Lektüren vom Sofa Vol I – Griechenland

Der auf­merk­sa­men Lese­rin wird es nicht ent­ge­hen, dass das For­mat der „Lek­tü­ren vom Sofa“ nicht von mir stammt – es ist schlicht­weg von Nick Horn­by „über­nom­men“ (eine schö­ne Umschrei­bung für eine gewis­se „Lax­heit in Fra­gen geis­ti­gen Eigen­tums“), der in einer Kolum­ne in der Lite­ra­tur­zeit­schrift The Belie­ver über sei­ne ganz eige­nen Leseer­fah­run­gen berich­tet. Die deutsch­spra­chi­ge Lese­rin fin­det die ent­spre­chen­den Über­set­zun­gen unter der Über­schrift „Mein Leben als Leser“ (Horn­by 2005 und 2015).

In die­sen immer lau­ni­gen und immer sehr sub­jek­ti­ven Berich­ten zur eige­nen Lek­tü­re, lässt uns Nick Horn­by teil­ha­ben an sei­nen Leseer­fah­run­gen, sei­nen Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen. Dadurch wer­den Lese­rin und Leser sei­ner Tex­te ange­regt, abge­schreckt oder neu­gie­rig gemacht – eine eige­ne Lek­tü­re kann eine Reak­ti­on auf die­se Anre­gun­gen sein und ist es auch oft!

So sind auch die „Lek­tü­ren vom Sofa“ kei­ne Rezen­sio­nen im klas­si­schen Sin­ne (wie wir sie im Feld der „prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft“ z.B. bei Soci­al­net fin­den); sie sind viel­mehr sub­jek­ti­ve Leseer­fah­run­gen im wei­ten Feld sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur; wenn auch hier und dort immer wie­der ein Titel aus der Bel­le­tris­tik auf­scheint.

Die­se ers­ten „Lek­tü­ren vom Sofa“ sind auch nicht wirk­li­ch vom Sofa – sie ist viel­mehr ein Lek­tü­ren­be­richt, in der immer wie­der das Mit­tel­meer im Hin­ter­grund rauscht – denn mit Bli­ck auf eben die­ses Mit­tel­meer fan­den die Lek­tü­ren statt.

Stuff I’ve Been Rea­ding“

Als ich im ver­gan­ge­nen Jahr Wolf­gang Streecks „Gekauf­te Zeit (Streeck 2013) las, blieb ein fades Gefühl zurück: Bril­lan­te Ana­ly­se, aber Hand­lungs­emp­feh­lun­gen wie „Abschaf­fung des Euro“, „Zer­schla­gung der EU“ und „zurück zum Natio­nal­staat“, die ich als zutief­st fal­sch emp­fand. Das mag damit zusam­men­hän­gen, dass ich als auf der Gren­ze Gebo­re­ner die Abschaf­fung der euro­päi­schen Bin­nen­gren­zen immer als einen ganz per­sön­li­chen Gewinn ver­bucht habe. Aber wo auch immer die Grün­de zu ver­or­ten sind, die Lek­tü­re hin­ter­ließ mich rat­los.

In die­se Lücke stieß Hau­ke Brunk­hor­st mitDas dop­pel­te Gesicht Euro­pas(Brunk­hor­st 2014). End­li­ch eine Ana­ly­se, die sich der wider­sprüch­li­chen Wirk­lich­keit Euro­pas Empi­rie bezo­gen nähert, die die Ent­wick­lungs­li­ni­en der EU in ihren Kon­tro­ver­sen und Kon­flik­ten skiz­ziert, die mit den Kunst­fi­gu­ren „Dr. Jekyll“ und „Mr. Hyde“ Per­so­ni­fi­ka­tio­nen der kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen ver­wen­det und die letzt­li­ch ein­fach klar und deut­li­ch beschreibt, wie weit Euro­pa schon gedie­hen ist.

Und für mich völ­lig neu war die Idee einer „Ver­fas­sungse­vo­lu­ti­on“, mit der Brunk­hor­st die eigen­wil­li­ge evo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lung einer euro­päi­schen Rechts­ent­wick­lung beschreibt – bis hin zum euro­päi­schen Bür­ger­recht. So habe ich, und das war ange­sichts der par­al­lel zur Lek­tü­re tag­täg­li­ch erleb­ten grie­chi­schen Wirk­lich­keit, begrif­fen, dass ich neben mei­ner natio­nal­staat­li­chen Bür­ger­schaft auch eine euro­päi­sche Bür­ger­schaft inne­ha­be – mit allen neu­en Rech­ten! Ein neu­er Gedan­ke in die­ser euro­päi­schen Debat­te. Und ein Gedan­ke, der nach vor­ne weist – hin zu einem neu­en Euro­pa, einem Euro­pa, wo

der immer enge­ren Inte­gra­ti­on, von der Ver­trä­ge träu­men und die die Libe­ra­li­sie­rungs­ma­schine hoch­s­e­lek­tiv, funk­tio­nal inte­gra­tiv und sozi­al inte­gra­tiv ver­wirk­licht, könn­te eine immer enge­re Koope­ra­ti­on ega­li­tär – inter­ven­tio­nis­ti­scher Staa­ten­grup­pen mit ver­gleich­ba­ren Pro­ble­men, Insti­tu­tio­nen und poli­ti­schen Tra­di­tio­nen ent­ge­gen gesetzt wer­den“ (Brunk­hor­st 2014: 170).

Meer Griechenland

Die “Lek­tü­ren vom Sofa” kom­men dies­mal direkt vom grie­chi­schen Meer.

Dop­pelt ist das Gesicht Euro­pas – nach vor­ne und nach hin­ten zei­gend; ein ande­res Bild ist denk­bar und ein ande­res Euro­pas kann Wirk­lich­keit wer­den. Eine Lek­tü­re, die neu­en Wind ins eige­ne Den­ken bläst!

Der Ber­li­ner Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Her­fried Münk­ler hat mitMacht in der Mit­te(Münk­ler 2015) einen wei­te­ren Bei­trag zur glei­chen Debat­te gelie­fert, einen Bei­trag der schnell unter den Ver­dacht der „Geo­po­li­tik“ gestellt wur­de.

Ohne wei­ter auf die­se frag­wür­di­ge Ver­ein­fa­chung ein­zu­ge­hen – man lese zur Rol­le des Rau­mes in der Poli­tik ein­fach mal wie­der Karl Schlö­gels „Im Rau­me lesen wir die Zeit“ (Schlö­gel 2003) – und ohne auf die eine oder ande­re Ver­ein­fa­chung im ers­ten Teil des Buches ein­zu­ge­hen (nur knapp 190 Sei­ten Text schrän­ken ein), lie­fert auch Münk­ler zur Euro­pa Debat­te einen neu­en Fokus. Und die­ser neue Fokus macht die Lek­tü­re so erfreu­li­ch.

Erfreu­li­ch dadurch, dass er unauf­ge­regt und his­to­ri­sch gegrün­det die neue Rol­le Deutsch­lands als Macht in der Mit­te beschreibt und die Rah­men­be­din­gun­gen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten die­ser Mit­tel­macht im Kon­text euro­päi­scher Poli­tik skiz­ziert. Auch wenn sich die­se Beschrei­bung stel­len­wei­se liest, wie eine Arbeits­platz­be­schrei­bung für Ange­la Mer­kel, so ist die Dar­stel­lung der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen deut­scher Poli­tik in und mit Euro­pa, von einer beru­hi­gen­den Unauf­ge­regt­heit. Es ist – auch hier bie­tet sich wie­der der Ver­gleich zu Streeck an – beru­hi­gend zu lesen, dass Poli­tik immer noch und immer wie­der das Boh­ren dicker Bret­ter (Max Weber) ist und allem Anschein auch bleibt.

Ste­phan Les­se­nich hat bereits 2012 mitTheo­ri­en des Sozi­al­staats (Les­se­nich 2012) eine Ein­füh­rung in die „Sozi­al­staat­lich­keit“ vor­ge­legt, die von erfri­schen­der Gründ­lich­keit – mei­ne ame­ri­ka­ni­schen Freun­de wür­den dies als „deut­sche Gründ­lich­keit“ bezeich­nen – ist. Wor­um es denn im Sozi­al­staat geht, wie man ihn ver­ste­hen und erklä­ren kann, und wohin er sich aktu­ell bewegt – das sind die The­men, die Les­se­nich skiz­ziert und dis­ku­tiert.

Natür­li­ch ist das Büch­lein – wie der Unter­ti­tel schon sagt – eine Ein­füh­rung. Aber trotz­dem ist der Text mäan­drie­rend kom­plett, erfreu­li­ch wider­spruchs­reich und in jeder Zei­le dis­kurs­freu­dig.

So ist die­ser Ein­füh­rungs­band nicht nur für Ein­stei­ge­rIn­nen eine Ein­füh­rung in die Dis­kur­se zur Sozi­al­staat­lich­keit und in die Dis­kur­se zur Dis­kurs­fä­hig­keit, er ist auch für jede Lese­rin eine Übung in prak­ti­scher und theo­re­ti­scher Umset­zung des Arti­kel 20 Grund­ge­setz. Ein durch und durch erfreu­li­ches Büch­lein, des­sen Lek­tü­re anstren­gungs­reich und anre­gend ist.

Das „Schö­ne und Gute“ kommt auch in die­sen „Lek­tü­ren vom Sofa“ vor: Kimvon Rudyard Kipling. Ich muss geste­hen, dass ich ein­mal im Jahr die­ses schma­le Bänd­chen lese; immer und immer wie­der. Und jedes Jahr ent­de­cke in Facet­ten, die ich in den Vor­lek­tü­ren über­las – aus wel­chen Grün­den auch immer. Ob nun „Kim“ als ein Ent­wick­lungs­ro­man zu lesen ist, oder ob dies eher ein auto­bio­gra­fi­sch gefärb­ter Bei­trag zum „Ori­en­ta­lis­mus“ sei – die Band­brei­te der Eti­ket­tie­run­gen und Inter­pre­ta­tio­nen ist unüber­schau­bar. Und dies gilt nicht nur für „Kim“, son­dern für Kipling in Gän­ze.

Für mich ist die­se „klei­ne Erzäh­lung“ eine „gro­ße Erzäh­lung“ – ein Plä­doy­er für Trans­kul­tu­ra­li­tät und für einen Kul­tu­ren­be­griff, in der die eine Kul­tur ohne die ande­re Kul­tur nicht denk­bar ist. Von daher ist und bleibt „Kim“ ein hoch aktu­el­ler Kom­men­tar zu einer glo­ba­li­sier­ten und sich wei­ter­hin glo­ba­li­sie­ren­den Welt und zu den Mög­lich­kei­ten und Ein­schrän­kun­gen, die die­se Welt bie­tet.

Mei­ne medi­ter­ra­ne Lek­tü­re von „Kim“ war die­ses Jahr eine beson­de­re: Als Geburts­tags­ge­schenk gab es das Büch­lein in einer eng­li­schen Aus­ga­be von 1920, illus­triert mit Zeich­nun­gen von Kiplings Vater Lock­wood Kipling – eine hap­ti­sch und ästhe­ti­sch beson­de­re Lek­tü­ren­qua­li­tät, die beson­ders e-​Book Lese­rin­nen zu emp­feh­len ist.

Der deutsch­spra­chi­gen Lese­rin emp­feh­le ich „Kim“ in der Über­set­zung von Gis­bert Haefs, erschie­nen bei Haff­mans (Kipling 2001).

An der einen oder ande­ren Stel­le der „Lek­tü­ren vom Sofa“ mag die auf­merk­sa­me Lese­rin das eine oder ande­re Sand­korn gefun­den haben – das ist dem Mit­tel­meer geschul­det. Die nächs­ten „Lek­tü­ren vom Sofa“ kom­men wie­der ori­gi­nal vom Sofa – ver­spro­chen!

Lite­ra­tur:

Brunk­hor­st, Hau­ke (2014). Das dop­pel­te Gesicht Euro­pas. Ber­lin.

Horn­by, Nick (2005). Mein Leben als Leser. Köln.

Horn­by, Nick (2015). Weni­ger reden und öfter mal in die Bade­wan­ne. Mein Leben als Leser. Köln.

Kipling, Rudyard (2001). Kim. Zürich.

Les­se­nich, Ste­phan (2012). Theo­ri­en des Sozi­al­staats. Zu Ein­füh­rung. Ham­burg.

Münk­ler, Her­fried (2015). Macht in der Mit­te. Die neu­en Auf­ga­ben Deutsch­lands in Euro­pa. Ham­burg.

Schlö­gel, Karl (2003). Im Rau­me lesen wir die Zeit: Über Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schich­te und Geo­po­li­tik. Mün­chen.

Streeck, Wolf­gang (2013). Gekauf­te Zeit. Die ver­tag­te Kri­se des demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Internet – Great Equalizer oder digitale Exklusionsmaschine?

Die Wur­zeln des Inter­nets rei­chen bekannt­li­ch weit zurück bis in die 1950er Jah­re. Die Arbei­ten der ARPA (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jekt Agen­cy), die als Fol­ge des Sput­nik­schocks vom US Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ins Leben geru­fen wur­de, leg­te den Grund­stein für die Tech­no­lo­gi­en des Inter­nets, wie wir es heu­te ken­nen – so die klas­si­sche Erzähl­wei­se (vgl. Blei­cher 2010). In Wirk­lich­keit war es wohl etwas leben­di­ger und ver­wor­re­ner. Wer sich für die­se Epo­che der Inter­net­ge­schich­te inter­es­siert, dem sei das Buch „ARPA Kada­b­ra“ ans digi­ta­le Herz gelegt (Haf­ner und Lyon 2000).

Der Per­so­nal Com­pu­ter war aber noch lan­ge nur ein from­mer Wunsch. Die frü­hen Inter­net­tech­no­lo­gi­en und Groß­re­chen­ma­schi­nen stan­den nur ein paar weni­gen Aus­er­wähl­ten zur Ver­fü­gung. Heu­ti­ge Tech­no­lo­gie­gi­gan­ten wie IBM, App­le, Micro­soft und noch vie­le wei­te­re trie­ben die Ent­wick­lung der Rechen­ma­schi­nen vor­an ­– die Visi­on „Ein Com­pu­ter auf jedem Schreib­ti­sch“, die in den 90ern noch grö­ßen­wahn­sin­nig klang, ringt der Gene­ra­ti­on Y heu­te nur noch ein müdes Lächeln ab – “wie süß”! Wer den küh­nen Ver­su­ch wagen möch­te die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen und des Inter­nets lücken­los zu erzäh­len, der soll­te zuvor eini­ge Meter Regal­wand auf­sto­cken. Doch Blei­cher (2010) nimmt inter­es­sier­te Ein­stei­ge­rIn­nen auch schon über 100 Sei­ten mit auf einen span­nen­den Schweins­ga­lopp durch die Netz­his­to­rie! Die Geschich­te der Rechen­ma­schi­nen wird aus­führ­li­ch und detail­ver­liebt von Lip­pe (2013) erzählt. Wir neh­men hier eine Abkür­zung: Ent­wick­lun­gen wie die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge (HTML) von Tim Berners-​Lee (vgl. Blei­cher 2010), Web­brow­ser wie Net­scape und der Inter­net Explo­r­er, fal­len­de Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und immer schnel­le­re Ver­bin­dun­gen (vgl. Rich­ter und Koch 2007) führ­ten spä­tes­tens in den 1990er Jah­ren dazu, dass das Inter­net mas­sen­kom­pa­ti­bel wur­de und für den pri­va­ten Gebrauch nun auch sinn­voll nutz­bar war.

Im Jah­re 1987 über­stieg die Anzahl der Hosts (Com­pu­ter­sys­te­me mit regis­trier­ter IP-​Adresse) zum ers­ten Mal die 10.000er Mar­ke; nur fünf Jah­re spä­ter waren es bereits eine Mil­lion Hosts. Wer die ARD/​ZDF Online­stu­die mit­ver­folgt (eine seit 1997 fort­lau­fen­de, reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung zur Inter­net­nut­zung der Deut­schen), dem wird nicht ent­gan­gen sein, dass in der Grup­pe der unter 20-​Jährigen seit dem Jahr 2010 100 Pro­zent der Deut­schen online sind. Ach­sel­zu­cken bei Kids der Netflix- und Snapchat-​Ära, doch wer in den 90ern puber­tier­te, der mus­s­te noch lan­ge, hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit sei­nen Eltern füh­ren, ob man „die­ses Inter­net von dem jetzt alle reden“ wirk­li­ch auch Zuhau­se braucht. Für vie­le Eltern war klar: „Geld- und Zeit­ver­schwen­dung. Die­ses Inter­net wird sich nicht durch­set­zen!“ Der digi­ta­le Kampf der Kul­tu­ren im Kin­der­zim­mer wur­de aus­ge­tra­gen zwi­schen den soge­nann­ten Digi­tal Nati­ves und den Digi­tal Immi­grants. Die­ses Begriffs­paar wur­de berühmt durch John Per­ry Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space, in der es unter ande­rem heißt:

You are ter­ri­fied of your own child­ren, sin­ce they are nati­ves in a world whe­re you will always be immi­grants.“

Bar­low beschreibt (auch mit einem Augen­zwin­kern) ein Phä­no­men, das die Inter­net­for­schung – eine Wis­sen­schaft in den Kin­der­schu­hen – umtreibt: Nicht alle Men­schen nut­zen das Inter­net und schon gar nicht in glei­cher Wei­se. Nicht alle kön­nen von den, durch Netz­ve­te­ra­nen oft pro­pa­gier­ten, Chan­cen die­ser revo­lu­tio­nä­ren Tech­no­lo­gie in glei­cher Wei­se pro­fi­tie­ren. Die Inter­net­for­schung spricht vom Digi­tal Divi­de, also der digi­ta­len Spal­tung.

Jeder kann vom Inter­net pro­fi­tie­ren! Solan­ge man mit­bringt was es braucht.

Schät­zungs­wei­se drei Mil­li­ar­den Men­schen haben weltweit Zugang zu Inter­net. Das klingt im Kon­trast zu den ein­gangs erwähn­ten Nut­zer­zah­len der 90er exor­bi­tant. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass dies nicht ein­mal der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung ent­spricht, wäre es ver­mes­sen von einem digi­ta­len Glo­bus oder einem „Glo­bal Vil­la­ge“ (McLu­han) zu spre­chen. Von den unter­schied­li­chen Band­brei­ten soll hier noch gar kei­ne Rede sein. Wer aber erle­ben möch­te wie sich die eige­nen Inter­net­ge­wohn­hei­ten in Tei­len der Welt anfüh­len, in denen es bis jetzt nur lang­sa­me Ver­bin­dun­gen gibt, dem ist die­se Simu­la­ti­on zu emp­feh­len.

Für Deut­sche ist das Inter­net mitt­ler­wei­le wohl schon ubi­qui­tär. Vor 15 Jah­ren hör­te man noch hin und wie­der die Fra­ge „Hast du eigent­li­ch eine eMail Adres­se?“. Heut­zu­ta­ge kann man doch hin­ge­gen schon davon aus­ge­hen, dass das Gegen­über sich in min­des­tens drei ver­schie­de­nen sozia­len Netz­wer­ken sou­ve­r­än bewegt, rich­tig? Ein zwei­ter Bli­ck in die ARD/​ZDF Online­stu­die zeigt jedoch: nur die Hälf­te der deut­schen Rent­ne­rIn­nen und nicht Berufs­tä­ti­gen nutzt zumin­dest gele­gent­li­ch das Inter­net. Das Ste­reo­typ der jun­gen, tech­ni­kaf­fi­nen Digi­tal Nati­ves und der lebens­er­fah­re­nen, inter­ne­ta­ver­si­ven Digi­tal Immi­grants scheint auch 2015 noch in Ansät­zen zu stim­men. Tat­säch­li­ch ist die­se dicho­to­me Typo­lo­gie selbst­ver­ständ­li­ch völ­lig unter­kom­plex. Nicht jeder Jugend­li­che ist den digi­ta­len Medi­en ver­fal­len und „dad­delt“ pau­sen­los auf sei­nem Smart­pho­ne rum; nicht alle Senio­rIn­nen sind unwil­lig oder unfä­hig zu sky­pen oder Spo­ti­fy zu nut­zen. Es wäre des­halb wohl auch tref­fen­der, wie Whi­te und Le Cor­nu es tun, von “Digi­tal Resi­dents” und “Digi­tal Visi­tors” zu spre­chen und das unter­schied­li­che Nut­zungs­ver­hal­ten in den Fokus der Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Nut­zer­grup­pen zu rücken.

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Eine jun­ge Blog­ge­rin beklagt den “Recep­ti­on Divi­de”.

Wer schon in den Genuss einer bezahl­ba­ren und schnel­len Inter­net­ver­bin­dung kommt, der pro­fi­tiert von den Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung jedoch nur bedingt, wenn er nicht auch bestimm­te Vor­kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten im Umgang mit digi­ta­len Medi­en mit­bringt. Kim und Kim (2001) spre­chen neben dem „Oppor­tu­ni­ty Divi­de“ (also dem rei­nen Zugang zum Inter­net) des­halb von „Uti­liza­t­i­on Divi­de“ und „Recep­ti­on Divi­de“. Use­rIn­nen müs­sen also auch über ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen, Software- und Hard­ware­kennt­nis­se sowie die Fähig­keit ver­fü­gen, Infor­ma­ti­ons­quel­len rich­tig zu bewer­ten. Sie müs­sen Erfah­run­gen sam­meln und so etwas wie eine „Intui­ti­on“ in Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln.

Es zeigt sich also hier ganz deut­li­ch: von einem Inter­net von dem alle Men­schen in glei­chem Maße pro­fi­tie­ren, sind wir noch weit ent­fernt.

Alle sind hier gleich! Aber man­che sind eben glei­cher.

Mit dem Inter­net war seit jeher auch die Vor­stel­lung von digi­ta­ler Frei­heit, Gleich­heit und neu­en basis­de­mo­kra­ti­schen Chan­cen ver­bun­den. Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung liest sich fei­er­li­ch und ist des­halb zu einem Teil Inter­net­pro­gram­ma­tik gewor­den. Das Inter­net soll sozia­le Ungleich­heits­me­cha­nis­men auf­he­ben z.B. durch das zur Ver­fü­gung stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen für alle – so die hoff­nungs­vol­le Ide­al­vor­stel­lung. Marr und Zil­li­en (2012: 258) beschrei­ben:

[…] größ­te Eupho­rie lös­te in die­sem Zusam­men­hang aller­dings ohne Zwei­fel das Inter­net aus, das nicht nur als Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft […] son­dern gleich­zei­tig als ‚the great equa­li­zer‘ […] des neu­en digi­ta­len Zeit­al­ters begrüßt und gefei­ert wur­de.“

Abge­lei­tet wur­den die­se Poten­zia­le von der tech­ni­schen Beschaf­fen­heit des Inter­nets, das durch eine prin­zi­pi­el­le Gleich­stel­lung aller Nut­ze­rIn­nen qua­si einen „vor­po­li­ti­schen, nicht­hi­er­ar­chi­schen und nicht exper­to­kra­ti­schen Mei­nungs­aus­tau­sch“ ermög­li­chen soll­te (Steg­bau­er 2006: 95). Alle Infor­ma­tio­nen müs­sen völ­lig frei zur Ver­fü­gung ste­hen – so noch heu­te die gut gemein­te For­de­rung eini­ger Prot­ago­nis­tIn­nen der Netz­ge­sell­schaft und Inter­net­ak­ti­vis­tIn­nen für eine gerech­te­re Gesell­schaft.

Doch schon 1970 – also noch lan­ge vor der Geburt des World Wide Web – stell­te eine Grup­pe von For­sche­rIn­nen eine Behaup­tung in Bezug auf Mas­sen­me­di­en und Bil­dung auf, die bis heu­te in der Wis­sen­schaft heiß dis­ku­tiert wird:

Wenn der Infor­ma­ti­ons­fluss von den Mas­sen­me­di­en in ein Sozi­al­sys­tem wächst, ten­die­ren die Bevöl­ke­rungs­seg­men­te mit höhe­rem sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus und/​oder höhe­rer for­ma­ler Bil­dung zu einer rasche­ren Aneig­nung die­ser Infor­ma­ti­on als die status- und bil­dungs­nied­ri­ge­ren Seg­men­te, so dass die Wis­sens­kluft zwi­schen die­sen Seg­men­ten ten­den­zi­ell zu- statt abnimmt.“ (Tichen­or et al. 1970)

Das freie Zur­ver­fü­gung­stel­len von Infor­ma­tio­nen und Wis­sen soll also eben gera­de nicht dazu füh­ren, dass alle Men­schen auf ein gleich hohes Maß an Bil­dung geho­ben wer­den. Viel­mehr schei­nen ohne­hin schon „infor­ma­ti­ons­rei­che“ Bevöl­ke­rungs­grup­pen dazu zu nei­gen sich Wis­sen schnel­ler anzu­eig­nen, als jene Grup­pen die bereits vor­her benach­tei­ligt waren. Im Kern han­delt es sich bei der soge­nann­ten Wis­sens­kluft­hy­po­the­se um den Mat­thäu­s­ef­fekts, der Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Ungleich­heits­for­sche­rIn­nen immer wie­der in ver­schie­de­nen Gewän­dern vor die Augen tritt:

Denn wer da hat, dem wird gege­ben, dass er die Fül­le habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genom­men, was er hat.“– Mt 25,29 LUT

Jeder darf hier spre­chen! Aber halt nicht alle.

Auch das Ide­al der frei­en und offe­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on, bei der alle zu Wort kom­men kön­nen, scheint sich im Netz bei wei­tem nicht zu rea­li­sie­ren. In Bar­lows Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Cyber­space wird der digi­ta­le Anspruch wie folgt umschrie­ben:

Wir erschaf­fen eine Welt, in der jeder Ein­zel­ne an jedem Ort sei­ne oder ihre Über­zeu­gun­gen aus­drü­cken darf, wie indi­vi­du­ell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schwei­gen der Kon­for­mi­tät auf­ge­hen zu müs­sen.“

Doch bereits Jakob Niel­sens berühm­te 90:9:1 Regel besagt, dass im Inter­net nur 1 Pro­zent der Use­rIn­nen eige­ne Inhal­te erstellt und sich nur wei­te­re 9 Pro­zent aktiv an Bei­trä­gen und Dis­kus­sio­nen betei­li­gen. Der über­wie­gen­de Teil (für Niel­sen sind es 90 Pro­zent) der Use­rIn­nen kommt nicht zu Wort oder möch­te nicht zu Wort kom­men. Die­ser Hypo­the­se könn­te man eine feh­len­de empi­ri­sche Basis vor­wer­fen – d’accord! Jedoch beschreibt Steg­bau­er (2006) auf empi­ri­scher Basis für Mai­ling­lis­ten, Dis­kus­si­ons­fo­ren und ande­re vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten ähn­li­che Ungleich­hei­ten in Bezug auf die Dis­kus­si­ons­be­tei­li­gung. Er nutzt dazu struk­tu­ra­lis­ti­sche und netz­werkana­ly­ti­sche Metho­den. Die digi­ta­le schwei­gen­de Mehr­heit (Lur­ker genannt) erfüllt aller­dings auch eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Grup­pe: ohne das Zuhö­ren und das Reden-​lassen wären Dis­kus­sio­nen grö­ße­rer Com­mu­nities über­haupt nicht mög­li­ch (vgl. Steg­bau­er 2006).

Klassisches Kommunikationsnetzwerk: eher framentierte Diskussionskreise als Schwarmintelligenz

Ein klas­si­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk auf Twit­ter: eher frag­men­tier­te Dis­kus­si­ons­krei­se rund um Netz­prot­ago­nis­tIn­nen als “Schwar­min­tel­li­genz” und ega­li­tä­re Dis­kur­se [erstellt mir NodeXL]

Mit­hil­fe der Soft­ware NodeXL las­sen sich Twit­ter Dis­kus­sio­nen schnell und leicht netz­werkana­ly­ti­sch unter­su­chen. Auch hier zeigt sich: Es dis­ku­tiert in der Regel kein intel­li­gen­ter Schwarm mit­tels eines basis­de­mo­kra­ti­schen Medi­ums in einem digi­ta­len Raum der fla­chen Hier­ar­chien. Viel­mehr twit­tern in aller Regel frag­men­tier­te Gesprächs­krei­se rund um eini­ge Wort­füh­rer. Über­all dort wo “Wölk­chen” zu sehen sind, hören meh­re­re Per­so­nen einem ein­zel­nen Men­schen via Twit­ter zu. Dass Netz­prot­ago­nis­tIn­nen dann von anre­gen­den und viel­fäl­ti­gen Dis­kus­sio­nen im welt­wei­ten Netz schwär­men (kön­nen), liegt auf der Hand. Dass alle zu Wort kom­men (kön­nen) darf ange­zwei­felt wer­den.

Wen küm­mert die Spie­le­rei?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet mit gro­ßen Schrit­ten vor­an. Beim Inter­net han­delt es sich schon lan­ge nicht mehr

um ein irgend­wie eso­te­ri­sches Phä­no­men einer klei­nen Klas­se tech­no­phi­ler Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten oder netz­ni­schen­nut­zen­der Jugend­li­cher.“ (Mün­ker 2012: 47).

Mit dem mobi­len Inter­net und dem Inter­net der Din­ge (Inter­net of Things) steht bereits die nächs­te gro­ße Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on an unse­rer gesell­schaft­li­chen Tür­schwel­le. Und selbst Ange­la Mer­kel, für die das Inter­net noch vor kur­zem #Neu­land war, spricht in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che 2015 von der

digitale[n] Revo­lu­ti­on, die unser Leben fun­da­men­tal ver­än­dert […]“ (Ange­la Mer­kel)

Eine gute Inter­net­ver­bin­dung und die Mög­lich­keit ent­spre­chen­de Medi­en­kom­pe­ten­zen erwer­ben zu kön­nen, wer­den in der digi­ta­len Gesell­schaft zu not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der sozia­len Teil­ha­be. Hen­ke et al. (2012) the­ma­ti­sie­ren im „Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung“ des­halb völ­lig zurecht die Fra­ge einer mög­li­chen e-​Exclusion. In Est­land ist der Zugang zum Inter­net fol­ge­rich­tig bereits zum Grund­recht gewor­den.

Zwei neue Formen gesellschaftlicher Exklusion in der digitalen Gesellschaft?

Zwei neue For­men gesell­schaft­li­cher Exklu­si­on in der digi­ta­len Gesell­schaft?

Mit die­sem Bei­trag soll kei­nes­wegs der Ver­su­ch unter­nom­men wer­den den “Digi­tal Resi­dents” die unglaub­li­chen Poten­tia­le und Chan­cen des Inter­nets und der Digi­ta­li­sie­rung madig zu machen. Wer einen Blog schreibt (oder auch liest), der ist von den Vor­zü­gen neu­er Informations- und tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en doch wohl bereits über­zeugt. Doch sie hier noch ein­mal man­t­ra­ar­tig her­un­ter­zu­be­ten wäre fol­ge­rich­tig nichts wei­ter als ein „pre­aching to the con­ver­ted“.

Dass das Inter­net bereits frei, offen und basis­de­mo­kra­ti­sch sei und dass es Ungleich­heits­pro­zes­se allei­ne durch sei­ne tech­ni­schen Beschaf­fen­hei­ten aus­he­belt, ist bis­her eine empi­ri­sch nicht beleg­ba­re Ide­al­vor­stel­lung. So schön die Idee auch sein mag, um sie „gerin­nen zu las­sen“ also wahr zu machen (und das soll­ten wir tun!), bedarf es viel Arbeit und einer ste­ti­gen kri­ti­schen Refle­xi­on des sta­tus quo.

Wor­an es in Deutsch­land – so mein Erle­ben – zum Teil noch fehlt, ist unter ande­rem die Ein­sicht eini­ger “Digi­tal Visi­tors”, dass es sich beim Inter­net nicht mehr um ein Nice-​to-​Have oder schmü­cken­des Bei­werk han­delt: Es ist schon längst fes­ter Bestand­teil sozia­ler Wirk­lich­keit und viel­leicht wird es ja sogar tat­säch­li­ch eine Art gesell­schaft­li­ches Betriebs­sys­tem.

Zum Wei­ter­le­sen und anschau­en:

Mey­en, Micha­el, Duden­höf­fer, Kath­rin, Huss, Julia, Pfaff-​Rüdiger, Sen­ta (2009). “Zuhau­se im Netz: Eine qua­li­ta­ti­ve Stu­die zu Mus­tern und Moti­ven der Inter­net­nut­zung”, Publi­zis­tik, 54, 513–53.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Rau­sch, Alex­an­der (2006). Struk­tu­ra­lis­ti­sche Inter­net­for­schung. Netz­werkana­ly­sen inter­net­ba­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2009). Digi­ta­le Ungleich­heit. Neue Tech­no­lo­gi­en und alte Ungleich­hei­ten in der Informations- und Wis­sens­ge­sell­schaft. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Zil­li­en, Nicole (2015). Ungleich­heit der Inter­net­nut­zung (Vor­trag). Col­lo­qui­um Fun­da­men­ta­le. Karls­ru­he: YouTube Video.

Quel­len:

Blei­cher, Joan Kris­tin (2010). Inter­net. Kon­stanz: UTB Ver­lag.

Haf­ner, Katie und Lyon, Mat­t­hew (2000). ARPA Kada­b­ra. Oder die Geschich­te des Inter­net. Whe­re wizards stay up late. Hei­del­berg: dpunkt-​Verlag.

Hen­ke, Ursu­la; Hus­ter, Ernst-​Ulrich und Mogge-​Grotjahn, Hil­de­gard (2012). E-​exclusion oder E-​inclusion? In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 548–567). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Kim, Mun-​Cho und Kim, Jong-​Kil (2001). „Digi­tal Divi­de. Con­cep­tual Dis­cus­sions and Pro­s­pect”, The Human Socie­ty and the Inter­net, 78–91.

Lip­pe, Wolfram-​M. (2013). Die Geschich­te der Rechen­au­to­ma­ten. Von mecha­ni­schen Chif­frier­ge­rä­ten bis zu den ers­ten pro­gram­mier­ba­ren Rech­nern. Berlin/​Heidelberg: Sprin­ger View­eg.

Marr, Mir­ko und Zil­li­en, Nicole (2012). Digi­ta­le Spal­tung. In: W. Schwei­ger und K. Beck (Hrsg.), Hand­buch Online­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 257–282). Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Mün­ker, Ste­fan (2012). Die sozia­len Medi­en des Web 2.0. In: D. Miche­lis (Hg.), Social-​Media-​Handbuch: Theo­ri­en, Metho­den, Model­le und Pra­xis (S.45–55). Baden-​Baden: Nomos Ver­lag.

Rich­ter, Alex­an­der und Koch, Micha­el (2007). Soci­al Soft­ware: Sta­tus quo und Zukunft. Mün­chen.

Tichen­or, P.J.; Dono­hue, G.A. und Oli­en, C.N. (1970). “Mass Media Flow and Dif­fe­ren­ti­al Grow­th in Know­led­ge”, Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 34 (2), 159–170.

Autor:

Kai Hau­prich

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Eher eine „dichte Beschreibung“, denn ein „Reisebuch“ – Alice Albinias „Empires of the Indus“

Die eng­lisch­spra­chi­ge Rei­se­li­te­ra­tur unter­schei­det sich in Inhalt, Far­be und Form von der deutsch­spra­chi­gen Rei­se­li­te­ra­tur; in die­sem Fall wohl ver­gleich­bar mit den jewei­li­gen Wis­sen­schafts­tex­ten. Zumin­dest sagen dies mei­ne Stu­die­ren­den des 1. Pro­pä­deu­tik­se­mes­ters, wenn sie zur Ein­füh­rung ins The­ma Tex­te aus unter­schied­li­chen Wis­sen­schafts­kul­tu­ren (im kon­kre­ten Fall aus Frank­reich, Eng­land und Deutsch­land) gele­sen haben.

Deutsch­spra­chi­ge und Eng­lisch­spra­chi­ge den­ken und schrei­ben allem Anschein nach sowohl über die Welt, als auch das Rei­sen in ihr sehr unter­schied­li­ch. Das mag an den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der zwei Spra­chen lie­gen – man lese zu die­ser Fra­ge ein­mal Guy Deut­schers wun­der­ba­res Buch „Im Spie­gel der Spra­che (Deut­scher 2012), wor­in er über die­se Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der Spra­che nach­denkt. Aber es mag auch an den sehr unter­schied­li­chen Kolo­ni­al­ge­schich­ten Eng­lands und Deutsch­lands lie­gen; zumin­dest las­sen die Lek­tü­ren der Rei­se­bü­cher von Richard Bur­ton, Robert Byron, Patrick Leigh Fer­mor oder Bru­ce Chat­win einen Typus des bzw. der Rei­sen­den erken­nen, wie wir ihn in Deutsch­land so nicht her­vor brin­gen.

Empi­res of the Indus“

In die­ser wun­der­ba­ren Tra­di­ti­on ist mit Ali­ce Albi­nia eine Auto­rin zu ent­de­cken, die in ihrem Buch über den Indus „Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river“ (Albi­nia 2008) die Geschich­te einer Rei­se von der Mün­dung bis zu Quel­le erzählt. Allein die­se Umkeh­rung könn­te als ein hüb­scher „side­ki­ck“ ver­merkt wer­den; aber ihre gro­ße Erzäh­lung ist weit mehr: In Zeit und Raum reist sie auf die­sen 309 Sei­ten; vor und zurück, in die Anti­ke, ins gol­de­ne Zeit­al­ter des Bud­dhis­mus, in die Zeit der Petro­gly­phen, nach Ost­afri­ka, Zen­tral­asi­en, Indien und Euro­pa – aber immer wie­der fin­den wir uns als Lese­rIn am Ufer die­ses gro­ßen Flus­ses wie­der. Hier begin­nen und enden alle ihre Geschich­ten.

Indus

Wan­der­schu­he nach vier Wochen ‘hin­ter der nächs­ten Ecke’ im Hima­la­ya.

Geschich­ten wie die über die Mas­sen­mor­de, die die Tei­lung des bri­ti­schen Raj in Indien und Pakis­tan beglei­te­ten und noch heu­te den poli­ti­schen All­tag der bei­den Län­der prä­gen; man lese nur Rana Das­gup­t­as „Del­hi“ (Das­gup­ta 2014), der die­ses Trau­ma im All­tag Indiens prä­zi­se beschreibt. Oder die wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen über die mus­li­mi­schen Hei­li­gen, die Sufis und ihr Leben und Lei­den am feu­da­len Sys­tem der hydrau­li­schen Kul­tur. Ihre Fes­te mit Musik und Tanz, mit Andacht und Hin­ga­be, die so gar nicht unse­rem Bild des Islam ent­spre­chen. Oder die Nach­fol­ger der afri­ka­ni­schen Skla­ven, die bis heu­te ihre eige­ne Kul­tur, ihre eige­ne Musik, ihre eige­ne Dich­tung und Spra­che bewah­ren und ver­tei­di­gen.

Und, und, und – eine auf­re­gen­de, fer­ne und doch nahe Welt, die uns Ali­ce Albi­nia beschreibt – weit ent­fernt von der media­len west­li­chen Dar­stel­lung Pakis­tans und nahe an den grund­le­gen­den Fra­gen der mensch­li­chen Exis­tenz – wie leben wir? Und was ist gut, böse, rich­tig und fal­sch? Und was haben Alex­an­der der Gro­ße und Gaut­am Bud­dha dazu gedacht und gesagt? Und die vie­len ande­ren Erobe­rer (und ihre Köche), die das rei­che und frucht­ba­re Land am Indus besit­zen woll­ten.

Von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te nimmt uns Albi­nia mit auf eine Rei­se, die nicht das Exo­ti­sche, nicht den „Ori­ent“ sucht, kon­stru­iert und bunt­schil­lernd prä­sen­tiert. Obwohl das Bunt­schil­lern­de an der einen und ande­ren Stel­le immer wie­der auf­leuch­tet. Viel­mehr gelingt ihr eine eige­ne neue und fas­zi­nie­ren­de Qua­li­tät. Es ist die­se eine Ver­mi­schung aus his­to­ri­schen und poli­ti­schen Grund­li­ni­en und Grund­kon­flik­ten, mit einer eth­no­gra­fi­sch prä­zi­sen Beschrei­bung, einer „dich­ten Beschrei­bung“ (Geertz 1987) der Lebens­wel­ten am gro­ßen Fluss – dies alles in einer hoch­prä­zi­sen und far­bi­gen Spra­che. All­täg­li­ch erschei­nen­de Din­ge und Zustän­de wer­den durch die­sen ihren eige­nen Bli­ck erhellt, in neue Zusam­men­hän­ge gestellt und gewin­nen so eine neue Gestalt, die uns Lesern neue Ein­sich­ten erlau­ben. Und was kann man mehr von einem Buch erwar­ten?

Als Lese­rIn die­ser Rei­se am gro­ßen Fluss in Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft hat man aller­dings eine Vor­aus­set­zung mit­zu­brin­gen: Dass man schon immer wis­sen woll­te, wie denn die Welt hin­ter der nächs­ten Ecke aus­sieht! Und nur dann, wird man mit Ali­ce Albi­nia ein auf­re­gen­des und klu­ges Lese­aben­teu­er erle­ben kön­nen! Und das ist doch eine Emp­feh­lung für die lan­gen Herbst­aben­de.

Quel­len:

Albi­nia, Ali­ce (2008). Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river. New York: Live­right Publis­hing Cor­po­ra­ti­on.

Das­gup­ta, Rana (2014). Del­hi. Im Rau­sch des Gel­d­es. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Deut­scher, Guy (2012). Im Spie­gel der Spra­che: War­um die Welt in ande­ren Spra­chen anders aus­sieht. Frank­furt: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag.

Geertz, Clif­ford (1987). Dich­te Beschrei­bung. Bei­trä­ge zum Ver­ste­hen kul­tu­rel­ler Sys­te­me. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Quartier, Quartier was sagst du mir?

Sozia­le Ungleich­heit gehört zu den klas­si­schen For­schungs­ge­gen­stän­den der moder­nen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Im Lau­fe der Zeit haben sich von Marx über Weber, Durk­heim und Gei­ger bis hin zu Bour­dieu unter­schied­lichs­te Theo­ri­en und Model­le sozia­ler Ungleich­heit eta­bliert (vgl. Burzan 2011). Für sozio­lo­gi­sche New­bies: sozia­le Ungleich­heit meint nicht etwa nur die Viel­falt der Men­schen und deren Lebens­wei­sen, frei nach dem Mot­to: „Die Welt ist eben bunt!“. Es han­delt sich dar­über hin­aus um die Beob­ach­tung, dass

Men­schen auf­grund ihrer Stel­lung in sozia­len Bezie­hungs­ge­fü­gen von den ‚wert­vol­len Gütern‘ einer Gesell­schaft regel­mä­ßig mehr als ande­re erhal­ten.“  (Hra­dil 2005: 30)

Robert E. Park über­trug die­ses Kon­zept bereits Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf den (Wohn-) Raum (vgl. Volk­mann 2012: 15). Die sich dar­aus erge­ben­de Annah­me, dass sich sozia­le Dis­tanz auch räum­li­ch mani­fes­tiert, bezeich­net man als Segre­ga­ti­on („Ent­mi­schung“ von lat. segre­ga­re: „abson­dern“, „tren­nen“). Sozi­al­ähn­li­che Grup­pen woh­nen häu­fig gemein­sam in bestimm­ten Stadt­tei­len oder Quar­tie­ren. Bei sozi­al benach­tei­lig­ten Per­so­nen­grup­pen geschieht dies jedoch oft nicht gänz­li­ch frei­wil­lig, denn Hart­mut Häu­ßer­mann (2012: 384) beschreibt zutref­fend:

Die Rei­chen woh­nen wo sie wol­len, die Armen woh­nen, wo sie müs­sen.“

Strit­tig bleibt in der Wis­sen­schaft nach wie vor, ob die räum­li­che Kon­zen­tra­ti­on sozi­al benach­tei­lig­ter Grup­pen, bzw. die Ent­mi­schung eines Stadt­teils, selbst­ver­stär­ken­de Nega­ti­v­e­f­fek­te auf die Bewoh­ner­schaft eines Quar­tiers haben kann. Let’s have a look!

Zer­bro­che­nes Glas

Broken Window

Annah­me der Broken-​Window-​Theorie: Ver­wüs­tung erzeugt Ver­wüs­tung, erzeugt letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät.

Im Jah­re 1982 ver­öf­fent­li­chen James Q. Wil­son und Geor­ge L. Kel­ling einen nun berühm­ten (aber auch umstrit­te­nen) Arti­kel, der Bezug nahm auf ein sozi­al­psy­cho­lo­gi­sches Expe­ri­ment von Phil­ip Zim­bar­do aus dem Jah­re 1969 (vgl. Hae­fe­le 2013: 36ff). Zim­bar­do hat­te beob­ach­tet, dass eine ein­ge­schla­ge­ne Fens­ter­schei­be an einem Auto, das ohne Num­mern­schild und mit offe­ner Motor­hau­be in der Bronx abge­stellt war, dazu führ­te, dass das Fahr­zeug in kür­zes­ter Zeit völ­lig aus­ge­plün­dert und zer­stört wur­de. War das Auto hin­ge­gen unbe­schä­digt, blieb das auch wei­ter­hin so. Die abge­lei­te­te Broken-​Window-Theo­rie besagt nun, dass nicht beho­be­ne, leich­te Beschä­di­gun­gen oder Ver­un­rei­ni­gun­gen in einer Nach­bar­schaft (typi­sch für benach­tei­lig­te Quar­tie­re) wei­te­re schwer­wie­gen­de­re „phy­si­cal and soci­al inci­vi­li­ties“ und letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät nach sich zie­hen. Zer­stö­run­gen und Abfall signa­li­sie­ren den Bewoh­ne­rIn­nen man­geln­de sozia­le Kon­trol­le, Kri­mi­na­li­täts­furcht ent­steht, Bewoh­ne­rIn­nen zie­hen fort, die Miet­prei­se sin­ken, sozi­al benach­tei­lig­te Per­so­nen zie­hen zu, das Quar­tier wird stig­ma­ti­siert, auch für Kri­mi­nel­le wird das Quar­tier schließ­li­ch zum Rück­zugs­raum – eine Abwärts­spi­ra­le beginnt. Die­se noch recht mecha­ni­sche Beschrei­bung sozia­ler Wirk­lich­keit wur­de im Lau­fe der Jah­re durch ver­schie­de­ne Disorder-​Theorien erwei­tert und modi­fi­ziert (sie­he dazu Hae­fe­le 2013). Schon Engels stell­te fest:

Hier woh­nen die Aerms­ten der Armen. […] mit Die­ben, Gau­nern und Opfern der Pro­sti­tu­ti­on bunt durch ein­an­der […], sin­ken doch täg­li­ch tie­fer, ver­lie­ren täg­li­ch mehr und mehr die Kraft den demo­ra­li­sie­ren­den Ein­flüs­sen der Noth, des Schmut­zes und der schlech­ten Umge­bung zu wider­ste­hen“ (Engels 1845: 41 zit. in Volk­mann 2012: 21).

Doch auch ande­re deut­sche Berühmt­hei­ten beschrei­ben recht aktu­ell ähn­li­che Phä­no­me­ne in ihrem Blo­ck, die die Annah­me von selbst­ver­stär­ken­den nega­ti­ven Quar­tier­s­ef­fek­ten nahe legen.

Ein Hafen in die Gesell­schaft

Ent­ge­gen öffent­li­cher Debat­ten über Zuwan­de­rung, in denen oft auch eine dif­fu­se Angst vor „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ mit­schwingt, kann eine soge­nann­te „eth­ni­sche Segre­ga­ti­on“ (Men­schen mit ähn­li­chen kul­tu­rel­len Wur­zeln woh­nen gemein­sam an einem Ort) durch­aus auch posi­ti­ve und inte­gra­ti­ons­för­dern­de Mecha­nis­men aus­lö­sen. Für sozio­öko­no­mi­sche geschwäch­te Zuwan­de­rIn­nen ­bie­ten Quar­tie­re mit einem hohen Anteil von Migran­tIn­nen zunächst eine Chan­ce: Sie die­nen als eine ers­te Anlauf­stel­le, als eine Art „Hafen“ in die frem­de Gesell­schaft. Denn die Migra­ti­on stellt häu­fig zunächst eine Situa­ti­on der Ver­un­si­che­rung dar, weil

in der Frem­de die Tra­di­tio­nen, Gewohn­hei­ten, die Kul­tur, Spra­che, Klei­dung und die Ritua­le des Hei­mat­lan­des wert­los gewor­den sind, im Gegen­teil sogar mit Ableh­nung behan­delt wer­den“ (Far­wick 2009: 35).

Arrival City

Ein Quar­tier mit “beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf” kann auch als Arri­val City fun­gie­ren und damit eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Stadt erfül­len.

Dadurch, dass Zuge­wan­der­te ähn­li­cher Her­kunft sich im Quar­tier wech­sel­sei­tig unter­stüt­zen, schüt­zen sie ihr sozia­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal. Haben sie sich wie­der sozio­öko­no­mi­sch sta­bi­li­siert und kul­tu­rell ori­en­tiert, zie­hen sie in der Regel ein­zeln wei­ter in ande­re Stadt­tei­le – eine Art nied­rig­schwel­li­ge Inte­gra­ti­on voll­zieht sich. Vor­aus­set­zung ist dabei aber stets, dass den Zuge­wan­der­ten ein gesell­schaft­li­cher Auf­stieg ermög­licht wird (sozia­le Mobi­li­tät). Hier ist die Auf­nah­me­ge­sell­schaft in der Ver­ant­wor­tung! Saun­ders (2011) bezeich­net Orte über die sich sol­che Migra­tio­nen voll­zie­hen als „Arri­val Cities“. Sie las­sen sich in Groß­städ­ten auf der gan­zen Welt fin­den – von Los Ange­les über Rio de Janei­ro bis hin nach Berlin-​Kreuzberg (vgl. Saun­ders 2011). Die­se sinn­bild­li­chen „Häfen“ erfül­len die wich­ti­ge Funk­ti­on eines gesell­schaft­li­chen „Durch­lauf­er­hit­zers“ für eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on. Ähn­li­che Effek­te wur­den bereits 1938 von Paul Fre­de­rick Cres­sey für Chi­ca­go beschrie­ben (vgl. Far­wick 2009: 42) – auch hier also: no brea­king news!

Viel­leicht sind es ein­fach die Stör­che.

Empi­ri­sch lässt sich eines immer wie­der wun­der­bar bewei­sen: der Stor­ch bringt die Kin­der. Denn in kin­der­rei­chen Regio­nen, gibt es eben auch vie­le Stör­che. So ein­fach!

In Wirk­lich­keit han­delt es sich hier aber um eine Schein­kor­re­la­ti­on. Tat­säch­li­ch besteht kein ech­ter Ursache-​Wirkungs-​Zusammenhang – cum hoc ergo prop­ter hoc! Viel­mehr ist es so, dass Stör­che auf dem Land leben und Men­schen in länd­li­chen Regio­nen in der Regel mehr Kin­der bekom­men bzw. Fami­li­en mit vie­len Kin­dern auf’s Land zie­hen. Man nennt dies das Stor­chen­pro­blem. Auf glei­che Wei­se lässt sich übri­gens auch „nach­wei­sen“, dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem durch­schnitt­li­chen Scho­ko­la­den­kon­sum eines Lan­des und der Anzahl sei­ner Nobel­preis­trä­ger gibt. Also, nur zu!

Was auf den ersten Blick so klar strukturiert und einfach wirkt, ist in Wahrheit ein hochsensibles Konstrukt.

Was auf den ers­ten Bli­ck so klar struk­tu­riert und ein­fach wirkt, ist in Wahr­heit ein hoch­sen­si­bles Kon­strukt.

Ich möch­te behaup­ten, dass es sich  mit Quar­tier­s­ef­fek­ten ähn­li­ch ver­hält: Zwar klin­gen eini­ge der beschrie­be­nen Zusam­men­hän­ge zunächst durch­aus plau­si­bel, las­sen sich even­tu­ell sogar mit Daten­ma­te­ri­al unter­füt­tern, doch ob ein unmit­tel­ba­rer – oder gar  mecha­ni­scher – Zusam­men­hang zwi­schen der äuße­ren Umwelt und dem Ver­hal­ten der Bewoh­ne­rIn­nen besteht, bleibt oft zu bezwei­feln (vgl. auch Hae­fe­le 2013: 224). Hin­zu kommt, dass sich posi­ti­ve wie nega­ti­ve Quar­tier­s­ef­fek­te ohne wei­te­res über­la­gern und wech­sel­sei­tig beein­flus­sen kön­nen. Ein Stadt­teil kann durch­aus sowohl Schau­platz eines Broken-​Window-​Effekts, als auch eine inte­gra­ti­ons­för­dern­de Arri­val City sein. Was im Hin­ter­grund noch alles zusam­men­spielt, aber nicht direkt beob­acht­bar ist (laten­te Varia­blen), wis­sen wir oft nicht. Auch ist ein Stadt­teil kein abge­schlos­se­ner Con­tai­ner. Men­schen bewe­gen sich zusätz­li­ch in wei­te­ren sozia­len Sphä­ren (Davon wird an ande­rer Stel­le noch zu spre­chen sein.). Ober­fläch­li­che Zuschrei­bun­gen wie „Pro­blem­kiez“ oder „auf­stre­ben­der Stadt­teil“ grei­fen zu kurz, wenn sie den Wan­del eines Quar­tiers auf eini­ge weni­ge Deter­mi­nan­ten zurück­füh­ren wol­len und fata­lis­ti­sche Zusam­men­hän­ge zwi­schen mate­ri­el­ler Umwelt und Men­sch pos­tu­lie­ren. Aber wir alle nei­gen lei­der oft dazu, ein­fa­che Ant­wor­ten auf schwie­ri­ge Fra­gen beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den.

Wer sozia­le Pro­ble­me bes­ser ver­ste­hen möch­te, soll­te stets ein gerüt­telt‘ Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Gepäck haben, denn die Ursa­chen und Fol­gen von Armut und sozia­ler Aus­gren­zung sind ver­wor­ren und kom­plex. Viel­schich­tig zu den­ken und Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten wer­den zur Grund­vor­rau­set­zung guter sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Und die Imple­men­tie­rung von Maß­nah­men, wel­che die Lebens­um­stän­de der Bewoh­ne­rIn­nen eines „Stadt­teils mit beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf“ ver­bes­sern sol­len, wird zur sinn­bild­li­chen Mika­do­pro­ble­ma­tik: Zieht man unbe­darft das fal­sche Stäb­chen, wackeln drei wei­te­re Hölz­chen unge­wollt mit.

Zum Wei­ter­le­sen:

Hae­fe­le, Joa­chim (2013). Die Stadt, das Frem­de und die Furcht vor Kri­mi­na­li­tät. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Saun­ders, Dou­glas (2011). Arri­val City: Über alle Gren­zen hin­weg zie­hen Mil­lio­nen Men­schen vom Land in die Städ­te – von ihnen hängt unse­re Zukunft ab. Mün­chen: Bles­sing.

Quel­len:

Burzan, Nicole (2011). Sozia­le Ungleich­heit. Eine Ein­füh­rung in die zen­tra­len Theo­ri­en. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Cres­sey, Paul Fre­de­rick (1938). “Popu­la­ti­on Suc­ces­si­on in Chi­ca­go, 1898–1930”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 44, 59–69.

Far­wick, Andre­as (2009). Segre­ga­ti­on und Ein­glie­de­rung: Zum Ein­fluss der räum­li­chen Kon­zen­tra­ti­on von Zuwan­de­rern auf den Ein­glie­de­rungs­pro­zess. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Häu­ßer­mann, Hart­mut (2012). Woh­nen und Quar­tier. Ursa­chen sozi­al­räum­li­cher Segre­ga­ti­on. In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 383–396). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Hra­dil, Ste­fan und Schie­ner, Jür­gen (2005). Sozia­le Ungleich­heit in Deutsch­land. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Volk­mann, Anne (2012). Quar­tier­s­ef­fek­te in der Stadt­for­schung und in der sozia­len Stadt­po­li­titk: Die Rol­le des Rau­mes bei der Repro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit. Ber­lin: Univ.-Verl. der TU, Univ.-Bibliothek.

Wil­son, James und Kel­ling, Geor­ge (1982). Bro­ken Win­dows.

Autor:

Kai Hau­prich

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Wie im „Permanent White Water“ des Netzes die “Eskimorolle” das Überleben sichert

Wohl um 250 nach Chris­tus wur­de der Pari­ser Bischof Dio­ny­si­us im Rah­men der Chris­ten­ver­fol­gun­gen auf dem Mont­mar­t­re ent­haup­tet. Die Legen­de berich­tet, dass er nach der Ent­haup­tung sei­nen Kopf in sei­ne Hän­de nahm und dort­hin ging, wo er denn begra­ben sein woll­te. An sei­nem Begräb­nis­ort steht heu­te die Kathe­dra­le Saint Denis.

Däu­me­lin­chen klappt ihr Note­book auf. Mag sie sich jener Legen­de auch nicht ent­sin­nen – was sie da vor Augen hat, ist nichts ande­res als ihr Kopf. Wohl­ge­füllt kraft sei­ner uner­schöpf­li­chen Infor­ma­ti­ons­be­stän­de, aber auch wohl­be­schaf­fen, weil sich durch Such­ma­schi­nen in ihm Tex­te und Bil­der nach Lau­ne auf­ru­fen las­sen.“ (Ser­res 2013: 27)

 Wie der Hei­li­ge sei­nen Kopf, so trägt sie nun­mehr

ihre vor­mals inter­nen, nun exter­na­li­sier­ten kogni­ti­ven Fähig­kei­ten in Hän­den“ (Ser­res 2013: 27)!

So beschreibt uns Michel Ser­res in sei­nem 2013 ver­öf­fent­lich­ten Text mit dem schö­nen Unter­ti­tel „Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on“ das Wun­der unse­rer Zeit: In unse­ren Hän­den hal­ten wir in klei­nen schwar­zen oder bun­ten Käst­chen das gesam­te Wis­sen unse­rer Zeit! Oder genau­er gesagt, den Zugang dazu. Wir müs­sen uns noch nicht ein­mal mehr mer­ken, wo im Regal ein gesuch­tes Buch steht; wir kön­nen ein­fach Such­ma­schi­nen befra­gen!

Dies ver­än­dert unse­re Zeit und auch unser Leben; gen­au wie der Buch­druck die Pro­duk­ti­on von Wis­sen, die Wei­ter­ga­be von Wis­sen und die Rezep­ti­on von Wis­sen ver­än­dert hat.

Als Leh­ren­der bedeu­tet dies in der Pra­xis einer Vor­le­sung oder eines Semi­nars, dass wir mit dem all­zeit ver­füg­ba­ren Wis­sen kon­kur­rie­ren:

Weil alle Welt das Wis­sen, das da ver­brei­tet wird, bereit hat. Zur Gän­ze. Zur frei­en Ver­fü­gung. Zur Hand. Jeder­zeit zugäng­li­ch im Netz, bei Wiki­pe­dia, mit dem Han­dy, durch jedes belie­bi­ge Por­tal“ (Ser­res 2013: 35)

Das Wis­sen fokus­siert sich nicht mehr im Kathe­der, im Red­ner­pult – es ist all­ge­gen­wär­tig im Raum der Vor­le­sung, des Semi­nars, der Schu­le. Und damit ändert sich die Rol­le des Leh­ren­den; was ist denn der wirk­li­che Mehr­wert, der Nut­zen, der Gebrauchs­wert, den wir als Leh­ren­de rea­li­sie­ren kön­nen?

Heu­ris­ti­ken zu ent­wi­ckeln und zu ver­mit­teln, ein­zel­ne Mosa­ik­stei­ne zu einem Gesamt­bild zusam­men­zu­fü­gen, den Gebrauchs- und Erklä­rungs­wert von Theo­ri­en durch eine erfah­rungs­ge­sät­tig­te Pra­xis­an­kopp­lung her­zu­stel­len, Lern­vor­gän­ge zu initi­ie­ren, durch­zu­füh­ren, zu beglei­ten, zu kom­men­tie­ren und zu bewer­ten – so könn­ten die Auf­ga­ben eines Leh­ren­den beschrie­ben wer­den.

Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als Per­ma­nent Whi­te Water

Den All­tag von „sozia­len per­so­nen­be­zo­ge­nen Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen“ in der Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als „kom­plex, kon­flikt­be­la­den, mehr­deu­tig und daher rela­tiv schwer zu ver­ste­hen“ (Kla­tetz­ki 2010: 18) zu beschrei­ben ist das Eine. Die Dis­kus­si­on und Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes im Rah­men eines Semi­nars kann sogar für die Stu­die­ren­den bis zu einer beding­ten und begrenz­ten Ein­sicht in den All­tag eben jener Orga­ni­sa­tio­nen füh­ren.

Kop­peln wir aber den All­tag der Erfah­run­gen der Leh­ren­den und der Ler­nen­den – denn ein Groß­teil der Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten kommt mit Erfah­run­gen aus eben jenen Orga­ni­sa­tio­nen in die Semi­na­re – mit theo­re­ti­schen Ein­sich­ten, wie sie uns bei­spiels­wei­se Peter Vaill mit sei­ner Zustands­be­schrei­bung des „Per­ma­nent Whi­te Water“ (Vaill 1996) lie­fert, so wird der chao­ti­sche und erleb­te All­tag erklär­bar.

Eskimorolle Digital

Das sinn­bild­li­che Ver­mit­teln der “Eski­mo­rol­le” als eige­ne Qua­li­tät per­sön­li­cher Leh­re in der Sozi­al­ar­beit

Unsi­cher­heit und Risi­ko wer­den im Bild des Wild­was­ser­fah­rers im wei­ßen Was­ser nach­voll­zieh­bar, die Ver­knüp­fung von Theo­rie und Pra­xis wer­den sicht­bar in Schutz­maß­nah­men wie Schwimm­wes­te und Helm (wobei en pas­sant die span­nen­de Fra­ge zu klä­ren ist, ob Theo­rie jetzt mehr Schwimm­wes­te oder mehr Helm ist) und die “Eski­mo­rol­le” kann über­setzt wer­den in die kunst­vol­le Beherr­schung des ana­ly­ti­schen und metho­di­schen Instru­men­ta­ri­ums.

Die­ses hier ansatz­wei­se skiz­zier­te Zusam­men­stel­len von kon­text­fer­nen und kon­text­na­hen Bil­dern, das Über­tra­gen von Erklä­rungs­an­sät­zen aus grund­le­gend anders struk­tu­rier­ten Fel­dern in die Sozia­le Arbeit, das Her­stel­len von trans­dis­zi­pli­nä­ren Ver­knüp­fun­gen auch jen­seits der Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – so könn­te man die neu­en Auf­ga­ben des Leh­rens im Zeit­al­ter der ubi­qui­tä­ren Weis­heit ver­su­chen zu beschrei­ben. Die Anfor­de­run­gen an die­se neu­en Aufgaben- und Rol­len­zu­schrei­bun­gen sind anspruchs­voll und kom­plex; Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät, Ambi­gui­täts­to­le­ranz, und Beschei­den­heit sind dabei die Grund­aus­stat­tung und das mephis­to­phe­li­sche

all­wis­send bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst“ (Faust I)

kann in der einen oder ande­ren Situa­ti­on durch­aus wei­ter­hel­fen.

Das Gan­ze macht uns Kopf­schmer­zen; die Wis­sens­dif­fu­si­on, die Rol­len­ver­än­de­rung, die zuneh­men­den Unsi­cher­hei­ten. Da mag dann wie­der­um ein Bli­ck zurück auf den hei­li­gen Dio­ny­si­us hel­fen; er gilt als einer der 14 Not­hel­fer und sei­ne Anru­fung soll bei Kopf­schmer­zen hel­fen!

Quel­len:

Kla­tetz­ki, Tho­mas (Hrsg.)(2010). Sozia­le per­so­nen­be­zo­ge­ne Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Ser­res, Michel (2013). Erfin­det Euch! Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on. Ber­lin: Edi­ti­on Suhr­kamp.

Vaill, Peter (1996). Learning as a Way of Being: Stra­te­gies for Sur­vi­val in a World of Per­ma­nent Whi­te Water. New York: Jos­sey Bass.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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