Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Eher eine „dichte Beschreibung“, denn ein „Reisebuch“ – Alice Albinias „Empires of the Indus“

Die eng­lisch­spra­chi­ge Rei­se­li­te­ra­tur unter­schei­det sich in Inhalt, Far­be und Form von der deutsch­spra­chi­gen Rei­se­li­te­ra­tur; in die­sem Fall wohl ver­gleich­bar mit den jewei­li­gen Wis­sen­schafts­tex­ten. Zumin­dest sagen dies mei­ne Stu­die­ren­den des 1. Pro­pä­deu­tik­se­mes­ters, wenn sie zur Ein­füh­rung ins The­ma Tex­te aus unter­schied­li­chen Wis­sen­schafts­kul­tu­ren (im kon­kre­ten Fall aus Frank­reich, Eng­land und Deutsch­land) gele­sen haben.

Deutsch­spra­chi­ge und Eng­lisch­spra­chi­ge den­ken und schrei­ben allem Anschein nach sowohl über die Welt, als auch das Rei­sen in ihr sehr unter­schied­li­ch. Das mag an den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der zwei Spra­chen lie­gen – man lese zu die­ser Fra­ge ein­mal Guy Deut­schers wun­der­ba­res Buch „Im Spie­gel der Spra­che (Deut­scher 2012), wor­in er über die­se Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der Spra­che nach­denkt. Aber es mag auch an den sehr unter­schied­li­chen Kolo­ni­al­ge­schich­ten Eng­lands und Deutsch­lands lie­gen; zumin­dest las­sen die Lek­tü­ren der Rei­se­bü­cher von Richard Bur­ton, Robert Byron, Patrick Leigh Fer­mor oder Bru­ce Chat­win einen Typus des bzw. der Rei­sen­den erken­nen, wie wir ihn in Deutsch­land so nicht her­vor brin­gen.

Empi­res of the Indus“

In die­ser wun­der­ba­ren Tra­di­ti­on ist mit Ali­ce Albi­nia eine Auto­rin zu ent­de­cken, die in ihrem Buch über den Indus „Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river“ (Albi­nia 2008) die Geschich­te einer Rei­se von der Mün­dung bis zu Quel­le erzählt. Allein die­se Umkeh­rung könn­te als ein hüb­scher „side­ki­ck“ ver­merkt wer­den; aber ihre gro­ße Erzäh­lung ist weit mehr: In Zeit und Raum reist sie auf die­sen 309 Sei­ten; vor und zurück, in die Anti­ke, ins gol­de­ne Zeit­al­ter des Bud­dhis­mus, in die Zeit der Petro­gly­phen, nach Ost­afri­ka, Zen­tral­asi­en, Indien und Euro­pa – aber immer wie­der fin­den wir uns als Lese­rIn am Ufer die­ses gro­ßen Flus­ses wie­der. Hier begin­nen und enden alle ihre Geschich­ten.

Indus

Wan­der­schu­he nach vier Wochen ‘hin­ter der nächs­ten Ecke’ im Hima­la­ya.

Geschich­ten wie die über die Mas­sen­mor­de, die die Tei­lung des bri­ti­schen Raj in Indien und Pakis­tan beglei­te­ten und noch heu­te den poli­ti­schen All­tag der bei­den Län­der prä­gen; man lese nur Rana Das­gup­t­as „Del­hi“ (Das­gup­ta 2014), der die­ses Trau­ma im All­tag Indiens prä­zi­se beschreibt. Oder die wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen über die mus­li­mi­schen Hei­li­gen, die Sufis und ihr Leben und Lei­den am feu­da­len Sys­tem der hydrau­li­schen Kul­tur. Ihre Fes­te mit Musik und Tanz, mit Andacht und Hin­ga­be, die so gar nicht unse­rem Bild des Islam ent­spre­chen. Oder die Nach­fol­ger der afri­ka­ni­schen Skla­ven, die bis heu­te ihre eige­ne Kul­tur, ihre eige­ne Musik, ihre eige­ne Dich­tung und Spra­che bewah­ren und ver­tei­di­gen.

Und, und, und – eine auf­re­gen­de, fer­ne und doch nahe Welt, die uns Ali­ce Albi­nia beschreibt – weit ent­fernt von der media­len west­li­chen Dar­stel­lung Pakis­tans und nahe an den grund­le­gen­den Fra­gen der mensch­li­chen Exis­tenz – wie leben wir? Und was ist gut, böse, rich­tig und fal­sch? Und was haben Alex­an­der der Gro­ße und Gaut­am Bud­dha dazu gedacht und gesagt? Und die vie­len ande­ren Erobe­rer (und ihre Köche), die das rei­che und frucht­ba­re Land am Indus besit­zen woll­ten.

Von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te nimmt uns Albi­nia mit auf eine Rei­se, die nicht das Exo­ti­sche, nicht den „Ori­ent“ sucht, kon­stru­iert und bunt­schil­lernd prä­sen­tiert. Obwohl das Bunt­schil­lern­de an der einen und ande­ren Stel­le immer wie­der auf­leuch­tet. Viel­mehr gelingt ihr eine eige­ne neue und fas­zi­nie­ren­de Qua­li­tät. Es ist die­se eine Ver­mi­schung aus his­to­ri­schen und poli­ti­schen Grund­li­ni­en und Grund­kon­flik­ten, mit einer eth­no­gra­fi­sch prä­zi­sen Beschrei­bung, einer „dich­ten Beschrei­bung“ (Geertz 1987) der Lebens­wel­ten am gro­ßen Fluss – dies alles in einer hoch­prä­zi­sen und far­bi­gen Spra­che. All­täg­li­ch erschei­nen­de Din­ge und Zustän­de wer­den durch die­sen ihren eige­nen Bli­ck erhellt, in neue Zusam­men­hän­ge gestellt und gewin­nen so eine neue Gestalt, die uns Lesern neue Ein­sich­ten erlau­ben. Und was kann man mehr von einem Buch erwar­ten?

Als Lese­rIn die­ser Rei­se am gro­ßen Fluss in Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft hat man aller­dings eine Vor­aus­set­zung mit­zu­brin­gen: Dass man schon immer wis­sen woll­te, wie denn die Welt hin­ter der nächs­ten Ecke aus­sieht! Und nur dann, wird man mit Ali­ce Albi­nia ein auf­re­gen­des und klu­ges Lese­aben­teu­er erle­ben kön­nen! Und das ist doch eine Emp­feh­lung für die lan­gen Herbst­aben­de.

Quel­len:

Albi­nia, Ali­ce (2008). Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river. New York: Live­right Publis­hing Cor­po­ra­ti­on.

Das­gup­ta, Rana (2014). Del­hi. Im Rau­sch des Gel­d­es. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Deut­scher, Guy (2012). Im Spie­gel der Spra­che: War­um die Welt in ande­ren Spra­chen anders aus­sieht. Frank­furt: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag.

Geertz, Clif­ford (1987). Dich­te Beschrei­bung. Bei­trä­ge zum Ver­ste­hen kul­tu­rel­ler Sys­te­me. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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