Vom „ordentlichen Betteln“

Als Fol­ge der EU-​Osterweiterungen im Jah­re 2007 kommt es in Euro­pa zu neu­en Arbeits­mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen. Den aller­meis­ten Zuwan­de­rIn­nen aus Süd-​Osteuropa gelingt in Deutsch­land schnell und mühe­los eine Inte­gra­ti­on in den ers­ten Arbeits­markt. Ein­rich­tun­gen der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe berich­ten aber auch immer wie­der von einer klei­nen Grup­pe in Armut leben­der Men­schen, denen dies nicht geglückt ist. Sie kom­men in der Hoff­nung auf ein bes­se­res Leben, rut­schen jedoch in Deutsch­land schnell in pre­kä­re Lebens­ver­hält­nis­se und am Hil­fe­sys­tem vor­bei – im öffent­li­chen Dis­kurs wird häu­fig der Dys­phe­mis­mus der „Elends­mi­gra­ti­on“ bemüht. In Woh­nungs­lo­sig­keit und Armut ver­su­chen die­se Men­schen schließ­li­ch ihre Exis­tenz durch das Bet­teln in Fuß­gän­ger­zo­nen zu sichern. Vie­le Pas­san­tIn­nen reagie­ren irri­tiert bis ver­är­gert. Häu­fig weni­ger dar­über, dass gebet­telt wird – die Not ist augen­schein­li­ch –, son­dern viel­mehr über die Art und Wei­se wie es geschieht: dis­tanz­lo­ses Auf­tre­ten, akti­ves Anspre­chen, bis hin zur Zur­schau­stel­lung von Kör­per­be­hin­de­run­gen. Mit­men­schen, die „eigent­li­ch“, „nor­ma­ler­wei­se“ und „selbst­ver­ständ­li­ch“ woh­nungs­lo­sen Men­schen „immer etwas geben“, bau­en inner­li­ch Wider­stän­de auf. Man könn­te pro­vo­kant behaup­ten: Die auto­chtho­ne Bevöl­ke­rung wünscht sich ein „ordent­li­ches“ Bet­teln. Gibt es so etwas? Kann man rich­tig oder fal­sch bet­teln? Um das Geben und Bet­teln bes­ser zu ver­ste­hen, lohnt sich ein sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Bli­ck dar­auf, denn

it’s an import­ant and popu­lar fact, that things are not always what they seem”. (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Gesell­schaft durch Geben und Neh­men

Mar­cel Mauss beschreibt in sei­nem Klas­si­ker „Die Gabe“ (1968) ein­drucks­voll wel­che Bedeu­tung das Tau­schen, Schen­ken, Opfern und Geben für eine Gemein­schaft hat. Wich­ti­ge Erkennt­nis: Es geht nicht nur um das, was getauscht wird, son­dern viel­mehr dar­um, wie und war­um es getauscht wird. Dadurch, dass wir die Gabe eines ande­ren anneh­men, gehen wir die Ver­pflich­tung ein, uns bei Gele­gen­heit zu revan­chie­ren. Geschieht die­se Gegen­ga­be dann bei­zei­ten, schaf­fen wir dadurch Ver­trau­en zuein­an­der (vgl. Steg­bau­er 2010: 115). Die­ses Grund­prin­zip des sozia­len Mit­ein­an­ders nennt man „Rezi­pro­zi­tät“ – kennt man doch: „Wie du mir, so ich dir.“, „Eine Hand wäscht die ande­re.“ und die Bismarck’sche Sozi­al­ge­setz­ge­bung baut auch dar­auf. Des­halb schreibt Georg Sim­mel (1908: 663) wohl zurecht:

Ohne dass in der Gesell­schaft dau­ernd gege­ben und genom­men wird […] wür­de über­haupt kei­ne Gesell­schaft zustan­de kom­men.“

Nicht umson­st laden wir Frem­de zu einem Getränk ein, um sie oder ihn in unse­re Rei­hen auf­zu­neh­men. Oder wie der Köl­ner sagen wür­de: … trink noch Ene mit.

It’s a kind of magic

Als eine beson­de­re Form der Gabe kann man das Spen­den lesen: Wir „opfern“ hier sozu­sa­gen etwas, das uns gehört, um spä­ter dafür belohnt zu wer­den. Wenn sich die Gabe und Gegen­ga­be nicht mehr ver­rech­nen las­sen, spricht man von „gene­ra­li­sier­ter Rezi­pro­zi­tät“ – die Spen­de gilt dann der gan­zen Gemein­schaft (vgl. Steg­bau­er 2010: 118) von der wir uns bei Gele­gen­heit belohnt sehen wol­len. Die­se Idee kann sogar in eine Art „magi­sches Han­deln“ hin­über­glei­ten: Wir opfern einem „höhe­ren Wesen“ etwas und erhof­fen uns Glück davon. Klingt zu eso­te­ri­sch? Fang­fra­ge: Wann haben Sie das letz­te Mal eine Mün­ze in einen Klin­gel­beu­tel oder Brun­nen gewor­fen? Das Klein­geld steht hier sym­bo­li­sch für unser Ver­mö­gen das geop­fert wird, um uns auf magi­sche Wei­se Glück zu besche­ren – ein Teil für das Gan­ze (lat: „pars pro toto“) (vgl. Voß 1992: 136). Wer möch­te, darf auch ger­ne den ers­ten Schluck sei­nes Geträn­kes für die Göt­ter ver­gie­ßen – jeder Jeck ist anders!

Das Spen­den an Bett­ler als Opfer­ri­tual

Andre­as Voß (1992) wirft in “Bet­teln und Spen­den” einen tie­fe­ren sozio­lo­gi­schen Bli­ck auf die „Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung“. Bet­teln und Spen­den kön­nen ver­stan­den wer­den als eine Art Opfer­ri­tus (vgl. ebd.: 137ff). Der Bett­ler schafft durch die Insze­nie­rung des Bet­tel­ri­tu­als für die Pas­san­ten eine „auße­r­all­täg­li­che“ Situa­ti­on (vgl. ebd.: 135), die es dem Geben­den ermög­licht etwas zu opfern, um sich spi­ri­tu­ell „zu ver­si­chern“ – wenn auch „nur ein biss­chen Klein­geld“. Wer jetzt Gutes tut, dem wider­fährt auch Gutes im Jen­seits. Mild­tä­tig­keit gegen Arme wird in vie­len Reli­gio­nen belohnt. Wie die Bet­tel­in­sze­nie­rung aus­zu­se­hen hat, und was „erlaubt ist“ ori­en­tiert sich an der jewei­li­gen Zeit und Kul­tur (vgl. ebd.). Außer­dem ver­si­chert uns der Bett­ler, als Figur, die sich durch ihre ritu­el­le Selbst­er­nied­ri­gung erkenn­bar „außer­halb der Gesell­schaft“ stellt, dass der Geben­de zum „Innen“ der Gesell­schaft gehört. Der Bett­ler ver­si­chert: „Uns geht es gut, wir gehö­ren noch dazu!“ (vgl. ebd.: 147).

Beim Ritual des Bettelns markiert den Spendenbecher die fassbare Grenze des "Innen" und "Außen" einer Gesellschaft.

Beim Ritual des Bet­telns mar­kiert der Spen­den­be­cher die fass­ba­re Gren­ze des “Innen” und “Außen” einer Gesell­schaft.

Die­ses Gefühl ist es, das uns der Bett­ler zurück-​gibt: sei­ne Leis­tung, sei­ne Gegen­ga­be. „Dem Bett­ler kommt beson­ders in einem Wohl­fahrts­staat […] die Funk­ti­on eines sozia­len Mess­punk­tes zu“ (Voß 1992: 147). Das Bet­tel­ri­tual ist also kei­nes­wegs Betrug, son­dern aus sozio­lo­gi­scher Sicht sozu­sa­gen ein gesell­schaft­li­ches Büh­nen­stück. Es folgt einer Cho­reo­gra­phie, die geschicht­li­ch gewach­sen und kul­tu­rell gefärbt ist (vgl. ebd.: 82ff) – wie „ordent­li­ch“, im Sin­ne von gesell­schaft­li­ch gewünscht, gebet­telt wird, ist wan­del­bar: Im Ste­hen, Sit­zen oder auf den Kni­en, mit oder ohne Bet­tel­schild, Becher oder Hand, akti­ves Anspre­chen oder stil­les Ver­har­ren in der Ecke, Zur­schau­stel­len von Kör­per­be­hin­de­run­gen oder doch lie­ber ein ori­gi­nel­ler Spruch (vgl. ebd.: 175ff). Was heu­te unter Straf­an­dro­hung ver­bo­ten wird, war frü­her nor­mal und wird es viel­leicht auch wie­der ein­mal sein. Was es jedoch beim Bet­teln für den Geben­den immer braucht, ist die „Zwi­schen­schal­tung eines ritu­el­len Fil­ters“, denn:

Die Not und das Elend des rand­stän­di­gen Armen kön­nen so groß sein, dass das unmit­tel­ba­re Mit­ge­fühl über­for­dert ist. Die Flucht­re­ak­ti­on vor der Wahr­neh­mung des Armen ist die Fol­ge.“ (Voß 1992: 149)

Der „frem­de Bett­ler“ als Spie­gel

Die mora­li­sche oder emo­tio­na­le Irri­ta­ti­on, die bei eini­gen Pas­san­tIn­nen häu­fig sogar in Aggres­si­on gegen den Bet­telen­den umschlägt, könn­te man sozio­lo­gi­sch auch so deu­ten, dass hier das insze­nier­te Bet­tel­ri­tual nicht mit unse­ren eige­nen, aktu­el­len Vor­stel­lun­gen zusam­men­passt. Die Fra­ge nach Klein­geld des „frem­den Bett­lers“ wird zum Spie­gel des Zeit­geists und der eige­nen Kul­tur. Wenn uns also das nächs­te Mal ein „unor­dent­li­cher Bett­ler“ vor dem Dis­coun­ter im Kopf oder Her­zen durch­ein­an­der bringt, ist es doch gut zu wis­sen, dass das oft mehr mit uns selbst und unse­ren Wert­vor­stel­lun­gen zu tun hat, als mit dem­je­ni­gen der uns in sei­ner Not um Hil­fe bit­tet.

Und wenn man den Wert einer Gesell­schaft wirk­li­ch dar­an erkennt, wie sie mit den schwächs­ten ihrer Glie­der ver­fährt (Gus­tav Hei­nemann), dann wird das Bet­tel­ri­tual zum mora­li­schen Kas­sen­sturz. In die­sem Sin­ne:

So long and thanks for all the fish.“ (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Zum Wei­ter­le­sen:

For­schungs­be­richt des Pro­jekts “Port GULLIVER – Süd­ost­eu­ro­päi­sche Elends­mi­gra­ti­on in Köln” (2013) in Zusam­men­ar­beit mit dem Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum e.V.

Mün­ch, Tho­mas und Hau­prich, Kai (2015). “Groun­ded Rese­ar­ch. For­schung als Inter­ven­ti­on”, in. L. Schmitz (Hg.) Arti­vis­mus. Kunst und Akti­on im All­tag der Stadt (S.123–142) Bie­le­feld: Tran­script.

Inter­views mit bet­teln­den Men­schen (Bet­tel­lob­by Wien)

Quel­len:

Mauss, Mar­cel (1968 zuer­st 1924). Die Gabe: Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Sim­mel, Georg (1908). Sozio­lo­gie: Unter­su­chun­gen über die For­men der Ver­ge­sell­schaf­tung. Leip­zig: Duncker & Hum­blot.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Steg­bau­er, Chris­ti­an (2010). Rezi­pro­zi­tät. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling, Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 113–122). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den: Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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Große Erzählungen” und Soziale Arbeit

Der im Mai 2015 ver­stor­be­ne Phi­lo­so­ph Odo Mar­quard – er selbst bezeich­ne­te sich als „Skep­ti­ker“ – hat vie­le unter­schied­li­che Fäden gespon­nen und Begrif­fe ent­wor­fen. Man den­ke nur an sein schö­nes Wort der „Inkom­pe­tenz­kom­pen­sa­ti­ons­kom­pe­tenz“ oder wie er im „Abschied vom Prin­zi­pi­el­len“ sei­ne phi­lo­so­phi­sche Sicht for­mu­liert:

Die Skep­ti­ker sind also gar nicht die, die prin­zi­pi­ell nichts wis­sen; sie wis­sen nur nichts Prin­zi­pi­el­les“ (Mar­quard 1981: 17).

Religionswand

Die­se Küchen­wand kann gele­sen wer­den als “geron­ne­ne Poly­my­thie”. Unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen fin­den ihren Platz.

Ein durch­gän­gi­ger Faden die­ses Mit­glieds der „skep­ti­schen Gene­ra­ti­on“ ist sei­ne tie­fe Skep­sis gegen­über Hal­tun­gen, die er unter dem Begriff der „Geschichts­phi­lo­so­phie“ sub­sum­miert. Einer Posi­ti­on, die er als „Dau­er­flucht aus dem Gewis­sen­ha­ben in das Gewis­sen­s­ein“ (Mar­quard 1981: 57) beschreibt und der er eine star­ke Nei­gung zum „Neo­ma­nichäis­mus“, zum „Tri­bu­nal“ und zum „Mono­my­thos“ zuschreibt.

Und im „Lob des Polyt­he­is­mus“ skiz­ziert er die­sen „Mono­my­thos“ als den „Mythos des unauf­halt­sa­men, welt­ge­schicht­li­chen Fort­schritts zur Frei­heit“ (Mar­quard 1981: 99), der neben sich kei­ne ande­ren Mythen, kei­ne ande­ren Geschich­ten dul­det. Das Unbe­ha­gen, das er ange­sichts die­ser Mono­my­tho­lo­gie emp­fin­det, basiert einer­seits auf dem Ver­lust der Viel­heit und an Frei­heit. Ande­rer­seits hat Mar­quard – er ist 1928 gebo­ren – im „tota­li­tä­ren Jahr­hun­dert“ erlebt, was denen geschieht, die sich die­ser „gro­ßen Erzäh­lung“ ent­zie­hen: Sie wer­den „fort­an zum Häre­ti­ker, zum Geschichts­ver­rä­ter, zum Men­schen­feind“ (Mar­quard 1981: 101) mit allen Kon­se­quen­zen! Daher sein tief sit­zen­des Unbe­ha­gen ange­sichts des „Mono­my­thos der allein­se­lig­ma­chen­den Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te“ und sein Plä­doy­er für eine Viel­heit von Mythen und Geschich­ten, für die Poly­my­thie.

Die Poly­my­thie erscheint in der Pra­xis

Ein Semi­n­ar an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten; zukünf­ti­ge Sozi­al­ar­bei­te­rIn­nen beschäf­ti­gen sich mit Grund­satz­fra­gen der Sozia­len Arbeit. Andre­as Schaar­schu­ch und sein Kon­zept der „Sozia­len Dienst­leis­tun­gen aus Nut­zer­sicht“ wird prä­sen­tiert und ver­or­tet in der Theo­rie­ge­schich­te der Pro­fes­si­on. Und in die­ser Ver­or­tung erkennt man die dort ehe­mals vor­herr­schen­de Per­spek­ti­ve, die

immer enge­re, spe­zi­fi­sche­re und damit eng­s­chränk­te Mög­lich­keits­kor­ri­do­re defi­nier­te und so von vorn­her­ein die Vor­herr­schaft gesell­schaft­li­cher Struk­tu­ren über das Han­deln sup­po­nier­te“ (Schaar­schu­ch 2006: 84).

Han­deln wird still­ge­stellt; die Struk­tur beherrscht das Tun. Und als eine mög­li­che Ant­wort auf die­ses Dilem­ma erscheint das Kon­zept der „Sozia­len Dienst­leis­tung“, wel­ches anknüp­fend an die Inter­es­sen der Nut­ze­rIn­nen die Hand­lungs­fä­hig­keit der Sozia­len Arbeit wie­der­her­stellt, indem sie das

Aneig­nungs­han­deln der Nut­ze­rin­nen und Nut­zer in das Zen­trum stellt“ (Schaarschuch/​Oelerich 2005: 9)!

Der Gebrauchs­wert und der Nut­zen für die Nut­ze­rIn­nen rücken in den Fokus der Pro­fes­si­on und wer­den zum Prüf­stein gelun­ge­ner Sozia­ler Arbeit; Han­deln ist wie­der mög­li­ch. Und an die­sem Punkt gerät das Semi­n­ar in Bewe­gung!

Als Reak­ti­on auf Theo­rie­an­ge­bo­te, die „mono­my­thi­sch“ ver­mit­teln, dass ein Rich­ti­ges im Fal­schen nicht sein kann, dass ein Han­deln unter den aktu­el­len „Struk­tu­ren“ nicht oder nur begrenzt mög­li­ch ist, dass „Haupt–“ vor „Neben­wi­der­sprü­chen“ zu lösen sein; als Reak­ti­on auf all die­se Ein­schrän­kun­gen und dicho­to­m­en Erklä­rungs­mus­ter wird das ange­bo­te­ne Kon­zept als Befrei­ung und Hand­lungs­er­mäch­ti­gung erlebt.

In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on wer­den gen­au die­se neu­en Hand­lungs­an­ge­bo­te und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten als das erlebt, was eine gute Theo­rie sein soll: im wahrs­ten Sin­ne prak­ti­sch!

Ein Gesche­hen voll­zieht sich im Semi­n­ar, was nur ver­gleich­bar ist mit den Ver­än­de­run­gen, die sich in der Begeg­nung Stu­die­ren­der mit sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en erge­ben, die die Welt­sicht der Stu­die­ren­den gründ­li­ch bewe­gen. Wer erfah­ren hat, wie wirk­mäch­tig z.B. Bour­dieus „Habi­tus“ auf bil­dungs­be­nach­tei­lig­te Stu­die­ren­de sein kann, gewinnt an Ver­trau­en zu „guter Theo­rie“.

Wenn Theo­ri­en wie Bril­len sind, die in ihrer Unter­schied­lich­keit unter­schied­li­che Bil­der der Wirk­lich­keit erge­ben kön­nen (ein Bild, wel­ches ich mei­ner Kol­le­gin Anne van Rie­ßen ver­dan­ke), dann gewinnt das Lob der „Poly­my­thie“ von Odo Mar­quardt an Bedeu­tung für die Leh­re: Unter­schied­li­che Bril­len sind vor­zu­stel­len, um mono­my­thi­sche „gro­ße Erzäh­lun­gen“ mit ihren elen­den Kon­se­quen­zen für die Hand­lungs­fä­hig­kei­ten der Stu­die­ren­den und der Pro­fes­si­on zu dekon­stru­ie­ren.

Quel­len:

Mar­quard, Odo (1981). Abschied vom Prin­zi­pi­el­len. Stutt­gart: Reclam.

Oele­rich, Ger­trud; Andre­as Schaar­schu­ch (Hg.) (2005). Sozia­le Dienst­lei­tun­gen aus Nut­zer­sicht. Zum Gebrauchs­wert Sozia­ler Arbeit. Mün­chen: Rein­hardt.

Schaar­schu­ch, Andre­as (2006). Der Nut­zer Sozia­ler Dienst­leis­tun­gen als Pro­du­zent des „Sozia­len“. In: T. Bada­wia; H. Luck­as & H. Mül­ler (Hrsg.), Das Sozia­le Gestal­ten: Über Mög­li­ches und Unmög­li­ches der Sozi­al­päd­ago­gik (S. 81–94). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Zeig‘ mir deine Follower und ich sag dir, wer du bist

Der Umgang, den wir pfle­gen, sagt viel über uns selbst aus. Wir nei­gen dazu, Kon­takt zu Men­schen auf­zu­neh­men, die uns ähn­li­ch sind ­­– Sozi­al­psy­cho­lo­gIn­nen spre­chen von Homo­phi­lie – und las­sen uns im Umkehr­schluss natür­li­ch auch von Per­so­nen beein­flus­sen, die uns nahe ste­hen – Bis hier­hin: Bin­sen­weis­heit. Fritz Hei­der (1946) beschrieb in sei­ner Balan­ce­theo­rie (zuge­ge­ben noch recht rudi­men­tär – aber doch ein guter Ein­stieg) bereits Mit­te der 1940er Jah­re einen sol­chen Zusam­men­hang zwi­schen unse­ren Ein­stel­lun­gen und den Bezie­hun­gen zu Mit­men­schen.

In Zei­ten, in denen der Umgang mit Soci­al Media Platt­for­men wie Face­book, Ins­ta­gram oder auch Twit­ter zu unse­rem all­täg­li­chen Stan­dard­re­per­toire des Sozia­len gehört, wird uns „der Umgang den wir pfle­gen“ so plas­ti­sch wie noch nie vor Augen gestellt: Sven schreibt dir über Whats­app, Sabi­ne kom­men­tiert dei­nen Bei­trag auf Ins­ta­gram, Micha­el hat dich auf einem Foto mar­kiert und @Thomas folgt dir jetzt auf Twit­ter! In wel­chem Ver­hält­nis unse­re digi­ta­len Bezie­hun­gen nun zu unse­ren Freun­den und Bekannt­schaf­ten im Real-​Life ste­hen (Reiz­wort: „Face­book­freun­de“) steht auf einem ande­ren Blatt und darf (soll­te!) ger­ne kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­den. Aus empi­ri­sch sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve han­delt es sich doch nüch­tern betrach­tet zunächst mal um gut doku­men­tier­te – weil en pas­sant ent­stan­de­ne – Daten über das sozia­le Sys­tem der betref­fen­den Per­son. Im öffent­li­chen Dis­kurs fällt der Fokus der Debat­ten um sol­che Daten sehr schnell auf jene, die von Pri­vat­un­ter­neh­men oder auch Geheim­diens­ten im Hin­ter­grund erho­ben und aus­ge­wer­tet wer­den könn­ten und wohl auch wer­den. Die­se Debat­ten sind unge­mein wich­tig und müs­sen auch geführt wer­den! Es gibt da aber noch eine ande­re Form von Daten, über die in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und poli­ti­schen Dis­kur­sen sel­te­ner gespro­chen wird:

Auf vie­len Soci­al Media Platt­for­men (und beson­ders auf Twit­ter) fal­len fort­wäh­rend Infor­ma­tio­nen und Daten über Nut­ze­rIn­nen an, die noch zunächst kei­ne beson­de­re Aus­sa­ge­kraft haben, weil sie recht frag­men­tiert (also in klei­nen Tei­len) und chao­ti­sch vor­lie­gen. Es fehlt der Über­bli­ck! Die­sen Daten wird von den meis­ten Usern des­halb auch kei­ne wei­te­re Beach­tung geschenkt: ein Like hier, ein Favo­rit dort, noch schnell ein Ret­weet und ab heu­te fol­ge ich @MaxMustermann – wen kümmert’s? Sam­melt bzw. aggre­giert – Sozi­al­wis­sen­schaft­ler­sprech – man die­se Infor­ma­tio­nen aber und stellt sie gra­phi­sch dar, kann man sehr viel über einen Men­schen ler­nen.

Etwas kon­kre­ter: Mit kos­ten­lo­ser Soft­ware wie NodeXL (eine Erwei­te­rung für Excel – für Netz­werkana­ly­ti­ker emp­feh­lens­wert!) ist es mög­li­ch, ego­zen­trier­te Follower-​Netzwerke von Twit­ter zu erhe­ben. Heißt jetzt was? Es ist mög­li­ch, eine Lis­te der Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt her­un­ter­zu­la­den. Im nächs­ten Schritt lässt sich ermit­teln, wer im Krei­se die­ser User, wem der ande­ren auf Twit­ter folgt. Die­ses Bezie­hungs­cha­os wird in einem nächs­ten Schritt z.B. mit der Open Sour­ce Soft­ware Gephi geord­net und dar­ge­stellt. Dazu wer­den Grup­pen (soge­nann­te „Modu­la­ri­ty Clas­ses“) errech­net von Per­so­nen, die unter­ein­an­der stark ver­bun­den sind – sozu­sa­gen Cli­quen. Was hier recht tri­vi­al klingt, erzeugt zum Teil erschre­ckend exak­te Bil­der bzw. Pro­fi­le eines Users. Ord­net man das Bezie­hungs­ge­wirr gra­phi­sch mit ent­spre­chen­den Algo­rith­men (soge­nann­te „Spring Embed­der“) und schaut sich die ent­ste­hen­den Grup­pen unter der Fra­ge­stel­lung an “Was haben die­se Per­so­nen gemein­sam?”, lässt sich schnell able­sen, mit wem man es da zu tun hat. Bei­spiel gefäl­lig?

Kai Follower Network

Twit­ter Follow-​Netzwerk: Die­ser Nut­zer inter­es­siert sich schein­bar für Sozi­al­wis­sen­schaft (grün), Digitalisierung/​Internet (blau/​gelb) und kommt aus Düs­sel­dorf (rosa). Guess who?

Mir geht es hier, ganz aus­drück­li­ch nicht, um den schon infla­tio­när ver­wen­de­ten und recht unkon­kre­ten Mode-​Begriff der „Big Data“. Auch geht es mir nicht um den Leit­spruch „Pass bloß auf was du pos­test!“. Ich spre­che von den Daten, die bei der Nut­zung von Soci­al Media unwei­ger­li­ch anfal­len und von jeder­mann gesam­melt und ana­ly­siert wer­den kön­nen. Für sich genom­men sind das in der Regel harm­lo­se und tri­via­le Infos. Bün­delt man sie aber mit ein­fa­chen Metho­den, bekom­men sie eine ganz neue Qua­li­tät (Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen wür­den viel­leicht von Emer­genz spre­chen).

Aus einer rein sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve drän­gen sich mir immer wie­der zwei Fra­gen auf:

  1. Was lässt sich aus den Daten able­sen und wie kann ich es kon­struk­tiv und für gute (!) Zwecke nut­zen?
  2. Wel­che Daten darf ich aus dem Blick­win­kel der Wis­sen­schafts­ethik über­haupt erhe­ben, aus­wer­ten und vor allem wo und wie publi­zie­ren?

Zur ers­ten Fra­ge habe ich im Aus­tau­sch mit ande­ren Netz­werkana­ly­ti­ke­rIn­nen und Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen jeden Tag neue Idee, wie man die­se Daten struk­tu­rie­ren könn­te und was sich dar­aus epis­te­mio­lo­gi­sch (erkennt­nis­ge­win­nend) ablei­ten lie­ße. Mein Favo­rit: Man erhe­be auf beschrie­be­ne Wei­se ein Netz­werk, aller Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt, und ein wei­te­res Netz­werk der Per­so­nen, die wie­der­um ihm fol­gen. Dar­an lässt sich able­sen, woher @maxmustermann sei­ne Infor­ma­tio­nen bezieht, an wem er sich inhalt­li­ch ori­en­tiert und wen er unter­stützt. Letz­te­res Netz­werk zeigt, wie er auf ande­re Men­schen wirkt, wen er anzieht und in wel­chen Krei­sen er Ein­fluss hat.

Die, wie ich fin­de, kniff­li­ge­re Fra­ge ist aber doch Fol­gen­de: An wel­chen Daten darf ich mich über­haupt unge­fragt bedie­nen und was darf ich davon öffent­li­ch machen? Man könn­te sich zwar (von naiv bis dreist) auf den Stand­punkt stel­len, alle Daten sei­en ja ohne­hin frei von der betref­fen­den Per­son im Netz zur Ver­fü­gung gestellt wor­den und des­halb kön­ne man sich bedie­nen – man habe ja rein wis­sen­schaft­li­che Inter­es­sen. Dage­gen hal­te ich aber, dass die meis­ten Nut­ze­rIn­nen die vor­ge­stell­ten Mög­lich­kei­ten über­haupt nicht ken­nen und sich ver­mut­li­ch anders im Web “beneh­men” wür­den, wenn man ihnen die Ergeb­nis­se zeigt. Noch schär­fer: Darf ich mei­ne Ana­ly­sen öffent­li­ch machen? Einer­seits zeigt man nichts, was nicht für jeder­mann theo­re­ti­sch recher­chier­bar wäre (bei Twit­ter ist es für jeder­mann mög­li­ch ein­zu­se­hen wem @maxmustermann folgt). Ich hal­te aber hier dage­gen, dass die Dar­stel­lung der Daten der­ma­ßen kon­zen­triert ist, dass ihre Ver­öf­fent­li­chung der Zustim­mung bedarf, wenn es sich um Ein­zel­per­so­nen han­delt. Denn die­se Ana­ly­sen kön­nen kon­kre­te (nega­ti­ve) Aus­wir­kun­gen auf das Leben die­ser Per­so­nen haben – sie sind sehr aus­sa­ge­kräf­tig. Wenn man sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Lai­en ein sol­ches Netz­werk zeigt, erfas­sen nahe­zu alle sehr intui­tiv, in wel­chen Krei­sen sich die unter­such­ten Per­so­nen bewe­gen und was das über sie sagt. Ich erin­ne­re hier nur an die Debat­te um goo­gle street view! Natür­li­ch wäre es auch theo­re­ti­sch mög­li­ch, dass ich mir mal anschaue, wo mei­ne Kol­le­gIn­nen woh­nen – auch in Real-​Life. Dass das nun aber jeder bequem von Zuhau­se aus tun kann, hat aber eine ganz ande­re Qua­li­tät. Es wird zurecht pro­tes­tiert!

Ich fin­de die prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft soll­te sich kei­nes­wegs die kon­struk­ti­ven Mög­lich­kei­ten die­ser neu­en digi­ta­len Metho­den ent­ge­hen las­sen, zumal das Inter­net zu einem immer wich­ti­ge­ren Teil von Gesell­schaft wird. Wir kön­nen hier sehr viel über Gesell­schaft ler­nen und für „gute Din­ge“ nut­zen. Über die ethi­schen Rah­men­be­din­gun­gen und Gren­zen der Erhe­bung und Aus­wer­tung von öffent­li­chen Online­da­ten wird aber unbe­dingt zu dis­ku­tie­ren sein – bevor auch hier das mora­li­sche Vaku­um ent­steht, das wir ger­ne Wirt­schafts­un­ter­neh­men vor­wer­fen.

Oder um es mit dem gro­ßen Phi­lo­so­phen Lem­my Kil­mis­ter zu sagen:

Just ‘cos you got the power. That don’t mean you got the right”

Quel­len:

Hei­der, F. (1946) “Atti­tu­des and Cogni­ti­ve Orga­niza­t­i­on”, Jour­nal of Psy­cho­lo­gie, Vol. 1946 No. 21, pp. 107–112.

Autor:

Kai Hau­prich

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Let me google that for you!

Eine neue Spe­zies Stu­die­ren­de lehrt Universitäts- und Hoch­schul­pro­fes­so­rIn­nen das Fürch­ten: Digi­tal Nati­ves – jun­ge Men­schen, die mit digi­ta­len Medi­en auf­ge­wach­sen sind und kei­ne Welt ohne Inter­net mehr ken­nen. Man kann über die „Mill­en­ni­als” oder auch „Gene­ra­ti­on Y”, wie sie von Sozio­lo­gIn­nen genannt wird (und zu der auch ich wohl zäh­le), ja viel schimp­fen, aber eines muss man uns doch las­sen: wenn es um das Beschaf­fen von Infor­ma­tio­nen geht, sind wir unge­schla­ge­ne Welt­meis­ter! Aus­ge­rüs­tet mit Tablets, Smart­pho­nes und mit vir­tuo­sen Fin­ger­fer­tig­kei­ten (jah­re­lan­ges Game­boy­spie­len zahlt sich end­li­ch aus) fin­den wir im Netz Ant­wor­ten in Sekun­den­schnel­le; häu­fig noch bevor der Leh­ren­de die Fra­ge über­haupt zu Ende an die Tafel geschrie­ben hat – Oh ja, auch heu­te noch fin­den sich an deut­schen Hoch­schu­len Pro­fes­so­rIn­nen aus der „Krei­de­zeit”.

Wo Fak­ten­wis­sen Auto­ri­tät bedeu­te­te wird das iPad zur Waf­fe im „Klas­sen­kampf”

Das Wis­sen der Welt wird nun gelie­fert von einer Maschine, so groß wie ein Taschen­buch und nur eini­ge hun­dert Gramm schwer. Immer mehr Stu­die­ren­de sit­zen mit Tablets in der Vor­le­sung; wer noch kei­nes besitzt, der greift zum Smart­pho­ne – stan­dard move. Über die Fol­gen sind vie­le Pro­fes­so­rIn­nen irri­tiert: Der Stu­die­ren­de im zwei­ten Fach­se­mes­ter fin­det den gesuch­ten Para­gra­phen im BGB schnel­ler als der habi­li­tier­te Jurist über­haupt blät­tern kann. Das Worst-​Case-​Szenario: Ein ange­hen­der Sozio­lo­ge ruft wäh­rend der „Ein­füh­rung in die Sozio­lo­gie” ins Semi­n­ar: „Da ist ein Feh­ler auf der Folie. Durk­heim wur­de nicht in die­sem Jahr gebo­ren.” Pein­li­ch! Wenn so etwas pas­siert, sehen vie­le Leh­ren­de ihre Auto­ri­tät bedroht. War­um eigent­li­ch?

Et steht über­haupt allet im Buch wat ich sach, bloß nid­de so schön”

Mir wur­de schon von Vor­le­sun­gen berich­tet, in denen der Leh­ren­de nur noch Power­point­fo­li­en her­aus­gibt auf denen die Über­schrif­ten und zen­tra­len Begrif­fe feh­len. Begrün­dung: „Wenn Sie wis­sen, was vor­kommt, könn­ten Sie den Rest auch goo­geln. War­um soll­ten Sie dann noch in mei­ne Vor­le­sung kom­men?” Sehr gute Fra­ge! Aber doch wohl eine auf die Dozen­tIn­nen selbst die bes­te Ant­wort haben soll­ten. Oder noch schär­fer: Eine Fra­ge, die nie im Raum ste­hen dürf­te. Gegen­bei­spiel ­– schon ein­mal fol­gen­den Satz gehört? „Goe­thes Faust? Schau ich mir nicht im Thea­ter an, alle rele­van­ten Infos ste­hen im Brock­haus.” Oder „Livekar­ten für McCart­ney, nein dan­ke. Die Beat­les kann ich auch bei Spo­ti­fy hören.”

Es geht mir kei­nes­wegs dar­um, Pro­fes­so­rIn­nen zu Bildungs-​Animateuren zu degra­die­ren oder die Stu­die­ren­den zu Kun­den zu erhe­ben. Aber ist es nicht so: Wenn ech­te Exper­tIn­nen mit Lei­den­schaft von dem spre­chen, wovon sie begeis­tert sind (was hof­fent­li­ch vor­aus­ge­setzt wer­den darf), ist es kei­ne Anstren­gung zuzu­hö­ren. Es macht Spaß, Mut und inspi­riert! Wenn ein Meis­ter von sei­nem Fach spricht, hän­gen wir an sei­nen Lip­pen.

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Eine Welt ohne Inter­net – für mei­ne Gene­ra­ti­on nur noch schwer vor­stell­bar.

Natür­li­ch sind die Grund­la­gen in der Leh­re oft „Same Pro­ce­du­re As Every Year”, aber wenn es gut und ver­ständ­li­ch vor­ge­tra­gen wird, kom­men wir ger­ne. Dann hat es ein­fach einen Mehr­wert. Denn nicht zuletzt kommt mit jedem Semes­ter eine neue Esels­brü­cke, ein ori­gi­nel­les Bei­spiel oder eine wit­zi­ge Rand­be­mer­kung (amü­sant ist eben nicht zwin­gend das Gegen­stück zu seriös) dazu. Übung macht den Meis­ter, bis irgend­wann der magi­sche Satz der Stu­die­ren­den fällt: „Ich höre Ihnen ger­ne zu. Sie erklä­ren total gut!”

Das schöns­te Kom­pli­ment, das man mir per­sön­li­ch machen kann, ist fol­gen­des: Sie stel­len im Vor­feld alle Foli­en online, Sie geben Lite­ra­tur­lis­ten aus, ein Groß­teil der Stu­die­ren­den hat schon eine Vor­ah­nung, dass sie wohl bestehen wer­den (z.B. weil das Refe­rat schon gehal­ten und für gut befun­den wur­de) und dann ist der Semi­nar­raum am letz­ten Tag trotz­dem noch bre­chend voll.

Auch über Anwe­sen­heits­pflich­ten kann (und soll­te) man vor­treff­li­ch strei­ten. Das Schö­ne wenn sie ent­fällt, ist doch aber: die Stu­die­ren­den stim­men mit den Füßen ab!

Wer nun behaup­ten will, es gebe The­men, die sei­en qua­si von Natur aus unse­xy und da müs­se man durch, dem rate ich mal einen Sci­en­ce Slam zu besu­chen – chal­len­ge accep­ted!

Rat­ge­ber gegen Lie­bes­kum­mer

Ich möch­te an die­ser Stel­le eine Behaup­tung auf­stel­len: Bei vie­len Debat­ten im Hoch­schul­um­feld, die um die nega­ti­ven Kon­se­quen­zen der Digi­ta­li­sie­rung und die inten­si­ve Soci­al Media Nut­zung von Stu­die­ren­den krei­sen, geht es nicht um Tech­nik. Es geht um die Fra­ge: „Was ist Bil­dung und wozu ist sie wich­tig?”. Der Weg­fall des Fak­ten­wis­sens zwingt uns die­se Fra­ge wie­der auf – gut so – und wir rin­gen nach Ant­wor­ten und eini­ge Prot­ago­nis­ten der Bil­dungs­land­schaft auch nach Luft. Eine beru­hi­gen­de Ant­wort könn­te doch sein:

Bil­dung ist das, was übrig bleibt, wenn wir ver­ges­sen, was wir gelernt haben.” (Edward Fre­de­rick Lind­ley Wood)

Gute Dozen­tIn­nen tun doch mehr als Ver­mitt­lung von Fak­ten­wis­sen (die­ses Argu­ment wird häu­fig und ger­ne selbst von Tech­nik­geg­ne­rIn­nen vor­ge­tra­gen). Sie kon­textua­li­sie­ren Wis­sen, ent­wi­ckeln mit den Stu­die­ren­den neue Fra­gen, berich­ten von Forschungs- und Lebens­er­fah­rung, sind Men­to­rIn­nen, Spie­gel und Kor­rek­tiv und vie­le Din­ge mehr. Es gibt ein­fach Auf­ga­ben und Pro­ble­me im Leben, die nicht wirk­li­ch durch das Lesen von Büchern gelöst wer­den kön­nen – und die Zwi­schen­über­schrift gibt einen ers­ten Hin­weis auf einen Klas­si­ker im pri­va­ten, den die meis­ten wohl intui­tiv erfas­sen kön­nen.

Könn­te hier nicht auch eine Chan­ce der Digi­ta­li­sie­rung lie­gen? Weil das rei­ne Ver­mit­teln von Fak­ten­wis­sen banal und obso­let wird, haben wir nun wie­der Zeit für die wesent­li­chen Aspek­te von Bil­dung? Des­halb wür­de ich auch eLe­arning nicht inter­pre­tie­ren als der Ver­su­ch von tech­no­phi­len Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten die Uni­ver­si­tät abzu­schaf­fen – es könn­te doch auch dar­um gehen, den Pro­fes­so­rIn­nen den Rücken frei zu hal­ten, um mehr Zeit für eine men­to­ren­haf­te Betreu­ung der Stu­die­ren­den zu schaf­fen, die heu­te lei­der nur eini­gen weni­gen stu­den­ti­schen Mit­ar­bei­te­rIn­nen, Wis­sen­schaft­li­chen Hilfs­kräf­ten und Dok­to­ran­dIn­nen zu Teil wird.

Durch das Inter­net und die Digi­ta­li­sie­rung wird auch in der Bil­dung vie­les anders – aber ob es bes­ser oder schlech­ter wird, liegt doch wohl in unse­ren Hän­den. Packen wir’s an!

Aber zunächst wäre noch eine Fra­ge zu klä­ren: Wann wur­de Durk­heim denn jetzt gebo­ren? Die Ant­wort lau­tet natür­li­ch.

Autor:

Kai Hau­prich

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Warum wir wissenschaftlich bloggen – und wozu das gut sein soll!

Im angel­säch­si­schen Wis­sen­schafts­be­trieb ist das „aca­de­mic blog­ging“ längst eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der der Wis­sen­schafts­be­trieb auf die neu­en Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en reagiert. Bei­spiel­haft sei hier nur auf The Impact Blog der LSE ver­wie­sen, wo regel­mä­ßig Kol­le­gIn­nen zur Fra­ge der Imple­men­ta­ti­on von Wis­sen in die ver­schie­de­nen Sphä­ren der Gesell­schaft blog­gen.

Neu­li­ch blogg­te Jen­ny Davis unter dem Titel The legi­ti­ma­cy and use­ful­ness of aca­de­mic blog­ging will shake how intel­lec­tua­lism deve­lops zu der span­nen­den Fra­ge, ob Blogs zitier­fä­hig in wis­sen­schaft­li­chen Tex­ten sind und wel­che wei­te­ren, offe­nen Fra­gen mit die­ser Fra­ge­stel­lung ver­bun­den sind. Und wel­che beant­wor­tet wer­den müs­sen, um uns dabei zu hel­fen, to „orga­ni­ze our thoughts“.

Und nach je drei „Pros and Cons of Blog Cita­ti­on“ und drei Ori­en­tie­rungs­fra­gen:

1.) When is it okay to cite blogs in a for­mal aca­de­mic paper?

2.) Which blogs are okay to cite, and how do we know?

3.) Who can cite blogs?

endet sie die­sen ihren Blog mit fol­gen­der “Final Ans­wer”:

Hey, I said at the begin­ning I was not going to pro­vi­de a defi­ni­ti­ve ans­wer. I think the ambi­gui­ty is indi­ca­ti­ve of a chan­ging pro­fes­sio­nal land­scape. Deci­si­ons we make about cita­ti­on — and ulti­mate­ly, the legi­ti­ma­cy of dif­fe­rent forms of work — will shape how intel­lec­tua­lism deve­lops. The real ques­ti­on then, is how do we want the intel­lec­tual land­scape to look?”

Und die­se Fra­ge, “how do we want the intel­lec­tual land­scape to look?” ist eine von den Fra­gen, die uns in die­sem unse­rem Blog bewe­gen wird.

Bewegt wird unser Blog sicher auch durch die Tat­sa­che, dass hier ein jun­ger und ein alter Wis­sen­schaft­ler, ein „Digi­tal Nati­ve“ und ein „Digi­tal Immi­grant“ aus ihren je sehr unter­schied­li­chen Blick­win­keln auf die Art und Wei­se schau­en, wie in ihrem Umfeld Erkennt­nis pro­du­ziert und ver­trie­ben wird; und dies im Span­nungs­feld zwi­schen uni­ver­si­tä­rer Sozi­al­päd­ago­gik und Sozi­al­ar­beit an Hoch­schu­len – die ange­wand­te Wis­sen­schaft betrei­ben – und was immer die­se Unter­schie­de sein mögen; oder auch nicht!

Was uns eint, ist das Bestre­ben, das, was wir in For­schung und Leh­re tun, einer Online-​Community vor­zu­stel­len und auch dort zu dis­ku­tie­ren: Weil wir glau­ben, dass das Flüch­ti­ge das Fes­te erset­zen wird und weil wir von den Mög­lich­kei­ten des Web 2.0 nicht mehr las­sen kön­nen!

Und da bie­tet sich der Blog an, weil er eben

fast, self-​published and usual­ly free“

ist, um noch­mals Jen­ny Davies zu zitie­ren. Aber wis­sen­schaft­li­ches Blog­ging bie­tet sich auch an, weil es Mög­lich­kei­ten bie­tet, quer zu exis­tie­ren­den Grenz­li­ni­en wie z.B. „Grund­la­gen“ und „Anwen­dung“, Pra­xis und Wis­sen­schaft – um nur zwei zu nen­nen – dis­kur­siv, schnell, theo­re­ti­sch weit und zugäng­li­ch für Alle einen Dis­kurs, ein Gespräch zu füh­ren. „Blur­ring boun­da­ries“ nen­nen dies die Kol­le­gen Tilo Genz und Hei­ko twitter_profilKirch­ner.

Blog­ging, so unse­re Über­zeu­gung, ist aber auch not­wen­dig, weil das ein­ge­grenz­te, fixier­te, bedruck­te zuneh­mend (über den Grad der Zunah­me strei­ten wir!) weni­ger Wir­kung zeigt. Und dies vor allem daher, dass zwar wei­ter­hin Wis­sen her­ge­stellt, aber die­se Her­stel­lung „zuneh­mend“ los­ge­löst von der Fra­ge der Ver­tei­lung, der Dif­fu­si­on und damit der Rezep­ti­on erfolgt. Wis­sen wird erzeugt, aber zuneh­mend weni­ger rezi­piert.

Und auch das wol­len wir mit unse­rem Blog ändern!

Autor:

Prof. Dr. Tho­mas Mün­ch

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