Gesellschaft – da machst du dir (k)ein Bild von!

Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wie die Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft oder auch die Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft beschäf­ti­gen sich teil­wei­se mit recht abs­trak­ten Begrif­fen, wie bei­spiels­wei­se „Gesell­schaft“ oder „sozia­ler Wirk­lich­keit“. Din­ge und Pro­zes­se, die wir irgend­wie jeden Tag erfah­ren, die aber doch häu­fig nur recht schwer oder unbe­frie­di­gend nüch­tern in Worte zu fas­sen sind. Als Hilfs­kon­struk­ti­on zur Beschrei­bung nut­zen die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – wie wir es im All­tag auch alle tun – aller­hand Bil­der, Meta­phern und Sprach­bil­der, denn

weil die Gesell­schaft als Ein­heit uner­reich­bar ist, kann deren Beschrei­bung nur eine ima­gi­nä­re sein.“ (Schlech­trie­men 2014: 26)

Und so beschreibt der Kul­tur­so­zio­lo­ge Tobi­as Schlech­trie­men den Men­schen als ein Wesen, das eben nicht nur vernunft- und sprach­be­gabt ist, son­dern als eines was „mit Bil­dern umgeht, was Bil­der pro­du­ziert, was in Bil­dern kom­mu­ni­ziert, was sich Bil­der von sich selbst, aber auch von der Welt macht.“

Des­halb ist es nicht ver­wun­der­li­ch, dass auch die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten aller­hand „Bil­der des Sozia­len“ zeich­nen, Ver­glei­che zu kon­kre­ten Din­gen des All­tags zie­hen und Meta­phern und ande­re sprach­li­che Bil­der auf­grei­fen, um ihre Gegen­stän­de qua­si „be-​greifbar“ zu machen. Wir erin­nern uns an die ver­schie­de­nen „Zwie­bel­mo­del­le“ in Sozio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie, an „Bedürf­nis­py­ra­mi­den“,  „Gärt­ner und Bildhauer“-Modelle in der Päd­ago­gik oder Meta­phern, wie der „Schwar­min­tel­li­genz“ zur Beschrei­bung sozia­ler Koope­ra­ti­ons­leis­tun­gen.

Die Zwiebel ist erstaunlicherweise ein häufig genutztes "Bild des Sozialen".

Die Zwie­bel ist erstaun­li­cher­wei­se ein häu­fig ver­wen­de­tes “Bild des Sozia­len”.

Auf­fäl­lig ist hier bestimmt auch, dass vie­le ein­fluss­rei­che „Grand Theo­ries“ oder berühm­te Theo­ri­en mitt­le­rer Reich­wei­te (vgl. Mer­ton 1968) mit sehr ein­präg­sa­men Bil­dern arbei­ten oder ihre zen­tra­len Ide­en in ein­drucks­vol­le Meta­phern klei­den. Man könn­te fast behaup­ten: je fass­ba­rer, all­täg­li­cher und ein­drück­li­cher das geis­tig gemal­te Bild, desto durch­set­zungs­fä­hi­ger das beschrie­be­ne Modell im wis­sen­schaft­li­chen und auch öffent­li­chen Dis­kurs.

Rudolf Schmitt (vgl. 2014: 5) nennt im sozio­lo­gi­schen Kon­text unter ande­rem das Bild der „Gesell­schaft als Orga­nis­mus“ (z.B. Durk­heim, Spen­cer, Luh­mann), „Gesell­schaft als Krieg/​Kampf“ (z.B. Marx, Hob­bes, Frank­fur­ter Schu­le) oder „Gesell­schaft als Spiel“ (z.B. Bour­dieu, Goff­mann). Als ein Bild, das in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit wie­der stär­ker „in Mode“ gekom­men ist, müss­te man hier sicher­li­ch die „Gesell­schaft als Netz­werk“ (z.B. Cas­tells, More­no, Whi­te) her­vor­he­ben. Die­se Ent­wick­lung hat mit Sicher­heit auch etwas mit den viel­fäl­ti­gen neu­en Mög­lich­kei­ten der Ver­net­zung über das Inter­net zu tun, denn auf­kom­men­de Gesell­schafts­bil­der sind stets eng mit kon­kre­ten kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen ver­bun­den.

Solan­ge es uns die­se Bil­der ermög­li­chen Erkennt­nis bes­ser mit­zu­tei­len und solan­ge wir uns der sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten (schär­fer noch: Inter­pre­ta­ti­ons­not­wen­dig­kei­ten) bewusst sind, scheint dies auch alles unpro­ble­ma­ti­sch zu sein. Manch­mal erzeu­gen gera­de die Kon­no­ta­tio­nen und Asso­zia­tio­nen, die die Bil­der in ande­ren wecken, ganz neue Erkennt­nis­se oder wer­fen inter­es­san­te Fra­gen auf: Wenn ich bei­spiels­wei­se „Gesell­schaft“ als ein „Spiel“ beschrei­be, gibt es dann nicht zwangs­läu­fig auch Regeln, die ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen? Wer ist im Spiel Schieds­rich­te­rIn? Spielt jeder allei­ne oder ist das Gan­ze ein Mann­schafts­sport? Wie viel Kon­takt ist erlaubt, das heißt wo beginnt das Foul und wie wird es geahn­det? Und wo sind eigent­li­ch die gan­zen Zuschaue­rIn­nen hin, wenn doch jeder spielt?

Am Tellerrand

In sei­ner meta­pher­ana­ly­ti­schen Arbeit „Bil­der des Sozia­len“ ver­gleicht Tobi­as Schlech­trie­men (2014) die Arbei­ten von Jacob More­no, Manu­el Cas­tells und Bru­no Latour, die alle­samt Gesell­schaft im Bild des „Netz­werks“ beschrei­ben. Schlech­trie­men zeigt hier anschau­li­ch wie eng Theo­rie­bil­dung mit Bil­dern, Meta­phern und Sprach­bil­dern ver­wo­ben ist. Lese­rIn­nen wird bei der Lek­tü­re jedoch sicher­li­ch auch schnell bewusst, dass die Bil­der und Meta­phern dem Den­ken hin und wie­der Schran­ken set­zen kön­nen, denn

die sozio­lo­gi­sche Theo­rie­bil­dung über die Bil­der des Sozia­len [ist] eng an die gesell­schaft­li­chen Erfah­run­gen einer Zeit gebun­den, die sich in die­sen Bil­dern arti­ku­liert.“ (Schlech­trie­men 2014: 33)

Und damit wird eben auch nichts erklärt, „was uns nicht ins Bild passt“. Wer sich Gesell­schaft bei­spiels­wei­se wie einen mensch­li­chen Orga­nis­mus vor­stellt, der ver­fügt zwar über ein ein­drucks­vol­les Bild, weil hier das „gro­ße Gan­ze“ (Makro) im „Klei­nen“ (Mikro) wider­ge­spie­gelt wird. Das Nach­den­ken über Gesell­schaft wird dadurch aber auch unwei­ger­li­ch „starr“, denn im gedach­ten „Gesell­schafts­or­ga­nis­mus“ oder „Volks­kör­per“ hat alles sei­nen Platz und sei­ne angeb­li­ch „natür­li­che“ Ord­nung. Der ima­gi­nier­te Orga­nis­mus ist außer­dem durch sei­ne Haut nach außen hin klar abge­grenzt (vgl. Schlech­trie­men 2014: 87). Dadurch wird in die­sem „Bild des Sozia­len“ alles Neue, jede Ver­än­de­rung und alles was von außen “ein­dringt”, unwei­ger­li­ch als bedroh­li­ch emp­fun­den. Wer sich umge­kehrt „Gesell­schaft als einen fort­wäh­ren­den Kampf“ vor­stellt, ver­bringt sein Leben immer im gefühl­ten sozia­len Kriegs­zu­stand – sicher­li­ch ein eben­so gefähr­li­ches, geis­ti­ges Gefäng­nis.

Ana­tol Ste­fa­no­wit­sch beschreibt dar­über hin­aus in sei­nem Sprach­log und bei sei­nen Vor­trä­gen anhand prak­ti­scher Bei­spie­le immer wie­der deut­li­ch und eben­so unter­halt­sam, wie Sprach­bil­der sozia­le Wirk­lich­keit auch schaf­fen und fal­sche „Bil­der­rah­men“ unser Den­ken und sozia­les Han­deln bei­zei­ten unbe­wusst und unge­wollt beein­flus­sen. Das fal­sch gewähl­te Sprach­bild kann uns eben auch schnell Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven „ent-​möglichen“, da es bestimm­te Wege nicht mehr auf­zeigt. Dies beginnt bei schrä­gen Bil­dern wie dem „Inter­net als einen Ort“ (Cyber­space) und reicht bis in kon­kre­te poli­ti­sche Debat­ten über „Flücht­lings­wel­len“ und „Gast­recht“ hin­ein.

Bilderrahmen und Sozialarbeit

Die Sozi­al­ar­beit als eine prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft ist eben­so wie die Erzie­hungs­wis­sen­schaft sicher­li­ch eine sehr bil­der­rei­che Dis­zi­plin. Umso erstaun­li­cher, dass es in der Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft – im Ver­gleich zu metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten – sel­te­ner zu tie­fer­ge­hen­den Dis­kur­sen über ver­wen­de­te Theo­rie­bil­der kommt.

Wer den falschen Bilderrahmen wählt, dem entgeht manchmal Wesentliches.

Wer den fal­schen Bil­der­rah­men wählt, dem ent­geht manch­mal das Wesent­li­che.

Zen­tra­le Sprach­bil­der in Bezug auf Fach­be­grif­fe wie „Adres­sa­tIn“, „Kli­en­tIn“ und „Kun­dIn“ sind hier sicher­li­ch aus­ge­nom­men. Sie wer­den zu Recht und auch immer wie­der (vgl. dazu auch HBS 1996) aus­führ­li­ch geführt.

Rudolf Schmitt unter­zog rund 80 Haus­ar­bei­ten von Sozi­al­ar­beits­stu­die­ren­den zum The­ma „Gesell­schaft“ einer Meta­pher­ana­ly­se und beschreibt wun­der­bar wel­che „Bil­der von Gesell­schaft“ sich die Stu­di­en­an­fän­ge­rIn­nen machen. Neben den Bil­dern von „Gesell­schaft als Behäl­ter“, „Gesell­schaft als Schich­tung“ und „Gesell­schaft als kau­sa­ler Kraft“, fin­det sich hier auch das Bild der „Gesell­schaft als eine elter­li­che Per­son“. Gera­de die bei­den letzt­ge­nann­ten las­sen schon erah­nen, wie uns (Sprach-) Meta­phern in der prak­ti­schen Arbeit auch schnell uner­wünsch­te glä­ser­ne Decken ein­zie­hen kön­nen. Denn wer sich Staat und Gesell­schaft als eine Vater– oder Mut­ter­fi­gur vor­stellt oder als eine unbeug­sa­me Kraft („Gesell­schafts­druck“), der läuft sicher­li­ch auch ein­mal Gefahr, sich gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen und Zusam­men­hän­gen ohne Wider­stand zu beu­gen, sie als unver­än­der­bar und not­wen­dig zu emp­fin­den und zu erdul­den. Bour­dieu beschrieb wun­der­bar in sei­ner “männ­li­chen Herr­schaft”, wie grau­sam es sein kann, dass “Papa” für sich in Anspruch nimmt immer Recht zu haben:

Das ‘Nein’ des Vaters braucht weder aus­ge­spro­chen noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. Es gibt für ein ver­nünf­ti­ges Wesen (‘Sei ver­nünf­tig’, ‘spä­ter wirst du das ver­ste­hen’) kei­ne ande­re Wahl, als sich umstands­los der höhe­ren Macht der Din­ge zu beu­gen. Das väter­li­che Wort ist in sei­ner mit­leid­lo­sen Für­sor­ge nie schreck­li­cher, als wenn es sich spon­tan in die Logik der pro­phy­lak­ti­schen Vor­aus­sa­ge ein­ord­net.” (Bour­dieu 2005: 126)

Was aus dem Kaffeefilter tröpfelt

… wenn man sich mit der genann­ten Lite­ra­tur (Schlech­trie­men 2014; Schmitt 2014, Ste­fa­no­wit­sch) befasst, ist sicher­li­ch ein stär­ke­res Bewusst­sein dafür, wie die „Bil­der des Sozia­len“ in All­tag, Wis­sen­schaft und auch sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis Ein­fluss auf unser Den­ken und Han­deln neh­men kön­nen. Wer in der prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft unre­flek­tiert die fal­schen „Bil­der­rah­men“ wählt, setzt dem Den­ken und Han­deln mit­un­ter unbe­wusst, ungüns­ti­ge oder viel­leicht auch gefähr­li­che Gren­zen. Neben metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten, die je nach Feld doch eine beträcht­li­che Domi­nanz in sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fach­dis­kur­sen gewin­nen kön­nen, wäre es manch­mal bestimmt genauso „ertrag­reich“ mehr Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­über zu füh­ren, mit wel­chen Bil­dern wir „Gesell­schaft“ und „sozia­le Wirk­lich­keit“ beschrei­ben. Dass die­se auch mal hef­tig wer­den kön­nen, ist bestimmt weder ver­wun­der­li­ch, noch muss es Schlim­mes bedeu­ten, solan­ge es denn kol­le­gi­al fair bleibt.

Denn wie wir von Bour­dieu bild­li­ch beschrie­ben wis­sen: „Sozio­lo­gie ist ein Kampf­sport!“

Fragt sich nur wel­cher.

Zum Wei­ter­le­sen:

Schlech­trie­men, Tobi­as (2014). Bil­der des Sozia­len. Das Netz­werk in der sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Pader­born: Wil­helm Fink Ver­lag.

Literatur:

Bour­dieu, Pier­re (2005). Die männ­li­che Herr­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Hans Böck­ler Stif­tung (1996). Vom „Kli­en­ten“ zum „Kun­den“. Die markt­wirt­schaft­li­che Qua­dra­tur des sozi­al­staat­li­chen Krei­ses. Ham­burg.

Mer­ton, Robert K. (1968). Soci­al theo­ry und soci­al struc­tu­re. New York: Free Press.

Schmitt, Rudolf (2014). Bil­der der Gesell­schaft von Stu­die­ren­den de Sozia­len Arbeit: Das Eltern-​Modell und ande­re Her­aus­for­de­run­gen für sozio­lo­gi­sches Wis­sen.

Autor:

Kai Hau­prich

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Die heiße Schlacht um ein kaltes Medium

Die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung löst tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung aus. Dabei ist das Inter­net schon lan­ge nicht mehr nur noch das Medi­um der Kat­zen­fo­tos und übri­gen Belang­lo­sig­kei­ten. Es wird über das „Inter­net of Things“ qua­si zu einer neu­en Infra­struk­tur: Radio über Spo­ti­fy, Fern­se­hen über Net­flix, die Strom­zäh­ler wer­den per Smart­pho­ne regel­bar und ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Büro­tä­tig­kei­ten wird in der Cloud abge­ar­bei­tet. Selbst­fah­ren­de Autos ste­hen in den Start­lö­chern!Roboter

Der Umstand, dass ein Leben ohne das World Wide Web in weni­gen Jah­ren so unvor­stell­bar erscheint wie ein All­tag ohne elek­tri­sches Licht oder Auto­mo­bil (velo­phi­le Zeit­ge­nos­sen dür­fen ger­ne auch eine Welt ohne Fahr­rad ima­gi­nie­ren), spal­tet oft in zwei Lager: tech­nik­be­geis­ter­te Inter­ne­teu­pho­ri­ker schwär­men von den Mög­lich­kei­ten des Net­zes, den Pla­ne­ten nun „offe­ner und gerech­ter“ zu machen, gleich­zei­tig sor­gen sich selbst­er­nann­te „Tech­nik­kri­ti­ker“ um eine Welt „in der alle stän­dig nur auf die­se Din­ger glot­zen“. Wäh­rend ers­te­re häu­fig eine gewis­se quasi-​prophetische Arro­ganz umgibt, nut­zen letz­te­re eine alte Immu­ni­sie­rungs­tak­tik: Wer sich selbst die Eigen­schaft zuschreibt beson­ders kri­ti­sch zu sein, lässt Dis­kus­si­ons­part­ne­rIn­nen nur noch die Welt der Nai­vi­tät. Unterm Strich: eine auf­ge­la­de­ne, wenig frucht­ba­re und für alle Betei­lig­ten nerv­rau­ben­de Debat­te, die schon so man­ches sonnta­g­li­che Fami­li­en­früh­stück in ein digi­ta­les Schlacht­feld ver­wan­delt hat. Eine geeig­ne­te Medi­zin dage­gen kann die Lek­tü­re von Mar­shall McLu­hans „Magi­schen Kanä­len“ sein, die der hit­zi­gen Debat­te eine medi­en­his­to­ri­sche und medi­en­theo­re­ti­sche Decke ein­zieht.

Bücher, die die Welt ver­än­dern?

Für den kana­di­schen Medi­en­theo­re­ti­ker Mar­shall McLu­han ist jedes Medi­um als eine Erwei­te­rung des Men­schen bzw. eine Aus­wei­tung sei­ner Sin­ne oder Fähig­kei­ten zu ver­ste­hen: das Fern­glas ist eine Erwei­te­rung des Auges, das Rad eine Erwei­te­rung des Fußes (vgl. McLu­han 1964: 118), das Tele­fon eine Erwei­te­rung der Stim­me und des Hör­sinns (vgl. McLu­han 1995: 219). McLu­han arbei­te­te also mit einem sehr wei­ten Medi­en­be­griff. Das Inter­net kann­te der 1980 ver­stor­be­ne Medi­en­ana­ly­ti­ker noch nicht, pro­gnos­ti­zier­te aber bereits:

Sowohl Com­pu­ter als auch hoch­ent­wi­ckel­te Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me wer­den wahr­schein­li­ch in Net­zen geschal­tet wer­den, um für 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, sowie den Über­gang von einer auf Schwer­in­dus­trie auf­ge­bau­ten Wirt­schaft zu einer dienst­leis­tungs­ori­en­tier­ten zu voll­zie­hen, deren Mit­tel­punkt die Bedürf­nis­se des Ein­zel­ver­brau­chers bil­den wer­den.“ (McLu­han 1995: 120)

Über die­je­ni­gen, die ver­söhn­li­ch beto­nen, dass es beim Wert eines Medi­um pri­mär dar­auf ankä­me zu wel­chen Zwecken man es letzt­li­ch ein­set­zen möch­te, spot­te­te der Kana­di­er, der heu­te als einer der ein­fluss­reichs­ten Medi­en­theo­re­ti­kern gilt. Er ent­geg­ne­te: „In die­ser Behaup­tung […] steckt ein­fach gar nichts, was einer genaue­ren Über­prü­fung stand­hiel­te, denn es ent­geht ihm [einem Ver­tre­ter die­ser Posi­ti­on] das Wesen des Medi­ums […]“ (McLu­han 1964: 21). Möch­te man unter­su­chen wel­che gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen eine neue Tech­no­lo­gie aus­löst, so kommt es nicht auf den Inhalt an, den sie trans­por­tiert, son­dern auf die Eigen­schaf­ten und Wir­kun­gen des Medi­ums an sich. Was wird erwei­tert und was wird begrenzt? Die­ser Gedan­ke ver­dich­tet sich in einem Satz mit dem McLu­han klas­si­scher­wei­se zitiert wird:

Das Medi­um ist die Bot­schaft.” (McLu­han 1964: 17)

Es kommt im Kern also weni­ger dar­auf an, ob die Anzahl der „gehalt­vol­len“ Bücher die „Schund­li­te­ra­tur“ über­wiegt. Was unse­re Gesell­schafts­form grund­le­gend ver­än­dert hat, war der Buch­druck an sich. Ohne Schrift, pho­ne­ti­sches Alpha­bet und Druck wären Ver­wal­tung, Hoch­spra­che und „ein his­to­ri­sches Bewusst­sein“ undenk­bar (vgl. McLu­han 1964; 1995). Und so wur­de der Druck im 16. Jahr­hun­dert – aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht – eben auch zur Grund­la­ge von Natio­na­lis­mus einer­seits und Indi­vi­dua­lis­mus ande­rer­seits (vgl. McLu­han 1964: 31).

Alles bleibt beim Alten, das heißt: alles wird neu!

Die Lek­tü­re von McLu­hans Schrif­ten lässt all jene wie­der bes­ser schla­fen, die sich davor ängs­ti­gen, dass Bücher, Hand­schrift und ande­re Kul­tur­tech­ni­ken durch die Digi­ta­li­sie­rung ver­schwin­den könn­ten und so die Gesell­schaft ernst­haf­ten Scha­den nimmt. Denn alte Medi­en wer­den bei McLu­han nicht ein­fach ersetzt; viel­mehr beinhal­tet jedes neue Medi­um eine Viel­zahl von älte­ren kul­tu­rel­len Errun­gen­schaf­ten (vgl. McLu­han 1964: 18).

Wie bei einer Matrjoschka enthält jedes neue Medium zahlreiche alte Medien.

Wie bei einer Matrjosch­ka, ent­hält jedes neue Medi­um zahl­rei­che alte Medi­en.

Ähn­li­ch wie bei einer rus­si­schen Matrjosch­ka hat das Tablet – by the way: das hap­tischs­te Medi­um der Welt – ganz aktu­ell das Papier­buch „ver­schluckt“. Das Buch wie­der­um beinhal­tet den Druck, der Druck die Schrift, die Schrift das pho­ne­ti­sche Alpha­bet, das Alpha­bet die Spra­che und so wei­ter. Ein Trost für alle Biblio­phi­len: Die Gene­ra­ti­on Y passt gut auf eure Lieb­lin­ge auf – ver­spro­chen!

Die Erfin­dung und Ver­brei­tung eines neu­en Medi­ums hat jedoch auch per­sön­li­che, sowie gesell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen, die zu Rei­bun­gen füh­ren und regel­recht Schmer­zen berei­ten. McLu­han ist also kei­nes­wegs als tech­ni­ke­u­pho­ri­scher Medi­en­na­iv­ling zu lesen! Jedes neue Medi­um, ver­stan­den als Aus­wei­tung oder Erwei­te­rung des Kör­pers, führt auch immer zu einer „Selbstam­pu­ta­ti­on“ (vgl. McLu­han 1994: 58). Ein Scho­ck durch die plötz­li­che Erwei­te­rung führt zu einer Art Betäu­bung als Schutz­me­cha­nis­mus (Nar­ko­se):

Die Aus­wahl eines ein­zi­gen Sin­nes zur star­ken Sti­mu­lie­rung oder eines ein­zi­gen erwei­ter­ten, iso­lier­ten oder »ampu­tier­ten« Sin­nes in der Tech­nik ist zum Teil der Grund für die betäu­ben­de Wir­kung, die die Tech­nik als sol­che auf jene aus­übt, die sie geschaf­fen haben und sie ver­wen­den.“ (McLu­han 1964: 60)

Medi­en­fein­de, die jetzt vom Stuhl auf­sprin­gen und rufen „Ich hab’s gewusst!“ mögen sich bit­te noch­mal kurz hin­set­zen. McLu­han geht es weni­ger dar­um, dass bestimm­te Medi­en „dumm machen“. Er sen­si­bi­li­siert in den „Magi­schen Kanä­len“ und vor allem in „The Glo­bal Vil­la­ge“ Lese­rIn­nen in ers­ter Linie dafür, dass jedes neue Medi­um bestimm­te Sin­ne betont und in den Vor­der­grund rücken lässt. Jede Erwei­te­rung durch ein Medi­um löst dabei bestimm­te gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen aus über die Umge­stal­tung der Sin­nes­kom­po­si­ti­on. McLu­han (1995: 218) dekli­niert nach einem Vie­rer­sche­ma (sei­ne berühm­te Tetra­de) ver­schie­de­ne Medi­en – hier das Flug­zeug – in Bezug auf die Ver­än­de­run­gen, die sie aus­lö­sen:

A Erwei­tert die ver­ti­ka­len wie hori­zon­ta­len Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten.
B Ver­al­tet das Rad und die Stra­ße, die Eisen­bahn und das Schiff.
C Bringt die Vogel­per­spek­ti­ve ver­bun­den mit der Aura der Minia­tu­ri­sie­rung zurück.
D Kehrt um in gelei­te­te Geschos­se. Ver­wan­delt den Pla­ne­ten in eine aus­ge­dehn­te Stadt: urb orbs.”

In glei­cher Wei­se ver­än­dert die Eisen­bahn unser Ver­hält­nis zu Raum und Zeit; die Schrift löst sprach­münd­li­che Kul­tu­ren ab; das Bar­geld ver­al­tet den Tau­sch und die Klei­dung – eine Erwei­te­rung der Haut – „schal­tet das Kli­ma aus“ (vgl. McLu­han 1995: 214). Jedes neue Medi­um wird dabei beglei­tet von eupho­ri­schen Heils­ver­spre­chen einer­seits und kul­tur­pes­si­mis­ti­scher Kri­tik ande­rer­seits, wie Kat­rin Pas­sig sie in ihren schö­nen Bei­trä­gen zu den Stan­dard­si­tua­tio­nen der Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung und Tech­nik­kri­tik beschreibt. Eine fan­tas­ti­sche Grab­bel­kis­te für Fana­ti­ker mit einer Aus­wahl völ­lig unspe­zi­fi­scher und des­halb zeit­lo­ser Pseu­do­ar­gu­men­te!

HTML und das Glo­ba­le Dorf

McLu­han selbst hat die Geburt des Inter­nets durch die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge von Sir Tim Berners-​Lee wie gesagt nicht mehr mit­er­le­ben kön­nen. Und trotz­dem beschrieb er bereits etwas, das uns durch Whats­app, Face­book und Sky­pe tag­täg­li­ch vor Augen gestellt wird:

Elek­tri­sch zusam­men­ge­zo­gen ist die Welt nur mehr ein Dorf. Die elek­tri­sche Geschwin­dig­keit, mit der alle sozia­len und poli­ti­schen Funk­tio­nen in einer plötz­li­chen Implo­si­on koor­di­niert wer­den, hat die Ver­ant­wor­tung des Men­schen in erhöh­tem Maß bewusst wer­den las­sen.“ (McLu­han 1964: 13)

Wer den Kana­di­er liest, dem soll­te schnell däm­mern, dass die Fra­ge, ob Face­book nun „Fluch oder Segen” sei oder der Frust über die Ortho­gra­phie in Chat­ver­läu­fen nur an der Ober­flä­che des Medi­ums krat­zen. Die Ver­än­de­run­gen, die das Inter­net aus­ge­löst hat und noch aus­lö­sen wird, lie­gen tie­fer. Sie erge­ben sich auch hier nicht aus dem Inhalt (Kat­zen­fo­tos), son­dern den beson­de­ren Eigen­schaf­ten des Medi­ums. Und mit dem Kul­tur­anthro­po­lo­gen Micha­el Wesch gespro­chen, könn­te eine Bot­schaft des Medi­ums Inter­net bei­spiels­wei­se lau­ten: „The machine is us/​ing us!“

 

 

Die Fra­gen, die Micha­el Wesch hier auf­wirft, sind Fra­gen, die in einer “inter­net­be­trie­be­nen” Gesell­schaft nun wirk­li­ch mal zu dis­ku­tie­ren wären, denn:

jedes Medi­um hat die Macht, sei­ne eige­nen Pos­tu­la­te dem Ahnungs­lo­sen auf­zu­zwin­gen.“ (McLu­han 1964: 26)

… aber es muss ja viel­leicht nicht gera­de am Früh­stücks­ti­sch sein.

Zum Anschau­en:

3Sat (2011). Sco­bel. Mar­shall McLu­han. Ein Visio­när des Medi­en­zeit­al­ters.

Quel­len:

McLu­han, Mar­shall (1964). Die magi­schen Kanä­le. Under­stan­ding Media. Düs­sel­dorf: Econ Ver­lag.

McLu­han, Mar­shall und Powers, Bru­ce (1995). The Glo­bal Vil­la­ge. Der Weg der Medi­en­ge­sell­schaft in das 21. Jahr­hun­dert. Pader­born: Jun­fer­mann Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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Lektüren vom Sofa Vol II – „Paradigmenwechsel live“

Die Lek­tü­re von Tho­mas S. Kuhns „Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­ti­on“ (Kuhn 1996) ver­än­dert die Welt­sicht von Lese­rin und Leser grund­le­gend: Denn der Begriff des Para­dig­men­wech­sels eröff­net einen völ­lig neu­en Bli­ck auf die Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft, hin­ter den man nicht mehr zurück kann.

Nimmt man in Fol­ge den Begriff in sei­nen ganz eige­nen Werk­zeug­kas­ten der Erkennt­nis auf und ver­wen­det ihn nicht nur im streng wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne, son­dern ver­leiht ihm eine gewis­se All­tags­taug­lich­keit (ohne ihn infla­tio­när zu miss­brau­chen) in der Beob­ach­tung gesell­schaft­li­cher und technisch-​wissenschaftlicher Ent­wick­lung, so erkennt man schnell, wie prak­ti­sch eine gute Theo­rie ist.

An der einen oder ande­ren Bruch­stel­le im All­tag kann eine – im prak­ti­schen Sin­ne – gute Theo­rie natür­li­ch zu Ver­stim­mun­gen füh­ren: Kein Gespräch mit einem Ope­ra Afi­cio­na­do, ohne dass „Die fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) im Hin­ter­kopf mit­schwin­gen und kei­ne Dis­kus­si­on über „Ideo­lo­gie­frei­heit“, ohne dass Karl Mann­heims Ein­sich­ten über die gesell­schaft­li­che Gebun­den­heit von Erkennt­nis die Debat­te grun­die­ren.

Und so führt uns Wolf­gang Schi­vel­bu­sch in sei­ner wun­der­ba­ren „Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se“ (Schi­vel­bu­sch 2000) bei­spiel­haft vor, zu wel­chen Tie­fen­schich­ten der Erkennt­nis eine Ver­bin­dung von tech­nik­so­zio­lo­gi­scher und kul­tur­his­to­ri­scher Theo­rie und Metho­de füh­ren kann.

Der Wis­sen­schafts­jour­na­list Franz Mil­ler hat mit sei­nem Bericht über die Ent­wick­lung des mp3 For­mats (Mil­ler 2015) eine ähn­li­che Erzäh­lung vor­ge­legt, die man mit zuneh­men­den Ver­gnü­gen liest. Er erzählt die Geschich­te einer wis­sen­schaft­li­chen Inno­va­ti­on mit alle ihren Höhen und Tie­fen, ihren Sie­gen und Nie­der­la­gen, den Wider­stän­den und Geg­nern und letz­ten Endes von der Beharr­lich­keit, mit der die han­deln­den For­scher (Frau­en kom­men fast nur als sor­gen­de Ehe­frau­en vor) ihre Idee einer psy­cho­akus­ti­sch ver­lust­lo­sen Kom­pri­mie­rung von Ton­da­tei­en zum Erfolg brin­gen.

Als lang­jäh­ri­ger Pres­se­spre­cher der Fraun­ho­fer Gesell­schaft – die als For­schungs­ge­sell­schaft die­se Ent­wick­lung erst ermög­lich­te – berich­tet er kennt­nis­reich und mit ana­ly­ti­schem Werk­zeug über einen aktu­el­len „Para­dig­men­wech­sel“!

Wer nach­voll­zie­hen will, wie Inno­va­tio­nen im Zeit­al­ter der ana­lo­gen Tech­nik ent­ste­hen, um dann in der digi­ta­len Revo­lu­ti­on als „dis­rup­ti­ve Inno­va­ti­on“ die gesam­te Musik­bran­che völ­lig ver­än­dern (und die­se „dis­rup­ti­ve“ Ver­än­de­rung steht den Print­me­di­en noch bevor), dem sei die Lek­tü­re die­ser klu­gen und mate­ri­al­rei­chen Stu­die emp­foh­len. „Es gibt gar nichts außer Unbe­re­chen­bar­keit“ (Mil­ler 2015: 450) ist ein Fazit und so führt die Lek­tü­re bei Lese­rin und Leser zu zwei Effek­ten: Nichts, aber auch wirk­li­ch gar nichts, wird im Kon­text der digi­ta­len Revo­lu­ti­on so blei­ben wie es ist! Und kein Musik­ge­nuss vom Smart­pho­ne ist der Lese­rin mehr mög­li­ch, ohne an die dahin­ter­ste­hen­de Inno­va­ti­on als Para­dig­men­wech­sel zu den­ken.

Demo­kra­tie und WEB 2.0

Herbstwand

Die letz­ten grü­nen Zwei­ge des Jah­res

Wir haben uns allem Anschein nach dar­an gewöhnt, die Kon­se­quen­zen die­ser digi­ta­len Revo­lu­ti­on eher im Licht, als im Schat­ten zu sehen. Euro­pä­er und Nord­ame­ri­ka­ner schei­nen zwang­haft fort­schritt­s­op­ti­mis­ti­sch; ein roter Faden, der sich von Dide­rots „Ency­clo­pé­die“ durch die Post­mo­der­ne hin­durch bis ins Heu­te mäan­driert.

Die „Ham­bur­ger Edi­ti­on“ des Ham­bur­ger Insti­tuts für Sozi­al­for­schung wid­met sich dem­ge­gen­über seit ihrer Grün­dung der ver­dienst­vol­len Auf­ga­be, gera­de die Schat­ten­sei­ten, die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ zu beschrei­ben. Mit „Die Anti­po­li­ti­schen“ des fran­zö­si­schen Juris­ten Jac­ques de Saint Vic­tor (Saint Vic­tor 2015) liegt ein Essay vor, der die Frei­heits­ver­spre­chen des WEB 2.0 mit ihren kali­for­ni­schen Unter­tö­nen einer luzi­den Kri­tik unter­zieht. Und wer in den letz­ten Wochen die ver­roh­ten Kom­men­ta­re rechts­po­pu­lis­ti­scher und rechts­ra­di­ka­ler Trol­le in den „Soci­al Media“ zur Zuwan­de­rung gele­sen hat, kann sei­ner bit­te­ren Kri­tik an der „Anti­po­li­tik“ der Netz­de­mo­kra­tie und ihrer popu­lis­ti­schen Bewe­gun­gen nur zustim­men.

Saint Vic­tor sieht in den digi­ta­len For­men von Demo­kra­tie den Ver­su­ch, die reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­ti­en und Ver­fah­rens­wei­sen des Wes­tens durch eli­tis­ti­sche, ner­dis­ti­sche und tech­ni­zis­ti­sche Model­le zu unter­lau­fen. Ähn­li­ch wie neue digi­ta­le Ange­bo­te im WEB 2.0 wie z.B. das pri­va­te Trans­port­un­ter­neh­men UBER ein Frei­heits­ver­spre­chen pro­pa­gie­ren, aber letzt­li­ch pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se pro­du­zie­ren, so dia­gnos­ti­ziert Saint Vic­tor der digi­ta­len Demo­kra­tie ein grund­le­gen­des Demo­kra­tie­de­fi­zit. Ein Essay von knapp unter 100 Sei­ten, der eine Lek­tü­re wert ist.

Win­ter­rei­se im Herbst

Dass die­se „Lek­tü­ren vom Sofa“ wirk­li­ch vom herbst­li­chen Sofa und nicht von den „Küs­ten des Lichts“ kom­men, lässt bereits der Titel erken­nen: „Schu­berts Win­ter­rei­se“ beti­telt der eng­li­sche Ten­or Ian Bos­tridge (Bos­tridge 2015) sei­ne ganz eige­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Lied“ der Roman­tik.

Was, so fra­gen sich viel­leicht an die­ser Stel­le die Lese­rin und der Leser, die aus sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Inter­es­se die­sen Blog lesen, was hat denn nun das roman­ti­sche Lied von Schu­bert und die ent­spre­chen­den Mei­nun­gen eines Sän­gers mit uns und unse­rem Inter­es­se an Gesell­schaft zu tun?

Kunst, so könn­te ich ant­wor­ten, ist eben eine Art und Wei­se des Men­schen, sich mit den vor­ge­fun­de­nen Umstän­den und Fra­gen sei­ner Exis­tenz aus­ein­an­der zu set­zen. So wie Wis­sen­schaft eben eine ande­re ist! Und auf je sehr unter­schied­li­chen Wegen suchen wir Ant­wor­ten auf eben die­se Fra­gen und Umstän­de.

Als musi­ka­li­scher Analpha­bet sind Lek­tü­ren über Musik in der Regel für mich nicht les­bar; im auk­to­ria­len Duk­tus wer­den mir Ein­sich­ten mit­ge­teilt, die her­me­ti­sch ver­schlos­sen blei­ben:

Wir haben einen Sona­ten­haupt­satz mit nahe­zu durch­lau­fen­den Sech­zehn­tel­fi­gu­ra­tio­nen vor uns, die humorvoll-​spielerisch, wie aus fan­ta­sie­vol­len Impro­vi­sa­tio­nen gewon­nen erschei­nen und Drei­klangsbre­chun­gen, Wech­sel­no­ten, Ska­len und Alber­ti­bäs­se abwech­seln las­sen.“ (Mau­ser 2014: 18)

Inter­es­sant, bloß – was soll es bedeu­ten?

Die aktuellen Lektüren vom Sofa spielen vor herbstlicher Kulisse.

Die aktu­el­len Lek­tü­ren vom Sofa spie­len vor herbst­li­cher Kulis­se.

Bos­tridge, der sich selbst als musi­ka­li­schen Auto­di­dak­ten bezeich­net, ver­mei­det jeden her­me­ti­schen Duk­tus. Ihm geht es viel­mehr dar­um, die 24 Lie­der der Win­ter­rei­se sei­nen Lese­rin­nen und Lesern in ihren viel­fäl­ti­gen Bedeu­tungs­ebe­nen nahe zu brin­gen. Und es sind eben die­se unter­schied­li­chen Bedeu­tungs­ebe­nen, die Bos­tridge uns in den Ver­sen von Mül­ler und der Musik von Schu­bert eröff­net.

Wir ver­ste­hen in der Lek­tü­re den poli­ti­schen Gehalt der ver­wen­de­ten Bil­der von Eis und Schnee, erle­ben die fros­ti­ge Met­ter­nich Ära mit Ver­fol­gung und Denun­zia­ti­on und ver­ste­hen im Fort­gang des Tex­tes die Reak­tio­nen Schu­berts und sei­ner Freun­de auf eben die­se Erstar­run­gen der Bie­der­mei­er­zeit.

Nichts ist hier – so die Lek­tü­re – wie es scheint; die „Köh­ler­hüt­te“ im ver­schnei­ten Wald ist kei­ne roman­ti­sche Bebil­de­rung, son­dern viel­mehr ein Zitat der ita­lie­ni­schen Frei­heits­be­we­gung. Musi­ka­li­sche Bil­der, die durch den Text ent­schlüs­selt und in ihrer Zeit ver­or­tet wer­den kön­nen.

Letzt­li­ch bie­tet uns Bos­tridge eine groß­ar­ti­ge his­to­ri­sche und sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se eines Kunst­wer­kes, ohne die onto­lo­gi­schen Bedräng­nis­se und Fra­gen Schu­berts zu negie­ren: Sei­ne Krank­heit, sein Glück, wie Unglück sind immer prä­sent.

Glück­li­cher­wei­se kön­nen wir Ian Bos­tridges Win­ter­rei­se par­al­lel zur Lek­tü­re hören; auf CD, als mp3 oder Online – ein Gesamt­kunst­werk aus Musik und Text, wel­ches uns ver­zau­bert zurück­lässt:

Tod

Immer wie­der lugt das Buch von Herrn­dorf aus den Bücher­sta­peln am Sofa; immer wie­der lege ich es nach kur­zer Lek­tü­re zur Sei­te.

Nach der Dia­gno­se eines Hirn­tu­mors beginnt Wolf­gang Herrn­dorf sei­nen Blog, den er bis zwei Wochen vor sei­nem Sui­zid fort­setzt. Nach sei­nem Tod publi­zie­ren sei­ne Freun­din­nen und Freun­de die­ses Web­log als Buch; beti­telt nach der Lebens­ma­xi­me Herrn­dorfs in die­sen sei­nen letz­ten Jah­ren: „Arbeit und Struk­tur“.

Und immer wie­der neh­me ich es in die Hand und lese ein wei­te­res Kapi­tel – war­um? Fas­zi­niert mich der Tod und die Krank­heit? Bin ich froh, dass es ihn trifft und nicht mich; ich weiß es nicht.

Soll man es lesen? Der Faden, den Schu­bert in der Win­ter­rei­se spinnt; er wird hier auf eine ganz ande­re Art und Wei­se auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­spon­nen. Das Gewor­fen­s­ein in die Welt ist The­ma – völ­lig unhe­roi­sch, wie es einer post­he­roi­schen Gesell­schaft ange­mes­sen ist. Eine Herbst- und Win­ter­lek­tü­re, in der der Som­mer und das Baden im See immer wie­der auf­blit­zen und der Tod jeder­zeit im Text steht. Man soll es lesen!

Lite­ra­tur:

Bos­tridge, Ian (2015). Schu­berts Win­ter­rei­se. Mün­chen: Beck.

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Frank­furt: Suhr­kamp.

Herrn­dorf, Wolf­gang (2015). Arbeit und Struk­tur. Ham­burg: Rowohlt.

Kuhn, Tho­mas S. (1996). Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen. Frank­furt: Suhr­kamp.

Mann­heim, Karl (2015). Ideo­lo­gie und Uto­pie. Frank­furt: Klos­ter­mann.

Mau­ser, Sieg­fried (2014). Mozarts Kla­vier­so­na­ten. Mün­chen: Beck.

Mil­ler, Franz (2015). Die MP3 Sto­ry. Eine deut­sche Erfolgs­ge­schich­te. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Saint Vic­tor, Jaques de (2015). Die Anti­po­li­ti­schen. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, HIS.

Schi­vel­bu­sch, Wolf­gang (2000). Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se. Frank­furt: Fischer.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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Lektüren vom Sofa Vol I – Griechenland

Der auf­merk­sa­men Lese­rin wird es nicht ent­ge­hen, dass das For­mat der „Lek­tü­ren vom Sofa“ nicht von mir stammt – es ist schlicht­weg von Nick Horn­by „über­nom­men“ (eine schö­ne Umschrei­bung für eine gewis­se „Lax­heit in Fra­gen geis­ti­gen Eigen­tums“), der in einer Kolum­ne in der Lite­ra­tur­zeit­schrift The Belie­ver über sei­ne ganz eige­nen Leseer­fah­run­gen berich­tet. Die deutsch­spra­chi­ge Lese­rin fin­det die ent­spre­chen­den Über­set­zun­gen unter der Über­schrift „Mein Leben als Leser“ (Horn­by 2005 und 2015).

In die­sen immer lau­ni­gen und immer sehr sub­jek­ti­ven Berich­ten zur eige­nen Lek­tü­re, lässt uns Nick Horn­by teil­ha­ben an sei­nen Leseer­fah­run­gen, sei­nen Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen. Dadurch wer­den Lese­rin und Leser sei­ner Tex­te ange­regt, abge­schreckt oder neu­gie­rig gemacht – eine eige­ne Lek­tü­re kann eine Reak­ti­on auf die­se Anre­gun­gen sein und ist es auch oft!

So sind auch die „Lek­tü­ren vom Sofa“ kei­ne Rezen­sio­nen im klas­si­schen Sin­ne (wie wir sie im Feld der „prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft“ z.B. bei Soci­al­net fin­den); sie sind viel­mehr sub­jek­ti­ve Leseer­fah­run­gen im wei­ten Feld sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur; wenn auch hier und dort immer wie­der ein Titel aus der Bel­le­tris­tik auf­scheint.

Die­se ers­ten „Lek­tü­ren vom Sofa“ sind auch nicht wirk­li­ch vom Sofa – sie ist viel­mehr ein Lek­tü­ren­be­richt, in der immer wie­der das Mit­tel­meer im Hin­ter­grund rauscht – denn mit Bli­ck auf eben die­ses Mit­tel­meer fan­den die Lek­tü­ren statt.

Stuff I’ve Been Rea­ding“

Als ich im ver­gan­ge­nen Jahr Wolf­gang Streecks „Gekauf­te Zeit (Streeck 2013) las, blieb ein fades Gefühl zurück: Bril­lan­te Ana­ly­se, aber Hand­lungs­emp­feh­lun­gen wie „Abschaf­fung des Euro“, „Zer­schla­gung der EU“ und „zurück zum Natio­nal­staat“, die ich als zutief­st fal­sch emp­fand. Das mag damit zusam­men­hän­gen, dass ich als auf der Gren­ze Gebo­re­ner die Abschaf­fung der euro­päi­schen Bin­nen­gren­zen immer als einen ganz per­sön­li­chen Gewinn ver­bucht habe. Aber wo auch immer die Grün­de zu ver­or­ten sind, die Lek­tü­re hin­ter­ließ mich rat­los.

In die­se Lücke stieß Hau­ke Brunk­hor­st mitDas dop­pel­te Gesicht Euro­pas(Brunk­hor­st 2014). End­li­ch eine Ana­ly­se, die sich der wider­sprüch­li­chen Wirk­lich­keit Euro­pas Empi­rie bezo­gen nähert, die die Ent­wick­lungs­li­ni­en der EU in ihren Kon­tro­ver­sen und Kon­flik­ten skiz­ziert, die mit den Kunst­fi­gu­ren „Dr. Jekyll“ und „Mr. Hyde“ Per­so­ni­fi­ka­tio­nen der kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen ver­wen­det und die letzt­li­ch ein­fach klar und deut­li­ch beschreibt, wie weit Euro­pa schon gedie­hen ist.

Und für mich völ­lig neu war die Idee einer „Ver­fas­sungse­vo­lu­ti­on“, mit der Brunk­hor­st die eigen­wil­li­ge evo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lung einer euro­päi­schen Rechts­ent­wick­lung beschreibt – bis hin zum euro­päi­schen Bür­ger­recht. So habe ich, und das war ange­sichts der par­al­lel zur Lek­tü­re tag­täg­li­ch erleb­ten grie­chi­schen Wirk­lich­keit, begrif­fen, dass ich neben mei­ner natio­nal­staat­li­chen Bür­ger­schaft auch eine euro­päi­sche Bür­ger­schaft inne­ha­be – mit allen neu­en Rech­ten! Ein neu­er Gedan­ke in die­ser euro­päi­schen Debat­te. Und ein Gedan­ke, der nach vor­ne weist – hin zu einem neu­en Euro­pa, einem Euro­pa, wo

der immer enge­ren Inte­gra­ti­on, von der Ver­trä­ge träu­men und die die Libe­ra­li­sie­rungs­ma­schine hoch­s­e­lek­tiv, funk­tio­nal inte­gra­tiv und sozi­al inte­gra­tiv ver­wirk­licht, könn­te eine immer enge­re Koope­ra­ti­on ega­li­tär – inter­ven­tio­nis­ti­scher Staa­ten­grup­pen mit ver­gleich­ba­ren Pro­ble­men, Insti­tu­tio­nen und poli­ti­schen Tra­di­tio­nen ent­ge­gen gesetzt wer­den“ (Brunk­hor­st 2014: 170).

Meer Griechenland

Die “Lek­tü­ren vom Sofa” kom­men dies­mal direkt vom grie­chi­schen Meer.

Dop­pelt ist das Gesicht Euro­pas – nach vor­ne und nach hin­ten zei­gend; ein ande­res Bild ist denk­bar und ein ande­res Euro­pas kann Wirk­lich­keit wer­den. Eine Lek­tü­re, die neu­en Wind ins eige­ne Den­ken bläst!

Der Ber­li­ner Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Her­fried Münk­ler hat mitMacht in der Mit­te(Münk­ler 2015) einen wei­te­ren Bei­trag zur glei­chen Debat­te gelie­fert, einen Bei­trag der schnell unter den Ver­dacht der „Geo­po­li­tik“ gestellt wur­de.

Ohne wei­ter auf die­se frag­wür­di­ge Ver­ein­fa­chung ein­zu­ge­hen – man lese zur Rol­le des Rau­mes in der Poli­tik ein­fach mal wie­der Karl Schlö­gels „Im Rau­me lesen wir die Zeit“ (Schlö­gel 2003) – und ohne auf die eine oder ande­re Ver­ein­fa­chung im ers­ten Teil des Buches ein­zu­ge­hen (nur knapp 190 Sei­ten Text schrän­ken ein), lie­fert auch Münk­ler zur Euro­pa Debat­te einen neu­en Fokus. Und die­ser neue Fokus macht die Lek­tü­re so erfreu­li­ch.

Erfreu­li­ch dadurch, dass er unauf­ge­regt und his­to­ri­sch gegrün­det die neue Rol­le Deutsch­lands als Macht in der Mit­te beschreibt und die Rah­men­be­din­gun­gen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten die­ser Mit­tel­macht im Kon­text euro­päi­scher Poli­tik skiz­ziert. Auch wenn sich die­se Beschrei­bung stel­len­wei­se liest, wie eine Arbeits­platz­be­schrei­bung für Ange­la Mer­kel, so ist die Dar­stel­lung der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen deut­scher Poli­tik in und mit Euro­pa, von einer beru­hi­gen­den Unauf­ge­regt­heit. Es ist – auch hier bie­tet sich wie­der der Ver­gleich zu Streeck an – beru­hi­gend zu lesen, dass Poli­tik immer noch und immer wie­der das Boh­ren dicker Bret­ter (Max Weber) ist und allem Anschein auch bleibt.

Ste­phan Les­se­nich hat bereits 2012 mitTheo­ri­en des Sozi­al­staats (Les­se­nich 2012) eine Ein­füh­rung in die „Sozi­al­staat­lich­keit“ vor­ge­legt, die von erfri­schen­der Gründ­lich­keit – mei­ne ame­ri­ka­ni­schen Freun­de wür­den dies als „deut­sche Gründ­lich­keit“ bezeich­nen – ist. Wor­um es denn im Sozi­al­staat geht, wie man ihn ver­ste­hen und erklä­ren kann, und wohin er sich aktu­ell bewegt – das sind die The­men, die Les­se­nich skiz­ziert und dis­ku­tiert.

Natür­li­ch ist das Büch­lein – wie der Unter­ti­tel schon sagt – eine Ein­füh­rung. Aber trotz­dem ist der Text mäan­drie­rend kom­plett, erfreu­li­ch wider­spruchs­reich und in jeder Zei­le dis­kurs­freu­dig.

So ist die­ser Ein­füh­rungs­band nicht nur für Ein­stei­ge­rIn­nen eine Ein­füh­rung in die Dis­kur­se zur Sozi­al­staat­lich­keit und in die Dis­kur­se zur Dis­kurs­fä­hig­keit, er ist auch für jede Lese­rin eine Übung in prak­ti­scher und theo­re­ti­scher Umset­zung des Arti­kel 20 Grund­ge­setz. Ein durch und durch erfreu­li­ches Büch­lein, des­sen Lek­tü­re anstren­gungs­reich und anre­gend ist.

Das „Schö­ne und Gute“ kommt auch in die­sen „Lek­tü­ren vom Sofa“ vor: Kimvon Rudyard Kipling. Ich muss geste­hen, dass ich ein­mal im Jahr die­ses schma­le Bänd­chen lese; immer und immer wie­der. Und jedes Jahr ent­de­cke in Facet­ten, die ich in den Vor­lek­tü­ren über­las – aus wel­chen Grün­den auch immer. Ob nun „Kim“ als ein Ent­wick­lungs­ro­man zu lesen ist, oder ob dies eher ein auto­bio­gra­fi­sch gefärb­ter Bei­trag zum „Ori­en­ta­lis­mus“ sei – die Band­brei­te der Eti­ket­tie­run­gen und Inter­pre­ta­tio­nen ist unüber­schau­bar. Und dies gilt nicht nur für „Kim“, son­dern für Kipling in Gän­ze.

Für mich ist die­se „klei­ne Erzäh­lung“ eine „gro­ße Erzäh­lung“ – ein Plä­doy­er für Trans­kul­tu­ra­li­tät und für einen Kul­tu­ren­be­griff, in der die eine Kul­tur ohne die ande­re Kul­tur nicht denk­bar ist. Von daher ist und bleibt „Kim“ ein hoch aktu­el­ler Kom­men­tar zu einer glo­ba­li­sier­ten und sich wei­ter­hin glo­ba­li­sie­ren­den Welt und zu den Mög­lich­kei­ten und Ein­schrän­kun­gen, die die­se Welt bie­tet.

Mei­ne medi­ter­ra­ne Lek­tü­re von „Kim“ war die­ses Jahr eine beson­de­re: Als Geburts­tags­ge­schenk gab es das Büch­lein in einer eng­li­schen Aus­ga­be von 1920, illus­triert mit Zeich­nun­gen von Kiplings Vater Lock­wood Kipling – eine hap­ti­sch und ästhe­ti­sch beson­de­re Lek­tü­ren­qua­li­tät, die beson­ders e-​Book Lese­rin­nen zu emp­feh­len ist.

Der deutsch­spra­chi­gen Lese­rin emp­feh­le ich „Kim“ in der Über­set­zung von Gis­bert Haefs, erschie­nen bei Haff­mans (Kipling 2001).

An der einen oder ande­ren Stel­le der „Lek­tü­ren vom Sofa“ mag die auf­merk­sa­me Lese­rin das eine oder ande­re Sand­korn gefun­den haben – das ist dem Mit­tel­meer geschul­det. Die nächs­ten „Lek­tü­ren vom Sofa“ kom­men wie­der ori­gi­nal vom Sofa – ver­spro­chen!

Lite­ra­tur:

Brunk­hor­st, Hau­ke (2014). Das dop­pel­te Gesicht Euro­pas. Ber­lin.

Horn­by, Nick (2005). Mein Leben als Leser. Köln.

Horn­by, Nick (2015). Weni­ger reden und öfter mal in die Bade­wan­ne. Mein Leben als Leser. Köln.

Kipling, Rudyard (2001). Kim. Zürich.

Les­se­nich, Ste­phan (2012). Theo­ri­en des Sozi­al­staats. Zu Ein­füh­rung. Ham­burg.

Münk­ler, Her­fried (2015). Macht in der Mit­te. Die neu­en Auf­ga­ben Deutsch­lands in Euro­pa. Ham­burg.

Schlö­gel, Karl (2003). Im Rau­me lesen wir die Zeit: Über Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schich­te und Geo­po­li­tik. Mün­chen.

Streeck, Wolf­gang (2013). Gekauf­te Zeit. Die ver­tag­te Kri­se des demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Eher eine „dichte Beschreibung“, denn ein „Reisebuch“ – Alice Albinias „Empires of the Indus“

Die eng­lisch­spra­chi­ge Rei­se­li­te­ra­tur unter­schei­det sich in Inhalt, Far­be und Form von der deutsch­spra­chi­gen Rei­se­li­te­ra­tur; in die­sem Fall wohl ver­gleich­bar mit den jewei­li­gen Wis­sen­schafts­tex­ten. Zumin­dest sagen dies mei­ne Stu­die­ren­den des 1. Pro­pä­deu­tik­se­mes­ters, wenn sie zur Ein­füh­rung ins The­ma Tex­te aus unter­schied­li­chen Wis­sen­schafts­kul­tu­ren (im kon­kre­ten Fall aus Frank­reich, Eng­land und Deutsch­land) gele­sen haben.

Deutsch­spra­chi­ge und Eng­lisch­spra­chi­ge den­ken und schrei­ben allem Anschein nach sowohl über die Welt, als auch das Rei­sen in ihr sehr unter­schied­li­ch. Das mag an den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der zwei Spra­chen lie­gen – man lese zu die­ser Fra­ge ein­mal Guy Deut­schers wun­der­ba­res Buch „Im Spie­gel der Spra­che (Deut­scher 2012), wor­in er über die­se Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der Spra­che nach­denkt. Aber es mag auch an den sehr unter­schied­li­chen Kolo­ni­al­ge­schich­ten Eng­lands und Deutsch­lands lie­gen; zumin­dest las­sen die Lek­tü­ren der Rei­se­bü­cher von Richard Bur­ton, Robert Byron, Patrick Leigh Fer­mor oder Bru­ce Chat­win einen Typus des bzw. der Rei­sen­den erken­nen, wie wir ihn in Deutsch­land so nicht her­vor brin­gen.

Empi­res of the Indus“

In die­ser wun­der­ba­ren Tra­di­ti­on ist mit Ali­ce Albi­nia eine Auto­rin zu ent­de­cken, die in ihrem Buch über den Indus „Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river“ (Albi­nia 2008) die Geschich­te einer Rei­se von der Mün­dung bis zu Quel­le erzählt. Allein die­se Umkeh­rung könn­te als ein hüb­scher „side­ki­ck“ ver­merkt wer­den; aber ihre gro­ße Erzäh­lung ist weit mehr: In Zeit und Raum reist sie auf die­sen 309 Sei­ten; vor und zurück, in die Anti­ke, ins gol­de­ne Zeit­al­ter des Bud­dhis­mus, in die Zeit der Petro­gly­phen, nach Ost­afri­ka, Zen­tral­asi­en, Indien und Euro­pa – aber immer wie­der fin­den wir uns als Lese­rIn am Ufer die­ses gro­ßen Flus­ses wie­der. Hier begin­nen und enden alle ihre Geschich­ten.

Indus

Wan­der­schu­he nach vier Wochen ‘hin­ter der nächs­ten Ecke’ im Hima­la­ya.

Geschich­ten wie die über die Mas­sen­mor­de, die die Tei­lung des bri­ti­schen Raj in Indien und Pakis­tan beglei­te­ten und noch heu­te den poli­ti­schen All­tag der bei­den Län­der prä­gen; man lese nur Rana Das­gup­t­as „Del­hi“ (Das­gup­ta 2014), der die­ses Trau­ma im All­tag Indiens prä­zi­se beschreibt. Oder die wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen über die mus­li­mi­schen Hei­li­gen, die Sufis und ihr Leben und Lei­den am feu­da­len Sys­tem der hydrau­li­schen Kul­tur. Ihre Fes­te mit Musik und Tanz, mit Andacht und Hin­ga­be, die so gar nicht unse­rem Bild des Islam ent­spre­chen. Oder die Nach­fol­ger der afri­ka­ni­schen Skla­ven, die bis heu­te ihre eige­ne Kul­tur, ihre eige­ne Musik, ihre eige­ne Dich­tung und Spra­che bewah­ren und ver­tei­di­gen.

Und, und, und – eine auf­re­gen­de, fer­ne und doch nahe Welt, die uns Ali­ce Albi­nia beschreibt – weit ent­fernt von der media­len west­li­chen Dar­stel­lung Pakis­tans und nahe an den grund­le­gen­den Fra­gen der mensch­li­chen Exis­tenz – wie leben wir? Und was ist gut, böse, rich­tig und fal­sch? Und was haben Alex­an­der der Gro­ße und Gaut­am Bud­dha dazu gedacht und gesagt? Und die vie­len ande­ren Erobe­rer (und ihre Köche), die das rei­che und frucht­ba­re Land am Indus besit­zen woll­ten.

Von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te nimmt uns Albi­nia mit auf eine Rei­se, die nicht das Exo­ti­sche, nicht den „Ori­ent“ sucht, kon­stru­iert und bunt­schil­lernd prä­sen­tiert. Obwohl das Bunt­schil­lern­de an der einen und ande­ren Stel­le immer wie­der auf­leuch­tet. Viel­mehr gelingt ihr eine eige­ne neue und fas­zi­nie­ren­de Qua­li­tät. Es ist die­se eine Ver­mi­schung aus his­to­ri­schen und poli­ti­schen Grund­li­ni­en und Grund­kon­flik­ten, mit einer eth­no­gra­fi­sch prä­zi­sen Beschrei­bung, einer „dich­ten Beschrei­bung“ (Geertz 1987) der Lebens­wel­ten am gro­ßen Fluss – dies alles in einer hoch­prä­zi­sen und far­bi­gen Spra­che. All­täg­li­ch erschei­nen­de Din­ge und Zustän­de wer­den durch die­sen ihren eige­nen Bli­ck erhellt, in neue Zusam­men­hän­ge gestellt und gewin­nen so eine neue Gestalt, die uns Lesern neue Ein­sich­ten erlau­ben. Und was kann man mehr von einem Buch erwar­ten?

Als Lese­rIn die­ser Rei­se am gro­ßen Fluss in Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft hat man aller­dings eine Vor­aus­set­zung mit­zu­brin­gen: Dass man schon immer wis­sen woll­te, wie denn die Welt hin­ter der nächs­ten Ecke aus­sieht! Und nur dann, wird man mit Ali­ce Albi­nia ein auf­re­gen­des und klu­ges Lese­aben­teu­er erle­ben kön­nen! Und das ist doch eine Emp­feh­lung für die lan­gen Herbst­aben­de.

Quel­len:

Albi­nia, Ali­ce (2008). Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river. New York: Live­right Publis­hing Cor­po­ra­ti­on.

Das­gup­ta, Rana (2014). Del­hi. Im Rau­sch des Gel­d­es. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Deut­scher, Guy (2012). Im Spie­gel der Spra­che: War­um die Welt in ande­ren Spra­chen anders aus­sieht. Frank­furt: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag.

Geertz, Clif­ford (1987). Dich­te Beschrei­bung. Bei­trä­ge zum Ver­ste­hen kul­tu­rel­ler Sys­te­me. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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