Wer mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben” oder von der Schwierigkeit des Fundraisings

Es begann mit einer „Tro­cken­übung“ in einem Semi­n­ar zum The­ma „Macht und Geld“ im ver­gan­ge­nen Win­ter­se­mes­ter: „Wenn ich Spen­den akqui­rie­re, gibt es mora­li­sche Gren­zen?“ war die Grund­satz­fra­ge. Eini­ge der dis­ku­tier­ten Fall­bei­spie­le waren schnell und ein­deu­tig zu klä­ren: Von Rüs­tungs­kon­zer­nen woll­ten die Stu­die­ren­den kei­ne Spen­den anneh­men; ein Hilfs­pro­jekt für Minen­op­fer in Kam­bo­dscha finan­ziert von einem Minen­her­stel­ler – das gin­ge gar nicht.

Doch schon bei der Ban­ken­fra­ge wur­de es kniff­lig! Kön­nen z.B. Spen­den von glo­bal täti­gen Ban­ken ange­nom­men wer­den, die mit Lebens­mit­teln spe­ku­lie­ren, war eine Fra­ge, die kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de und zu der es kein ein­deu­ti­ges Mei­nungs­bild im Semi­n­ar gab.

Als Papst hat man es da ein­fa­cher. Papst Bene­dikt XVI hat­te bei sei­nem Besu­ch in Köln anläss­li­ch des Welt­ju­gend­ta­ges 2005 kein Pro­blem, eine Spen­de der Kreis­spar­kas­se Köln über 20.000 Euro anzu­neh­men:

Für den Abschluss­got­tes­dienst auf dem Mari­en­feld wer­den die Kar­di­nä­le und Bischö­fe mit ein­heit­li­chen Mit­ren aus­ge­stat­tet. Das hat­te sich der Papst gewünscht.“ (KSTAZ 2005)

Und in die­sem Fall gab es allem Anschein nach kei­ne Beden­ken bei Papst und Kar­di­nal, die Spen­de einer loka­len Köl­ner Bank anzu­neh­men.

Zur „Tro­cken­übung“ in die­sem Auf­bau­se­mi­n­ar des Stu­di­en­gangs der Sozia­len Arbeit an unse­rer Hoch­schu­le gehör­te auch ein nur leicht fik­ti­ves Fall­bei­spiel aus der Pra­xis: Dür­fen Pro­jek­te der Sozia­len Arbeit in der Arbeitslosen- und Armuts­ar­beit Spen­den eines Bor­dells anneh­men?  So die Anfra­ge aus der Pra­xis. Und „leicht fik­tiv“ des­halb, weil der Dozent in sei­ner Pra­xis als Geschäfts­füh­rer eines Arbeits­lo­sen­zen­trums vor Jah­ren mit eben die­ser Anfra­ge kon­fron­tiert wur­de. Die Debat­te war span­nend, kon­tro­vers und „anwen­dungs­ori­en­tiert“ (um an die­ser Stel­le den Begriff „prag­ma­ti­sch“ zu ver­mei­den). Die Mehr­heit der Stu­die­ren­den war für die Annah­me einer sol­chen Spen­de.

Vor­aus­ge­setzt wur­de aller­dings, dass es sich im kon­kre­ten Fall um einen Bor­dell­be­trieb han­delt, in dem die For­de­run­gen der „Huren­be­we­gung“ wie z.B. von Hydra e.V.  oder dem BesD (Bun­des­ver­band ero­ti­sche und sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen e.V.) nach  „Nor­ma­li­sie­rung der Sex­ar­beit“ oder „Sex­ar­beit ist Arbeit!“ Wirk­lich­keit wer­den kön­nen (vgl. www.berufsverband-sexarbeit.de). Da es sich hier um Orte han­delt, an denen „das Recht auf Arbeit und gesell­schaft­li­che Akzep­tanz statt mora­li­sie­ren­der Ver­bots­men­ta­li­tät“ exis­tiert!

Zwangs­pro­sti­tu­ti­on, so der Ten­or der Dis­kus­si­on, ver­un­mög­licht für sozia­le Pro­jek­te eine Spen­de­n­an­nah­me; selbst­be­stimm­te Sex­ar­beit – wie sie die „Huren­be­we­gung“ defi­niert – ermög­licht sie.

Dass die­se Posi­ti­on mit der Dop­pel­mo­ral bür­ger­li­cher Spen­der­grup­pen unter Umstän­den kol­li­die­ren kann,  „sei nicht zu ver­mei­den und müs­se im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“ – so eine Erkennt­nis der Semi­nar­teil­neh­me­rin­nen im Lau­fe der Dis­kus­si­on.

Schmut­zi­ges Geld? Die Geschich­te einer Kol­li­si­on.

Aus der „Tro­cken­übung“ eines Hoch­schuls­e­mi­nars wur­de dann ganz schnell der Ernst­fall: Zum 20-​jährigen Bestehen des Köl­ner Bor­dells „Pascha“ (eines der größ­ten Bor­del­le Deutsch­lands, das sich als „Euro­pas größ­tes Lauf­haus“ bewirbt) ver­kün­det der Besit­zer Her­mann „Pascha“ Mül­ler erheb­li­che Spen­den­be­trä­ge an Köl­ner Ver­ei­ne, wie den Vrings­treff e.V, das Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum KALZ e.V. mit sei­ner Über­le­bens­sta­ti­on Gul­li­ver, den Sack e.V und eini­ge mehr.

Hand mit Geld

Pecu­n­ia non olet?

An einem ent­spre­chen­den „Bene­fiz­abend“ im „Pascha“ neh­men auch die bei­den Ver­eins­vor­sit­zen­den von Vrings­treff und KALZ teil. Bei­de sind evan­ge­li­sche Pfar­rer und bei­de äußern ihre Bereit­schaft, auch „Bordell-​Spenden“ anzu­neh­men. Ein „Shits­torm“ – noch ganz klas­si­sch haupt­säch­li­ch in Print – bricht los: Das ört­li­che Leit­me­di­um „Köl­ner Stadt-​Anzeiger“ brei­tet am Kar­ne­vals­sams­tag auf einer gan­zen Sei­te der Lokal­aus­ga­be die Geschich­te aus; alles unter der Über­schrift „Pfar­rer hof­fen auf Bordell-​Spende. Südstadt-​Seelsorger lobt Sex­be­trieb bei Bene­fiz­abend – Kri­tik von Kir­che und Femi­nis­ten“ inklu­si­ve eines Kom­men­tars mit  dem Titel „Pfar­rer Mört­ters Ver­hält­nis zum Bor­dell. Dem Pascha in die Fal­le gegan­gen“ (KSTAZ 6./7.02.2016) in dem „natür­li­ch“ ein Zusam­men­hang zwi­schen „Sil­ves­ter­nacht“ und „Bor­dell­spen­den“ her­ge­stellt wird.

Was in der „Tro­cken­übung“ noch ein­fach zu beant­wor­ten schien, wird in der Pra­xis zu einem fun­da­men­ta­len Pro­blem. Nicht jeder Trä­ger der Sozia­len Arbeit kann von jedem Spen­der Geld anneh­men – es ist wohl doch kom­pli­zier­ter in der Pra­xis des Fund­rai­sings.

Hei­ligt der Zweck die Mit­tel?

Im media­len Fundraising-​Diskurs fin­det der Fall sofort sei­nen Nie­der­schlag: Auf der Web­site „ngo:dialog“ wird der Fall skiz­ziert, ana­ly­siert und es wer­den im Umgang mit dem „Rot­licht“ Leit­fra­gen ent­wi­ckelt, um ein ähn­li­ches Fias­ko zu ver­mei­den. Denn – so die pro­fes­sio­nel­len Fund­rai­ser –

nicht jede Fund­rai­sing­me­tho­de ist ethi­sch“ und eine „unethi­sche Ent­schei­dung bringt gewöhn­li­ch unmit­tel­ba­re Vor­tei­le, kann aber lang­fris­tig sehr teu­er kom­men.“

Ganz „prak­ti­sch“ kom­men die Fund­rai­ser dann zu der Ein­schät­zung, dass sich für das Pascha die Sache doch eher aus­ge­zahlt habe. Denn „so viel Auf­merk­sam­keit erzielt man nor­ma­ler­wei­se nicht mit die­sem Gewer­be“ ist ihr Fazit. Für den Geber hat es sich schein­bar gelohnt.

Die Gabe

Andre­as Voß hat uns in sei­ner wun­der­ba­ren Stu­die über „Bet­teln und Spen­den“ (Voß 1992), die er in Anleh­nung und krea­ti­ver Wei­ter­ent­wick­lung von Mar­cel Mauss’ „Die Gabe“ (Mauss 1990) erar­bei­tet hat, auf die inne­re Logik und Struk­tur des Bet­telns und des Spen­dens hin­ge­wie­sen. Und wie Mauss legt Voß den Fokus auf den Aus­tau­sch: Was wird getauscht und was ist der Gegen­wert – wür­den bei­de Auto­ren in die­sem ganz kon­kre­ten Fall fra­gen.

So len­ken wir den ana­ly­ti­schen, neu­gie­ri­gen Bli­ck auf das Gesche­hen und lesen eine ganz ande­re mög­li­che Logik: Ein Bor­dell, sei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und der Bor­dell­be­sit­zer wol­len Akzep­tanz und Aner­ken­nung dadurch errei­chen, dass sie sich im Enga­ge­ment für die Armen enga­gie­ren, aus­zeich­nen und so ihren Sta­tus ver­bes­sern – ähn­li­ch wie die Deut­sche Bank in ihren CSR Akti­vi­tä­ten.

Löffel

Wer mit dem Teu­fel isst, muss einen lan­gen Löf­fel haben!

Aber im Unter­schied zur Deut­schen Bank ist ihre Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem und sozia­lem Kapi­tal völ­lig unzu­rei­chend und ihr Ver­su­ch, mit­tels ihres öko­no­mi­schen Kapi­tals – dar­ge­bracht in Spen­den – dies zu ver­än­dern, ist stra­te­gi­sch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Ihr Anspruch, durch ihre Dienst­leis­tun­gen im „Rot­licht­mi­lieu“ gen­au so wich­ti­ge Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft zu erbrin­gen wie Kir­chen, Sozi­al­ar­beit, Feu­er­wehr, Poli­zei und Müll­ab­fuhr, muss abge­wehrt wer­den. Denn im Unter­scheid zu den ande­ren Akteu­ren der gesell­schaft­li­ch not­wen­di­gen Dienst­leis­tun­gen, erbrin­gen sie ihre Leis­tun­gen im „Abgrund der Lei­den­schaf­ten“, in denen wir „nicht Herr im eige­nen Hau­se sind“. Und die hier­mit ver­bun­de­nen Ängs­te und Sehn­süch­te, sind nicht durch Spen­den zu „hei­len“. Ganz im Gegen­teil: Wird hier gespen­det, stim­men Leis­tung und Gegen­lei­tung ganz schnell nicht mehr über­ein.

Lan­ger Löf­fel“ oder gute Ana­ly­se­kom­pe­tenz

Wer, so das Fazit aus die­ser Köl­ner Bege­ben­heit, als Akteur in der „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ Spen­den­ak­qui­se betreibt, soll­te also gen­au hin­se­hen, wel­che Qua­li­tä­ten den Spen­der aus­zeich­nen. Stört oder ver­stört der Spen­der durch sei­ne „mora­li­schen Eigen­schaf­ten“ das Spen­der­um­feld einer Orga­ni­sa­ti­on, gilt es sorg­fäl­tig zu über­le­gen. Ist der eige­ne Löf­fel lang genug – also über­ste­he ich einen sol­chen Shits­torm unbe­scha­det – oder kom­me ich als Orga­ni­sa­ti­on nach einer sorg­fäl­ti­gen und ana­ly­ti­sch begrün­de­ten Abwä­gung doch eher zu der Ent­schei­dung, dass die Kosten-​Nutzen-​Relation in die­sem kon­kre­ten Fall nicht stimmt?

Und was wür­de ich tun, wenn mir Uli Hoen­eß oder Ali­ce Schwar­zer Geld spen­den?

Gute Fra­ge!

 

Lite­ra­tur:

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2008). Die Bischö­fe tra­gen Weiß. Aus­ga­be vom 11.08.2005. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Kari­ta­ti­ve Ver­ei­ne gehen auf Abstand zum Pascha. Aus­ga­be vom 11.02.2016. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Pfar­rer hof­fen auf Bor­dell­spen­de. Aus­ga­be vom 06./07.02.2016. Köln.

Mauss, Mar­cel (1990). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den. Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schu­le Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­ren­de den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man die­se Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schu­le und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Vie­le unter­schied­li­che Akteu­re mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­ga­be, begrenz­te Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­ri­ge For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Por­st es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­be­ck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­re­ne Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­ti­ge Vari­an­te des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lan­ge“ (Por­st 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Jüdi­sche Mesu­sa und Mari­eni­ko­ne

Stu­die­ren­de der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­bat­te früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­si­on gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flik­te und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­ti­ve Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Fra­ge, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stel­le tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist qua­si Flei­sch gewor­de­ne Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­li­ch umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nen­de Fra­ge – ertra­gen Stu­die­ren­de die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­ren­de Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zes­se erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schie­de, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läu­fe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­ble­me nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­ti­sch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jek­te die not­wen­di­ge Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Weni­ge Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­si­on mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­ti­on GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv gerin­ge Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lo­se und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­ti­on auf der „After­sei­te“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­di­ge Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­ble­me.

Und in der Dis­kus­si­on im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­ti­on (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­li­ch, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäs­te in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lo­se, Zuwan­de­rer – kom­men angst­frei­er in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­frei­en Zone“ der Über­le­bens­sta­ti­on (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben die­se „Ereig­nis­se“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bau­er hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­li­ch gemacht, wie wesent­li­ch die­se Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so sei­ne The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sin­ne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bau­er 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­de­te Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quel­le von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­li­ch, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­ben­de Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bau­er 2011: 13). Und das inter­es­san­te an Bau­ers Stu­die ist eben dar­in zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, wel­ch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­rel­le Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio huma­na (Bau­er 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und dar­an ändern die „Ereig­nis­se“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Gerings­te!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bau­er, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Por­st, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Internet – Great Equalizer oder digitale Exklusionsmaschine?

Die Wur­zeln des Inter­nets rei­chen bekannt­li­ch weit zurück bis in die 1950er Jah­re. Die Arbei­ten der ARPA (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jekt Agen­cy), die als Fol­ge des Sput­nik­schocks vom US Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ins Leben geru­fen wur­de, leg­te den Grund­stein für die Tech­no­lo­gi­en des Inter­nets, wie wir es heu­te ken­nen – so die klas­si­sche Erzähl­wei­se (vgl. Blei­cher 2010). In Wirk­lich­keit war es wohl etwas leben­di­ger und ver­wor­re­ner. Wer sich für die­se Epo­che der Inter­net­ge­schich­te inter­es­siert, dem sei das Buch „ARPA Kada­b­ra“ ans digi­ta­le Herz gelegt (Haf­ner und Lyon 2000).

Der Per­so­nal Com­pu­ter war aber noch lan­ge nur ein from­mer Wunsch. Die frü­hen Inter­net­tech­no­lo­gi­en und Groß­re­chen­ma­schi­nen stan­den nur ein paar weni­gen Aus­er­wähl­ten zur Ver­fü­gung. Heu­ti­ge Tech­no­lo­gie­gi­gan­ten wie IBM, App­le, Micro­soft und noch vie­le wei­te­re trie­ben die Ent­wick­lung der Rechen­ma­schi­nen vor­an ­– die Visi­on „Ein Com­pu­ter auf jedem Schreib­ti­sch“, die in den 90ern noch grö­ßen­wahn­sin­nig klang, ringt der Gene­ra­ti­on Y heu­te nur noch ein müdes Lächeln ab – “wie süß”! Wer den küh­nen Ver­su­ch wagen möch­te die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen und des Inter­nets lücken­los zu erzäh­len, der soll­te zuvor eini­ge Meter Regal­wand auf­sto­cken. Doch Blei­cher (2010) nimmt inter­es­sier­te Ein­stei­ge­rIn­nen auch schon über 100 Sei­ten mit auf einen span­nen­den Schweins­ga­lopp durch die Netz­his­to­rie! Die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen wird aus­führ­li­ch und detail­ver­liebt von Lip­pe (2013) erzählt. Wir neh­men hier eine Abkür­zung: Ent­wick­lun­gen wie die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge (HTML) von Tim Berners-​Lee (vgl. Blei­cher 2010), Web­brow­ser wie Net­scape und der Inter­net Explo­r­er, fal­len­de Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und immer schnel­le­re Ver­bin­dun­gen (vgl. Rich­ter und Koch 2007) führ­ten spä­tes­tens in den 1990er Jah­ren dazu, dass das Inter­net mas­sen­kom­pa­ti­bel wur­de und für den pri­va­ten Gebrauch nun auch sinn­voll nutz­bar war.

Im Jah­re 1987 über­stieg die Anzahl der Hosts (Com­pu­ter­sys­te­me mit regis­trier­ter IP-​Adresse) zum ers­ten Mal die 10.000er Mar­ke; nur fünf Jah­re spä­ter waren es bereits eine Mil­lion Hosts. Wer die ARD/​ZDF Online­stu­die mit­ver­folgt (eine seit 1997 fort­lau­fen­de, reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung zur Inter­net­nut­zung der Deut­schen), dem wird nicht ent­gan­gen sein, dass in der Grup­pe der unter 20-​Jährigen seit dem Jahr 2010 100 Pro­zent der Deut­schen online sind. Ach­sel­zu­cken bei Kids der Netflix- und Snapchat-​Ära, doch wer in den 90ern puber­tier­te, der mus­s­te noch lan­ge, hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Eltern füh­ren, ob man „die­ses Inter­net von dem jetzt alle reden“ wirk­li­ch auch Zuhau­se braucht. Für vie­le Eltern war klar: „Geld- und Zeit­ver­schwen­dung. Die­ses Inter­net wird sich nicht durch­set­zen!“ Der digi­ta­le Kampf der Kul­tu­ren im Kin­der­zim­mer wur­de aus­ge­tra­gen zwi­schen den soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves und den Digi­tal Immi­grants. Die­ses Begriffs­paar wur­de berühmt durch John Per­ry Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space, in der es unter ande­rem heißt:

You are ter­ri­fied of your own child­ren, sin­ce they are nati­ves in a world whe­re you will always be immi­grants.“

Bar­low beschreibt (auch mit einem Augen­zwin­kern) ein Phä­no­men, das die Inter­net­for­schung – eine Wis­sen­schaft in den Kin­der­schu­hen – umtreibt: Nicht alle Men­schen nut­zen das Inter­net und schon gar nicht in glei­cher Wei­se. Nicht alle kön­nen von den, durch Netz­ve­te­ra­nen oft pro­pa­gier­ten, Chan­cen die­ser revo­lu­tio­nä­ren Tech­no­lo­gie in glei­cher Wei­se pro­fi­tie­ren. Die Inter­net­for­schung spricht vom Digi­tal Divi­de, also der digi­ta­len Spal­tung.

Jeder kann vom Inter­net pro­fi­tie­ren! Solan­ge man mit­bringt was es braucht.

Schät­zungs­wei­se drei Mil­li­ar­den Men­schen haben weltweit Zugang zu Inter­net. Das klingt im Kon­trast zu den ein­gangs erwähn­ten Nut­zer­zah­len der 90er exor­bi­tant. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass dies nicht ein­mal der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung ent­spricht, wäre es ver­mes­sen von einem digi­ta­len Glo­bus oder einem „Glo­bal Vil­la­ge“ (McLu­han) zu spre­chen. Von den unter­schied­li­chen Band­brei­ten soll hier noch gar kei­ne Rede sein. Wer aber erle­ben möch­te wie sich die eige­nen Inter­net­ge­wohn­hei­ten in Tei­len der Welt anfüh­len, in denen es bis jetzt nur lang­sa­me Ver­bin­dun­gen gibt, dem ist die­se Simu­la­ti­on zu emp­feh­len.

Für Deut­sche ist das Inter­net mitt­ler­wei­le wohl schon ubi­qui­tär. Vor 15 Jah­ren hör­te man noch hin und wie­der die Fra­ge „Hast du eigent­li­ch eine eMail Adres­se?“. Heut­zu­ta­ge kann man doch hin­ge­gen schon davon aus­ge­hen, dass das Gegen­über sich in min­des­tens drei ver­schie­de­nen sozia­len Netz­wer­ken sou­ve­r­än bewegt, rich­tig? Ein zwei­ter Bli­ck in die ARD/​ZDF Online­stu­die zeigt jedoch: nur die Hälf­te der deut­schen Rent­ne­rIn­nen und nicht Berufs­tä­ti­gen nutzt zumin­dest gele­gent­li­ch das Inter­net. Das Ste­reo­typ der jun­gen, tech­ni­kaf­fi­nen Digi­tal Nati­ves und der lebens­er­fah­re­nen, inter­ne­ta­ver­si­ven Digi­tal Immi­grants scheint auch 2015 noch in Ansät­zen zu stim­men. Tat­säch­li­ch ist die­se dicho­to­me Typo­lo­gie selbst­ver­ständ­li­ch völ­lig unter­kom­plex. Nicht jeder Jugend­li­che ist den digi­ta­len Medi­en ver­fal­len und „dad­delt“ pau­sen­los auf sei­nem Smart­pho­ne rum; nicht alle Senio­rIn­nen sind unwil­lig oder unfä­hig zu sky­pen oder Spo­ti­fy zu nut­zen. Es wäre des­halb wohl auch tref­fen­der, wie Whi­te und Le Cor­nu es tun, von “Digi­tal Resi­dents” und “Digi­tal Visi­tors” zu spre­chen und das unter­schied­li­che Nut­zungs­ver­hal­ten in den Fokus der Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Nut­zer­grup­pen zu rücken.

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Eine jun­ge Blog­ge­rin beklagt den “Recep­ti­on Divi­de”.

Wer schon in den Genuss einer bezahl­ba­ren und schnel­len Inter­net­ver­bin­dung kommt, der pro­fi­tiert von den Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung jedoch nur bedingt, wenn er nicht auch bestimm­te Vor­kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten im Umgang mit digi­ta­len Medi­en mit­bringt. Kim und Kim (2001) spre­chen neben dem „Oppor­tu­ni­ty Divi­de“ (also dem rei­nen Zugang zum Inter­net) des­halb von „Uti­liza­t­i­on Divi­de“ und „Recep­ti­on Divi­de“. Use­rIn­nen müs­sen also auch über ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen, Software- und Hard­ware­kennt­nis­se sowie die Fähig­keit ver­fü­gen, Infor­ma­ti­ons­quel­len rich­tig zu bewer­ten. Sie müs­sen Erfah­run­gen sam­meln und so etwas wie eine „Intui­ti­on“ in Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln.

Es zeigt sich also hier ganz deut­li­ch: von einem Inter­net von dem alle Men­schen in glei­chem Maße pro­fi­tie­ren, sind wir noch weit ent­fernt.

Alle sind hier gleich! Aber man­che sind eben glei­cher.

Mit dem Inter­net war seit jeher auch die Vor­stel­lung von digi­ta­ler Frei­heit, Gleich­heit und neu­en basis­de­mo­kra­ti­schen Chan­cen ver­bun­den. Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung liest sich fei­er­li­ch und ist des­halb zu einem Teil Inter­net­pro­gram­ma­tik gewor­den. Das Inter­net soll sozia­le Ungleich­heits­me­cha­nis­men auf­he­ben z.B. durch das zur Ver­fü­gung stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen für alle – so die hoff­nungs­vol­le Ide­al­vor­stel­lung. Marr und Zil­li­en (2012: 258) beschrei­ben:

[…] größ­te Eupho­rie lös­te in die­sem Zusam­men­hang aller­dings ohne Zwei­fel das Inter­net aus, das nicht nur als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft […] son­dern gleich­zei­tig als ‚the great equa­li­zer‘ […] des neu­en digi­ta­len Zeit­al­ters begrüßt und gefei­ert wur­de.“

Abge­lei­tet wur­den die­se Poten­zia­le von der tech­ni­schen Beschaf­fen­heit des Inter­nets, das durch eine prin­zi­pi­el­le Gleich­stel­lung aller Nut­ze­rIn­nen qua­si einen „vor­po­li­ti­schen, nicht­hi­er­ar­chi­schen und nicht exper­to­kra­ti­schen Mei­nungs­aus­tau­sch“ ermög­li­chen soll­te (Steg­bau­er 2006: 95). Alle Infor­ma­tio­nen müs­sen völ­lig frei zur Ver­fü­gung ste­hen – so noch heu­te die gut gemein­te For­de­rung eini­ger Prot­ago­nis­tIn­nen der Netz­ge­sell­schaft und Inter­net­ak­ti­vis­tIn­nen für eine gerech­te­re Gesell­schaft.

Doch schon 1970 – also noch lan­ge vor der Geburt des World Wide Web – stell­te eine Grup­pe von For­sche­rIn­nen eine Behaup­tung in Bezug auf Mas­sen­me­di­en und Bil­dung auf, die bis heu­te in der Wis­sen­schaft heiß dis­ku­tiert wird:

Wenn der Infor­ma­ti­ons­fluss von den Mas­sen­me­di­en in ein Sozi­al­sys­tem wächst, ten­die­ren die Bevöl­ke­rungs­seg­men­te mit höhe­rem sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus und/​oder höhe­rer for­ma­ler Bil­dung zu einer rasche­ren Aneig­nung die­ser Infor­ma­ti­on als die status- und bil­dungs­nied­ri­ge­ren Seg­men­te, so dass die Wis­sens­kluft zwi­schen die­sen Seg­men­ten ten­den­zi­ell zu- statt abnimmt.“ (Tichen­or et al. 1970)

Das freie Zur­ver­fü­gung­stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen soll also eben gera­de nicht dazu füh­ren, dass alle Men­schen auf ein gleich hohes Maß an Bil­dung geho­ben wer­den. Viel­mehr schei­nen ohne­hin schon „infor­ma­ti­ons­rei­che“ Bevöl­ke­rungs­grup­pen dazu zu nei­gen sich Wis­sen schnel­ler anzu­eig­nen, als jene Grup­pen die bereits vor­her benach­tei­ligt waren. Im Kern han­delt es sich bei der soge­nann­ten Wis­sens­kluft­hy­po­the­se um den Mat­thäu­s­ef­fekts, der Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Ungleich­heits­for­sche­rIn­nen immer wie­der in ver­schie­de­nen Gewän­dern vor die Augen tritt:

Denn wer da hat, dem wird gege­ben, dass er die Fül­le habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genom­men, was er hat.“– Mt 25,29 LUT

Jeder darf hier spre­chen! Aber halt nicht alle.

Auch das Ide­al der frei­en und offe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der alle zu Wort kom­men kön­nen, scheint sich im Netz bei wei­tem nicht zu rea­li­sie­ren. In Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space wird der digi­ta­le Anspruch wie folgt umschrie­ben:

Wir erschaf­fen eine Welt, in der jeder Ein­zel­ne an jedem Ort sei­ne oder ihre Über­zeu­gun­gen aus­drü­cken darf, wie indi­vi­du­ell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schwei­gen der Kon­for­mi­tät auf­ge­hen zu müs­sen.“

Doch bereits Jakob Niel­sens berühm­te 90:9:1 Regel besagt, dass im Inter­net nur 1 Pro­zent der Use­rIn­nen eige­ne Inhal­te erstellt und sich nur wei­te­re 9 Pro­zent aktiv an Bei­trä­gen und Dis­kus­sio­nen betei­li­gen. Der über­wie­gen­de Teil (für Niel­sen sind es 90 Pro­zent) der Use­rIn­nen kommt nicht zu Wort oder möch­te nicht zu Wort kom­men. Die­ser Hypo­the­se könn­te man eine feh­len­de empi­ri­sche Basis vor­wer­fen – d’accord! Jedoch beschreibt Steg­bau­er (2006) auf empi­ri­scher Basis für Mai­ling­lis­ten, Dis­kus­si­ons­fo­ren und ande­re vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten ähn­li­che Ungleich­hei­ten in Bezug auf die Dis­kus­si­ons­be­tei­li­gung. Er nutzt dazu struk­tu­ra­lis­ti­sche und netz­werkana­ly­ti­sche Metho­den. Die digi­ta­le schwei­gen­de Mehr­heit (Lur­ker genannt) erfüllt aller­dings auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Grup­pe: ohne das Zuhö­ren und das Reden-​lassen wären Dis­kus­sio­nen grö­ße­rer Com­mu­nities über­haupt nicht mög­li­ch (vgl. Steg­bau­er 2006).

Klassisches Kommunikationsnetzwerk: eher framentierte Diskussionskreise als Schwarmintelligenz

Ein klas­si­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk auf Twit­ter: eher frag­men­tier­te Dis­kus­si­ons­krei­se rund um Netz­prot­ago­nis­tIn­nen als “Schwar­min­tel­li­genz” und ega­li­tä­re Dis­kur­se [erstellt mir NodeXL]

Mit­hil­fe der Soft­ware NodeXL las­sen sich Twit­ter Dis­kus­sio­nen schnell und leicht netz­werkana­ly­ti­sch unter­su­chen. Auch hier zeigt sich: Es dis­ku­tiert in der Regel kein intel­li­gen­ter Schwarm mit­tels eines basis­de­mo­kra­ti­schen Medi­ums in einem digi­ta­len Raum der fla­chen Hier­ar­chien. Viel­mehr twit­tern in aller Regel frag­men­tier­te Gesprächs­krei­se rund um eini­ge Wort­füh­rer. Über­all dort wo “Wölk­chen” zu sehen sind, hören meh­re­re Per­so­nen einem ein­zel­nen Men­schen via Twit­ter zu. Dass Netz­prot­ago­nis­tIn­nen dann von anre­gen­den und viel­fäl­ti­gen Dis­kus­sio­nen im welt­wei­ten Netz schwär­men (kön­nen), liegt auf der Hand. Dass alle zu Wort kom­men (kön­nen) darf ange­zwei­felt wer­den.

Wen küm­mert die Spie­le­rei?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet mit gro­ßen Schrit­ten vor­an. Beim Inter­net han­delt es sich schon lan­ge nicht mehr

um ein irgend­wie eso­te­ri­sches Phä­no­men einer klei­nen Klas­se tech­no­phi­ler Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten oder netz­ni­schen­nut­zen­der Jugend­li­cher.“ (Mün­ker 2012: 47).

Mit dem mobi­len Inter­net und dem Inter­net der Din­ge (Inter­net of Things) steht bereits die nächs­te gro­ße Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on an unse­rer gesell­schaft­li­chen Tür­schwel­le. Und selbst Ange­la Mer­kel, für die das Inter­net noch vor kur­zem #Neu­land war, spricht in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che 2015 von der

digitale[n] Revo­lu­ti­on, die unser Leben fun­da­men­tal ver­än­dert […]“ (Ange­la Mer­kel)

Eine gute Inter­net­ver­bin­dung und die Mög­lich­keit ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen erwer­ben zu kön­nen, wer­den in der digi­ta­len Gesell­schaft zu not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der sozia­len Teil­ha­be. Hen­ke et al. (2012) the­ma­ti­sie­ren im „Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung“ des­halb völ­lig zurecht die Fra­ge einer mög­li­chen e-​Exclusion. In Est­land ist der Zugang zum Inter­net fol­ge­rich­tig bereits zum Grund­recht gewor­den.

Zwei neue Formen gesellschaftlicher Exklusion in der digitalen Gesellschaft?

Zwei neue For­men gesell­schaft­li­cher Exklu­si­on in der digi­ta­len Gesell­schaft?

Mit die­sem Bei­trag soll kei­nes­wegs der Ver­su­ch unter­nom­men wer­den den “Digi­tal Resi­dents” die unglaub­li­chen Poten­tia­le und Chan­cen des Inter­nets und der Digi­ta­li­sie­rung madig zu machen. Wer einen Blog schreibt (oder auch liest), der ist von den Vor­zü­gen neu­er Informations- und tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en doch wohl bereits über­zeugt. Doch sie hier noch ein­mal man­t­ra­ar­tig her­un­ter­zu­be­ten wäre fol­ge­rich­tig nichts wei­ter als ein „pre­aching to the con­ver­ted“.

Dass das Inter­net bereits frei, offen und basis­de­mo­kra­ti­sch sei und dass es Ungleich­heits­pro­zes­se allei­ne durch sei­ne tech­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten aus­he­belt, ist bis­her eine empi­ri­sch nicht beleg­ba­re Ide­al­vor­stel­lung. So schön die Idee auch sein mag, um sie „gerin­nen zu las­sen“ also wahr zu machen (und das soll­ten wir tun!), bedarf es viel Arbeit und einer ste­ti­gen kri­ti­schen Refle­xi­on des sta­tus quo.

Wor­an es in Deutsch­land – so mein Erle­ben – zum Teil noch fehlt, ist unter ande­rem die Ein­sicht eini­ger “Digi­tal Visi­tors”, dass es sich beim Inter­net nicht mehr um ein Nice-​to-​Have oder schmü­cken­des Bei­werk han­delt: Es ist schon längst fes­ter Bestand­teil sozia­ler Wirk­lich­keit und viel­leicht wird es ja sogar tat­säch­li­ch eine Art gesell­schaft­li­ches Betriebs­sys­tem.

Zum Wei­ter­le­sen und anschau­en:

Mey­en, Micha­el, Duden­höf­fer, Kath­rin, Huss, Julia, Pfaff-​Rüdiger, Sen­ta (2009). “Zuhau­se im Netz: Eine qua­li­ta­ti­ve Stu­die zu Mus­tern und Moti­ven der Inter­net­nut­zung”, Publi­zis­tik, 54, 513–53.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Rau­sch, Alex­an­der (2006). Struk­tu­ra­lis­ti­sche Inter­net­for­schung. Netz­werkana­ly­sen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2009). Digi­ta­le Ungleich­heit. Neue Tech­no­lo­gi­en und alte Ungleich­hei­ten in der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2015). Ungleich­heit der Inter­net­nut­zung (Vor­trag). Col­lo­qui­um Fun­da­men­ta­le. Karls­ru­he: YouTube Video.

Quel­len:

Blei­cher, Joan Kris­tin (2010). Inter­net. Kon­stanz: UTB Ver­lag.

Haf­ner, Katie und Lyon, Mat­t­hew (2000). ARPA Kada­b­ra. Oder die Geschich­te des Inter­net. Whe­re wizards stay up late. Hei­del­berg: dpunkt-​Verlag.

Hen­ke, Ursu­la; Hus­ter, Ernst-​Ulrich und Mogge-​Grotjahn, Hil­de­gard (2012). E-​exclusion oder E-​inclusion? In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 548–567). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Kim, Mun-​Cho und Kim, Jong-​Kil (2001). „Digi­tal Divi­de. Con­cep­tual Dis­cus­sions and Pro­s­pect”, The Human Socie­ty and the Inter­net, 78–91.

Lip­pe, Wolfram-​M. (2013). Die Geschich­te der Rechen­au­to­ma­ten. Von mecha­ni­schen Chif­frier­ge­rä­ten bis zu den ers­ten pro­gram­mier­ba­ren Rech­nern. Berlin/​Heidelberg: Sprin­ger View­eg.

Marr, Mir­ko und Zil­li­en, Nicole (2012). Digi­ta­le Spal­tung. In: W. Schwei­ger und K. Beck (Hrsg.), Hand­buch Online­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 257–282). Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Mün­ker, Ste­fan (2012). Die sozia­len Medi­en des Web 2.0. In: D. Miche­lis (Hg.), Social-​Media-​Handbuch: Theo­ri­en, Metho­den, Model­le und Pra­xis (S.45–55). Baden-​Baden: Nomos Ver­lag.

Rich­ter, Alex­an­der und Koch, Micha­el (2007). Soci­al Soft­ware: Sta­tus quo und Zukunft. Mün­chen.

Tichen­or, P.J.; Dono­hue, G.A. und Oli­en, C.N. (1970). “Mass Media Flow and Dif­fe­ren­ti­al Grow­th in Know­led­ge”, Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 34 (2), 159–170.

Autor:

Kai Hau­prich

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Quartier, Quartier was sagst du mir?

Sozia­le Ungleich­heit gehört zu den klas­si­schen For­schungs­ge­gen­stän­den der moder­nen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Im Lau­fe der Zeit haben sich von Marx über Weber, Durk­heim und Gei­ger bis hin zu Bour­dieu unter­schied­lichs­te Theo­ri­en und Model­le sozia­ler Ungleich­heit eta­bliert (vgl. Burzan 2011). Für sozio­lo­gi­sche New­bies: sozia­le Ungleich­heit meint nicht etwa nur die Viel­falt der Men­schen und deren Lebens­wei­sen, frei nach dem Mot­to: „Die Welt ist eben bunt!“. Es han­delt sich dar­über hin­aus um die Beob­ach­tung, dass

Men­schen auf­grund ihrer Stel­lung in sozia­len Bezie­hungs­ge­fü­gen von den ‚wert­vol­len Gütern‘ einer Gesell­schaft regel­mä­ßig mehr als ande­re erhal­ten.“  (Hra­dil 2005: 30)

Robert E. Park über­trug die­ses Kon­zept bereits Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf den (Wohn-) Raum (vgl. Volk­mann 2012: 15). Die sich dar­aus erge­ben­de Annah­me, dass sich sozia­le Dis­tanz auch räum­li­ch mani­fes­tiert, bezeich­net man als Segre­ga­ti­on („Ent­mi­schung“ von lat. segre­ga­re: „abson­dern“, „tren­nen“). Sozi­al­ähn­li­che Grup­pen woh­nen häu­fig gemein­sam in bestimm­ten Stadt­tei­len oder Quar­tie­ren. Bei sozi­al benach­tei­lig­ten Per­so­nen­grup­pen geschieht dies jedoch oft nicht gänz­li­ch frei­wil­lig, denn Hart­mut Häu­ßer­mann (2012: 384) beschreibt zutref­fend:

Die Rei­chen woh­nen wo sie wol­len, die Armen woh­nen, wo sie müs­sen.“

Strit­tig bleibt in der Wis­sen­schaft nach wie vor, ob die räum­li­che Kon­zen­tra­ti­on sozi­al benach­tei­lig­ter Grup­pen, bzw. die Ent­mi­schung eines Stadt­teils, selbst­ver­stär­ken­de Nega­ti­v­e­f­fek­te auf die Bewoh­ner­schaft eines Quar­tiers haben kann. Let’s have a look!

Zer­bro­che­nes Glas

Broken Window

Annah­me der Broken-​Window-​Theorie: Ver­wüs­tung erzeugt Ver­wüs­tung, erzeugt letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät.

Im Jah­re 1982 ver­öf­fent­li­chen James Q. Wil­son und Geor­ge L. Kel­ling einen nun berühm­ten (aber auch umstrit­te­nen) Arti­kel, der Bezug nahm auf ein sozi­al­psy­cho­lo­gi­sches Expe­ri­ment von Phil­ip Zim­bar­do aus dem Jah­re 1969 (vgl. Hae­fe­le 2013: 36ff). Zim­bar­do hat­te beob­ach­tet, dass eine ein­ge­schla­ge­ne Fens­ter­schei­be an einem Auto, das ohne Num­mern­schild und mit offe­ner Motor­hau­be in der Bronx abge­stellt war, dazu führ­te, dass das Fahr­zeug in kür­zes­ter Zeit völ­lig aus­ge­plün­dert und zer­stört wur­de. War das Auto hin­ge­gen unbe­schä­digt, blieb das auch wei­ter­hin so. Die abge­lei­te­te Broken-​Window-Theo­rie besagt nun, dass nicht beho­be­ne, leich­te Beschä­di­gun­gen oder Ver­un­rei­ni­gun­gen in einer Nach­bar­schaft (typi­sch für benach­tei­lig­te Quar­tie­re) wei­te­re schwer­wie­gen­de­re „phy­si­cal and soci­al inci­vi­li­ties“ und letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät nach sich zie­hen. Zer­stö­run­gen und Abfall signa­li­sie­ren den Bewoh­ne­rIn­nen man­geln­de sozia­le Kon­trol­le, Kri­mi­na­li­täts­furcht ent­steht, Bewoh­ne­rIn­nen zie­hen fort, die Miet­prei­se sin­ken, sozi­al benach­tei­lig­te Per­so­nen zie­hen zu, das Quar­tier wird stig­ma­ti­siert, auch für Kri­mi­nel­le wird das Quar­tier schließ­li­ch zum Rück­zugs­raum – eine Abwärts­spi­ra­le beginnt. Die­se noch recht mecha­ni­sche Beschrei­bung sozia­ler Wirk­lich­keit wur­de im Lau­fe der Jah­re durch ver­schie­de­ne Disorder-​Theorien erwei­tert und modi­fi­ziert (sie­he dazu Hae­fe­le 2013). Schon Engels stell­te fest:

Hier woh­nen die Aerms­ten der Armen. […] mit Die­ben, Gau­nern und Opfern der Pro­sti­tu­ti­on bunt durch ein­an­der […], sin­ken doch täg­li­ch tie­fer, ver­lie­ren täg­li­ch mehr und mehr die Kraft den demo­ra­li­sie­ren­den Ein­flüs­sen der Noth, des Schmut­zes und der schlech­ten Umge­bung zu wider­ste­hen“ (Engels 1845: 41 zit. in Volk­mann 2012: 21).

Doch auch ande­re deut­sche Berühmt­hei­ten beschrei­ben recht aktu­ell ähn­li­che Phä­no­me­ne in ihrem Blo­ck, die die Annah­me von selbst­ver­stär­ken­den nega­ti­ven Quar­tier­s­ef­fek­ten nahe legen.

Ein Hafen in die Gesell­schaft

Ent­ge­gen öffent­li­cher Debat­ten über Zuwan­de­rung, in denen oft auch eine dif­fu­se Angst vor „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ mit­schwingt, kann eine soge­nann­te „eth­ni­sche Segre­ga­ti­on“ (Men­schen mit ähn­li­chen kul­tu­rel­len Wur­zeln woh­nen gemein­sam an einem Ort) durch­aus auch posi­ti­ve und inte­gra­ti­ons­för­dern­de Mecha­nis­men aus­lö­sen. Für sozio­öko­no­mi­sche geschwäch­te Zuwan­de­rIn­nen ­bie­ten Quar­tie­re mit einem hohen Anteil von Migran­tIn­nen zunächst eine Chan­ce: Sie die­nen als eine ers­te Anlauf­stel­le, als eine Art „Hafen“ in die frem­de Gesell­schaft. Denn die Migra­ti­on stellt häu­fig zunächst eine Situa­ti­on der Ver­un­si­che­rung dar, weil

in der Frem­de die Tra­di­tio­nen, Gewohn­hei­ten, die Kul­tur, Spra­che, Klei­dung und die Ritua­le des Hei­mat­lan­des wert­los gewor­den sind, im Gegen­teil sogar mit Ableh­nung behan­delt wer­den“ (Far­wick 2009: 35).

Arrival City

Ein Quar­tier mit “beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf” kann auch als Arri­val City fun­gie­ren und damit eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Stadt erfül­len.

Dadurch, dass Zuge­wan­der­te ähn­li­cher Her­kunft sich im Quar­tier wech­sel­sei­tig unter­stüt­zen, schüt­zen sie ihr sozia­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal. Haben sie sich wie­der sozio­öko­no­mi­sch sta­bi­li­siert und kul­tu­rell ori­en­tiert, zie­hen sie in der Regel ein­zeln wei­ter in ande­re Stadt­tei­le – eine Art nied­rig­schwel­li­ge Inte­gra­ti­on voll­zieht sich. Vor­aus­set­zung ist dabei aber stets, dass den Zuge­wan­der­ten ein gesell­schaft­li­cher Auf­stieg ermög­licht wird (sozia­le Mobi­li­tät). Hier ist die Auf­nah­me­ge­sell­schaft in der Ver­ant­wor­tung! Saun­ders (2011) bezeich­net Orte über die sich sol­che Migra­tio­nen voll­zie­hen als „Arri­val Cities“. Sie las­sen sich in Groß­städ­ten auf der gan­zen Welt fin­den – von Los Ange­les über Rio de Janei­ro bis hin nach Berlin-​Kreuzberg (vgl. Saun­ders 2011). Die­se sinn­bild­li­chen „Häfen“ erfül­len die wich­ti­ge Funk­ti­on eines gesell­schaft­li­chen „Durch­lauf­er­hit­zers“ für eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on. Ähn­li­che Effek­te wur­den bereits 1938 von Paul Fre­de­rick Cres­sey für Chi­ca­go beschrie­ben (vgl. Far­wick 2009: 42) – auch hier also: no brea­king news!

Viel­leicht sind es ein­fach die Stör­che.

Empi­ri­sch lässt sich eines immer wie­der wun­der­bar bewei­sen: der Stor­ch bringt die Kin­der. Denn in kin­der­rei­chen Regio­nen, gibt es eben auch vie­le Stör­che. So ein­fach!

In Wirk­lich­keit han­delt es sich hier aber um eine Schein­kor­re­la­ti­on. Tat­säch­li­ch besteht kein ech­ter Ursache-​Wirkungs-​Zusammenhang – cum hoc ergo prop­ter hoc! Viel­mehr ist es so, dass Stör­che auf dem Land leben und Men­schen in länd­li­chen Regio­nen in der Regel mehr Kin­der bekom­men bzw. Fami­li­en mit vie­len Kin­dern auf’s Land zie­hen. Man nennt dies das Stor­chen­pro­blem. Auf glei­che Wei­se lässt sich übri­gens auch „nach­wei­sen“, dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem durch­schnitt­li­chen Scho­ko­la­den­kon­sum eines Lan­des und der Anzahl sei­ner Nobel­preis­trä­ger gibt. Also, nur zu!

Was auf den ersten Blick so klar strukturiert und einfach wirkt, ist in Wahrheit ein hochsensibles Konstrukt.

Was auf den ers­ten Bli­ck so klar struk­tu­riert und ein­fach wirkt, ist in Wahr­heit ein hoch­sen­si­bles Kon­strukt.

Ich möch­te behaup­ten, dass es sich  mit Quar­tier­s­ef­fek­ten ähn­li­ch ver­hält: Zwar klin­gen eini­ge der beschrie­be­nen Zusam­men­hän­ge zunächst durch­aus plau­si­bel, las­sen sich even­tu­ell sogar mit Daten­ma­te­ri­al unter­füt­tern, doch ob ein unmit­tel­ba­rer – oder gar  mecha­ni­scher – Zusam­men­hang zwi­schen der äuße­ren Umwelt und dem Ver­hal­ten der Bewoh­ne­rIn­nen besteht, bleibt oft zu bezwei­feln (vgl. auch Hae­fe­le 2013: 224). Hin­zu kommt, dass sich posi­ti­ve wie nega­ti­ve Quar­tier­s­ef­fek­te ohne wei­te­res über­la­gern und wech­sel­sei­tig beein­flus­sen kön­nen. Ein Stadt­teil kann durch­aus sowohl Schau­platz eines Broken-​Window-​Effekts, als auch eine inte­gra­ti­ons­för­dern­de Arri­val City sein. Was im Hin­ter­grund noch alles zusam­men­spielt, aber nicht direkt beob­acht­bar ist (laten­te Varia­blen), wis­sen wir oft nicht. Auch ist ein Stadt­teil kein abge­schlos­se­ner Con­tai­ner. Men­schen bewe­gen sich zusätz­li­ch in wei­te­ren sozia­len Sphä­ren (Davon wird an ande­rer Stel­le noch zu spre­chen sein.). Ober­fläch­li­che Zuschrei­bun­gen wie „Pro­blem­kiez“ oder „auf­stre­ben­der Stadt­teil“ grei­fen zu kurz, wenn sie den Wan­del eines Quar­tiers auf eini­ge weni­ge Deter­mi­nan­ten zurück­füh­ren wol­len und fata­lis­ti­sche Zusam­men­hän­ge zwi­schen mate­ri­el­ler Umwelt und Men­sch pos­tu­lie­ren. Aber wir alle nei­gen lei­der oft dazu, ein­fa­che Ant­wor­ten auf schwie­ri­ge Fra­gen beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den.

Wer sozia­le Pro­ble­me bes­ser ver­ste­hen möch­te, soll­te stets ein gerüt­telt‘ Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Gepäck haben, denn die Ursa­chen und Fol­gen von Armut und sozia­ler Aus­gren­zung sind ver­wor­ren und kom­plex. Viel­schich­tig zu den­ken und Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten wer­den zur Grund­vor­rau­set­zung guter sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Und die Imple­men­tie­rung von Maß­nah­men, wel­che die Lebens­um­stän­de der Bewoh­ne­rIn­nen eines „Stadt­teils mit beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf“ ver­bes­sern sol­len, wird zur sinn­bild­li­chen Mika­do­pro­ble­ma­tik: Zieht man unbe­darft das fal­sche Stäb­chen, wackeln drei wei­te­re Hölz­chen unge­wollt mit.

Zum Wei­ter­le­sen:

Hae­fe­le, Joa­chim (2013). Die Stadt, das Frem­de und die Furcht vor Kri­mi­na­li­tät. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Saun­ders, Dou­glas (2011). Arri­val City: Über alle Gren­zen hin­weg zie­hen Mil­lio­nen Men­schen vom Land in die Städ­te – von ihnen hängt unse­re Zukunft ab. Mün­chen: Bles­sing.

Quel­len:

Burzan, Nicole (2011). Sozia­le Ungleich­heit. Eine Ein­füh­rung in die zen­tra­len Theo­ri­en. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Cres­sey, Paul Fre­de­rick (1938). “Popu­la­ti­on Suc­ces­si­on in Chi­ca­go, 1898–1930”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 44, 59–69.

Far­wick, Andre­as (2009). Segre­ga­ti­on und Ein­glie­de­rung: Zum Ein­fluss der räum­li­chen Kon­zen­tra­ti­on von Zuwan­de­rern auf den Ein­glie­de­rungs­pro­zess. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Häu­ßer­mann, Hart­mut (2012). Woh­nen und Quar­tier. Ursa­chen sozi­al­räum­li­cher Segre­ga­ti­on. In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 383–396). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Hra­dil, Ste­fan und Schie­ner, Jür­gen (2005). Sozia­le Ungleich­heit in Deutsch­land. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Volk­mann, Anne (2012). Quar­tier­s­ef­fek­te in der Stadt­for­schung und in der sozia­len Stadt­po­li­titk: Die Rol­le des Rau­mes bei der Repro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit. Ber­lin: Univ.-Verl. der TU, Univ.-Bibliothek.

Wil­son, James und Kel­ling, Geor­ge (1982). Bro­ken Win­dows.

Autor:

Kai Hau­prich

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