Ein Freund, ein guter Freund.

Der Men­sch ist ein sozia­les Wesen und von Zeit zu Zeit sind wir selbst­ver­ständ­li­ch auch auf die Unter­stüt­zung von Freun­dIn­nen oder Bekann­ten ange­wie­sen. Über unse­re Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen gelan­gen wir an wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen, sie hel­fen uns in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen, ver­mit­teln uns Ver­hal­tens­wei­sen und Kul­tur­tech­ni­ken, oder geben uns emo­tio­na­le Unter­stüt­zung und Rück­halt. Das Netz unse­rer Bezie­hun­gen zu Fami­lie, Freun­dIn­nen und Bekann­ten bil­det unser soge­nann­tes „Sozi­al­ka­pi­tal“. Dar­un­ter ver­steht der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pier­re Bour­dieu (von Hau­se aus Phi­lo­so­ph)

die Gesamt­heit der aktu­el­len und poten­ti­el­len Res­sour­cen, die mit dem Besitz eines dau­er­haf­ten Net­zes […] gegen­sei­ti­gen Ken­nens oder Aner­ken­nens ver­bun­den sind; oder, anders aus­ge­drückt, es han­delt sich dabei um Res­sour­cen, die auf der Zuge­hö­rig­keit zu einer Grup­pe beru­hen.“ (Bour­dieu 1992: 63)

Die­ses Bezie­hungs­netz­werk muss von uns aller­dings stets gepflegt wer­den, da es durch das Prin­zip der Gegen­sei­tig­keit (Rezi­pro­zi­tät) zusam­men­ge­hal­ten wird: Wer nach dem Mot­to lebt „Du hilfst mir und im Gegen­zug wird mir von dir gehol­fen (The Simpsons)“, von dem füh­len wir uns schnell aus­ge­nutzt. Und da unser aller Zeit begrenzt ist müs­sen wir – bewusst oder unbe­wusst – stets Ent­schei­dun­gen dar­über tref­fen, wel­che Bezie­hun­gen uns wich­tig sind; wel­che wir auf­recht­erhal­ten wol­len und wel­che wir „ein­schla­fen las­sen“. Wäh­rend eini­ge Men­schen lie­ber auf weni­ge, dafür aber enge Bezie­hun­gen zu Freun­dIn­nen zäh­len („Men­schen auf die man sich immer ver­las­sen kann“), ken­nen ande­re sprich­wört­li­ch “Gott und die Welt”; dafür aber eher ober­fläch­li­ch.

Ler­nen Ver­tre­te­rIn­nen die­ser bei­den Lebens­kon­zep­te sich neu ken­nen – viel­leicht bei der Umzugs­hil­fe eines gemein­sa­men Bekann­ten –, so kann es schon ein­mal zu hit­zi­gen Debat­ten dar­über kom­men, wel­che Bezie­hun­gen nun „wert­vol­ler“ sei­en. Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die in die­sem kri­ti­schen Moment nicht schnell genug hin­ter den Umzugs­kar­tons in Deckung gehen, wer­den kur­zer­hand – die Rück­wand eines Bil­ly Regals unter dem rech­ten Arm, das Trep­pen­haus hin­un­ter­pol­ternd – zu Schieds­rich­te­rIn­nen des Streit­ge­sprächs beru­fen. Wel­ches Bezie­hungs­kon­zept ist nun das bes­se­re? Aus Sicht der Wis­sen­schaft muss das Urteil natür­li­ch ein­mal mehr lau­ten: Es kommt ganz dar­auf an!

Gemein­sam durch dick und doof.

Der Wert enger Bezie­hun­gen – die Netz­werkana­ly­se spricht von „strong ties“ (vgl. Gra­no­vet­ter 1973) – liegt auf der Hand: sie sind ver­läss­li­ch, bestän­dig und belast­bar. Emo­tio­na­le Unter­stüt­zung erhal­ten wir typi­scher­wei­se von „guten“, „ech­ten“ Freun­dIn­nen oder Fami­li­en­mit­glie­dern. Mate­ri­el­le Unter­stüt­zung oder Hil­fe in beson­ders schwe­ren Lebens­la­gen kön­nen wir uns am ehes­ten von die­sen Bezie­hun­gen erhof­fen (vgl. Steg­bau­er 2010: 672). Auch die Ver­mitt­lung von kom­plex­em Wis­sen gelingt in vie­len Fäl­len bes­ser über strong ties (vgl. Ricken und Seidl 2010: 102). Das Pro­blem mit die­ser Art von Bezie­hung ken­nen wir alle nur zu gut aus dem All­tag: enge Bezie­hun­gen wol­len gepflegt wer­den, neh­men viel Zeit in Anspruch, for­dern viel Auf­merk­sam­keit (vgl. Jan­sen und Diaz-​Bone 2014: 75). Der Über­gang von einer star­ken in eine schwä­che­re Bezie­hung wird des­halb häu­fig ein­ge­lei­tet mit dem Satz: „Von dir hört man ja auch nichts mehr!“.

Hände

Sozi­al­ka­pi­tal und sozia­le Unter­stüt­zung: Was soll das nun ganz kon­kret sein? Ein Netz­werk aus star­ken und schwa­chen Bezie­hun­gen?

Eini­ge Schwä­chen oder nega­ti­ve Effek­te, die enge Bezie­hun­gen und Freund­schaf­ten mit sich brin­gen, lie­gen in der Art und Wei­se begrün­det, wie wir unse­re Freun­dIn­nen wäh­len. Häu­fig ten­die­ren wir dazu Men­schen, die uns ähn­li­ch sind oder die ähn­li­che Eigen­schaf­ten oder Ein­stel­lun­gen haben, beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den (vgl. Her­kner 1978; Frey 1997: 214ff) – die­sen Effekt bezeich­net man als Homo­phi­lie (vgl. Heid­ler 2010: 367). Im Volks­mund: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“ Im Umkehr­schluss beein­flus­sen unse­re Bezie­hun­gen zu bestimm­ten Men­schen auch unse­re eige­nen Ein­stel­lun­gen – je inten­si­ver die Bezie­hung desto stär­ker der sozia­le Ein­fluss (vgl. Osgood und Tan­nen­baum 1955). Die Kon­se­quenz: Ähn­li­che Men­schen fin­den sich häu­fi­ger zusam­men als unähn­li­che; je stär­ker die Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, desto homo­ge­ner wird die Grup­pe mit der Zeit. Aus­nah­men bestä­ti­gen wie so oft die Regel!

Grup­pen mit sehr engen Bezie­hun­gen ten­die­ren – so der worst case – jedoch auch zu soge­nann­ter sozia­ler Schlie­ßung d.h. “Nor­men und Iden­ti­tä­ten wer­den immer wie­der bestä­tigt. Abweich­ler und Neu­ar­ti­ges wer­den aus­ge­schlos­sen” (Jan­sen 2006: 107). Es kommt also zu homo­ge­nen Mei­nun­gen, Sicht- und Hand­lungs­wei­sen (vgl. Schei­deg­ger 2010: 149). In bestimm­ten „fest­ge­fah­re­nen“ Lebens­si­tua­tio­nen kann es des­halb – die „Nest­wär­me“ der eige­nen Grup­pe in allen Ehren – durch­aus sinn­voll sein, sich den Rat eines/​einer sprich­wört­li­ch „Außen­ste­hen­den“ ein­zu­ho­len, um alter­na­ti­ve Sicht­wei­sen ken­nen zu ler­nen.

Jeman­den ken­nen, der jeman­den kennt.

Der Nach­teil schwa­cher Bekannt­schaf­ten liegt im Umkehr­schluss auch nahe: sie sind wenig belast­bar, wenig bestän­dig, vie­les „kann man nicht ver­lan­gen“. Außer­dem kann die Annah­me von Unter­stüt­zung stets mit Scham, einem Unter­le­gen­heits­ge­fühl oder Ver­pflich­tun­gen zur Gegen­leis­tung ver­bun­den sein (vgl. Die­wald und Satt­ler 2010: 690) – und bei schwa­chen Bezie­hun­gen gilt das umso mehr.

Ander­seits haben die soge­nann­ten weak ties einen ganz beson­de­ren Char­me: Sie bau­en uns oft Brü­cken in sozia­le Krei­se und Lebens­wel­ten von denen wir son­st oft aus­ge­schlos­sen sind. Put­nam bezeich­net dies als Bridging Soci­al Capi­tal (vgl. Haug 2010: 248). Klas­si­sche Orte zum Brü­cken­bau: Sport­clubs, Schüt­zen­ver­ei­ne oder Glau­bens­ge­mein­schaf­ten! Über ein „gemein­sa­mes Drit­tes“ begeg­nen sich hier Men­schen, die son­st wohl eher unwahr­schein­li­ch in Kon­takt kämen.

Auf die­se Wei­se gelangt man an Infor­ma­tio­nen oder Hilfs­mög­lich­kei­ten, die son­st uner­reich­bar blie­ben – nicht zuletzt macht man hier neue, berei­chern­de Erfah­run­gen. Mark Gra­no­vet­ter (1973) konn­te in sei­ner berühm­ten Arbeit „The Streng­th of Weak Ties“ zei­gen, dass schwa­che Bezie­hun­gen z.B. bei der Job­su­che als Infor­ma­ti­ons­quel­le beson­ders nütz­li­ch sind. Und auch der ein oder ande­re Sport­ver­ein lebt ein Stück weit davon, dass hier Bekannt­schaf­ten zwi­schen Men­schen unter­schied­lichs­ter Her­kunft ent­ste­hen und sich so Exper­tIn­nen für alle Lebens­la­gen fin­den las­sen. Men­schen, die es schaf­fen (und aus­hal­ten) ver­schie­de­ne Grup­pen als Brü­cke zu ver­bin­den – soge­nann­te „bro­ker“ –, denen spricht die Netz­werkana­ly­se eine beson­ders gro­ße Inno­va­ti­ons­kraft zu:

Peop­le who­se net­works bridge the struc­tu­ral holes bet­ween groups have an advan­ta­ge in detec­ting and deve­lo­ping rewar­ding oppor­tu­nities. Infor­ma­ti­on arbi­tra­ge is their advan­ta­ge. They are able to see ear­ly, see more broad­ly, and trans­la­te infor­ma­ti­on across groups.” Burt (2004: 354)

Wem nun der Kopf raucht vor lau­ter sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Bezie­hungs­kal­kül, dem kann gera­ten wer­den noch die letz­ten Umzugs­kar­tons in den Sprin­ter zu laden und mit sei­nen neu­en Bekannt­schaf­ten etwas Küh­les trin­ken zu gehen. Denn zu sozia­ler Unter­stüt­zung zählt schein­bar auch ein­fach „Gesel­lig­keit inso­fern sie zu einer posi­ti­ven Gemüts­la­ge bei­trägt bzw. Spaß macht“ – so zumin­dest Die­wald und Satt­ler (2010: 691).

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Die­wald, Mar­tin und Satt­ler, Sebas­ti­an (2010). Sozia­le Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 689–699). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Frey, Die­t­er (1997). Sozi­al­psy­cho­lo­gie: Ein Hand­buch in Schlüs­sel­be­grif­fen. Wein­heim: Beltz.

Gra­no­vet­ter, Mark S. (1973). „The Streng­th of Weak Ties”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 78 (6), 1360–1380.

Jan­sen, Doro­thea und Diaz-​Bone, Rai­ner (2014). Netz­struk­tu­ren als sozia­les Kapi­tal. In: J. Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke: Kon­zep­te und Metho­den der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Netz­werk­for­schung (S. 71–104). Mün­chen: De Gruy­ter Olden­bourg.

Schei­deg­ger, Nico­li­ne (2010). Struk­tu­rel­le Löcher. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg.), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S.145–155), Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Quel­len:

Bour­dieu, Pier­re und Stein­rü­cke, Maga­re­ta (Hrsg.) (2005). Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht. Schrif­ten zu Poli­tik und Kul­tur. Ham­burg: VSA-​Verlag.

Burt, Ronald S. (2004). “Struc­tu­ral Holes and Good Ide­as”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 110 (2), 349–399.

Haug, Son­ja (2010). Sozia­le Netz­wer­ke und sozia­les Kapi­tal. Fak­to­ren für die struk­tu­rel­le Inte­gra­ti­on von Migran­ten in Deutsch­land. In: M. Gam­per und L. Reschke (Hrsg.), Kno­ten und Kan­ten: Sozia­le Netz­werkana­ly­se in Wirtschafts- und Migra­ti­ons­for­schung (S. 247–273). Bie­le­feld: Tran­script.

Heid­ler, Richard (2010). Zur Evo­lu­ti­on sozia­ler Netz­wer­ke. Theo­re­ti­sche Impli­ka­tio­nen einer akteurs­ba­sier­ten Metho­de. In: C. Steg­bau­er (Hg.), Netz­werkana­ly­se und Netz­werk­theo­rie: Ein neu­es Para­dig­ma in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten (S. 359–373). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Her­kner, Wer­ner (1978). Kon­takt, Sym­pa­thie und Ein­stel­lungs­ähn­lich­keit: Unter­su­chun­gen zur Balan­ce­theo­rie. Bern: H. Huber.

Jan­sen, Doro­thea (2006). Ein­füh­rung in die Netz­werkana­ly­se. Grund­la­gen, Metho­den, For­schungs­bei­spie­le. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Osgood, Charles und Tan­nen­baum, Per­cy (1955). “The Prin­ci­ple of congrui­ty in the pre­dic­tion of atti­tu­de chan­ge”, Psy­cho­lo­gi­cal Review, 62 (1), 42–55.

Ricken, Boris und Seidl, David (2010). Unsicht­ba­re Netz­wer­ke: Wie sich die sozia­le Netz­werkana­ly­se für Unter­neh­men nut­zen lässt. Wies­ba­den: Gab­ler.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Autor:

Kai Hau­prich

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