Rückblick: Fachtag Sozial im Netz – Die Zukunft der Sozialen Arbeit ist digital!

Auch wir in der Sozia­len Arbeit haben gehofft, geze­tert, gebangt und geschimpft, aber es bleibt wohl dabei: Das Inter­net geht nicht ein­fach wie­der weg! Fol­ge­rich­tig kann des­halb auch die Zukunft der Sozia­len Arbeit nur eine digi­ta­le sein. Und um die­se Zukunft gemein­sam gestal­ten zu kön­nen, tra­fen sich vor einem Monat Prak­ti­ke­rIn­nen und Stu­die­ren­de aus den Sozi­al­be­ru­fen, Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Inter­es­sier­te auf dem ers­ten Fach­tag „Sozi­al im Netz“ in Köln. Mit etwas zeit­li­chem Abstand möch­ten wir einen Schul­ter­bli­ck zurück wagen und den gemein­sa­men Tag „in die Welt ein­schrei­ben“ (vgl. Stal­der 2016: 95).

Leid­me­di­en und Refe­ren­zia­li­tät

Die zen­tra­len Impuls­vor­trä­ge des Fach­tags – also Keyno­tes, lie­be Gene­ra­ti­on Ted­talk – gin­gen aus von Raul Kraut­hau­sen, Inter­net­ak­ti­vist und Grün­dungs­mit­glied der Sozi­al­hel­den sowie dem Kultur- und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Felix Stal­der.

Raul Kraut­hau­sen eröff­ne­te die Ver­an­stal­tung inhalt­li­ch mit einem beleb­ten Bericht aus eini­gen Jah­ren Sozial­en­ga­ge­ment und Akti­vis­mus im und mit dem Inter­net. Er beschrieb eini­ge Ker­n­ide­en und Her­an­ge­hens­wei­sen der Sozi­al­hel­den, deren Mot­to lau­tet „Ein­fach mal machen!“ und führ­te dabei sehr ein­drück­li­ch vor, wel­che Gestaltungs- und Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten das Netz bei­spiels­wei­se für Men­schen mit Behin­de­rung bie­tet, wenn ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment auf Digi­ta­li­tät stößt.

Felix Stal­der beschrieb dann spä­ter pas­send dazu wie in der Kul­tur der Digi­ta­li­tät bei­spiels­wei­se über Remix,Namensschild Fachtag Remake, Mas­hup und ähn­li­che Prak­ti­ken „Men­schen  (…) an kol­lek­ti­ven Ver­hand­lun­gen von Bedeu­tung teil­neh­men (…)“ (Stal­der 2016: 96) und so Kul­tur von immer mehr Akteu­rIn­nen geschaf­fen wird. Er bezeich­net dies als Refe­ren­tia­li­tät und sieht dar­in neben Gemein­schaft­lich­keit und Algo­rith­mi­zi­tät eine grund­le­gen­de Form der Digi­ta­li­tät. Den Zusam­men­hang die­ser For­men des „Kul­tur­schaf­fens“ erör­tert er in sei­nem sehr zu emp­feh­len­den Werk „Kul­tur der Digi­ta­li­tät“. Beson­ders hob Stal­der aber noch­mal hevor, dass „neue kul­tu­rel­le Rea­li­tä­ten, die heu­te unse­ren All­tag prä­gen“ eben kei­ne direk­te Fol­ge tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung sei­en. Mit ande­ren Wor­t­en: Bit­te alle wie­der set­zen und beru­hi­gen – das Inter­net ist nicht schuld! (vgl. Stal­der 2016: 21)

Herr Stal­der wur­de übri­gens – einem Fach­tag zur Digi­ta­li­sie­rung ange­mes­sen – per Sky­pe für den Vor­trag zuge­schal­tet, was einen inter­es­san­ten Effekt her­bei­führ­te, den Micha­el Wesch als „con­text col­lap­se“ beschreibt: wäh­rend rund 150 Fach­tag­teil­neh­men­de im Ple­num dem anre­gen­den Vor­trag auf Lein­wand fol­gen, spricht der Spea­ker hun­der­te von Kilo­me­tern ent­fernt in sei­nem Büro zu einer Web­cam.

Ärmel hoch!

Thomas Fachtag

Prof. Dr. Tho­mas Mün­ch: „Der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess der Sozia­len Arbeit ins Digi­ta­le hat längst begon­nen. Auf dem Fach­tag heu­te gab es den Auf­bruch 2.0. Ver­trau­en wir unse­ren jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen: Sie sind in der Digi­ta­len Welt groß gewor­den, sie haben das Exper­ten­wis­sen, wie die digi­ta­le Zukunft der Sozia­len Arbeit gehen kann.“

Die Viel­falt der ange­bo­te­nen Work­shops zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit gab einen schüch­ter­nen Hin­weis dar­auf wie viel in der kom­men­den Zeit zu tun ist, um „das Sozia­le ins Netz“ zu brin­gen: Digi­ta­li­sie­rung im Kon­text von Woh­nungs­lo­sig­keit, Digi­ta­le Arbeit mit Senio­ren, Digi­ta­le Arbeit mit Geflüch­te­ten, Öffent­lich­keits­ar­beit Online, Digi­ta­le Sozi­al­be­ra­tung und natür­li­ch auch Arbeit mit Jugend­li­chen im Netz, um nur eini­ge The­men­fel­der zu nen­nen.

Ein wie­der­keh­ren­der Topos – das zei­gen die Aus­wer­tun­gen der Work­shops und auch Gesprä­che beim Mit­tag­es­sen – bleibt dabei: Wir müs­sen schnell und kon­kret mit der digi­ta­len Sozi­al­ar­beit begin­nen, auch auf die Gefahr hin, dass es hier und da noch hol­pert oder knirscht. Wir haben lan­ge gewar­tet und nun gibt es viel zu tun! Und so fin­det sich auf vie­len Ergeb­nis­pla­ka­ten der Work­shops das Mot­to der Sozi­al­hel­den wie­der: „Ein­fach mal machen!“

Mikro­re­bel­lion am Steh­ti­sch

Am Nach­mit­tag hat­ten die Fach­tag­teil­neh­me­rIn­nen noch­mals die Gele­gen­heit, bei den soge­nann­ten Table Ses­si­ons an Steh­ti­schen die The­men der Work­shops offen zu dis­ku­tie­ren. Der beson­de­re Effekt die­ser Metho­de, die aus der Bar­camp­kul­tur stammt, ist dass die Teil­neh­me­rIn­nen unge­zwun­gen und auf Augen­hö­he dis­ku­tie­ren kön­nen d.h. auch gege­be­nen­falls über Hier­ar­chie­ebe­nen hin­weg.

Und so ent­wi­ckel­te sich am Tisch „For­schung und Digi­ta­li­sie­rung“ eine ange­reg­te und recht typi­sche Dis­kus­si­on dar­über, wie Füh­rung und Inter­net­kul­tur nun zuein­an­der ste­hen soll­ten. Wäh­rend eini­ge lebens- und berufs­er­fah­re­ne Kol­le­gIn­nen im Kon­text von Hate­spee­ch dafür plä­dier­ten, dass weni­ge in der Hier­ar­chie hoch­an­ge­sie­del­ten Per­so­nen „Gesicht zei­gen“ und füh­ren müss­ten, plä­dier­ten die Berufs­ein­stei­ge­rIn­nen und „digi­tal nati­ves“ dafür, dass alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen der Orga­ni­sa­ti­on im Netz die Gele­gen­heit haben soll­ten sich ver­ant­wor­tungs­voll zu bestim­men The­men zu posi­tio­nie­ren. „Wir krie­gen das hin, lasst uns auch mal machen!“, so eine Teil­neh­me­rin der Gene­ra­ti­on Y. Und so lau­tet ein Ergeb­nis der Table Ses­si­on fol­ge­rich­tig: #mehr­Ver­trau­en­in­den­Nach­wuchs.

Alter Wein und neue Schläu­che

Als eine Beson­der­heit des Fach­tags ist mit Sicher­heit zu nen­nen, dass hier auch neue digi­ta­le und ana­lo­ge For­ma­te ein­ge­bracht wur­den, die über die eines klas­si­schen Fach­ta­ges hin­aus­rei­chen: Vor­stel­lungs­run­de über hash­tags, Twit­ter­wall, Table Ses­si­ons, Sky­pe­vor­trä­ge oder auch der gemein­sa­me Hash­tag #sozia­lim­netz. Über letz­te­ren und in diver­sen Face­book­grup­pen zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit wer­den die begon­ne­nen Dis­kus­sio­nen und Initia­ti­ven des Fach­ta­ges wei­ter­ge­führt. Denn auch wenn die Sozia­le Arbeit im Digi­ta­len neue For­men und Werk­zeu­ge gewinnt, so bleibt die „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ doch immer noch ein Geschäft, dass mit Mühe und Beharr­lich­keit ver­bun­den ist. Um die Auf­bruchs­stim­mung, die bei „Sozi­al im Netz“ deut­li­ch zu spü­ren war, nun umzu­set­zen, heißt es also dran­blei­ben, bas­teln und wer­keln.

In die­sem Sin­ne, lie­be Sozi­al­ar­beit, auf ins #Neu­land!

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Ver­an­stal­dungs­do­ku­men­ta­ti­on und Kon­tak­te

Pres­se­mit­tei­lung zum Fach­tag

Bei­trag im Dom­ra­dio

Lite­ra­tur:

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Kai Hau­prich

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Digitalität in der Sozialen Arbeit – es bewegt sich was!

Wer sich mit Digi­ta­li­tät in der Sozia­len Arbeit beschäf­tigt – also der Fra­ge, wie sich die „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ durch die Digi­ta­li­tät ver­än­dert – kann erstaun­li­che und dabei oft wider­sprüch­li­che Erfah­run­gen machen: schlich­te Igno­ranz steht unver­mit­telt neben gro­ßer Begeis­te­rung; inno­va­ti­ve digi­ta­le „Auf­he­bun­gen“ reagie­ren auf die beson­de­ren struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen des Fel­des und dane­ben agie­ren ana­lo­ge Akteu­re ohne jedes Inter­es­se am WEB 2.0.

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Tho­mas Mün­ch war auf dem “Bar­camp Sozia­le Arbeit” 2016.

Nun könn­te man mit einem Ach­sel­zu­cken zur Tages­ord­nung über­ge­hen und sich auf Wolf­gang Sei­bel und sei­nen „funk­tio­na­len Dilet­tan­tis­mus“ (Sei­bel 1994) beru­fen – so ist sie halt, die Pro­fes­si­on. Oder kann man einen neu­en und inter­es­sier­ten Fokus auf die Ent­wick­lung des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit legen, um zu schau­en was, wie und wohin es sich dort gera­de ent­wi­ckelt.

Und gen­au das haben die Initia­to­rin­nen und Initia­to­ren des ers­ten „Bar­camp Sozia­le Arbeit“  in Bonn getan; einen neu­en und enga­gier­ten Bli­ck auf die Pro­fes­si­on unter­nom­men. An den bei­den Tagen Ende Novem­ber in Bonn tra­fen sich Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus Hoch­schu­le und Inter­es­sier­te aus der Digi­ta­len Welt zu einer ers­ten Bestands­auf­nah­me. Her­aus kamen einen Viel­zahl von „Ses­si­ons“ – der Grund­bau­stein eines Bar­camp im Sin­ne von kur­zen Arbeits­ein­hei­ten zu einem bestimm­ten The­ma – die einen ers­ten Bli­ck auf die Wirk­lich­keit des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit erlau­ben.

Natür­li­ch wur­den auch Hemm­nis­se beschrie­ben, aber vor allem wur­de aus Ver­bän­den, Ver­ei­nen und Pro­jek­ten berich­tet, in denen lang­sam aber sicher das Ana­lo­ge durch das Digi­ta­le ersetzt wird. Da ist oft „Ver­su­ch und Irr­tum“ die Metho­de der Wahl, da sind Lei­tungs­ka­der völ­lig ver­wirrt ange­sichts der hier­ar­chi­schen Ver­wüs­tun­gen, die das Digi­ta­le anrich­tet, da wer­den neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men erprobt und über unbe­ab­sich­tig­te Neben­fol­gen dis­ku­tiert – bunt ist die neue digi­ta­le Welt in der Sozia­len Arbeit!

Man­che Ses­si­on lie­fer­te einen wun­der­ba­ren, ana­ly­ti­schen Bli­ck in die Para­dig­ma­wech­sel, die sich dort in der digi­ta­len Pra­xis längst voll­zie­hen: Chris­ti­an Mül­lers Berich­te aus den orga­ni­sa­tio­na­len Kon­se­quen­zen und Ver­än­de­run­gen der Digi­ta­li­tät waren zum Bei­spiel ein­fach wun­der­bar in ihren prä­zi­sen und dich­ten Beschrei­bun­gen und beru­hig­ten gleich­zei­tig die eige­nen dünn gewor­de­nen Ner­ven ange­sichts einer zähen Pra­xis.

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Hier geht es zum Fach­tag “Sozi­al im Netz”, der am 24.01.2017 in Köln statt­fin­det!

Die Kaf­fee­pau­sen boten aus­rei­chend Raum und Zeit für Ide­en, Anre­gun­gen, Fra­gen und Kon­tak­te – auch dar­auf ach­te­ten die Orga­ni­sa­to­rin­nen des Bar­camp – und wie es sich für ein Bar­camp zur Digi­ta­li­tät gehört, war das Echo im Digi­ta­len (#sozi­al­camp) in Echt­zeit.

Dabei wird es nicht blei­ben: „Twit­ter­stamm­ti­sche“ und „Labs“ (@SabineDepew) sind geplant  und bereits Ende Janu­ar wird der Fach­tag „Sozi­al im Netz“ – eine Koope­ra­ti­on von Cari­tas­ver­band Köln, Diö­ze­san Cari­tas­ver­band Erz­bis­tum Köln und der Hoch­schu­le Düs­sel­dorf HSD – den nächs­ten Schritt in der Digi­ta­li­tät der Sozia­len Arbeit gehen.

Wenn es denn stimmt, dass die „Zukunft der Sozia­len Arbeit digi­tal ist“ – so der Unter­ti­tel des Fach­ta­ges im Janu­ar 2017 – dann hat sich die Pro­fes­si­on bereits auf den rich­ti­gen Weg gemacht.

Oder wie es Felix Stal­der – einer der bei­den Keyno­tespea­ker auf dem Fach­tag „Sozi­al im Netz“ for­mu­liert:

Sol­che Ver­fah­ren des Sich-​Einschreibens in die Welt durch Hin­wei­sen, Ver­bin­den und Ver­än­dern wer­den ange­wandt, um durch das eige­ne Han­deln in der Welt Bedeu­tung zu schaf­fen und um sich selbst in ihr zu kon­sti­tu­ie­ren, für sich und für ande­re (…) Dies nicht zu tun, wür­de zu Unsicht­bar­keit und Vergessen-​Werden füh­ren.“ (Stal­der 2016: 123).

Wir sind gespannt, wie sich die Sozia­le Arbeit in die „schö­ne neue Welt“ ein­schrei­ben wird!

 

Lite­ra­tur:

Sei­bel, Wolf­gang (1994). Funk­tio­na­ler Dilet­tan­tis­mus. Baden-​Baden.

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Die heiße Schlacht um ein kaltes Medium

Die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung löst tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung aus. Dabei ist das Inter­net schon lan­ge nicht mehr nur noch das Medi­um der Kat­zen­fo­tos und übri­gen Belang­lo­sig­kei­ten. Es wird über das „Inter­net of Things“ qua­si zu einer neu­en Infra­struk­tur: Radio über Spo­ti­fy, Fern­se­hen über Net­flix, die Strom­zäh­ler wer­den per Smart­pho­ne regel­bar und ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Büro­tä­tig­kei­ten wird in der Cloud abge­ar­bei­tet. Selbst­fah­ren­de Autos ste­hen in den Start­lö­chern!Roboter

Der Umstand, dass ein Leben ohne das World Wide Web in weni­gen Jah­ren so unvor­stell­bar erscheint wie ein All­tag ohne elek­tri­sches Licht oder Auto­mo­bil (velo­phi­le Zeit­ge­nos­sen dür­fen ger­ne auch eine Welt ohne Fahr­rad ima­gi­nie­ren), spal­tet oft in zwei Lager: tech­nik­be­geis­ter­te Inter­ne­teu­pho­ri­ker schwär­men von den Mög­lich­kei­ten des Net­zes, den Pla­ne­ten nun „offe­ner und gerech­ter“ zu machen, gleich­zei­tig sor­gen sich selbst­er­nann­te „Tech­nik­kri­ti­ker“ um eine Welt „in der alle stän­dig nur auf die­se Din­ger glot­zen“. Wäh­rend ers­te­re häu­fig eine gewis­se quasi-​prophetische Arro­ganz umgibt, nut­zen letz­te­re eine alte Immu­ni­sie­rungs­tak­tik: Wer sich selbst die Eigen­schaft zuschreibt beson­ders kri­ti­sch zu sein, lässt Dis­kus­si­ons­part­ne­rIn­nen nur noch die Welt der Nai­vi­tät. Unterm Strich: eine auf­ge­la­de­ne, wenig frucht­ba­re und für alle Betei­lig­ten nerv­rau­ben­de Debat­te, die schon so man­ches sonnta­g­li­che Fami­li­en­früh­stück in ein digi­ta­les Schlacht­feld ver­wan­delt hat. Eine geeig­ne­te Medi­zin dage­gen kann die Lek­tü­re von Mar­shall McLu­hans „Magi­schen Kanä­len“ sein, die der hit­zi­gen Debat­te eine medi­en­his­to­ri­sche und medi­en­theo­re­ti­sche Decke ein­zieht.

Bücher, die die Welt ver­än­dern?

Für den kana­di­schen Medi­en­theo­re­ti­ker Mar­shall McLu­han ist jedes Medi­um als eine Erwei­te­rung des Men­schen bzw. eine Aus­wei­tung sei­ner Sin­ne oder Fähig­kei­ten zu ver­ste­hen: das Fern­glas ist eine Erwei­te­rung des Auges, das Rad eine Erwei­te­rung des Fußes (vgl. McLu­han 1964: 118), das Tele­fon eine Erwei­te­rung der Stim­me und des Hör­sinns (vgl. McLu­han 1995: 219). McLu­han arbei­te­te also mit einem sehr wei­ten Medi­en­be­griff. Das Inter­net kann­te der 1980 ver­stor­be­ne Medi­en­ana­ly­ti­ker noch nicht, pro­gnos­ti­zier­te aber bereits:

Sowohl Com­pu­ter als auch hoch­ent­wi­ckel­te Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me wer­den wahr­schein­li­ch in Net­zen geschal­tet wer­den, um für 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, sowie den Über­gang von einer auf Schwer­in­dus­trie auf­ge­bau­ten Wirt­schaft zu einer dienst­leis­tungs­ori­en­tier­ten zu voll­zie­hen, deren Mit­tel­punkt die Bedürf­nis­se des Ein­zel­ver­brau­chers bil­den wer­den.“ (McLu­han 1995: 120)

Über die­je­ni­gen, die ver­söhn­li­ch beto­nen, dass es beim Wert eines Medi­um pri­mär dar­auf ankä­me zu wel­chen Zwecken man es letzt­li­ch ein­set­zen möch­te, spot­te­te der Kana­di­er, der heu­te als einer der ein­fluss­reichs­ten Medi­en­theo­re­ti­kern gilt. Er ent­geg­ne­te: „In die­ser Behaup­tung […] steckt ein­fach gar nichts, was einer genaue­ren Über­prü­fung stand­hiel­te, denn es ent­geht ihm [einem Ver­tre­ter die­ser Posi­ti­on] das Wesen des Medi­ums […]“ (McLu­han 1964: 21). Möch­te man unter­su­chen wel­che gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen eine neue Tech­no­lo­gie aus­löst, so kommt es nicht auf den Inhalt an, den sie trans­por­tiert, son­dern auf die Eigen­schaf­ten und Wir­kun­gen des Medi­ums an sich. Was wird erwei­tert und was wird begrenzt? Die­ser Gedan­ke ver­dich­tet sich in einem Satz mit dem McLu­han klas­si­scher­wei­se zitiert wird:

Das Medi­um ist die Bot­schaft.” (McLu­han 1964: 17)

Es kommt im Kern also weni­ger dar­auf an, ob die Anzahl der „gehalt­vol­len“ Bücher die „Schund­li­te­ra­tur“ über­wiegt. Was unse­re Gesell­schafts­form grund­le­gend ver­än­dert hat, war der Buch­druck an sich. Ohne Schrift, pho­ne­ti­sches Alpha­bet und Druck wären Ver­wal­tung, Hoch­spra­che und „ein his­to­ri­sches Bewusst­sein“ undenk­bar (vgl. McLu­han 1964; 1995). Und so wur­de der Druck im 16. Jahr­hun­dert – aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht – eben auch zur Grund­la­ge von Natio­na­lis­mus einer­seits und Indi­vi­dua­lis­mus ande­rer­seits (vgl. McLu­han 1964: 31).

Alles bleibt beim Alten, das heißt: alles wird neu!

Die Lek­tü­re von McLu­hans Schrif­ten lässt all jene wie­der bes­ser schla­fen, die sich davor ängs­ti­gen, dass Bücher, Hand­schrift und ande­re Kul­tur­tech­ni­ken durch die Digi­ta­li­sie­rung ver­schwin­den könn­ten und so die Gesell­schaft ernst­haf­ten Scha­den nimmt. Denn alte Medi­en wer­den bei McLu­han nicht ein­fach ersetzt; viel­mehr beinhal­tet jedes neue Medi­um eine Viel­zahl von älte­ren kul­tu­rel­len Errun­gen­schaf­ten (vgl. McLu­han 1964: 18).

Wie bei einer Matrjoschka enthält jedes neue Medium zahlreiche alte Medien.

Wie bei einer Matrjosch­ka, ent­hält jedes neue Medi­um zahl­rei­che alte Medi­en.

Ähn­li­ch wie bei einer rus­si­schen Matrjosch­ka hat das Tablet – by the way: das hap­tischs­te Medi­um der Welt – ganz aktu­ell das Papier­buch „ver­schluckt“. Das Buch wie­der­um beinhal­tet den Druck, der Druck die Schrift, die Schrift das pho­ne­ti­sche Alpha­bet, das Alpha­bet die Spra­che und so wei­ter. Ein Trost für alle Biblio­phi­len: Die Gene­ra­ti­on Y passt gut auf eure Lieb­lin­ge auf – ver­spro­chen!

Die Erfin­dung und Ver­brei­tung eines neu­en Medi­ums hat jedoch auch per­sön­li­che, sowie gesell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen, die zu Rei­bun­gen füh­ren und regel­recht Schmer­zen berei­ten. McLu­han ist also kei­nes­wegs als tech­ni­ke­u­pho­ri­scher Medi­en­na­iv­ling zu lesen! Jedes neue Medi­um, ver­stan­den als Aus­wei­tung oder Erwei­te­rung des Kör­pers, führt auch immer zu einer „Selbstam­pu­ta­ti­on“ (vgl. McLu­han 1994: 58). Ein Scho­ck durch die plötz­li­che Erwei­te­rung führt zu einer Art Betäu­bung als Schutz­me­cha­nis­mus (Nar­ko­se):

Die Aus­wahl eines ein­zi­gen Sin­nes zur star­ken Sti­mu­lie­rung oder eines ein­zi­gen erwei­ter­ten, iso­lier­ten oder »ampu­tier­ten« Sin­nes in der Tech­nik ist zum Teil der Grund für die betäu­ben­de Wir­kung, die die Tech­nik als sol­che auf jene aus­übt, die sie geschaf­fen haben und sie ver­wen­den.“ (McLu­han 1964: 60)

Medi­en­fein­de, die jetzt vom Stuhl auf­sprin­gen und rufen „Ich hab’s gewusst!“ mögen sich bit­te noch­mal kurz hin­set­zen. McLu­han geht es weni­ger dar­um, dass bestimm­te Medi­en „dumm machen“. Er sen­si­bi­li­siert in den „Magi­schen Kanä­len“ und vor allem in „The Glo­bal Vil­la­ge“ Lese­rIn­nen in ers­ter Linie dafür, dass jedes neue Medi­um bestimm­te Sin­ne betont und in den Vor­der­grund rücken lässt. Jede Erwei­te­rung durch ein Medi­um löst dabei bestimm­te gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen aus über die Umge­stal­tung der Sin­nes­kom­po­si­ti­on. McLu­han (1995: 218) dekli­niert nach einem Vie­rer­sche­ma (sei­ne berühm­te Tetra­de) ver­schie­de­ne Medi­en – hier das Flug­zeug – in Bezug auf die Ver­än­de­run­gen, die sie aus­lö­sen:

A Erwei­tert die ver­ti­ka­len wie hori­zon­ta­len Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten.
B Ver­al­tet das Rad und die Stra­ße, die Eisen­bahn und das Schiff.
C Bringt die Vogel­per­spek­ti­ve ver­bun­den mit der Aura der Minia­tu­ri­sie­rung zurück.
D Kehrt um in gelei­te­te Geschos­se. Ver­wan­delt den Pla­ne­ten in eine aus­ge­dehn­te Stadt: urb orbs.”

In glei­cher Wei­se ver­än­dert die Eisen­bahn unser Ver­hält­nis zu Raum und Zeit; die Schrift löst sprach­münd­li­che Kul­tu­ren ab; das Bar­geld ver­al­tet den Tau­sch und die Klei­dung – eine Erwei­te­rung der Haut – „schal­tet das Kli­ma aus“ (vgl. McLu­han 1995: 214). Jedes neue Medi­um wird dabei beglei­tet von eupho­ri­schen Heils­ver­spre­chen einer­seits und kul­tur­pes­si­mis­ti­scher Kri­tik ande­rer­seits, wie Kat­rin Pas­sig sie in ihren schö­nen Bei­trä­gen zu den Stan­dard­si­tua­tio­nen der Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung und Tech­nik­kri­tik beschreibt. Eine fan­tas­ti­sche Grab­bel­kis­te für Fana­ti­ker mit einer Aus­wahl völ­lig unspe­zi­fi­scher und des­halb zeit­lo­ser Pseu­do­ar­gu­men­te!

HTML und das Glo­ba­le Dorf

McLu­han selbst hat die Geburt des Inter­nets durch die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge von Sir Tim Berners-​Lee wie gesagt nicht mehr mit­er­le­ben kön­nen. Und trotz­dem beschrieb er bereits etwas, das uns durch Whats­app, Face­book und Sky­pe tag­täg­li­ch vor Augen gestellt wird:

Elek­tri­sch zusam­men­ge­zo­gen ist die Welt nur mehr ein Dorf. Die elek­tri­sche Geschwin­dig­keit, mit der alle sozia­len und poli­ti­schen Funk­tio­nen in einer plötz­li­chen Implo­si­on koor­di­niert wer­den, hat die Ver­ant­wor­tung des Men­schen in erhöh­tem Maß bewusst wer­den las­sen.“ (McLu­han 1964: 13)

Wer den Kana­di­er liest, dem soll­te schnell däm­mern, dass die Fra­ge, ob Face­book nun „Fluch oder Segen” sei oder der Frust über die Ortho­gra­phie in Chat­ver­läu­fen nur an der Ober­flä­che des Medi­ums krat­zen. Die Ver­än­de­run­gen, die das Inter­net aus­ge­löst hat und noch aus­lö­sen wird, lie­gen tie­fer. Sie erge­ben sich auch hier nicht aus dem Inhalt (Kat­zen­fo­tos), son­dern den beson­de­ren Eigen­schaf­ten des Medi­ums. Und mit dem Kul­tur­anthro­po­lo­gen Micha­el Wesch gespro­chen, könn­te eine Bot­schaft des Medi­ums Inter­net bei­spiels­wei­se lau­ten: „The machine is us/​ing us!“

 

 

Die Fra­gen, die Micha­el Wesch hier auf­wirft, sind Fra­gen, die in einer “inter­net­be­trie­be­nen” Gesell­schaft nun wirk­li­ch mal zu dis­ku­tie­ren wären, denn:

jedes Medi­um hat die Macht, sei­ne eige­nen Pos­tu­la­te dem Ahnungs­lo­sen auf­zu­zwin­gen.“ (McLu­han 1964: 26)

… aber es muss ja viel­leicht nicht gera­de am Früh­stücks­ti­sch sein.

Zum Anschau­en:

3Sat (2011). Sco­bel. Mar­shall McLu­han. Ein Visio­när des Medi­en­zeit­al­ters.

Quel­len:

McLu­han, Mar­shall (1964). Die magi­schen Kanä­le. Under­stan­ding Media. Düs­sel­dorf: Econ Ver­lag.

McLu­han, Mar­shall und Powers, Bru­ce (1995). The Glo­bal Vil­la­ge. Der Weg der Medi­en­ge­sell­schaft in das 21. Jahr­hun­dert. Pader­born: Jun­fer­mann Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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Lektüren vom Sofa Vol II – „Paradigmenwechsel live“

Die Lek­tü­re von Tho­mas S. Kuhns „Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­ti­on“ (Kuhn 1996) ver­än­dert die Welt­sicht von Lese­rin und Leser grund­le­gend: Denn der Begriff des Para­dig­men­wech­sels eröff­net einen völ­lig neu­en Bli­ck auf die Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft, hin­ter den man nicht mehr zurück kann.

Nimmt man in Fol­ge den Begriff in sei­nen ganz eige­nen Werk­zeug­kas­ten der Erkennt­nis auf und ver­wen­det ihn nicht nur im streng wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne, son­dern ver­leiht ihm eine gewis­se All­tags­taug­lich­keit (ohne ihn infla­tio­när zu miss­brau­chen) in der Beob­ach­tung gesell­schaft­li­cher und technisch-​wissenschaftlicher Ent­wick­lung, so erkennt man schnell, wie prak­ti­sch eine gute Theo­rie ist.

An der einen oder ande­ren Bruch­stel­le im All­tag kann eine – im prak­ti­schen Sin­ne – gute Theo­rie natür­li­ch zu Ver­stim­mun­gen füh­ren: Kein Gespräch mit einem Ope­ra Afi­cio­na­do, ohne dass „Die fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) im Hin­ter­kopf mit­schwin­gen und kei­ne Dis­kus­si­on über „Ideo­lo­gie­frei­heit“, ohne dass Karl Mann­heims Ein­sich­ten über die gesell­schaft­li­che Gebun­den­heit von Erkennt­nis die Debat­te grun­die­ren.

Und so führt uns Wolf­gang Schi­vel­bu­sch in sei­ner wun­der­ba­ren „Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se“ (Schi­vel­bu­sch 2000) bei­spiel­haft vor, zu wel­chen Tie­fen­schich­ten der Erkennt­nis eine Ver­bin­dung von tech­nik­so­zio­lo­gi­scher und kul­tur­his­to­ri­scher Theo­rie und Metho­de füh­ren kann.

Der Wis­sen­schafts­jour­na­list Franz Mil­ler hat mit sei­nem Bericht über die Ent­wick­lung des mp3 For­mats (Mil­ler 2015) eine ähn­li­che Erzäh­lung vor­ge­legt, die man mit zuneh­men­den Ver­gnü­gen liest. Er erzählt die Geschich­te einer wis­sen­schaft­li­chen Inno­va­ti­on mit alle ihren Höhen und Tie­fen, ihren Sie­gen und Nie­der­la­gen, den Wider­stän­den und Geg­nern und letz­ten Endes von der Beharr­lich­keit, mit der die han­deln­den For­scher (Frau­en kom­men fast nur als sor­gen­de Ehe­frau­en vor) ihre Idee einer psy­cho­akus­ti­sch ver­lust­lo­sen Kom­pri­mie­rung von Ton­da­tei­en zum Erfolg brin­gen.

Als lang­jäh­ri­ger Pres­se­spre­cher der Fraun­ho­fer Gesell­schaft – die als For­schungs­ge­sell­schaft die­se Ent­wick­lung erst ermög­lich­te – berich­tet er kennt­nis­reich und mit ana­ly­ti­schem Werk­zeug über einen aktu­el­len „Para­dig­men­wech­sel“!

Wer nach­voll­zie­hen will, wie Inno­va­tio­nen im Zeit­al­ter der ana­lo­gen Tech­nik ent­ste­hen, um dann in der digi­ta­len Revo­lu­ti­on als „dis­rup­ti­ve Inno­va­ti­on“ die gesam­te Musik­bran­che völ­lig ver­än­dern (und die­se „dis­rup­ti­ve“ Ver­än­de­rung steht den Print­me­di­en noch bevor), dem sei die Lek­tü­re die­ser klu­gen und mate­ri­al­rei­chen Stu­die emp­foh­len. „Es gibt gar nichts außer Unbe­re­chen­bar­keit“ (Mil­ler 2015: 450) ist ein Fazit und so führt die Lek­tü­re bei Lese­rin und Leser zu zwei Effek­ten: Nichts, aber auch wirk­li­ch gar nichts, wird im Kon­text der digi­ta­len Revo­lu­ti­on so blei­ben wie es ist! Und kein Musik­ge­nuss vom Smart­pho­ne ist der Lese­rin mehr mög­li­ch, ohne an die dahin­ter­ste­hen­de Inno­va­ti­on als Para­dig­men­wech­sel zu den­ken.

Demo­kra­tie und WEB 2.0

Herbstwand

Die letz­ten grü­nen Zwei­ge des Jah­res

Wir haben uns allem Anschein nach dar­an gewöhnt, die Kon­se­quen­zen die­ser digi­ta­len Revo­lu­ti­on eher im Licht, als im Schat­ten zu sehen. Euro­pä­er und Nord­ame­ri­ka­ner schei­nen zwang­haft fort­schritt­s­op­ti­mis­ti­sch; ein roter Faden, der sich von Dide­rots „Ency­clo­pé­die“ durch die Post­mo­der­ne hin­durch bis ins Heu­te mäan­driert.

Die „Ham­bur­ger Edi­ti­on“ des Ham­bur­ger Insti­tuts für Sozi­al­for­schung wid­met sich dem­ge­gen­über seit ihrer Grün­dung der ver­dienst­vol­len Auf­ga­be, gera­de die Schat­ten­sei­ten, die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ zu beschrei­ben. Mit „Die Anti­po­li­ti­schen“ des fran­zö­si­schen Juris­ten Jac­ques de Saint Vic­tor (Saint Vic­tor 2015) liegt ein Essay vor, der die Frei­heits­ver­spre­chen des WEB 2.0 mit ihren kali­for­ni­schen Unter­tö­nen einer luzi­den Kri­tik unter­zieht. Und wer in den letz­ten Wochen die ver­roh­ten Kom­men­ta­re rechts­po­pu­lis­ti­scher und rechts­ra­di­ka­ler Trol­le in den „Soci­al Media“ zur Zuwan­de­rung gele­sen hat, kann sei­ner bit­te­ren Kri­tik an der „Anti­po­li­tik“ der Netz­de­mo­kra­tie und ihrer popu­lis­ti­schen Bewe­gun­gen nur zustim­men.

Saint Vic­tor sieht in den digi­ta­len For­men von Demo­kra­tie den Ver­su­ch, die reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­ti­en und Ver­fah­rens­wei­sen des Wes­tens durch eli­tis­ti­sche, ner­dis­ti­sche und tech­ni­zis­ti­sche Model­le zu unter­lau­fen. Ähn­li­ch wie neue digi­ta­le Ange­bo­te im WEB 2.0 wie z.B. das pri­va­te Trans­port­un­ter­neh­men UBER ein Frei­heits­ver­spre­chen pro­pa­gie­ren, aber letzt­li­ch pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se pro­du­zie­ren, so dia­gnos­ti­ziert Saint Vic­tor der digi­ta­len Demo­kra­tie ein grund­le­gen­des Demo­kra­tie­de­fi­zit. Ein Essay von knapp unter 100 Sei­ten, der eine Lek­tü­re wert ist.

Win­ter­rei­se im Herbst

Dass die­se „Lek­tü­ren vom Sofa“ wirk­li­ch vom herbst­li­chen Sofa und nicht von den „Küs­ten des Lichts“ kom­men, lässt bereits der Titel erken­nen: „Schu­berts Win­ter­rei­se“ beti­telt der eng­li­sche Ten­or Ian Bos­tridge (Bos­tridge 2015) sei­ne ganz eige­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Lied“ der Roman­tik.

Was, so fra­gen sich viel­leicht an die­ser Stel­le die Lese­rin und der Leser, die aus sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Inter­es­se die­sen Blog lesen, was hat denn nun das roman­ti­sche Lied von Schu­bert und die ent­spre­chen­den Mei­nun­gen eines Sän­gers mit uns und unse­rem Inter­es­se an Gesell­schaft zu tun?

Kunst, so könn­te ich ant­wor­ten, ist eben eine Art und Wei­se des Men­schen, sich mit den vor­ge­fun­de­nen Umstän­den und Fra­gen sei­ner Exis­tenz aus­ein­an­der zu set­zen. So wie Wis­sen­schaft eben eine ande­re ist! Und auf je sehr unter­schied­li­chen Wegen suchen wir Ant­wor­ten auf eben die­se Fra­gen und Umstän­de.

Als musi­ka­li­scher Analpha­bet sind Lek­tü­ren über Musik in der Regel für mich nicht les­bar; im auk­to­ria­len Duk­tus wer­den mir Ein­sich­ten mit­ge­teilt, die her­me­ti­sch ver­schlos­sen blei­ben:

Wir haben einen Sona­ten­haupt­satz mit nahe­zu durch­lau­fen­den Sech­zehn­tel­fi­gu­ra­tio­nen vor uns, die humorvoll-​spielerisch, wie aus fan­ta­sie­vol­len Impro­vi­sa­tio­nen gewon­nen erschei­nen und Drei­klangsbre­chun­gen, Wech­sel­no­ten, Ska­len und Alber­ti­bäs­se abwech­seln las­sen.“ (Mau­ser 2014: 18)

Inter­es­sant, bloß – was soll es bedeu­ten?

Die aktuellen Lektüren vom Sofa spielen vor herbstlicher Kulisse.

Die aktu­el­len Lek­tü­ren vom Sofa spie­len vor herbst­li­cher Kulis­se.

Bos­tridge, der sich selbst als musi­ka­li­schen Auto­di­dak­ten bezeich­net, ver­mei­det jeden her­me­ti­schen Duk­tus. Ihm geht es viel­mehr dar­um, die 24 Lie­der der Win­ter­rei­se sei­nen Lese­rin­nen und Lesern in ihren viel­fäl­ti­gen Bedeu­tungs­ebe­nen nahe zu brin­gen. Und es sind eben die­se unter­schied­li­chen Bedeu­tungs­ebe­nen, die Bos­tridge uns in den Ver­sen von Mül­ler und der Musik von Schu­bert eröff­net.

Wir ver­ste­hen in der Lek­tü­re den poli­ti­schen Gehalt der ver­wen­de­ten Bil­der von Eis und Schnee, erle­ben die fros­ti­ge Met­ter­nich Ära mit Ver­fol­gung und Denun­zia­ti­on und ver­ste­hen im Fort­gang des Tex­tes die Reak­tio­nen Schu­berts und sei­ner Freun­de auf eben die­se Erstar­run­gen der Bie­der­mei­er­zeit.

Nichts ist hier – so die Lek­tü­re – wie es scheint; die „Köh­ler­hüt­te“ im ver­schnei­ten Wald ist kei­ne roman­ti­sche Bebil­de­rung, son­dern viel­mehr ein Zitat der ita­lie­ni­schen Frei­heits­be­we­gung. Musi­ka­li­sche Bil­der, die durch den Text ent­schlüs­selt und in ihrer Zeit ver­or­tet wer­den kön­nen.

Letzt­li­ch bie­tet uns Bos­tridge eine groß­ar­ti­ge his­to­ri­sche und sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se eines Kunst­wer­kes, ohne die onto­lo­gi­schen Bedräng­nis­se und Fra­gen Schu­berts zu negie­ren: Sei­ne Krank­heit, sein Glück, wie Unglück sind immer prä­sent.

Glück­li­cher­wei­se kön­nen wir Ian Bos­tridges Win­ter­rei­se par­al­lel zur Lek­tü­re hören; auf CD, als mp3 oder Online – ein Gesamt­kunst­werk aus Musik und Text, wel­ches uns ver­zau­bert zurück­lässt:

Tod

Immer wie­der lugt das Buch von Herrn­dorf aus den Bücher­sta­peln am Sofa; immer wie­der lege ich es nach kur­zer Lek­tü­re zur Sei­te.

Nach der Dia­gno­se eines Hirn­tu­mors beginnt Wolf­gang Herrn­dorf sei­nen Blog, den er bis zwei Wochen vor sei­nem Sui­zid fort­setzt. Nach sei­nem Tod publi­zie­ren sei­ne Freun­din­nen und Freun­de die­ses Web­log als Buch; beti­telt nach der Lebens­ma­xi­me Herrn­dorfs in die­sen sei­nen letz­ten Jah­ren: „Arbeit und Struk­tur“.

Und immer wie­der neh­me ich es in die Hand und lese ein wei­te­res Kapi­tel – war­um? Fas­zi­niert mich der Tod und die Krank­heit? Bin ich froh, dass es ihn trifft und nicht mich; ich weiß es nicht.

Soll man es lesen? Der Faden, den Schu­bert in der Win­ter­rei­se spinnt; er wird hier auf eine ganz ande­re Art und Wei­se auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­spon­nen. Das Gewor­fen­s­ein in die Welt ist The­ma – völ­lig unhe­roi­sch, wie es einer post­he­roi­schen Gesell­schaft ange­mes­sen ist. Eine Herbst- und Win­ter­lek­tü­re, in der der Som­mer und das Baden im See immer wie­der auf­blit­zen und der Tod jeder­zeit im Text steht. Man soll es lesen!

Lite­ra­tur:

Bos­tridge, Ian (2015). Schu­berts Win­ter­rei­se. Mün­chen: Beck.

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Frank­furt: Suhr­kamp.

Herrn­dorf, Wolf­gang (2015). Arbeit und Struk­tur. Ham­burg: Rowohlt.

Kuhn, Tho­mas S. (1996). Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen. Frank­furt: Suhr­kamp.

Mann­heim, Karl (2015). Ideo­lo­gie und Uto­pie. Frank­furt: Klos­ter­mann.

Mau­ser, Sieg­fried (2014). Mozarts Kla­vier­so­na­ten. Mün­chen: Beck.

Mil­ler, Franz (2015). Die MP3 Sto­ry. Eine deut­sche Erfolgs­ge­schich­te. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Saint Vic­tor, Jaques de (2015). Die Anti­po­li­ti­schen. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, HIS.

Schi­vel­bu­sch, Wolf­gang (2000). Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se. Frank­furt: Fischer.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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Internet – Great Equalizer oder digitale Exklusionsmaschine?

Die Wur­zeln des Inter­nets rei­chen bekannt­li­ch weit zurück bis in die 1950er Jah­re. Die Arbei­ten der ARPA (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jekt Agen­cy), die als Fol­ge des Sput­nik­schocks vom US Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ins Leben geru­fen wur­de, leg­te den Grund­stein für die Tech­no­lo­gi­en des Inter­nets, wie wir es heu­te ken­nen – so die klas­si­sche Erzähl­wei­se (vgl. Blei­cher 2010). In Wirk­lich­keit war es wohl etwas leben­di­ger und ver­wor­re­ner. Wer sich für die­se Epo­che der Inter­net­ge­schich­te inter­es­siert, dem sei das Buch „ARPA Kada­b­ra“ ans digi­ta­le Herz gelegt (Haf­ner und Lyon 2000).

Der Per­so­nal Com­pu­ter war aber noch lan­ge nur ein from­mer Wunsch. Die frü­hen Inter­net­tech­no­lo­gi­en und Groß­re­chen­ma­schi­nen stan­den nur ein paar weni­gen Aus­er­wähl­ten zur Ver­fü­gung. Heu­ti­ge Tech­no­lo­gie­gi­gan­ten wie IBM, App­le, Micro­soft und noch vie­le wei­te­re trie­ben die Ent­wick­lung der Rechen­ma­schi­nen vor­an ­– die Visi­on „Ein Com­pu­ter auf jedem Schreib­ti­sch“, die in den 90ern noch grö­ßen­wahn­sin­nig klang, ringt der Gene­ra­ti­on Y heu­te nur noch ein müdes Lächeln ab – “wie süß”! Wer den küh­nen Ver­su­ch wagen möch­te die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen und des Inter­nets lücken­los zu erzäh­len, der soll­te zuvor eini­ge Meter Regal­wand auf­sto­cken. Doch Blei­cher (2010) nimmt inter­es­sier­te Ein­stei­ge­rIn­nen auch schon über 100 Sei­ten mit auf einen span­nen­den Schweins­ga­lopp durch die Netz­his­to­rie! Die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen wird aus­führ­li­ch und detail­ver­liebt von Lip­pe (2013) erzählt. Wir neh­men hier eine Abkür­zung: Ent­wick­lun­gen wie die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge (HTML) von Tim Berners-​Lee (vgl. Blei­cher 2010), Web­brow­ser wie Net­scape und der Inter­net Explo­r­er, fal­len­de Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und immer schnel­le­re Ver­bin­dun­gen (vgl. Rich­ter und Koch 2007) führ­ten spä­tes­tens in den 1990er Jah­ren dazu, dass das Inter­net mas­sen­kom­pa­ti­bel wur­de und für den pri­va­ten Gebrauch nun auch sinn­voll nutz­bar war.

Im Jah­re 1987 über­stieg die Anzahl der Hosts (Com­pu­ter­sys­te­me mit regis­trier­ter IP-​Adresse) zum ers­ten Mal die 10.000er Mar­ke; nur fünf Jah­re spä­ter waren es bereits eine Mil­lion Hosts. Wer die ARD/​ZDF Online­stu­die mit­ver­folgt (eine seit 1997 fort­lau­fen­de, reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung zur Inter­net­nut­zung der Deut­schen), dem wird nicht ent­gan­gen sein, dass in der Grup­pe der unter 20-​Jährigen seit dem Jahr 2010 100 Pro­zent der Deut­schen online sind. Ach­sel­zu­cken bei Kids der Netflix- und Snapchat-​Ära, doch wer in den 90ern puber­tier­te, der mus­s­te noch lan­ge, hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Eltern füh­ren, ob man „die­ses Inter­net von dem jetzt alle reden“ wirk­li­ch auch Zuhau­se braucht. Für vie­le Eltern war klar: „Geld- und Zeit­ver­schwen­dung. Die­ses Inter­net wird sich nicht durch­set­zen!“ Der digi­ta­le Kampf der Kul­tu­ren im Kin­der­zim­mer wur­de aus­ge­tra­gen zwi­schen den soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves und den Digi­tal Immi­grants. Die­ses Begriffs­paar wur­de berühmt durch John Per­ry Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space, in der es unter ande­rem heißt:

You are ter­ri­fied of your own child­ren, sin­ce they are nati­ves in a world whe­re you will always be immi­grants.“

Bar­low beschreibt (auch mit einem Augen­zwin­kern) ein Phä­no­men, das die Inter­net­for­schung – eine Wis­sen­schaft in den Kin­der­schu­hen – umtreibt: Nicht alle Men­schen nut­zen das Inter­net und schon gar nicht in glei­cher Wei­se. Nicht alle kön­nen von den, durch Netz­ve­te­ra­nen oft pro­pa­gier­ten, Chan­cen die­ser revo­lu­tio­nä­ren Tech­no­lo­gie in glei­cher Wei­se pro­fi­tie­ren. Die Inter­net­for­schung spricht vom Digi­tal Divi­de, also der digi­ta­len Spal­tung.

Jeder kann vom Inter­net pro­fi­tie­ren! Solan­ge man mit­bringt was es braucht.

Schät­zungs­wei­se drei Mil­li­ar­den Men­schen haben weltweit Zugang zu Inter­net. Das klingt im Kon­trast zu den ein­gangs erwähn­ten Nut­zer­zah­len der 90er exor­bi­tant. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass dies nicht ein­mal der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung ent­spricht, wäre es ver­mes­sen von einem digi­ta­len Glo­bus oder einem „Glo­bal Vil­la­ge“ (McLu­han) zu spre­chen. Von den unter­schied­li­chen Band­brei­ten soll hier noch gar kei­ne Rede sein. Wer aber erle­ben möch­te wie sich die eige­nen Inter­net­ge­wohn­hei­ten in Tei­len der Welt anfüh­len, in denen es bis jetzt nur lang­sa­me Ver­bin­dun­gen gibt, dem ist die­se Simu­la­ti­on zu emp­feh­len.

Für Deut­sche ist das Inter­net mitt­ler­wei­le wohl schon ubi­qui­tär. Vor 15 Jah­ren hör­te man noch hin und wie­der die Fra­ge „Hast du eigent­li­ch eine eMail Adres­se?“. Heut­zu­ta­ge kann man doch hin­ge­gen schon davon aus­ge­hen, dass das Gegen­über sich in min­des­tens drei ver­schie­de­nen sozia­len Netz­wer­ken sou­ve­r­än bewegt, rich­tig? Ein zwei­ter Bli­ck in die ARD/​ZDF Online­stu­die zeigt jedoch: nur die Hälf­te der deut­schen Rent­ne­rIn­nen und nicht Berufs­tä­ti­gen nutzt zumin­dest gele­gent­li­ch das Inter­net. Das Ste­reo­typ der jun­gen, tech­ni­kaf­fi­nen Digi­tal Nati­ves und der lebens­er­fah­re­nen, inter­ne­ta­ver­si­ven Digi­tal Immi­grants scheint auch 2015 noch in Ansät­zen zu stim­men. Tat­säch­li­ch ist die­se dicho­to­me Typo­lo­gie selbst­ver­ständ­li­ch völ­lig unter­kom­plex. Nicht jeder Jugend­li­che ist den digi­ta­len Medi­en ver­fal­len und „dad­delt“ pau­sen­los auf sei­nem Smart­pho­ne rum; nicht alle Senio­rIn­nen sind unwil­lig oder unfä­hig zu sky­pen oder Spo­ti­fy zu nut­zen. Es wäre des­halb wohl auch tref­fen­der, wie Whi­te und Le Cor­nu es tun, von “Digi­tal Resi­dents” und “Digi­tal Visi­tors” zu spre­chen und das unter­schied­li­che Nut­zungs­ver­hal­ten in den Fokus der Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Nut­zer­grup­pen zu rücken.

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Eine jun­ge Blog­ge­rin beklagt den “Recep­ti­on Divi­de”.

Wer schon in den Genuss einer bezahl­ba­ren und schnel­len Inter­net­ver­bin­dung kommt, der pro­fi­tiert von den Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung jedoch nur bedingt, wenn er nicht auch bestimm­te Vor­kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten im Umgang mit digi­ta­len Medi­en mit­bringt. Kim und Kim (2001) spre­chen neben dem „Oppor­tu­ni­ty Divi­de“ (also dem rei­nen Zugang zum Inter­net) des­halb von „Uti­liza­t­i­on Divi­de“ und „Recep­ti­on Divi­de“. Use­rIn­nen müs­sen also auch über ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen, Software- und Hard­ware­kennt­nis­se sowie die Fähig­keit ver­fü­gen, Infor­ma­ti­ons­quel­len rich­tig zu bewer­ten. Sie müs­sen Erfah­run­gen sam­meln und so etwas wie eine „Intui­ti­on“ in Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln.

Es zeigt sich also hier ganz deut­li­ch: von einem Inter­net von dem alle Men­schen in glei­chem Maße pro­fi­tie­ren, sind wir noch weit ent­fernt.

Alle sind hier gleich! Aber man­che sind eben glei­cher.

Mit dem Inter­net war seit jeher auch die Vor­stel­lung von digi­ta­ler Frei­heit, Gleich­heit und neu­en basis­de­mo­kra­ti­schen Chan­cen ver­bun­den. Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung liest sich fei­er­li­ch und ist des­halb zu einem Teil Inter­net­pro­gram­ma­tik gewor­den. Das Inter­net soll sozia­le Ungleich­heits­me­cha­nis­men auf­he­ben z.B. durch das zur Ver­fü­gung stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen für alle – so die hoff­nungs­vol­le Ide­al­vor­stel­lung. Marr und Zil­li­en (2012: 258) beschrei­ben:

[…] größ­te Eupho­rie lös­te in die­sem Zusam­men­hang aller­dings ohne Zwei­fel das Inter­net aus, das nicht nur als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft […] son­dern gleich­zei­tig als ‚the great equa­li­zer‘ […] des neu­en digi­ta­len Zeit­al­ters begrüßt und gefei­ert wur­de.“

Abge­lei­tet wur­den die­se Poten­zia­le von der tech­ni­schen Beschaf­fen­heit des Inter­nets, das durch eine prin­zi­pi­el­le Gleich­stel­lung aller Nut­ze­rIn­nen qua­si einen „vor­po­li­ti­schen, nicht­hi­er­ar­chi­schen und nicht exper­to­kra­ti­schen Mei­nungs­aus­tau­sch“ ermög­li­chen soll­te (Steg­bau­er 2006: 95). Alle Infor­ma­tio­nen müs­sen völ­lig frei zur Ver­fü­gung ste­hen – so noch heu­te die gut gemein­te For­de­rung eini­ger Prot­ago­nis­tIn­nen der Netz­ge­sell­schaft und Inter­net­ak­ti­vis­tIn­nen für eine gerech­te­re Gesell­schaft.

Doch schon 1970 – also noch lan­ge vor der Geburt des World Wide Web – stell­te eine Grup­pe von For­sche­rIn­nen eine Behaup­tung in Bezug auf Mas­sen­me­di­en und Bil­dung auf, die bis heu­te in der Wis­sen­schaft heiß dis­ku­tiert wird:

Wenn der Infor­ma­ti­ons­fluss von den Mas­sen­me­di­en in ein Sozi­al­sys­tem wächst, ten­die­ren die Bevöl­ke­rungs­seg­men­te mit höhe­rem sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus und/​oder höhe­rer for­ma­ler Bil­dung zu einer rasche­ren Aneig­nung die­ser Infor­ma­ti­on als die status- und bil­dungs­nied­ri­ge­ren Seg­men­te, so dass die Wis­sens­kluft zwi­schen die­sen Seg­men­ten ten­den­zi­ell zu- statt abnimmt.“ (Tichen­or et al. 1970)

Das freie Zur­ver­fü­gung­stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen soll also eben gera­de nicht dazu füh­ren, dass alle Men­schen auf ein gleich hohes Maß an Bil­dung geho­ben wer­den. Viel­mehr schei­nen ohne­hin schon „infor­ma­ti­ons­rei­che“ Bevöl­ke­rungs­grup­pen dazu zu nei­gen sich Wis­sen schnel­ler anzu­eig­nen, als jene Grup­pen die bereits vor­her benach­tei­ligt waren. Im Kern han­delt es sich bei der soge­nann­ten Wis­sens­kluft­hy­po­the­se um den Mat­thäu­s­ef­fekts, der Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Ungleich­heits­for­sche­rIn­nen immer wie­der in ver­schie­de­nen Gewän­dern vor die Augen tritt:

Denn wer da hat, dem wird gege­ben, dass er die Fül­le habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genom­men, was er hat.“– Mt 25,29 LUT

Jeder darf hier spre­chen! Aber halt nicht alle.

Auch das Ide­al der frei­en und offe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der alle zu Wort kom­men kön­nen, scheint sich im Netz bei wei­tem nicht zu rea­li­sie­ren. In Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space wird der digi­ta­le Anspruch wie folgt umschrie­ben:

Wir erschaf­fen eine Welt, in der jeder Ein­zel­ne an jedem Ort sei­ne oder ihre Über­zeu­gun­gen aus­drü­cken darf, wie indi­vi­du­ell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schwei­gen der Kon­for­mi­tät auf­ge­hen zu müs­sen.“

Doch bereits Jakob Niel­sens berühm­te 90:9:1 Regel besagt, dass im Inter­net nur 1 Pro­zent der Use­rIn­nen eige­ne Inhal­te erstellt und sich nur wei­te­re 9 Pro­zent aktiv an Bei­trä­gen und Dis­kus­sio­nen betei­li­gen. Der über­wie­gen­de Teil (für Niel­sen sind es 90 Pro­zent) der Use­rIn­nen kommt nicht zu Wort oder möch­te nicht zu Wort kom­men. Die­ser Hypo­the­se könn­te man eine feh­len­de empi­ri­sche Basis vor­wer­fen – d’accord! Jedoch beschreibt Steg­bau­er (2006) auf empi­ri­scher Basis für Mai­ling­lis­ten, Dis­kus­si­ons­fo­ren und ande­re vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten ähn­li­che Ungleich­hei­ten in Bezug auf die Dis­kus­si­ons­be­tei­li­gung. Er nutzt dazu struk­tu­ra­lis­ti­sche und netz­werkana­ly­ti­sche Metho­den. Die digi­ta­le schwei­gen­de Mehr­heit (Lur­ker genannt) erfüllt aller­dings auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Grup­pe: ohne das Zuhö­ren und das Reden-​lassen wären Dis­kus­sio­nen grö­ße­rer Com­mu­nities über­haupt nicht mög­li­ch (vgl. Steg­bau­er 2006).

Klassisches Kommunikationsnetzwerk: eher framentierte Diskussionskreise als Schwarmintelligenz

Ein klas­si­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk auf Twit­ter: eher frag­men­tier­te Dis­kus­si­ons­krei­se rund um Netz­prot­ago­nis­tIn­nen als “Schwar­min­tel­li­genz” und ega­li­tä­re Dis­kur­se [erstellt mir NodeXL]

Mit­hil­fe der Soft­ware NodeXL las­sen sich Twit­ter Dis­kus­sio­nen schnell und leicht netz­werkana­ly­ti­sch unter­su­chen. Auch hier zeigt sich: Es dis­ku­tiert in der Regel kein intel­li­gen­ter Schwarm mit­tels eines basis­de­mo­kra­ti­schen Medi­ums in einem digi­ta­len Raum der fla­chen Hier­ar­chien. Viel­mehr twit­tern in aller Regel frag­men­tier­te Gesprächs­krei­se rund um eini­ge Wort­füh­rer. Über­all dort wo “Wölk­chen” zu sehen sind, hören meh­re­re Per­so­nen einem ein­zel­nen Men­schen via Twit­ter zu. Dass Netz­prot­ago­nis­tIn­nen dann von anre­gen­den und viel­fäl­ti­gen Dis­kus­sio­nen im welt­wei­ten Netz schwär­men (kön­nen), liegt auf der Hand. Dass alle zu Wort kom­men (kön­nen) darf ange­zwei­felt wer­den.

Wen küm­mert die Spie­le­rei?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet mit gro­ßen Schrit­ten vor­an. Beim Inter­net han­delt es sich schon lan­ge nicht mehr

um ein irgend­wie eso­te­ri­sches Phä­no­men einer klei­nen Klas­se tech­no­phi­ler Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten oder netz­ni­schen­nut­zen­der Jugend­li­cher.“ (Mün­ker 2012: 47).

Mit dem mobi­len Inter­net und dem Inter­net der Din­ge (Inter­net of Things) steht bereits die nächs­te gro­ße Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on an unse­rer gesell­schaft­li­chen Tür­schwel­le. Und selbst Ange­la Mer­kel, für die das Inter­net noch vor kur­zem #Neu­land war, spricht in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che 2015 von der

digitale[n] Revo­lu­ti­on, die unser Leben fun­da­men­tal ver­än­dert […]“ (Ange­la Mer­kel)

Eine gute Inter­net­ver­bin­dung und die Mög­lich­keit ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen erwer­ben zu kön­nen, wer­den in der digi­ta­len Gesell­schaft zu not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der sozia­len Teil­ha­be. Hen­ke et al. (2012) the­ma­ti­sie­ren im „Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung“ des­halb völ­lig zurecht die Fra­ge einer mög­li­chen e-​Exclusion. In Est­land ist der Zugang zum Inter­net fol­ge­rich­tig bereits zum Grund­recht gewor­den.

Zwei neue Formen gesellschaftlicher Exklusion in der digitalen Gesellschaft?

Zwei neue For­men gesell­schaft­li­cher Exklu­si­on in der digi­ta­len Gesell­schaft?

Mit die­sem Bei­trag soll kei­nes­wegs der Ver­su­ch unter­nom­men wer­den den “Digi­tal Resi­dents” die unglaub­li­chen Poten­tia­le und Chan­cen des Inter­nets und der Digi­ta­li­sie­rung madig zu machen. Wer einen Blog schreibt (oder auch liest), der ist von den Vor­zü­gen neu­er Informations- und tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en doch wohl bereits über­zeugt. Doch sie hier noch ein­mal man­t­ra­ar­tig her­un­ter­zu­be­ten wäre fol­ge­rich­tig nichts wei­ter als ein „pre­aching to the con­ver­ted“.

Dass das Inter­net bereits frei, offen und basis­de­mo­kra­ti­sch sei und dass es Ungleich­heits­pro­zes­se allei­ne durch sei­ne tech­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten aus­he­belt, ist bis­her eine empi­ri­sch nicht beleg­ba­re Ide­al­vor­stel­lung. So schön die Idee auch sein mag, um sie „gerin­nen zu las­sen“ also wahr zu machen (und das soll­ten wir tun!), bedarf es viel Arbeit und einer ste­ti­gen kri­ti­schen Refle­xi­on des sta­tus quo.

Wor­an es in Deutsch­land – so mein Erle­ben – zum Teil noch fehlt, ist unter ande­rem die Ein­sicht eini­ger “Digi­tal Visi­tors”, dass es sich beim Inter­net nicht mehr um ein Nice-​to-​Have oder schmü­cken­des Bei­werk han­delt: Es ist schon längst fes­ter Bestand­teil sozia­ler Wirk­lich­keit und viel­leicht wird es ja sogar tat­säch­li­ch eine Art gesell­schaft­li­ches Betriebs­sys­tem.

Zum Wei­ter­le­sen und anschau­en:

Mey­en, Micha­el, Duden­höf­fer, Kath­rin, Huss, Julia, Pfaff-​Rüdiger, Sen­ta (2009). “Zuhau­se im Netz: Eine qua­li­ta­ti­ve Stu­die zu Mus­tern und Moti­ven der Inter­net­nut­zung”, Publi­zis­tik, 54, 513–53.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Rau­sch, Alex­an­der (2006). Struk­tu­ra­lis­ti­sche Inter­net­for­schung. Netz­werkana­ly­sen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2009). Digi­ta­le Ungleich­heit. Neue Tech­no­lo­gi­en und alte Ungleich­hei­ten in der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2015). Ungleich­heit der Inter­net­nut­zung (Vor­trag). Col­lo­qui­um Fun­da­men­ta­le. Karls­ru­he: YouTube Video.

Quel­len:

Blei­cher, Joan Kris­tin (2010). Inter­net. Kon­stanz: UTB Ver­lag.

Haf­ner, Katie und Lyon, Mat­t­hew (2000). ARPA Kada­b­ra. Oder die Geschich­te des Inter­net. Whe­re wizards stay up late. Hei­del­berg: dpunkt-​Verlag.

Hen­ke, Ursu­la; Hus­ter, Ernst-​Ulrich und Mogge-​Grotjahn, Hil­de­gard (2012). E-​exclusion oder E-​inclusion? In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 548–567). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Kim, Mun-​Cho und Kim, Jong-​Kil (2001). „Digi­tal Divi­de. Con­cep­tual Dis­cus­sions and Pro­s­pect”, The Human Socie­ty and the Inter­net, 78–91.

Lip­pe, Wolfram-​M. (2013). Die Geschich­te der Rechen­au­to­ma­ten. Von mecha­ni­schen Chif­frier­ge­rä­ten bis zu den ers­ten pro­gram­mier­ba­ren Rech­nern. Berlin/​Heidelberg: Sprin­ger View­eg.

Marr, Mir­ko und Zil­li­en, Nicole (2012). Digi­ta­le Spal­tung. In: W. Schwei­ger und K. Beck (Hrsg.), Hand­buch Online­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 257–282). Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Mün­ker, Ste­fan (2012). Die sozia­len Medi­en des Web 2.0. In: D. Miche­lis (Hg.), Social-​Media-​Handbuch: Theo­ri­en, Metho­den, Model­le und Pra­xis (S.45–55). Baden-​Baden: Nomos Ver­lag.

Rich­ter, Alex­an­der und Koch, Micha­el (2007). Soci­al Soft­ware: Sta­tus quo und Zukunft. Mün­chen.

Tichen­or, P.J.; Dono­hue, G.A. und Oli­en, C.N. (1970). “Mass Media Flow and Dif­fe­ren­ti­al Grow­th in Know­led­ge”, Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 34 (2), 159–170.

Autor:

Kai Hau­prich

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