Wer mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben” oder von der Schwierigkeit des Fundraisings

Es begann mit einer „Tro­cken­übung“ in einem Semi­n­ar zum The­ma „Macht und Geld“ im ver­gan­ge­nen Win­ter­se­mes­ter: „Wenn ich Spen­den akqui­rie­re, gibt es mora­li­sche Gren­zen?“ war die Grund­satz­fra­ge. Eini­ge der dis­ku­tier­ten Fall­bei­spie­le waren schnell und ein­deu­tig zu klä­ren: Von Rüs­tungs­kon­zer­nen woll­ten die Stu­die­ren­den kei­ne Spen­den anneh­men; ein Hilfs­pro­jekt für Minen­op­fer in Kam­bo­dscha finan­ziert von einem Minen­her­stel­ler – das gin­ge gar nicht.

Doch schon bei der Ban­ken­fra­ge wur­de es kniff­lig! Kön­nen z.B. Spen­den von glo­bal täti­gen Ban­ken ange­nom­men wer­den, die mit Lebens­mit­teln spe­ku­lie­ren, war eine Fra­ge, die kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de und zu der es kein ein­deu­ti­ges Mei­nungs­bild im Semi­n­ar gab.

Als Papst hat man es da ein­fa­cher. Papst Bene­dikt XVI hat­te bei sei­nem Besu­ch in Köln anläss­li­ch des Welt­ju­gend­ta­ges 2005 kein Pro­blem, eine Spen­de der Kreis­spar­kas­se Köln über 20.000 Euro anzu­neh­men:

Für den Abschluss­got­tes­dienst auf dem Mari­en­feld wer­den die Kar­di­nä­le und Bischö­fe mit ein­heit­li­chen Mit­ren aus­ge­stat­tet. Das hat­te sich der Papst gewünscht.“ (KSTAZ 2005)

Und in die­sem Fall gab es allem Anschein nach kei­ne Beden­ken bei Papst und Kar­di­nal, die Spen­de einer loka­len Köl­ner Bank anzu­neh­men.

Zur „Tro­cken­übung“ in die­sem Auf­bau­se­mi­n­ar des Stu­di­en­gangs der Sozia­len Arbeit an unse­rer Hoch­schu­le gehör­te auch ein nur leicht fik­ti­ves Fall­bei­spiel aus der Pra­xis: Dür­fen Pro­jek­te der Sozia­len Arbeit in der Arbeitslosen- und Armuts­ar­beit Spen­den eines Bor­dells anneh­men?  So die Anfra­ge aus der Pra­xis. Und „leicht fik­tiv“ des­halb, weil der Dozent in sei­ner Pra­xis als Geschäfts­füh­rer eines Arbeits­lo­sen­zen­trums vor Jah­ren mit eben die­ser Anfra­ge kon­fron­tiert wur­de. Die Debat­te war span­nend, kon­tro­vers und „anwen­dungs­ori­en­tiert“ (um an die­ser Stel­le den Begriff „prag­ma­ti­sch“ zu ver­mei­den). Die Mehr­heit der Stu­die­ren­den war für die Annah­me einer sol­chen Spen­de.

Vor­aus­ge­setzt wur­de aller­dings, dass es sich im kon­kre­ten Fall um einen Bor­dell­be­trieb han­delt, in dem die For­de­run­gen der „Huren­be­we­gung“ wie z.B. von Hydra e.V.  oder dem BesD (Bun­des­ver­band ero­ti­sche und sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen e.V.) nach  „Nor­ma­li­sie­rung der Sex­ar­beit“ oder „Sex­ar­beit ist Arbeit!“ Wirk­lich­keit wer­den kön­nen (vgl. www.berufsverband-sexarbeit.de). Da es sich hier um Orte han­delt, an denen „das Recht auf Arbeit und gesell­schaft­li­che Akzep­tanz statt mora­li­sie­ren­der Ver­bots­men­ta­li­tät“ exis­tiert!

Zwangs­pro­sti­tu­ti­on, so der Ten­or der Dis­kus­si­on, ver­un­mög­licht für sozia­le Pro­jek­te eine Spen­de­n­an­nah­me; selbst­be­stimm­te Sex­ar­beit – wie sie die „Huren­be­we­gung“ defi­niert – ermög­licht sie.

Dass die­se Posi­ti­on mit der Dop­pel­mo­ral bür­ger­li­cher Spen­der­grup­pen unter Umstän­den kol­li­die­ren kann,  „sei nicht zu ver­mei­den und müs­se im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“ – so eine Erkennt­nis der Semi­nar­teil­neh­me­rin­nen im Lau­fe der Dis­kus­si­on.

Schmut­zi­ges Geld? Die Geschich­te einer Kol­li­si­on.

Aus der „Tro­cken­übung“ eines Hoch­schuls­e­mi­nars wur­de dann ganz schnell der Ernst­fall: Zum 20-​jährigen Bestehen des Köl­ner Bor­dells „Pascha“ (eines der größ­ten Bor­del­le Deutsch­lands, das sich als „Euro­pas größ­tes Lauf­haus“ bewirbt) ver­kün­det der Besit­zer Her­mann „Pascha“ Mül­ler erheb­li­che Spen­den­be­trä­ge an Köl­ner Ver­ei­ne, wie den Vrings­treff e.V, das Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum KALZ e.V. mit sei­ner Über­le­bens­sta­ti­on Gul­li­ver, den Sack e.V und eini­ge mehr.

Hand mit Geld

Pecu­n­ia non olet?

An einem ent­spre­chen­den „Bene­fiz­abend“ im „Pascha“ neh­men auch die bei­den Ver­eins­vor­sit­zen­den von Vrings­treff und KALZ teil. Bei­de sind evan­ge­li­sche Pfar­rer und bei­de äußern ihre Bereit­schaft, auch „Bordell-​Spenden“ anzu­neh­men. Ein „Shits­torm“ – noch ganz klas­si­sch haupt­säch­li­ch in Print – bricht los: Das ört­li­che Leit­me­di­um „Köl­ner Stadt-​Anzeiger“ brei­tet am Kar­ne­vals­sams­tag auf einer gan­zen Sei­te der Lokal­aus­ga­be die Geschich­te aus; alles unter der Über­schrift „Pfar­rer hof­fen auf Bordell-​Spende. Südstadt-​Seelsorger lobt Sex­be­trieb bei Bene­fiz­abend – Kri­tik von Kir­che und Femi­nis­ten“ inklu­si­ve eines Kom­men­tars mit  dem Titel „Pfar­rer Mört­ters Ver­hält­nis zum Bor­dell. Dem Pascha in die Fal­le gegan­gen“ (KSTAZ 6./7.02.2016) in dem „natür­li­ch“ ein Zusam­men­hang zwi­schen „Sil­ves­ter­nacht“ und „Bor­dell­spen­den“ her­ge­stellt wird.

Was in der „Tro­cken­übung“ noch ein­fach zu beant­wor­ten schien, wird in der Pra­xis zu einem fun­da­men­ta­len Pro­blem. Nicht jeder Trä­ger der Sozia­len Arbeit kann von jedem Spen­der Geld anneh­men – es ist wohl doch kom­pli­zier­ter in der Pra­xis des Fund­rai­sings.

Hei­ligt der Zweck die Mit­tel?

Im media­len Fundraising-​Diskurs fin­det der Fall sofort sei­nen Nie­der­schlag: Auf der Web­site „ngo:dialog“ wird der Fall skiz­ziert, ana­ly­siert und es wer­den im Umgang mit dem „Rot­licht“ Leit­fra­gen ent­wi­ckelt, um ein ähn­li­ches Fias­ko zu ver­mei­den. Denn – so die pro­fes­sio­nel­len Fund­rai­ser –

nicht jede Fund­rai­sing­me­tho­de ist ethi­sch“ und eine „unethi­sche Ent­schei­dung bringt gewöhn­li­ch unmit­tel­ba­re Vor­tei­le, kann aber lang­fris­tig sehr teu­er kom­men.“

Ganz „prak­ti­sch“ kom­men die Fund­rai­ser dann zu der Ein­schät­zung, dass sich für das Pascha die Sache doch eher aus­ge­zahlt habe. Denn „so viel Auf­merk­sam­keit erzielt man nor­ma­ler­wei­se nicht mit die­sem Gewer­be“ ist ihr Fazit. Für den Geber hat es sich schein­bar gelohnt.

Die Gabe

Andre­as Voß hat uns in sei­ner wun­der­ba­ren Stu­die über „Bet­teln und Spen­den“ (Voß 1992), die er in Anleh­nung und krea­ti­ver Wei­ter­ent­wick­lung von Mar­cel Mauss’ „Die Gabe“ (Mauss 1990) erar­bei­tet hat, auf die inne­re Logik und Struk­tur des Bet­telns und des Spen­dens hin­ge­wie­sen. Und wie Mauss legt Voß den Fokus auf den Aus­tau­sch: Was wird getauscht und was ist der Gegen­wert – wür­den bei­de Auto­ren in die­sem ganz kon­kre­ten Fall fra­gen.

So len­ken wir den ana­ly­ti­schen, neu­gie­ri­gen Bli­ck auf das Gesche­hen und lesen eine ganz ande­re mög­li­che Logik: Ein Bor­dell, sei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und der Bor­dell­be­sit­zer wol­len Akzep­tanz und Aner­ken­nung dadurch errei­chen, dass sie sich im Enga­ge­ment für die Armen enga­gie­ren, aus­zeich­nen und so ihren Sta­tus ver­bes­sern – ähn­li­ch wie die Deut­sche Bank in ihren CSR Akti­vi­tä­ten.

Löffel

Wer mit dem Teu­fel isst, muss einen lan­gen Löf­fel haben!

Aber im Unter­schied zur Deut­schen Bank ist ihre Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem und sozia­lem Kapi­tal völ­lig unzu­rei­chend und ihr Ver­su­ch, mit­tels ihres öko­no­mi­schen Kapi­tals – dar­ge­bracht in Spen­den – dies zu ver­än­dern, ist stra­te­gi­sch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Ihr Anspruch, durch ihre Dienst­leis­tun­gen im „Rot­licht­mi­lieu“ gen­au so wich­ti­ge Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft zu erbrin­gen wie Kir­chen, Sozi­al­ar­beit, Feu­er­wehr, Poli­zei und Müll­ab­fuhr, muss abge­wehrt wer­den. Denn im Unter­scheid zu den ande­ren Akteu­ren der gesell­schaft­li­ch not­wen­di­gen Dienst­leis­tun­gen, erbrin­gen sie ihre Leis­tun­gen im „Abgrund der Lei­den­schaf­ten“, in denen wir „nicht Herr im eige­nen Hau­se sind“. Und die hier­mit ver­bun­de­nen Ängs­te und Sehn­süch­te, sind nicht durch Spen­den zu „hei­len“. Ganz im Gegen­teil: Wird hier gespen­det, stim­men Leis­tung und Gegen­lei­tung ganz schnell nicht mehr über­ein.

Lan­ger Löf­fel“ oder gute Ana­ly­se­kom­pe­tenz

Wer, so das Fazit aus die­ser Köl­ner Bege­ben­heit, als Akteur in der „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ Spen­den­ak­qui­se betreibt, soll­te also gen­au hin­se­hen, wel­che Qua­li­tä­ten den Spen­der aus­zeich­nen. Stört oder ver­stört der Spen­der durch sei­ne „mora­li­schen Eigen­schaf­ten“ das Spen­der­um­feld einer Orga­ni­sa­ti­on, gilt es sorg­fäl­tig zu über­le­gen. Ist der eige­ne Löf­fel lang genug – also über­ste­he ich einen sol­chen Shits­torm unbe­scha­det – oder kom­me ich als Orga­ni­sa­ti­on nach einer sorg­fäl­ti­gen und ana­ly­ti­sch begrün­de­ten Abwä­gung doch eher zu der Ent­schei­dung, dass die Kosten-​Nutzen-​Relation in die­sem kon­kre­ten Fall nicht stimmt?

Und was wür­de ich tun, wenn mir Uli Hoen­eß oder Ali­ce Schwar­zer Geld spen­den?

Gute Fra­ge!

 

Lite­ra­tur:

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2008). Die Bischö­fe tra­gen Weiß. Aus­ga­be vom 11.08.2005. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Kari­ta­ti­ve Ver­ei­ne gehen auf Abstand zum Pascha. Aus­ga­be vom 11.02.2016. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Pfar­rer hof­fen auf Bor­dell­spen­de. Aus­ga­be vom 06./07.02.2016. Köln.

Mauss, Mar­cel (1990). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den. Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Vom „ordentlichen Betteln“

Als Fol­ge der EU-​Osterweiterungen im Jah­re 2007 kommt es in Euro­pa zu neu­en Arbeits­mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen. Den aller­meis­ten Zuwan­de­rIn­nen aus Süd-​Osteuropa gelingt in Deutsch­land schnell und mühe­los eine Inte­gra­ti­on in den ers­ten Arbeits­markt. Ein­rich­tun­gen der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe berich­ten aber auch immer wie­der von einer klei­nen Grup­pe in Armut leben­der Men­schen, denen dies nicht geglückt ist. Sie kom­men in der Hoff­nung auf ein bes­se­res Leben, rut­schen jedoch in Deutsch­land schnell in pre­kä­re Lebens­ver­hält­nis­se und am Hil­fe­sys­tem vor­bei – im öffent­li­chen Dis­kurs wird häu­fig der Dys­phe­mis­mus der „Elends­mi­gra­ti­on“ bemüht. In Woh­nungs­lo­sig­keit und Armut ver­su­chen die­se Men­schen schließ­li­ch ihre Exis­tenz durch das Bet­teln in Fuß­gän­ger­zo­nen zu sichern. Vie­le Pas­san­tIn­nen reagie­ren irri­tiert bis ver­är­gert. Häu­fig weni­ger dar­über, dass gebet­telt wird – die Not ist augen­schein­li­ch –, son­dern viel­mehr über die Art und Wei­se wie es geschieht: dis­tanz­lo­ses Auf­tre­ten, akti­ves Anspre­chen, bis hin zur Zur­schau­stel­lung von Kör­per­be­hin­de­run­gen. Mit­men­schen, die „eigent­li­ch“, „nor­ma­ler­wei­se“ und „selbst­ver­ständ­li­ch“ woh­nungs­lo­sen Men­schen „immer etwas geben“, bau­en inner­li­ch Wider­stän­de auf. Man könn­te pro­vo­kant behaup­ten: Die auto­chtho­ne Bevöl­ke­rung wünscht sich ein „ordent­li­ches“ Bet­teln. Gibt es so etwas? Kann man rich­tig oder fal­sch bet­teln? Um das Geben und Bet­teln bes­ser zu ver­ste­hen, lohnt sich ein sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Bli­ck dar­auf, denn

it’s an import­ant and popu­lar fact, that things are not always what they seem”. (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Gesell­schaft durch Geben und Neh­men

Mar­cel Mauss beschreibt in sei­nem Klas­si­ker „Die Gabe“ (1968) ein­drucks­voll wel­che Bedeu­tung das Tau­schen, Schen­ken, Opfern und Geben für eine Gemein­schaft hat. Wich­ti­ge Erkennt­nis: Es geht nicht nur um das, was getauscht wird, son­dern viel­mehr dar­um, wie und war­um es getauscht wird. Dadurch, dass wir die Gabe eines ande­ren anneh­men, gehen wir die Ver­pflich­tung ein, uns bei Gele­gen­heit zu revan­chie­ren. Geschieht die­se Gegen­ga­be dann bei­zei­ten, schaf­fen wir dadurch Ver­trau­en zuein­an­der (vgl. Steg­bau­er 2010: 115). Die­ses Grund­prin­zip des sozia­len Mit­ein­an­ders nennt man „Rezi­pro­zi­tät“ – kennt man doch: „Wie du mir, so ich dir.“, „Eine Hand wäscht die ande­re.“ und die Bismarck’sche Sozi­al­ge­setz­ge­bung baut auch dar­auf. Des­halb schreibt Georg Sim­mel (1908: 663) wohl zurecht:

Ohne dass in der Gesell­schaft dau­ernd gege­ben und genom­men wird […] wür­de über­haupt kei­ne Gesell­schaft zustan­de kom­men.“

Nicht umson­st laden wir Frem­de zu einem Getränk ein, um sie oder ihn in unse­re Rei­hen auf­zu­neh­men. Oder wie der Köl­ner sagen wür­de: … trink noch Ene mit.

It’s a kind of magic

Als eine beson­de­re Form der Gabe kann man das Spen­den lesen: Wir „opfern“ hier sozu­sa­gen etwas, das uns gehört, um spä­ter dafür belohnt zu wer­den. Wenn sich die Gabe und Gegen­ga­be nicht mehr ver­rech­nen las­sen, spricht man von „gene­ra­li­sier­ter Rezi­pro­zi­tät“ – die Spen­de gilt dann der gan­zen Gemein­schaft (vgl. Steg­bau­er 2010: 118) von der wir uns bei Gele­gen­heit belohnt sehen wol­len. Die­se Idee kann sogar in eine Art „magi­sches Han­deln“ hin­über­glei­ten: Wir opfern einem „höhe­ren Wesen“ etwas und erhof­fen uns Glück davon. Klingt zu eso­te­ri­sch? Fang­fra­ge: Wann haben Sie das letz­te Mal eine Mün­ze in einen Klin­gel­beu­tel oder Brun­nen gewor­fen? Das Klein­geld steht hier sym­bo­li­sch für unser Ver­mö­gen das geop­fert wird, um uns auf magi­sche Wei­se Glück zu besche­ren – ein Teil für das Gan­ze (lat: „pars pro toto“) (vgl. Voß 1992: 136). Wer möch­te, darf auch ger­ne den ers­ten Schluck sei­nes Geträn­kes für die Göt­ter ver­gie­ßen – jeder Jeck ist anders!

Das Spen­den an Bett­ler als Opfer­ri­tual

Andre­as Voß (1992) wirft in “Bet­teln und Spen­den” einen tie­fe­ren sozio­lo­gi­schen Bli­ck auf die „Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung“. Bet­teln und Spen­den kön­nen ver­stan­den wer­den als eine Art Opfer­ri­tus (vgl. ebd.: 137ff). Der Bett­ler schafft durch die Insze­nie­rung des Bet­tel­ri­tu­als für die Pas­san­ten eine „auße­r­all­täg­li­che“ Situa­ti­on (vgl. ebd.: 135), die es dem Geben­den ermög­licht etwas zu opfern, um sich spi­ri­tu­ell „zu ver­si­chern“ – wenn auch „nur ein biss­chen Klein­geld“. Wer jetzt Gutes tut, dem wider­fährt auch Gutes im Jen­seits. Mild­tä­tig­keit gegen Arme wird in vie­len Reli­gio­nen belohnt. Wie die Bet­tel­in­sze­nie­rung aus­zu­se­hen hat, und was „erlaubt ist“ ori­en­tiert sich an der jewei­li­gen Zeit und Kul­tur (vgl. ebd.). Außer­dem ver­si­chert uns der Bett­ler, als Figur, die sich durch ihre ritu­el­le Selbst­er­nied­ri­gung erkenn­bar „außer­halb der Gesell­schaft“ stellt, dass der Geben­de zum „Innen“ der Gesell­schaft gehört. Der Bett­ler ver­si­chert: „Uns geht es gut, wir gehö­ren noch dazu!“ (vgl. ebd.: 147).

Beim Ritual des Bettelns markiert den Spendenbecher die fassbare Grenze des "Innen" und "Außen" einer Gesellschaft.

Beim Ritual des Bet­telns mar­kiert der Spen­den­be­cher die fass­ba­re Gren­ze des “Innen” und “Außen” einer Gesell­schaft.

Die­ses Gefühl ist es, das uns der Bett­ler zurück-​gibt: sei­ne Leis­tung, sei­ne Gegen­ga­be. „Dem Bett­ler kommt beson­ders in einem Wohl­fahrts­staat […] die Funk­ti­on eines sozia­len Mess­punk­tes zu“ (Voß 1992: 147). Das Bet­tel­ri­tual ist also kei­nes­wegs Betrug, son­dern aus sozio­lo­gi­scher Sicht sozu­sa­gen ein gesell­schaft­li­ches Büh­nen­stück. Es folgt einer Cho­reo­gra­phie, die geschicht­li­ch gewach­sen und kul­tu­rell gefärbt ist (vgl. ebd.: 82ff) – wie „ordent­li­ch“, im Sin­ne von gesell­schaft­li­ch gewünscht, gebet­telt wird, ist wan­del­bar: Im Ste­hen, Sit­zen oder auf den Kni­en, mit oder ohne Bet­tel­schild, Becher oder Hand, akti­ves Anspre­chen oder stil­les Ver­har­ren in der Ecke, Zur­schau­stel­len von Kör­per­be­hin­de­run­gen oder doch lie­ber ein ori­gi­nel­ler Spruch (vgl. ebd.: 175ff). Was heu­te unter Straf­an­dro­hung ver­bo­ten wird, war frü­her nor­mal und wird es viel­leicht auch wie­der ein­mal sein. Was es jedoch beim Bet­teln für den Geben­den immer braucht, ist die „Zwi­schen­schal­tung eines ritu­el­len Fil­ters“, denn:

Die Not und das Elend des rand­stän­di­gen Armen kön­nen so groß sein, dass das unmit­tel­ba­re Mit­ge­fühl über­for­dert ist. Die Flucht­re­ak­ti­on vor der Wahr­neh­mung des Armen ist die Fol­ge.“ (Voß 1992: 149)

Der „frem­de Bett­ler“ als Spie­gel

Die mora­li­sche oder emo­tio­na­le Irri­ta­ti­on, die bei eini­gen Pas­san­tIn­nen häu­fig sogar in Aggres­si­on gegen den Bet­telen­den umschlägt, könn­te man sozio­lo­gi­sch auch so deu­ten, dass hier das insze­nier­te Bet­tel­ri­tual nicht mit unse­ren eige­nen, aktu­el­len Vor­stel­lun­gen zusam­men­passt. Die Fra­ge nach Klein­geld des „frem­den Bett­lers“ wird zum Spie­gel des Zeit­geists und der eige­nen Kul­tur. Wenn uns also das nächs­te Mal ein „unor­dent­li­cher Bett­ler“ vor dem Dis­coun­ter im Kopf oder Her­zen durch­ein­an­der bringt, ist es doch gut zu wis­sen, dass das oft mehr mit uns selbst und unse­ren Wert­vor­stel­lun­gen zu tun hat, als mit dem­je­ni­gen der uns in sei­ner Not um Hil­fe bit­tet.

Und wenn man den Wert einer Gesell­schaft wirk­li­ch dar­an erkennt, wie sie mit den schwächs­ten ihrer Glie­der ver­fährt (Gus­tav Hei­nemann), dann wird das Bet­tel­ri­tual zum mora­li­schen Kas­sen­sturz. In die­sem Sin­ne:

So long and thanks for all the fish.“ (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Zum Wei­ter­le­sen:

For­schungs­be­richt des Pro­jekts “Port GULLIVER – Süd­ost­eu­ro­päi­sche Elends­mi­gra­ti­on in Köln” (2013) in Zusam­men­ar­beit mit dem Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum e.V.

Mün­ch, Tho­mas und Hau­prich, Kai (2015). “Groun­ded Rese­ar­ch. For­schung als Inter­ven­ti­on”, in. L. Schmitz (Hg.) Arti­vis­mus. Kunst und Akti­on im All­tag der Stadt (S.123–142) Bie­le­feld: Tran­script.

Inter­views mit bet­teln­den Men­schen (Bet­tel­lob­by Wien)

Quel­len:

Mauss, Mar­cel (1968 zuer­st 1924). Die Gabe: Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Sim­mel, Georg (1908). Sozio­lo­gie: Unter­su­chun­gen über die For­men der Ver­ge­sell­schaf­tung. Leip­zig: Duncker & Hum­blot.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Steg­bau­er, Chris­ti­an (2010). Rezi­pro­zi­tät. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling, Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 113–122). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den: Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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