fen und fal­sche „Bil­der­rah­men“ unser Den­ken und sozia­les Han­deln bei­zei­ten unbe­wusst und unge­wollt beein­flus­sen. Das fal­sch gewähl­te Sprach­bild kann uns eben auch schnell Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven „ent-​möglichen“, da es bestimm­te Wege nicht mehr auf­zeigt. Dies beginnt bei schrä­gen Bil­dern wie dem „Inter­net als einen Ort“ (Cyber­space) und reicht bis in kon­kre­te poli­ti­sche Debat­ten über „Flücht­lings­wel­len“ und „Gast­recht“ hin­ein.

Bilderrahmen und Sozialarbeit

Die Sozi­al­ar­beit als eine prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft ist eben­so wie die Erzie­hungs­wis­sen­schaft sicher­li­ch eine sehr bil­der­rei­che Dis­zi­plin. Umso erstaun­li­cher, dass es in der Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft – im Ver­gleich zu metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten – sel­te­ner zu tie­fer­ge­hen­den Dis­kur­sen über ver­wen­de­te Theo­rie­bil­der kommt.

Wer den falschen Bilderrahmen wählt, dem entgeht manchmal Wesentliches.

Wer den fal­schen Bil­der­rah­men wählt, dem ent­geht manch­mal das Wesent­li­che.

Zen­tra­le Sprach­bil­der in Bezug auf Fach­be­grif­fe wie „Adres­sa­tIn“, „Kli­en­tIn“ und „Kun­dIn“ sind hier sicher­li­ch aus­ge­nom­men. Sie wer­den zu Recht und auch immer wie­der (vgl. dazu auch HBS 1996) aus­führ­li­ch geführt.

Rudolf Schmitt unter­zog rund 80 Haus­ar­bei­ten von Sozi­al­ar­beits­stu­die­ren­den zum The­ma „Gesell­schaft“ einer Meta­pher­ana­ly­se und beschreibt wun­der­bar wel­che „Bil­der von Gesell­schaft“ sich die Stu­di­en­an­fän­ge­rIn­nen machen. Neben den Bil­dern von „Gesell­schaft als Behäl­ter“, „Gesell­schaft als Schich­tung“ und „Gesell­schaft als kau­sa­ler Kraft“, fin­det sich hier auch das Bild der „Gesell­schaft als eine elter­li­che Per­son“. Gera­de die bei­den letzt­ge­nann­ten las­sen schon erah­nen, wie uns (Sprach-) Meta­phern in der prak­ti­schen Arbeit auch schnell uner­wünsch­te glä­ser­ne Decken ein­zie­hen kön­nen. Denn wer sich Staat und Gesell­schaft als eine Vater– oder Mut­ter­fi­gur vor­stellt oder als eine unbeug­sa­me Kraft („Gesell­schafts­druck“), der läuft sicher­li­ch auch ein­mal Gefahr, sich gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen und Zusam­men­hän­gen ohne Wider­stand zu beu­gen, sie als unver­än­der­bar und not­wen­dig zu emp­fin­den und zu erdul­den. Bour­dieu beschrieb wun­der­bar in sei­ner “männ­li­chen Herr­schaft”, wie grau­sam es sein kann, dass “Papa” für sich in Anspruch nimmt immer Recht zu haben:

Das ‘Nein’ des Vaters braucht weder aus­ge­spro­chen noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. Es gibt für ein ver­nünf­ti­ges Wesen (‘Sei ver­nünf­tig’, ‘spä­ter wirst du das ver­ste­hen’) kei­ne ande­re Wahl, als sich umstands­los der höhe­ren Macht der Din­ge zu beu­gen. Das väter­li­che Wort ist in sei­ner mit­leid­lo­sen Für­sor­ge nie schreck­li­cher, als wenn es sich spon­tan in die Logik der pro­phy­lak­ti­schen Vor­aus­sa­ge ein­ord­net.” (Bour­dieu 2005: 126)

Was aus dem Kaffeefilter tröpfelt

… wenn man sich mit der genann­ten Lite­ra­tur (Schlech­trie­men 2014; Schmitt 2014, Ste­fa­no­wit­sch) befasst, ist sicher­li­ch ein stär­ke­res Bewusst­sein dafür, wie die „Bil­der des Sozia­len“ in All­tag, Wis­sen­schaft und auch sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis Ein­fluss auf unser Den­ken und Han­deln neh­men kön­nen. Wer in der prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft unre­flek­tiert die fal­schen „Bil­der­rah­men“ wählt, setzt dem Den­ken und Han­deln mit­un­ter unbe­wusst, ungüns­ti­ge oder viel­leicht auch gefähr­li­che Gren­zen. Neben metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten, die je nach Feld doch eine beträcht­li­che Domi­nanz in sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fach­dis­kur­sen gewin­nen kön­nen, wäre es manch­mal bestimmt genauso „ertrag­reich“ mehr Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­über zu füh­ren, mit wel­chen Bil­dern wir „Gesell­schaft“ und „sozia­le Wirk­lich­keit“ beschrei­ben. Dass die­se auch mal hef­tig wer­den kön­nen, ist bestimmt weder ver­wun­der­li­ch, noch muss es Schlim­mes bedeu­ten, solan­ge es denn kol­le­gi­al fair bleibt.

Denn wie wir von Bour­dieu bild­li­ch beschrie­ben wis­sen: „Sozio­lo­gie ist ein Kampf­sport!“

Fragt sich nur wel­cher.

Zum Wei­ter­le­sen:

Schlech­trie­men, Tobi­as (2014). Bil­der des Sozia­len. Das Netz­werk in der sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Pader­born: Wil­helm Fink Ver­lag.

Literatur:

Bour­dieu, Pier­re (2005). Die männ­li­che Herr­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Hans Böck­ler Stif­tung (1996). Vom „Kli­en­ten“ zum „Kun­den“. Die markt­wirt­schaft­li­che Qua­dra­tur des sozi­al­staat­li­chen Krei­ses. Ham­burg.

Mer­ton, Robert K. (1968). Soci­al theo­ry und soci­al struc­tu­re. New York: Free Press.

Schmitt, Rudolf (2014). Bil­der der Gesell­schaft von Stu­die­ren­den de Sozia­len Arbeit: Das Eltern-​Modell und ande­re Her­aus­for­de­run­gen für sozio­lo­gi­sches Wis­sen.

Autor:

Kai Hau­prich

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Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schu­le Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­ren­de den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man die­se Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schu­le und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Vie­le unter­schied­li­che Akteu­re mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­ga­be, begrenz­te Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­ri­ge For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Por­st es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­be­ck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­re­ne Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­ti­ge Vari­an­te des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lan­ge“ (Por­st 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Jüdi­sche Mesu­sa und Mari­eni­ko­ne

Stu­die­ren­de der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­bat­te früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­si­on gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flik­te und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­ti­ve Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Fra­ge, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stel­le tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist qua­si Flei­sch gewor­de­ne Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­li­ch umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nen­de Fra­ge – ertra­gen Stu­die­ren­de die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­ren­de Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zes­se erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schie­de, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läu­fe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­ble­me nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­ti­sch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jek­te die not­wen­di­ge Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Weni­ge Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­si­on mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­ti­on GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv gerin­ge Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lo­se und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­ti­on auf der „After­sei­te“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­di­ge Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­ble­me.

Und in der Dis­kus­si­on im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­ti­on (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­li­ch, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäs­te in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lo­se, Zuwan­de­rer – kom­men angst­frei­er in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­frei­en Zone“ der Über­le­bens­sta­ti­on (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben die­se „Ereig­nis­se“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bau­er hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­li­ch gemacht, wie wesent­li­ch die­se Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so sei­ne The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sin­ne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bau­er 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­de­te Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quel­le von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­li­ch, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­ben­de Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bau­er 2011: 13). Und das inter­es­san­te an Bau­ers Stu­die ist eben dar­in zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, wel­ch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­rel­le Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio huma­na (Bau­er 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und dar­an ändern die „Ereig­nis­se“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Gerings­te!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bau­er, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Por­st, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Die heiße Schlacht um ein kaltes Medium

Die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung löst tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung aus. Dabei ist das Inter­net schon lan­ge nicht mehr nur noch das Medi­um der Kat­zen­fo­tos und übri­gen Belang­lo­sig­kei­ten. Es wird über das „Inter­net of Things“ qua­si zu einer neu­en Infra­struk­tur: Radio über Spo­ti­fy, Fern­se­hen über Net­flix, die Strom­zäh­ler wer­den per Smart­pho­ne regel­bar und ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Büro­tä­tig­kei­ten wird in der Cloud abge­ar­bei­tet. Selbst­fah­ren­de Autos ste­hen in den Start­lö­chern!Roboter

Der Umstand, dass ein Leben ohne das World Wide Web in weni­gen Jah­ren so unvor­stell­bar erscheint wie ein All­tag ohne elek­tri­sches Licht oder Auto­mo­bil (velo­phi­le Zeit­ge­nos­sen dür­fen ger­ne auch eine Welt ohne Fahr­rad ima­gi­nie­ren), spal­tet oft in zwei Lager: tech­nik­be­geis­ter­te Inter­ne­teu­pho­ri­ker schwär­men von den Mög­lich­kei­ten des Net­zes, den Pla­ne­ten nun „offe­ner und gerech­ter“ zu machen, gleich­zei­tig sor­gen sich selbst­er­nann­te „Tech­nik­kri­ti­ker“ um eine Welt „in der alle stän­dig nur auf die­se Din­ger glot­zen“. Wäh­rend ers­te­re häu­fig eine gewis­se quasi-​prophetische Arro­ganz umgibt, nut­zen letz­te­re eine alte Immu­ni­sie­rungs­tak­tik: Wer sich selbst die Eigen­schaft zuschreibt beson­ders kri­ti­sch zu sein, lässt Dis­kus­si­ons­part­ne­rIn­nen nur noch die Welt der Nai­vi­tät. Unterm Strich: eine auf­ge­la­de­ne, wenig frucht­ba­re und für alle Betei­lig­ten nerv­rau­ben­de Debat­te, die schon so man­ches sonnta­g­li­che Fami­li­en­früh­stück in ein digi­ta­les Schlacht­feld ver­wan­delt hat. Eine geeig­ne­te Medi­zin dage­gen kann die Lek­tü­re von Mar­shall McLu­hans „Magi­schen Kanä­len“ sein, die der hit­zi­gen Debat­te eine medi­en­his­to­ri­sche und medi­en­theo­re­ti­sche Decke ein­zieht.

Bücher, die die Welt ver­än­dern?

Für den kana­di­schen Medi­en­theo­re­ti­ker Mar­shall McLu­han ist jedes Medi­um als eine Erwei­te­rung des Men­schen bzw. eine Aus­wei­tung sei­ner Sin­ne oder Fähig­kei­ten zu ver­ste­hen: das Fern­glas ist eine Erwei­te­rung des Auges, das Rad eine Erwei­te­rung des Fußes (vgl. McLu­han 1964: 118), das Tele­fon eine Erwei­te­rung der Stim­me und des Hör­sinns (vgl. McLu­han 1995: 219). McLu­han arbei­te­te also mit einem sehr wei­ten Medi­en­be­griff. Das Inter­net kann­te der 1980 ver­stor­be­ne Medi­en­ana­ly­ti­ker noch nicht, pro­gnos­ti­zier­te aber bereits:

Sowohl Com­pu­ter als auch hoch­ent­wi­ckel­te Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me wer­den wahr­schein­li­ch in Net­zen geschal­tet wer­den, um für 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, sowie den Über­gang von einer auf Schwer­in­dus­trie auf­ge­bau­ten Wirt­schaft zu einer dienst­leis­tungs­ori­en­tier­ten zu voll­zie­hen, deren Mit­tel­punkt die Bedürf­nis­se des Ein­zel­ver­brau­chers bil­den wer­den.“ (McLu­han 1995: 120)

Über die­je­ni­gen, die ver­söhn­li­ch beto­nen, dass es beim Wert eines Medi­um pri­mär dar­auf ankä­me zu wel­chen Zwecken man es letzt­li­ch ein­set­zen möch­te, spot­te­te der Kana­di­er, der heu­te als einer der ein­fluss­reichs­ten Medi­en­theo­re­ti­kern gilt. Er ent­geg­ne­te: „In die­ser Behaup­tung […] steckt ein­fach gar nichts, was einer genaue­ren Über­prü­fung stand­hiel­te, denn es ent­geht ihm [einem Ver­tre­ter die­ser Posi­ti­on] das Wesen des Medi­ums […]“ (McLu­han 1964: 21). Möch­te man unter­su­chen wel­che gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen eine neue Tech­no­lo­gie aus­löst, so kommt es nicht auf den Inhalt an, den sie trans­por­tiert, son­dern auf die Eigen­schaf­ten und Wir­kun­gen des Medi­ums an sich. Was wird erwei­tert und was wird begrenzt? Die­ser Gedan­ke ver­dich­tet sich in einem Satz mit dem McLu­han klas­si­scher­wei­se zitiert wird:

Das Medi­um ist die Bot­schaft.” (McLu­han 1964: 17)

Es kommt im Kern also weni­ger dar­auf an, ob die Anzahl der „gehalt­vol­len“ Bücher die „Schund­li­te­ra­tur“ über­wiegt. Was unse­re Gesell­schafts­form grund­le­gend ver­än­dert hat, war der Buch­druck an sich. Ohne Schrift, pho­ne­ti­sches Alpha­bet und Druck wären Ver­wal­tung, Hoch­spra­che und „ein his­to­ri­sches Bewusst­sein“ undenk­bar (vgl. McLu­han 1964; 1995). Und so wur­de der Druck im 16. Jahr­hun­dert – aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht – eben auch zur Grund­la­ge von Natio­na­lis­mus einer­seits und Indi­vi­dua­lis­mus ande­rer­seits (vgl. McLu­han 1964: 31).

Alles bleibt beim Alten, das heißt: alles wird neu!

Die Lek­tü­re von McLu­hans Schrif­ten lässt all jene wie­der bes­ser schla­fen, die sich davor ängs­ti­gen, dass Bücher, Hand­schrift und ande­re Kul­tur­tech­ni­ken durch die Digi­ta­li­sie­rung ver­schwin­den könn­ten und so die Gesell­schaft ernst­haf­ten Scha­den nimmt. Denn alte Medi­en wer­den bei McLu­han nicht ein­fach ersetzt; viel­mehr beinhal­tet jedes neue Medi­um eine Viel­zahl von älte­ren kul­tu­rel­len Errun­gen­schaf­ten (vgl. McLu­han 1964: 18).

Wie bei einer Matrjoschka enthält jedes neue Medium zahlreiche alte Medien.

Wie bei einer Matrjosch­ka, ent­hält jedes neue Medi­um zahl­rei­che alte Medi­en.

Ähn­li­ch wie bei einer rus­si­schen Matrjosch­ka hat das Tablet – by the way: das hap­tischs­te Medi­um der Welt – ganz aktu­ell das Papier­buch „ver­schluckt“. Das Buch wie­der­um beinhal­tet den Druck, der Druck die Schrift, die Schrift das pho­ne­ti­sche Alpha­bet, das Alpha­bet die Spra­che und so wei­ter. Ein Trost für alle Biblio­phi­len: Die Gene­ra­ti­on Y passt gut auf eure Lieb­lin­ge auf – ver­spro­chen!

Die Erfin­dung und Ver­brei­tung eines neu­en Medi­ums hat jedoch auch per­sön­li­che, sowie gesell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen, die zu Rei­bun­gen füh­ren und regel­recht Schmer­zen berei­ten. McLu­han ist also kei­nes­wegs als tech­ni­ke­u­pho­ri­scher Medi­en­na­iv­ling zu lesen! Jedes neue Medi­um, ver­stan­den als Aus­wei­tung oder Erwei­te­rung des Kör­pers, führt auch immer zu einer „Selbstam­pu­ta­ti­on“ (vgl. McLu­han 1994: 58). Ein Scho­ck durch die plötz­li­che Erwei­te­rung führt zu einer Art Betäu­bung als Schutz­me­cha­nis­mus (Nar­ko­se):

Die Aus­wahl eines ein­zi­gen Sin­nes zur star­ken Sti­mu­lie­rung oder eines ein­zi­gen erwei­ter­ten, iso­lier­ten oder »ampu­tier­ten« Sin­nes in der Tech­nik ist zum Teil der Grund für die betäu­ben­de Wir­kung, die die Tech­nik als sol­che auf jene aus­übt, die sie geschaf­fen haben und sie ver­wen­den.“ (McLu­han 1964: 60)

Medi­en­fein­de, die jetzt vom Stuhl auf­sprin­gen und rufen „Ich hab’s gewusst!“ mögen sich bit­te noch­mal kurz hin­set­zen. McLu­han geht es weni­ger dar­um, dass bestimm­te Medi­en „dumm machen“. Er sen­si­bi­li­siert in den „Magi­schen Kanä­len“ und vor allem in „The Glo­bal Vil­la­ge“ Lese­rIn­nen in ers­ter Linie dafür, dass jedes neue Medi­um bestimm­te Sin­ne betont und in den Vor­der­grund rücken lässt. Jede Erwei­te­rung durch ein Medi­um löst dabei bestimm­te gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen aus über die Umge­stal­tung der Sin­nes­kom­po­si­ti­on. McLu­han (1995: 218) dekli­niert nach einem Vie­rer­sche­ma (sei­ne berühm­te Tetra­de) ver­schie­de­ne Medi­en – hier das Flug­zeug – in Bezug auf die Ver­än­de­run­gen, die sie aus­lö­sen:

A Erwei­tert die ver­ti­ka­len wie hori­zon­ta­len Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten.
B Ver­al­tet das Rad und die Stra­ße, die Eisen­bahn und das Schiff.
C Bringt die Vogel­per­spek­ti­ve ver­bun­den mit der Aura der Minia­tu­ri­sie­rung zurück.
D Kehrt um in gelei­te­te Geschos­se. Ver­wan­delt den Pla­ne­ten in eine aus­ge­dehn­te Stadt: urb orbs.”

In glei­cher Wei­se ver­än­dert die Eisen­bahn unser Ver­hält­nis zu Raum und Zeit; die Schrift löst sprach­münd­li­che Kul­tu­ren ab; das Bar­geld ver­al­tet den Tau­sch und die Klei­dung – eine Erwei­te­rung der Haut – „schal­tet das Kli­ma aus“ (vgl. McLu­han 1995: 214). Jedes neue Medi­um wird dabei beglei­tet von eupho­ri­schen Heils­ver­spre­chen einer­seits und kul­tur­pes­si­mis­ti­scher Kri­tik ande­rer­seits, wie Kat­rin Pas­sig sie in ihren schö­nen Bei­trä­gen zu den Stan­dard­si­tua­tio­nen der Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung und Tech­nik­kri­tik beschreibt. Eine fan­tas­ti­sche Grab­bel­kis­te für Fana­ti­ker mit einer Aus­wahl völ­lig unspe­zi­fi­scher und des­halb zeit­lo­ser Pseu­do­ar­gu­men­te!

HTML und das Glo­ba­le Dorf

McLu­han selbst hat die Geburt des Inter­nets durch die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge von Sir Tim Berners-​Lee wie gesagt nicht mehr mit­er­le­ben kön­nen. Und trotz­dem beschrieb er bereits etwas, das uns durch Whats­app, Face­book und Sky­pe tag­täg­li­ch vor Augen gestellt wird:

Elek­tri­sch zusam­men­ge­zo­gen ist die Welt nur mehr ein Dorf. Die elek­tri­sche Geschwin­dig­keit, mit der alle sozia­len und poli­ti­schen Funk­tio­nen in einer plötz­li­chen Implo­si­on koor­di­niert wer­den, hat die Ver­ant­wor­tung des Men­schen in erhöh­tem Maß bewusst wer­den las­sen.“ (McLu­han 1964: 13)

Wer den Kana­di­er liest, dem soll­te schnell däm­mern, dass die Fra­ge, ob Face­book nun „Fluch oder Segen” sei oder der Frust über die Ortho­gra­phie in Chat­ver­läu­fen nur an der Ober­flä­che des Medi­ums krat­zen. Die Ver­än­de­run­gen, die das Inter­net aus­ge­löst hat und noch aus­lö­sen wird, lie­gen tie­fer. Sie erge­ben sich auch hier nicht aus dem Inhalt (Kat­zen­fo­tos), son­dern den beson­de­ren Eigen­schaf­ten des Medi­ums. Und mit dem Kul­tur­anthro­po­lo­gen Micha­el Wesch gespro­chen, könn­te eine Bot­schaft des Medi­ums Inter­net bei­spiels­wei­se lau­ten: „The machine is us/​ing us!“

 

 

Die Fra­gen, die Micha­el Wesch hier auf­wirft, sind Fra­gen, die in einer “inter­net­be­trie­be­nen” Gesell­schaft nun wirk­li­ch mal zu dis­ku­tie­ren wären, denn:

jedes Medi­um hat die Macht, sei­ne eige­nen Pos­tu­la­te dem Ahnungs­lo­sen auf­zu­zwin­gen.“ (McLu­han 1964: 26)

… aber es muss ja viel­leicht nicht gera­de am Früh­stücks­ti­sch sein.

Zum Anschau­en:

3Sat (2011). Sco­bel. Mar­shall McLu­han. Ein Visio­när des Medi­en­zeit­al­ters.

Quel­len:

McLu­han, Mar­shall (1964). Die magi­schen Kanä­le. Under­stan­ding Media. Düs­sel­dorf: Econ Ver­lag.

McLu­han, Mar­shall und Powers, Bru­ce (1995). The Glo­bal Vil­la­ge. Der Weg der Medi­en­ge­sell­schaft in das 21. Jahr­hun­dert. Pader­born: Jun­fer­mann Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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Lektüren vom Sofa Vol II – „Paradigmenwechsel live“

Die Lek­tü­re von Tho­mas S. Kuhns „Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­ti­on“ (Kuhn 1996) ver­än­dert die Welt­sicht von Lese­rin und Leser grund­le­gend: Denn der Begriff des Para­dig­men­wech­sels eröff­net einen völ­lig neu­en Bli­ck auf die Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft, hin­ter den man nicht mehr zurück kann.

Nimmt man in Fol­ge den Begriff in sei­nen ganz eige­nen Werk­zeug­kas­ten der Erkennt­nis auf und ver­wen­det ihn nicht nur im streng wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne, son­dern ver­leiht ihm eine gewis­se All­tags­taug­lich­keit (ohne ihn infla­tio­när zu miss­brau­chen) in der Beob­ach­tung gesell­schaft­li­cher und technisch-​wissenschaftlicher Ent­wick­lung, so erkennt man schnell, wie prak­ti­sch eine gute Theo­rie ist.

An der einen oder ande­ren Bruch­stel­le im All­tag kann eine – im prak­ti­schen Sin­ne – gute Theo­rie natür­li­ch zu Ver­stim­mun­gen füh­ren: Kein Gespräch mit einem Ope­ra Afi­cio­na­do, ohne dass „Die fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) im Hin­ter­kopf mit­schwin­gen und kei­ne Dis­kus­si­on über „Ideo­lo­gie­frei­heit“, ohne dass Karl Mann­heims Ein­sich­ten über die gesell­schaft­li­che Gebun­den­heit von Erkennt­nis die Debat­te grun­die­ren.

Und so führt uns Wolf­gang Schi­vel­bu­sch in sei­ner wun­der­ba­ren „Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se“ (Schi­vel­bu­sch 2000) bei­spiel­haft vor, zu wel­chen Tie­fen­schich­ten der Erkennt­nis eine Ver­bin­dung von tech­nik­so­zio­lo­gi­scher und kul­tur­his­to­ri­scher Theo­rie und Metho­de füh­ren kann.

Der Wis­sen­schafts­jour­na­list Franz Mil­ler hat mit sei­nem Bericht über die Ent­wick­lung des mp3 For­mats (Mil­ler 2015) eine ähn­li­che Erzäh­lung vor­ge­legt, die man mit zuneh­men­den Ver­gnü­gen liest. Er erzählt die Geschich­te einer wis­sen­schaft­li­chen Inno­va­ti­on mit alle ihren Höhen und Tie­fen, ihren Sie­gen und Nie­der­la­gen, den Wider­stän­den und Geg­nern und letz­ten Endes von der Beharr­lich­keit, mit der die han­deln­den For­scher (Frau­en kom­men fast nur als sor­gen­de Ehe­frau­en vor) ihre Idee einer psy­cho­akus­ti­sch ver­lust­lo­sen Kom­pri­mie­rung von Ton­da­tei­en zum Erfolg brin­gen.

Als lang­jäh­ri­ger Pres­se­spre­cher der Fraun­ho­fer Gesell­schaft – die als For­schungs­ge­sell­schaft die­se Ent­wick­lung erst ermög­lich­te – berich­tet er kennt­nis­reich und mit ana­ly­ti­schem Werk­zeug über einen aktu­el­len „Para­dig­men­wech­sel“!

Wer nach­voll­zie­hen will, wie Inno­va­tio­nen im Zeit­al­ter der ana­lo­gen Tech­nik ent­ste­hen, um dann in der digi­ta­len Revo­lu­ti­on als „dis­rup­ti­ve Inno­va­ti­on“ die gesam­te Musik­bran­che völ­lig ver­än­dern (und die­se „dis­rup­ti­ve“ Ver­än­de­rung steht den Print­me­di­en noch bevor), dem sei die Lek­tü­re die­ser klu­gen und mate­ri­al­rei­chen Stu­die emp­foh­len. „Es gibt gar nichts außer Unbe­re­chen­bar­keit“ (Mil­ler 2015: 450) ist ein Fazit und so führt die Lek­tü­re bei Lese­rin und Leser zu zwei Effek­ten: Nichts, aber auch wirk­li­ch gar nichts, wird im Kon­text der digi­ta­len Revo­lu­ti­on so blei­ben wie es ist! Und kein Musik­ge­nuss vom Smart­pho­ne ist der Lese­rin mehr mög­li­ch, ohne an die dahin­ter­ste­hen­de Inno­va­ti­on als Para­dig­men­wech­sel zu den­ken.

Demo­kra­tie und WEB 2.0

Herbstwand

Die letz­ten grü­nen Zwei­ge des Jah­res

Wir haben uns allem Anschein nach dar­an gewöhnt, die Kon­se­quen­zen die­ser digi­ta­len Revo­lu­ti­on eher im Licht, als im Schat­ten zu sehen. Euro­pä­er und Nord­ame­ri­ka­ner schei­nen zwang­haft fort­schritt­s­op­ti­mis­ti­sch; ein roter Faden, der sich von Dide­rots „Ency­clo­pé­die“ durch die Post­mo­der­ne hin­durch bis ins Heu­te mäan­driert.

Die „Ham­bur­ger Edi­ti­on“ des Ham­bur­ger Insti­tuts für Sozi­al­for­schung wid­met sich dem­ge­gen­über seit ihrer Grün­dung der ver­dienst­vol­len Auf­ga­be, gera­de die Schat­ten­sei­ten, die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ zu beschrei­ben. Mit „Die Anti­po­li­ti­schen“ des fran­zö­si­schen Juris­ten Jac­ques de Saint Vic­tor (Saint Vic­tor 2015) liegt ein Essay vor, der die Frei­heits­ver­spre­chen des WEB 2.0 mit ihren kali­for­ni­schen Unter­tö­nen einer luzi­den Kri­tik unter­zieht. Und wer in den letz­ten Wochen die ver­roh­ten Kom­men­ta­re rechts­po­pu­lis­ti­scher und rechts­ra­di­ka­ler Trol­le in den „Soci­al Media“ zur Zuwan­de­rung gele­sen hat, kann sei­ner bit­te­ren Kri­tik an der „Anti­po­li­tik“ der Netz­de­mo­kra­tie und ihrer popu­lis­ti­schen Bewe­gun­gen nur zustim­men.

Saint Vic­tor sieht in den digi­ta­len For­men von Demo­kra­tie den Ver­su­ch, die reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­ti­en und Ver­fah­rens­wei­sen des Wes­tens durch eli­tis­ti­sche, ner­dis­ti­sche und tech­ni­zis­ti­sche Model­le zu unter­lau­fen. Ähn­li­ch wie neue digi­ta­le Ange­bo­te im WEB 2.0 wie z.B. das pri­va­te Trans­port­un­ter­neh­men UBER ein Frei­heits­ver­spre­chen pro­pa­gie­ren, aber letzt­li­ch pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se pro­du­zie­ren, so dia­gnos­ti­ziert Saint Vic­tor der digi­ta­len Demo­kra­tie ein grund­le­gen­des Demo­kra­tie­de­fi­zit. Ein Essay von knapp unter 100 Sei­ten, der eine Lek­tü­re wert ist.

Win­ter­rei­se im Herbst

Dass die­se „Lek­tü­ren vom Sofa“ wirk­li­ch vom herbst­li­chen Sofa und nicht von den „Küs­ten des Lichts“ kom­men, lässt bereits der Titel erken­nen: „Schu­berts Win­ter­rei­se“ beti­telt der eng­li­sche Ten­or Ian Bos­tridge (Bos­tridge 2015) sei­ne ganz eige­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Lied“ der Roman­tik.

Was, so fra­gen sich viel­leicht an die­ser Stel­le die Lese­rin und der Leser, die aus sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Inter­es­se die­sen Blog lesen, was hat denn nun das roman­ti­sche Lied von Schu­bert und die ent­spre­chen­den Mei­nun­gen eines Sän­gers mit uns und unse­rem Inter­es­se an Gesell­schaft zu tun?

Kunst, so könn­te ich ant­wor­ten, ist eben eine Art und Wei­se des Men­schen, sich mit den vor­ge­fun­de­nen Umstän­den und Fra­gen sei­ner Exis­tenz aus­ein­an­der zu set­zen. So wie Wis­sen­schaft eben eine ande­re ist! Und auf je sehr unter­schied­li­chen Wegen suchen wir Ant­wor­ten auf eben die­se Fra­gen und Umstän­de.

Als musi­ka­li­scher Analpha­bet sind Lek­tü­ren über Musik in der Regel für mich nicht les­bar; im auk­to­ria­len Duk­tus wer­den mir Ein­sich­ten mit­ge­teilt, die her­me­ti­sch ver­schlos­sen blei­ben:

Wir haben einen Sona­ten­haupt­satz mit nahe­zu durch­lau­fen­den Sech­zehn­tel­fi­gu­ra­tio­nen vor uns, die humorvoll-​spielerisch, wie aus fan­ta­sie­vol­len Impro­vi­sa­tio­nen gewon­nen erschei­nen und Drei­klangsbre­chun­gen, Wech­sel­no­ten, Ska­len und Alber­ti­bäs­se abwech­seln las­sen.“ (Mau­ser 2014: 18)

Inter­es­sant, bloß – was soll es bedeu­ten?

Die aktuellen Lektüren vom Sofa spielen vor herbstlicher Kulisse.

Die aktu­el­len Lek­tü­ren vom Sofa spie­len vor herbst­li­cher Kulis­se.

Bos­tridge, der sich selbst als musi­ka­li­schen Auto­di­dak­ten bezeich­net, ver­mei­det jeden her­me­ti­schen Duk­tus. Ihm geht es viel­mehr dar­um, die 24 Lie­der der Win­ter­rei­se sei­nen Lese­rin­nen und Lesern in ihren viel­fäl­ti­gen Bedeu­tungs­ebe­nen nahe zu brin­gen. Und es sind eben die­se unter­schied­li­chen Bedeu­tungs­ebe­nen, die Bos­tridge uns in den Ver­sen von Mül­ler und der Musik von Schu­bert eröff­net.

Wir ver­ste­hen in der Lek­tü­re den poli­ti­schen Gehalt der ver­wen­de­ten Bil­der von Eis und Schnee, erle­ben die fros­ti­ge Met­ter­nich Ära mit Ver­fol­gung und Denun­zia­ti­on und ver­ste­hen im Fort­gang des Tex­tes die Reak­tio­nen Schu­berts und sei­ner Freun­de auf eben die­se Erstar­run­gen der Bie­der­mei­er­zeit.

Nichts ist hier – so die Lek­tü­re – wie es scheint; die „Köh­ler­hüt­te“ im ver­schnei­ten Wald ist kei­ne roman­ti­sche Bebil­de­rung, son­dern viel­mehr ein Zitat der ita­lie­ni­schen Frei­heits­be­we­gung. Musi­ka­li­sche Bil­der, die durch den Text ent­schlüs­selt und in ihrer Zeit ver­or­tet wer­den kön­nen.

Letzt­li­ch bie­tet uns Bos­tridge eine groß­ar­ti­ge his­to­ri­sche und sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se eines Kunst­wer­kes, ohne die onto­lo­gi­schen Bedräng­nis­se und Fra­gen Schu­berts zu negie­ren: Sei­ne Krank­heit, sein Glück, wie Unglück sind immer prä­sent.

Glück­li­cher­wei­se kön­nen wir Ian Bos­tridges Win­ter­rei­se par­al­lel zur Lek­tü­re hören; auf CD, als mp3 oder Online – ein Gesamt­kunst­werk aus Musik und Text, wel­ches uns ver­zau­bert zurück­lässt:

Tod

Immer wie­der lugt das Buch von Herrn­dorf aus den Bücher­sta­peln am Sofa; immer wie­der lege ich es nach kur­zer Lek­tü­re zur Sei­te.

Nach der Dia­gno­se eines Hirn­tu­mors beginnt Wolf­gang Herrn­dorf sei­nen Blog, den er bis zwei Wochen vor sei­nem Sui­zid fort­setzt. Nach sei­nem Tod publi­zie­ren sei­ne Freun­din­nen und Freun­de die­ses Web­log als Buch; beti­telt nach der Lebens­ma­xi­me Herrn­dorfs in die­sen sei­nen letz­ten Jah­ren: „Arbeit und Struk­tur“.

Und immer wie­der neh­me ich es in die Hand und lese ein wei­te­res Kapi­tel – war­um? Fas­zi­niert mich der Tod und die Krank­heit? Bin ich froh, dass es ihn trifft und nicht mich; ich weiß es nicht.

Soll man es lesen? Der Faden, den Schu­bert in der Win­ter­rei­se spinnt; er wird hier auf eine ganz ande­re Art und Wei­se auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­spon­nen. Das Gewor­fen­s­ein in die Welt ist The­ma – völ­lig unhe­roi­sch, wie es einer post­he­roi­schen Gesell­schaft ange­mes­sen ist. Eine Herbst- und Win­ter­lek­tü­re, in der der Som­mer und das Baden im See immer wie­der auf­blit­zen und der Tod jeder­zeit im Text steht. Man soll es lesen!

Lite­ra­tur:

Bos­tridge, Ian (2015). Schu­berts Win­ter­rei­se. Mün­chen: Beck.

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Frank­furt: Suhr­kamp.

Herrn­dorf, Wolf­gang (2015). Arbeit und Struk­tur. Ham­burg: Rowohlt.

Kuhn, Tho­mas S. (1996). Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen. Frank­furt: Suhr­kamp.

Mann­heim, Karl (2015). Ideo­lo­gie und Uto­pie. Frank­furt: Klos­ter­mann.

Mau­ser, Sieg­fried (2014). Mozarts Kla­vier­so­na­ten. Mün­chen: Beck.

Mil­ler, Franz (2015). Die MP3 Sto­ry. Eine deut­sche Erfolgs­ge­schich­te. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Saint Vic­tor, Jaques de (2015). Die Anti­po­li­ti­schen. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, HIS.

Schi­vel­bu­sch, Wolf­gang (2000). Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se. Frank­furt: Fischer.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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