Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jah­re wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­mal­te Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bä­ck und Pra­li­nen an lie­be Bekann­te in die gan­ze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­li­ch die Sys­tem­fra­ge: Wozu Weih­nach­ten? War­um fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fi­ge, bit­te­re Ana­ly­se. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­dri­an und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die gan­ze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­lo­ge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­rö­te ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befrei­en kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hau­se, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­li­ch ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wur­de von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­ri­sch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wur­de das ers­te Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­wei­se „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Son­ne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­li­an am 25. Dezem­ber gefei­ert wur­de (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 wei­ße Ker­zen ­– anzei­gen woll­te, wann end­li­ch Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schli­ch sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wur­de fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für vie­le das ritu­el­le Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­ti­on aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäu­me durch ver­schnei­te Land­schaf­ten in die Städ­te tra­gen konn­te, mach­te Weih­nachts­bäu­me für die brei­te Mas­se ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben vie­le der ritu­el­len Bestand­tei­le unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­ti­on fei­er­te man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­ga­be des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wur­de wohl nicht – wie eine urba­ne Legen­de es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Fir­ma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüs­se „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­li­ch trau­ri­ge Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giö­se wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Bril­le auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Ritua­le fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­wei­se Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Ritua­le, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­wei­se das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unse­re Wer­te und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­li­ch als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hän­ge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zel­ne Din­ge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest qua­si ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chen­de Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hän­ge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gi­sch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­li­ch, wie die selbst­ge­wähl­ten Ritua­le und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Ritua­le] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft sozia­le For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­ti­sch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­such­te eth­no­lo­gi­sch die sozia­le Funk­ti­on des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gi­en” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­ga­be.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­no­ch zugleich gefähr­li­ch ist. Das rührt daher, dass die gege­be­ne Sache selbst eine wech­sel­sei­ti­ge und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­ga­be han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­ti­on des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heu­te ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­su­ch ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den eini­ge Fami­li­en jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve – auch dar­an, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gera­de denen kei­ne Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giö­se und gesell­schaft­li­che Wer­te und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn die­se sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pau­se.

Für vie­le Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­re­ne. Die Fei­er­ta­ge und erzwun­ge­ne Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch gen­au damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­te­re wich­ti­ge Funk­ti­on für die Gesell­schaft und das Indi­vi­du­um:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehr­le und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pau­se also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­li­ch der pas­si­ve Teil von Akti­vi­tät, ohne den kei­ne Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Ran­de: eine argu­men­ta­ti­ve Steil­vor­la­ge für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­ni­en unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­su­ch, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­ken­de Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nah­me auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­ta­ge wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­li­ch geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cice­ro begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­li­ch selbst ein frei­er Bür­ger nicht wirk­li­ch frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cice­ro)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „trä­ge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gera­de nie­mand träl­lert oder Block­flö­te spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konn­te, dass Weih­nach­ten kei­ne sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­ge­ne Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tier­te Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­leh­re lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zes­se wesent­li­ch effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hier­zu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hil­fe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rech­te Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hil­fe der Con­joint Ana­ly­se“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­sa­me Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tua­le und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­ti­ge sozia­le Sym­bol­ge­schich­te“, Sozi­al Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Rapha­el (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­to­ph; Suzu­ki, Sho­ko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzu­ki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehr­le, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pau­se. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphae­la (2002). Riten und Ritua­le. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Mit Bourdieu in der Cocktailbar

Ein Abend in der Cock­tail­bar; der Bar­kee­per nimmt mei­ne Bestel­lung auf. Etwas schnodd­rig, aber doch bestimmt, bestel­le ich einen „Gin Tonic“!

Und“, sagt der war­ten­de Bar­kee­per „Bour­dieu?“. Um dann in mei­ne Ver­blüf­fung hin­ein sei­ne Nach­fra­ge nach der Gin Sor­te, der Tonic Sor­te und nach der Eis Sor­te (Wel­ches Mine­ral­was­ser wird zu Eis?) zu stel­len. „Noch nie was von den fei­nen Unter­schie­den gehört?“ – so sein Kom­men­tar zu mei­ner Sim­pli­zi­tät. Und zu mei­nem unzu­rei­chen­den Dis­tink­ti­ons­ver­mö­gen; es feh­le mir eben – um mit Nor­bert Eli­as zu spre­chen – die „Lust am Kon­trast“.

Denn auf der Folie der „Fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) wird mei­ne sim­ple Geträn­ke­be­stel­lung zum Nach­weis mei­ner man­gel­haf­ten Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem Kapi­tal und damit zu einer ein­deu­ti­gen Zuord­nung zu einer Schicht, die die „Fei­nen Unter­schie­de“ nicht kennt. Mei­ne sim­ple (im dop­pel­ten Sin­ne) Geträn­ke­be­stel­lung labelt mich im Feld der Cock­tail­bar als „bar-​fern“ und „kul­tur­fern“!

Cocktails

Die Pra­xis­taug­lich­keit von Bour­dieu zeigt sich bei­zei­ten sogar in der Cock­tail­bar.

Selbst wenn mein Porte­mon­naie an die­sem Abend den Genuss eines „hand­ge­bla­se­nen“ Schwarz­waldgins mög­li­ch machen könn­te, ver­un­mög­licht es mein man­geln­des kul­tu­rel­les Kapi­tal: Ich weiß nichts über eben die­sen köst­li­chen Gin und daher wer­de ich ihn nicht trin­ken kön­nen.

Ganz prak­ti­sch gewinnt an die­sem Abend in der Cock­tail­bar Bour­dieus Kri­tik des kul­tu­rel­len Kon­sums und Geschmacks ihre unschlag­ba­re Pra­xis­taug­lich­keit – sie erklärt uns die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen unse­rer eige­nen kul­tu­rel­len Aus­stat­tung und wie die­se unse­re eige­ne Pra­xis uns im gesell­schaft­li­chen Oben und Unten zuord­net. Und wie uns eine ent­spre­chen­de ana­ly­ti­sche Aus­stat­tung, eben die­se Zuord­nung auch und gera­de in all­täg­li­chen Pra­xen ermög­licht.

Bour­dieu im Jugend­amt

Ein Bera­tungs­set­ting im Jugend­amt einer Ruhr­ge­biets­kom­mu­ne – gestan­de­ne Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und Päd­ago­gen mit jah­re­lan­ger Pra­xis in der offe­nen Jugend­ar­beit dis­ku­tie­ren zwei Tage ihren päd­ago­gi­schen All­tag im Kon­text eines kom­mu­na­len Spar­haus­hal­tes. „Wie“, so ihre Fra­ge „kann Jugend­ar­beit bei lee­ren Kas­sen aus­se­hen?“ und zwangs­läu­fig mäan­driert die­se Dis­kus­si­on auch und immer um „Kul­tur“.

Plötz­li­ch steht Oper, Schau­spiel und Muse­um kon­tro­vers zur Offe­nen Jugend­ar­beit und erstaun­li­cher­wei­se (?) ord­nen sich die Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker der Sozia­len Arbeit in ihrer Wer­tig­keit den „Hohen Küns­ten“ frei­wil­lig unter. Und im Fort­gang der Dis­kus­si­on wird dann deut­li­ch, wie wenig ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis sich in Oper, Schau­spiel und Muse­um wie­der­fin­det.

Hoch­kul­tur“ wird viel­mehr dem gesell­schaft­li­chen Oben zuge­ord­net (ein qua­si natur­wüch­si­ger „Bour­dieuis­mus“?) und im Unten ist eben ihr All­tag und der All­tag der „nor­ma­len“ Men­schen – so das Fazit die­ses Dis­kur­ses.

In der Rezep­ti­on der „Fei­nen Unter­schie­de“ ver­än­dert sich ihre „All­tags­so­zio­lo­gie“; dass kul­tu­rel­le Pra­xis auch immer der Dis­tink­ti­on dient, ver­än­dert ihren Fokus auf ihre eige­ne kul­tu­rel­le Pra­xis und auf die Pra­xis der „Hoch­kul­tur“. Und mit „Habi­tus“, „Kapi­tal“ und „Feld“ (vgl. Bour­dieu 1998 und 2001) ver­mit­teln sich ihnen ana­ly­ti­sche Instru­men­te, die ihre pro­fes­sio­nel­len Fel­der ver­ste­hen und erklä­ren und tak­ti­sche, sowie stra­te­gi­sche Mus­ter für ihr ganz eige­nes prak­ti­sches und poli­ti­sches Han­deln ver­mit­teln.

In der Rezep­ti­on und Dis­kus­si­on der Bour­dieu­schen Begrif­fe und (Feld-)Analysen ent­ste­hen den Exper­tin­nen der Sozia­len Arbeit ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Instru­men­te, die dann in ihrer eige­nen Pra­xis neue ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­ten­de Ein­sich­ten her­vor­brin­gen: Eine ganz prak­ti­sche Theo­rie!

Der „Königs­me­cha­nis­mus“ im rhei­ni­schen Rat­haus

Beim Lesen von Eli­as bin ich immer wie­der frap­piert, wie sehr unse­re Posi­tio­nen sich glei­chen“ (Leuw und Zim­mer­mann 1983), so beschreibt Bour­dieu sein Ver­hält­nis zu Nor­bert Eli­as, den er mit Marx, Durk­heim und Weber zu sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Vor­bil­dern zähl­te. Und so ist es auch nicht ver­wun­der­li­ch, son­dern viel­mehr fol­ge­rich­tig, dass auch Nor­bert Eli­as als „Men­schen­wis­sen­schaft­ler“ uns in die­sem Blog prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft – wenn auch nicht in der Cock­tail­bar – begeg­net.

Sozia­le Arbeit als „schwa­che Ver­tre­tung schwa­cher Inter­es­sen“ – man den­ke nur an die „Erwerbs­lo­sen­be­we­gung“ (vgl. Kie­ser 1988) oder die Durch­set­zungs­stra­te­gi­en der Sozia­len Arbeit auf EU-​Ebene (vgl. Sei­bel 2010) – nimmt ger­ne Anlei­hen in angren­zen­den Dis­zi­pli­nen; ob es nun Politik-, Geschichts- oder Sozi­al­wis­sen­schaft ist. Nor­bert Eli­as hat mit sei­nen gro­ßen Erzäh­lun­gen über „Zivi­li­sa­ti­on“ (vgl. Eli­as 1983 und 1987) eine wah­re „Fund­gru­be“ für Ana­ly­sen und Hand­lungs­stra­te­gi­en gelie­fert, deren Taug­lich­keit für die „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ nur in der Pra­xis über­prüft wer­den kann – folgt man denn hier Marx und sei­nen „The­sen über Feu­er­bach“ .

In „Die höfi­sche Gesell­schaft“ (Eli­as 1983) ent­wi­ckelt Eli­as mit dem „Königs­me­cha­nis­mus“ eine erfolg­rei­che Stra­te­gie (zumin­dest für die Köni­ge Frank­reichs), um Macht zu erobern und zu erhal­ten, indem geg­ne­ri­sche Inter­es­sen­grup­pen immer in einem Macht­gleich­ge­wicht zu hal­ten sind. Nur dann, wenn sich die Macht­po­ten­tia­le gegen­sei­tig im Schach hal­ten, kön­nen schwa­che Zen­tral­mäch­te oder Zen­tral­fi­gu­ren Macht­po­si­tio­nen erobern und der­art Macht akku­mu­lie­ren. Inter­es­san­ter­wei­se benutzt Her­mann Kor­te die­se Denk­fi­gur, um Ange­la Mer­kels Auf­stieg zur Macht im Rah­men einer Fall­stu­die zu beschrei­ben (Kor­te 2009).

In einem Semi­n­ar zur Ein­füh­rung in Kom­mu­na­le Sozi­al­po­li­tik; Hand­lungs­stra­te­gi­en zur Inter­es­sen­durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen wer­den am Bei­spiel eines Arbeits­lo­sen­zen­trums in einer rhei­ni­schen Groß­stadt dis­ku­tiert. Die Ein­füh­rung der Denk­fi­gur des „Königs­me­cha­nis­mus“ eröff­net einen völ­lig neu­en Fokus für die Stu­die­ren­den; Macht­po­ten­tia­le in der Ver­än­de­rung wer­den nun­mehr in den (Be-)Griff genom­men; ein sozio­lo­gi­scher und his­to­ri­scher Rück­bli­ck schafft eine neue Per­spek­ti­ve für aktu­el­le Pro­ble­me.

Poli­tik wird in ihrer his­to­ri­schen und sach­li­ch begrün­de­ten Ver­än­der­bar­keit als Mecha­nis­mus erkenn­bar, die ein­zel­nen Zahn­rä­der sicht­bar, Instru­men­te zur Neu­ein­stel­lung kön­nen ent­wi­ckelt und umge­setzt wer­den – „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ eben.

Zum Wei­ter­le­sen und Anschau­en:

Fröh­li­ch, Ger­hard und Reh­bein, Boi­ke (2009). Bourdieu-​Handbuch. Leben, Werk, Wir­kung. Stutt­gart: J.B. Metz­ler.

Leuw, Peter de und Zim­mer­mann, Hans-​Dieter (1983). Die fei­nen Unter­schei­de und wie sie ent­ste­hen. Pier­re Bour­dieu erforscht den All­tag. Frank­furt: Hes­si­scher Rund­funk TV-​Film.

Lite­ra­tur:

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Kri­tik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Bour­dieu, Pier­re (1998). Vom Gebrauch der Wis­sen­schaft. Für eine kli­ni­sche Sozio­lo­gie des wis­sen­schaft­li­chen Fel­des. Kon­stanz: UVK.

Bour­dieu, Pier­re (2001). Die Regeln der Kunst: Gene­se und Struk­tur des lite­ra­ri­schen Fel­des. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1983). Die höfi­sche Gesell­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Eli­as, Nor­bert (1987). Über den Pro­zeß der Zivi­li­sa­ti­on. Frank­furt: Suhr­kamp.

Kie­ser, Albrecht (1988). Zwi­schen Siech­tum und Wider­stand. Sozi­al­ar­beit und Erwerbs­lo­sen­be­we­gung. Bie­le­feld: Lucht­erhand.

Kor­te, Her­mann (2009). “Und ich gucke mir das an. Ange­la Mer­kels Weg zur Macht. Eine Fall­stu­die”, In: Mar­ti­na, Löw (Hg.), Geschlecht und Macht. Ana­ly­sen zum Span­nungs­feld von Arbeit, Bil­dung und Fami­lie (S. 16–28). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Sei­bel, Katha­ri­na (2010). “Rekla­ma­ti­on und Durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen”, In: , Ben­ja­min Benz u.A (Hrsg.). Sozia­le Poli­tik – Sozia­le Lage- Sozia­le Arbeit (S. 207–224). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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Ein Freund, ein guter Freund.

Der Men­sch ist ein sozia­les Wesen und von Zeit zu Zeit sind wir selbst­ver­ständ­li­ch auch auf die Unter­stüt­zung von Freun­dIn­nen oder Bekann­ten ange­wie­sen. Über unse­re Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen gelan­gen wir an wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen, sie hel­fen uns in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen, ver­mit­teln uns Ver­hal­tens­wei­sen und Kul­tur­tech­ni­ken, oder geben uns emo­tio­na­le Unter­stüt­zung und Rück­halt. Das Netz unse­rer Bezie­hun­gen zu Fami­lie, Freun­dIn­nen und Bekann­ten bil­det unser soge­nann­tes „Sozi­al­ka­pi­tal“. Dar­un­ter ver­steht der fran­zö­si­sche Sozio­lo­ge Pier­re Bour­dieu (von Hau­se aus Phi­lo­so­ph)

die Gesamt­heit der aktu­el­len und poten­ti­el­len Res­sour­cen, die mit dem Besitz eines dau­er­haf­ten Net­zes […] gegen­sei­ti­gen Ken­nens oder Aner­ken­nens ver­bun­den sind; oder, anders aus­ge­drückt, es han­delt sich dabei um Res­sour­cen, die auf der Zuge­hö­rig­keit zu einer Grup­pe beru­hen.“ (Bour­dieu 1992: 63)

Die­ses Bezie­hungs­netz­werk muss von uns aller­dings stets gepflegt wer­den, da es durch das Prin­zip der Gegen­sei­tig­keit (Rezi­pro­zi­tät) zusam­men­ge­hal­ten wird: Wer nach dem Mot­to lebt „Du hilfst mir und im Gegen­zug wird mir von dir gehol­fen (The Simpsons)“, von dem füh­len wir uns schnell aus­ge­nutzt. Und da unser aller Zeit begrenzt ist müs­sen wir – bewusst oder unbe­wusst – stets Ent­schei­dun­gen dar­über tref­fen, wel­che Bezie­hun­gen uns wich­tig sind; wel­che wir auf­recht­erhal­ten wol­len und wel­che wir „ein­schla­fen las­sen“. Wäh­rend eini­ge Men­schen lie­ber auf weni­ge, dafür aber enge Bezie­hun­gen zu Freun­dIn­nen zäh­len („Men­schen auf die man sich immer ver­las­sen kann“), ken­nen ande­re sprich­wört­li­ch “Gott und die Welt”; dafür aber eher ober­fläch­li­ch.

Ler­nen Ver­tre­te­rIn­nen die­ser bei­den Lebens­kon­zep­te sich neu ken­nen – viel­leicht bei der Umzugs­hil­fe eines gemein­sa­men Bekann­ten –, so kann es schon ein­mal zu hit­zi­gen Debat­ten dar­über kom­men, wel­che Bezie­hun­gen nun „wert­vol­ler“ sei­en. Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die in die­sem kri­ti­schen Moment nicht schnell genug hin­ter den Umzugs­kar­tons in Deckung gehen, wer­den kur­zer­hand – die Rück­wand eines Bil­ly Regals unter dem rech­ten Arm, das Trep­pen­haus hin­un­ter­pol­ternd – zu Schieds­rich­te­rIn­nen des Streit­ge­sprächs beru­fen. Wel­ches Bezie­hungs­kon­zept ist nun das bes­se­re? Aus Sicht der Wis­sen­schaft muss das Urteil natür­li­ch ein­mal mehr lau­ten: Es kommt ganz dar­auf an!

Gemein­sam durch dick und doof.

Der Wert enger Bezie­hun­gen – die Netz­werkana­ly­se spricht von „strong ties“ (vgl. Gra­no­vet­ter 1973) – liegt auf der Hand: sie sind ver­läss­li­ch, bestän­dig und belast­bar. Emo­tio­na­le Unter­stüt­zung erhal­ten wir typi­scher­wei­se von „guten“, „ech­ten“ Freun­dIn­nen oder Fami­li­en­mit­glie­dern. Mate­ri­el­le Unter­stüt­zung oder Hil­fe in beson­ders schwe­ren Lebens­la­gen kön­nen wir uns am ehes­ten von die­sen Bezie­hun­gen erhof­fen (vgl. Steg­bau­er 2010: 672). Auch die Ver­mitt­lung von kom­plex­em Wis­sen gelingt in vie­len Fäl­len bes­ser über strong ties (vgl. Ricken und Seidl 2010: 102). Das Pro­blem mit die­ser Art von Bezie­hung ken­nen wir alle nur zu gut aus dem All­tag: enge Bezie­hun­gen wol­len gepflegt wer­den, neh­men viel Zeit in Anspruch, for­dern viel Auf­merk­sam­keit (vgl. Jan­sen und Diaz-​Bone 2014: 75). Der Über­gang von einer star­ken in eine schwä­che­re Bezie­hung wird des­halb häu­fig ein­ge­lei­tet mit dem Satz: „Von dir hört man ja auch nichts mehr!“.

Hände

Sozi­al­ka­pi­tal und sozia­le Unter­stüt­zung: Was soll das nun ganz kon­kret sein? Ein Netz­werk aus star­ken und schwa­chen Bezie­hun­gen?

Eini­ge Schwä­chen oder nega­ti­ve Effek­te, die enge Bezie­hun­gen und Freund­schaf­ten mit sich brin­gen, lie­gen in der Art und Wei­se begrün­det, wie wir unse­re Freun­dIn­nen wäh­len. Häu­fig ten­die­ren wir dazu Men­schen, die uns ähn­li­ch sind oder die ähn­li­che Eigen­schaf­ten oder Ein­stel­lun­gen haben, beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den (vgl. Her­kner 1978; Frey 1997: 214ff) – die­sen Effekt bezeich­net man als Homo­phi­lie (vgl. Heid­ler 2010: 367). Im Volks­mund: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“ Im Umkehr­schluss beein­flus­sen unse­re Bezie­hun­gen zu bestimm­ten Men­schen auch unse­re eige­nen Ein­stel­lun­gen – je inten­si­ver die Bezie­hung desto stär­ker der sozia­le Ein­fluss (vgl. Osgood und Tan­nen­baum 1955). Die Kon­se­quenz: Ähn­li­che Men­schen fin­den sich häu­fi­ger zusam­men als unähn­li­che; je stär­ker die Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, desto homo­ge­ner wird die Grup­pe mit der Zeit. Aus­nah­men bestä­ti­gen wie so oft die Regel!

Grup­pen mit sehr engen Bezie­hun­gen ten­die­ren – so der worst case – jedoch auch zu soge­nann­ter sozia­ler Schlie­ßung d.h. “Nor­men und Iden­ti­tä­ten wer­den immer wie­der bestä­tigt. Abweich­ler und Neu­ar­ti­ges wer­den aus­ge­schlos­sen” (Jan­sen 2006: 107). Es kommt also zu homo­ge­nen Mei­nun­gen, Sicht- und Hand­lungs­wei­sen (vgl. Schei­deg­ger 2010: 149). In bestimm­ten „fest­ge­fah­re­nen“ Lebens­si­tua­tio­nen kann es des­halb – die „Nest­wär­me“ der eige­nen Grup­pe in allen Ehren – durch­aus sinn­voll sein, sich den Rat eines/​einer sprich­wört­li­ch „Außen­ste­hen­den“ ein­zu­ho­len, um alter­na­ti­ve Sicht­wei­sen ken­nen zu ler­nen.

Jeman­den ken­nen, der jeman­den kennt.

Der Nach­teil schwa­cher Bekannt­schaf­ten liegt im Umkehr­schluss auch nahe: sie sind wenig belast­bar, wenig bestän­dig, vie­les „kann man nicht ver­lan­gen“. Außer­dem kann die Annah­me von Unter­stüt­zung stets mit Scham, einem Unter­le­gen­heits­ge­fühl oder Ver­pflich­tun­gen zur Gegen­leis­tung ver­bun­den sein (vgl. Die­wald und Satt­ler 2010: 690) – und bei schwa­chen Bezie­hun­gen gilt das umso mehr.

Ander­seits haben die soge­nann­ten weak ties einen ganz beson­de­ren Char­me: Sie bau­en uns oft Brü­cken in sozia­le Krei­se und Lebens­wel­ten von denen wir son­st oft aus­ge­schlos­sen sind. Put­nam bezeich­net dies als Bridging Soci­al Capi­tal (vgl. Haug 2010: 248). Klas­si­sche Orte zum Brü­cken­bau: Sport­clubs, Schüt­zen­ver­ei­ne oder Glau­bens­ge­mein­schaf­ten! Über ein „gemein­sa­mes Drit­tes“ begeg­nen sich hier Men­schen, die son­st wohl eher unwahr­schein­li­ch in Kon­takt kämen.

Auf die­se Wei­se gelangt man an Infor­ma­tio­nen oder Hilfs­mög­lich­kei­ten, die son­st uner­reich­bar blie­ben – nicht zuletzt macht man hier neue, berei­chern­de Erfah­run­gen. Mark Gra­no­vet­ter (1973) konn­te in sei­ner berühm­ten Arbeit „The Streng­th of Weak Ties“ zei­gen, dass schwa­che Bezie­hun­gen z.B. bei der Job­su­che als Infor­ma­ti­ons­quel­le beson­ders nütz­li­ch sind. Und auch der ein oder ande­re Sport­ver­ein lebt ein Stück weit davon, dass hier Bekannt­schaf­ten zwi­schen Men­schen unter­schied­lichs­ter Her­kunft ent­ste­hen und sich so Exper­tIn­nen für alle Lebens­la­gen fin­den las­sen. Men­schen, die es schaf­fen (und aus­hal­ten) ver­schie­de­ne Grup­pen als Brü­cke zu ver­bin­den – soge­nann­te „bro­ker“ –, denen spricht die Netz­werkana­ly­se eine beson­ders gro­ße Inno­va­ti­ons­kraft zu:

Peop­le who­se net­works bridge the struc­tu­ral holes bet­ween groups have an advan­ta­ge in detec­ting and deve­lo­ping rewar­ding oppor­tu­nities. Infor­ma­ti­on arbi­tra­ge is their advan­ta­ge. They are able to see ear­ly, see more broad­ly, and trans­la­te infor­ma­ti­on across groups.” Burt (2004: 354)

Wem nun der Kopf raucht vor lau­ter sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Bezie­hungs­kal­kül, dem kann gera­ten wer­den noch die letz­ten Umzugs­kar­tons in den Sprin­ter zu laden und mit sei­nen neu­en Bekannt­schaf­ten etwas Küh­les trin­ken zu gehen. Denn zu sozia­ler Unter­stüt­zung zählt schein­bar auch ein­fach „Gesel­lig­keit inso­fern sie zu einer posi­ti­ven Gemüts­la­ge bei­trägt bzw. Spaß macht“ – so zumin­dest Die­wald und Satt­ler (2010: 691).

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Die­wald, Mar­tin und Satt­ler, Sebas­ti­an (2010). Sozia­le Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 689–699). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Frey, Die­t­er (1997). Sozi­al­psy­cho­lo­gie: Ein Hand­buch in Schlüs­sel­be­grif­fen. Wein­heim: Beltz.

Gra­no­vet­ter, Mark S. (1973). „The Streng­th of Weak Ties”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 78 (6), 1360–1380.

Jan­sen, Doro­thea und Diaz-​Bone, Rai­ner (2014). Netz­struk­tu­ren als sozia­les Kapi­tal. In: J. Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke: Kon­zep­te und Metho­den der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Netz­werk­for­schung (S. 71–104). Mün­chen: De Gruy­ter Olden­bourg.

Schei­deg­ger, Nico­li­ne (2010). Struk­tu­rel­le Löcher. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling (Hrsg.), Hand­buch Netz­werk­for­schung (S.145–155), Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Quel­len:

Bour­dieu, Pier­re und Stein­rü­cke, Maga­re­ta (Hrsg.) (2005). Die ver­bor­ge­nen Mecha­nis­men der Macht. Schrif­ten zu Poli­tik und Kul­tur. Ham­burg: VSA-​Verlag.

Burt, Ronald S. (2004). “Struc­tu­ral Holes and Good Ide­as”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 110 (2), 349–399.

Haug, Son­ja (2010). Sozia­le Netz­wer­ke und sozia­les Kapi­tal. Fak­to­ren für die struk­tu­rel­le Inte­gra­ti­on von Migran­ten in Deutsch­land. In: M. Gam­per und L. Reschke (Hrsg.), Kno­ten und Kan­ten: Sozia­le Netz­werkana­ly­se in Wirtschafts- und Migra­ti­ons­for­schung (S. 247–273). Bie­le­feld: Tran­script.

Heid­ler, Richard (2010). Zur Evo­lu­ti­on sozia­ler Netz­wer­ke. Theo­re­ti­sche Impli­ka­tio­nen einer akteurs­ba­sier­ten Metho­de. In: C. Steg­bau­er (Hg.), Netz­werkana­ly­se und Netz­werk­theo­rie: Ein neu­es Para­dig­ma in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten (S. 359–373). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Her­kner, Wer­ner (1978). Kon­takt, Sym­pa­thie und Ein­stel­lungs­ähn­lich­keit: Unter­su­chun­gen zur Balan­ce­theo­rie. Bern: H. Huber.

Jan­sen, Doro­thea (2006). Ein­füh­rung in die Netz­werkana­ly­se. Grund­la­gen, Metho­den, For­schungs­bei­spie­le. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Osgood, Charles und Tan­nen­baum, Per­cy (1955). “The Prin­ci­ple of congrui­ty in the pre­dic­tion of atti­tu­de chan­ge”, Psy­cho­lo­gi­cal Review, 62 (1), 42–55.

Ricken, Boris und Seidl, David (2010). Unsicht­ba­re Netz­wer­ke: Wie sich die sozia­le Netz­werkana­ly­se für Unter­neh­men nut­zen lässt. Wies­ba­den: Gab­ler.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Autor:

Kai Hau­prich

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Vom „ordentlichen Betteln“

Als Fol­ge der EU-​Osterweiterungen im Jah­re 2007 kommt es in Euro­pa zu neu­en Arbeits­mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen. Den aller­meis­ten Zuwan­de­rIn­nen aus Süd-​Osteuropa gelingt in Deutsch­land schnell und mühe­los eine Inte­gra­ti­on in den ers­ten Arbeits­markt. Ein­rich­tun­gen der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe berich­ten aber auch immer wie­der von einer klei­nen Grup­pe in Armut leben­der Men­schen, denen dies nicht geglückt ist. Sie kom­men in der Hoff­nung auf ein bes­se­res Leben, rut­schen jedoch in Deutsch­land schnell in pre­kä­re Lebens­ver­hält­nis­se und am Hil­fe­sys­tem vor­bei – im öffent­li­chen Dis­kurs wird häu­fig der Dys­phe­mis­mus der „Elends­mi­gra­ti­on“ bemüht. In Woh­nungs­lo­sig­keit und Armut ver­su­chen die­se Men­schen schließ­li­ch ihre Exis­tenz durch das Bet­teln in Fuß­gän­ger­zo­nen zu sichern. Vie­le Pas­san­tIn­nen reagie­ren irri­tiert bis ver­är­gert. Häu­fig weni­ger dar­über, dass gebet­telt wird – die Not ist augen­schein­li­ch –, son­dern viel­mehr über die Art und Wei­se wie es geschieht: dis­tanz­lo­ses Auf­tre­ten, akti­ves Anspre­chen, bis hin zur Zur­schau­stel­lung von Kör­per­be­hin­de­run­gen. Mit­men­schen, die „eigent­li­ch“, „nor­ma­ler­wei­se“ und „selbst­ver­ständ­li­ch“ woh­nungs­lo­sen Men­schen „immer etwas geben“, bau­en inner­li­ch Wider­stän­de auf. Man könn­te pro­vo­kant behaup­ten: Die auto­chtho­ne Bevöl­ke­rung wünscht sich ein „ordent­li­ches“ Bet­teln. Gibt es so etwas? Kann man rich­tig oder fal­sch bet­teln? Um das Geben und Bet­teln bes­ser zu ver­ste­hen, lohnt sich ein sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Bli­ck dar­auf, denn

it’s an import­ant and popu­lar fact, that things are not always what they seem”. (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Gesell­schaft durch Geben und Neh­men

Mar­cel Mauss beschreibt in sei­nem Klas­si­ker „Die Gabe“ (1968) ein­drucks­voll wel­che Bedeu­tung das Tau­schen, Schen­ken, Opfern und Geben für eine Gemein­schaft hat. Wich­ti­ge Erkennt­nis: Es geht nicht nur um das, was getauscht wird, son­dern viel­mehr dar­um, wie und war­um es getauscht wird. Dadurch, dass wir die Gabe eines ande­ren anneh­men, gehen wir die Ver­pflich­tung ein, uns bei Gele­gen­heit zu revan­chie­ren. Geschieht die­se Gegen­ga­be dann bei­zei­ten, schaf­fen wir dadurch Ver­trau­en zuein­an­der (vgl. Steg­bau­er 2010: 115). Die­ses Grund­prin­zip des sozia­len Mit­ein­an­ders nennt man „Rezi­pro­zi­tät“ – kennt man doch: „Wie du mir, so ich dir.“, „Eine Hand wäscht die ande­re.“ und die Bismarck’sche Sozi­al­ge­setz­ge­bung baut auch dar­auf. Des­halb schreibt Georg Sim­mel (1908: 663) wohl zurecht:

Ohne dass in der Gesell­schaft dau­ernd gege­ben und genom­men wird […] wür­de über­haupt kei­ne Gesell­schaft zustan­de kom­men.“

Nicht umson­st laden wir Frem­de zu einem Getränk ein, um sie oder ihn in unse­re Rei­hen auf­zu­neh­men. Oder wie der Köl­ner sagen wür­de: … trink noch Ene mit.

It’s a kind of magic

Als eine beson­de­re Form der Gabe kann man das Spen­den lesen: Wir „opfern“ hier sozu­sa­gen etwas, das uns gehört, um spä­ter dafür belohnt zu wer­den. Wenn sich die Gabe und Gegen­ga­be nicht mehr ver­rech­nen las­sen, spricht man von „gene­ra­li­sier­ter Rezi­pro­zi­tät“ – die Spen­de gilt dann der gan­zen Gemein­schaft (vgl. Steg­bau­er 2010: 118) von der wir uns bei Gele­gen­heit belohnt sehen wol­len. Die­se Idee kann sogar in eine Art „magi­sches Han­deln“ hin­über­glei­ten: Wir opfern einem „höhe­ren Wesen“ etwas und erhof­fen uns Glück davon. Klingt zu eso­te­ri­sch? Fang­fra­ge: Wann haben Sie das letz­te Mal eine Mün­ze in einen Klin­gel­beu­tel oder Brun­nen gewor­fen? Das Klein­geld steht hier sym­bo­li­sch für unser Ver­mö­gen das geop­fert wird, um uns auf magi­sche Wei­se Glück zu besche­ren – ein Teil für das Gan­ze (lat: „pars pro toto“) (vgl. Voß 1992: 136). Wer möch­te, darf auch ger­ne den ers­ten Schluck sei­nes Geträn­kes für die Göt­ter ver­gie­ßen – jeder Jeck ist anders!

Das Spen­den an Bett­ler als Opfer­ri­tual

Andre­as Voß (1992) wirft in “Bet­teln und Spen­den” einen tie­fe­ren sozio­lo­gi­schen Bli­ck auf die „Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung“. Bet­teln und Spen­den kön­nen ver­stan­den wer­den als eine Art Opfer­ri­tus (vgl. ebd.: 137ff). Der Bett­ler schafft durch die Insze­nie­rung des Bet­tel­ri­tu­als für die Pas­san­ten eine „auße­r­all­täg­li­che“ Situa­ti­on (vgl. ebd.: 135), die es dem Geben­den ermög­licht etwas zu opfern, um sich spi­ri­tu­ell „zu ver­si­chern“ – wenn auch „nur ein biss­chen Klein­geld“. Wer jetzt Gutes tut, dem wider­fährt auch Gutes im Jen­seits. Mild­tä­tig­keit gegen Arme wird in vie­len Reli­gio­nen belohnt. Wie die Bet­tel­in­sze­nie­rung aus­zu­se­hen hat, und was „erlaubt ist“ ori­en­tiert sich an der jewei­li­gen Zeit und Kul­tur (vgl. ebd.). Außer­dem ver­si­chert uns der Bett­ler, als Figur, die sich durch ihre ritu­el­le Selbst­er­nied­ri­gung erkenn­bar „außer­halb der Gesell­schaft“ stellt, dass der Geben­de zum „Innen“ der Gesell­schaft gehört. Der Bett­ler ver­si­chert: „Uns geht es gut, wir gehö­ren noch dazu!“ (vgl. ebd.: 147).

Beim Ritual des Bettelns markiert den Spendenbecher die fassbare Grenze des "Innen" und "Außen" einer Gesellschaft.

Beim Ritual des Bet­telns mar­kiert der Spen­den­be­cher die fass­ba­re Gren­ze des “Innen” und “Außen” einer Gesell­schaft.

Die­ses Gefühl ist es, das uns der Bett­ler zurück-​gibt: sei­ne Leis­tung, sei­ne Gegen­ga­be. „Dem Bett­ler kommt beson­ders in einem Wohl­fahrts­staat […] die Funk­ti­on eines sozia­len Mess­punk­tes zu“ (Voß 1992: 147). Das Bet­tel­ri­tual ist also kei­nes­wegs Betrug, son­dern aus sozio­lo­gi­scher Sicht sozu­sa­gen ein gesell­schaft­li­ches Büh­nen­stück. Es folgt einer Cho­reo­gra­phie, die geschicht­li­ch gewach­sen und kul­tu­rell gefärbt ist (vgl. ebd.: 82ff) – wie „ordent­li­ch“, im Sin­ne von gesell­schaft­li­ch gewünscht, gebet­telt wird, ist wan­del­bar: Im Ste­hen, Sit­zen oder auf den Kni­en, mit oder ohne Bet­tel­schild, Becher oder Hand, akti­ves Anspre­chen oder stil­les Ver­har­ren in der Ecke, Zur­schau­stel­len von Kör­per­be­hin­de­run­gen oder doch lie­ber ein ori­gi­nel­ler Spruch (vgl. ebd.: 175ff). Was heu­te unter Straf­an­dro­hung ver­bo­ten wird, war frü­her nor­mal und wird es viel­leicht auch wie­der ein­mal sein. Was es jedoch beim Bet­teln für den Geben­den immer braucht, ist die „Zwi­schen­schal­tung eines ritu­el­len Fil­ters“, denn:

Die Not und das Elend des rand­stän­di­gen Armen kön­nen so groß sein, dass das unmit­tel­ba­re Mit­ge­fühl über­for­dert ist. Die Flucht­re­ak­ti­on vor der Wahr­neh­mung des Armen ist die Fol­ge.“ (Voß 1992: 149)

Der „frem­de Bett­ler“ als Spie­gel

Die mora­li­sche oder emo­tio­na­le Irri­ta­ti­on, die bei eini­gen Pas­san­tIn­nen häu­fig sogar in Aggres­si­on gegen den Bet­telen­den umschlägt, könn­te man sozio­lo­gi­sch auch so deu­ten, dass hier das insze­nier­te Bet­tel­ri­tual nicht mit unse­ren eige­nen, aktu­el­len Vor­stel­lun­gen zusam­men­passt. Die Fra­ge nach Klein­geld des „frem­den Bett­lers“ wird zum Spie­gel des Zeit­geists und der eige­nen Kul­tur. Wenn uns also das nächs­te Mal ein „unor­dent­li­cher Bett­ler“ vor dem Dis­coun­ter im Kopf oder Her­zen durch­ein­an­der bringt, ist es doch gut zu wis­sen, dass das oft mehr mit uns selbst und unse­ren Wert­vor­stel­lun­gen zu tun hat, als mit dem­je­ni­gen der uns in sei­ner Not um Hil­fe bit­tet.

Und wenn man den Wert einer Gesell­schaft wirk­li­ch dar­an erkennt, wie sie mit den schwächs­ten ihrer Glie­der ver­fährt (Gus­tav Hei­nemann), dann wird das Bet­tel­ri­tual zum mora­li­schen Kas­sen­sturz. In die­sem Sin­ne:

So long and thanks for all the fish.“ (Dou­glas Adams, The Hitchhiker’s Gui­de to the Galaxy)

Zum Wei­ter­le­sen:

For­schungs­be­richt des Pro­jekts “Port GULLIVER – Süd­ost­eu­ro­päi­sche Elends­mi­gra­ti­on in Köln” (2013) in Zusam­men­ar­beit mit dem Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum e.V.

Mün­ch, Tho­mas und Hau­prich, Kai (2015). “Groun­ded Rese­ar­ch. For­schung als Inter­ven­ti­on”, in. L. Schmitz (Hg.) Arti­vis­mus. Kunst und Akti­on im All­tag der Stadt (S.123–142) Bie­le­feld: Tran­script.

Inter­views mit bet­teln­den Men­schen (Bet­tel­lob­by Wien)

Quel­len:

Mauss, Mar­cel (1968 zuer­st 1924). Die Gabe: Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Sim­mel, Georg (1908). Sozio­lo­gie: Unter­su­chun­gen über die For­men der Ver­ge­sell­schaf­tung. Leip­zig: Duncker & Hum­blot.

Steg­bau­er, Chris­ti­an und Häuß­ling, Roger (Hrsg.) (2010). Hand­buch Netz­werk­for­schung. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Steg­bau­er, Chris­ti­an (2010). Rezi­pro­zi­tät. In: C. Steg­bau­er und R. Häuß­ling, Hand­buch Netz­werk­for­schung (S. 113–122). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den: Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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