Wie im „Permanent White Water“ des Netzes die “Eskimorolle” das Überleben sichert

Wohl um 250 nach Chris­tus wur­de der Pari­ser Bischof Dio­ny­si­us im Rah­men der Chris­ten­ver­fol­gun­gen auf dem Mont­mar­t­re ent­haup­tet. Die Legen­de berich­tet, dass er nach der Ent­haup­tung sei­nen Kopf in sei­ne Hän­de nahm und dort­hin ging, wo er denn begra­ben sein woll­te. An sei­nem Begräb­nis­ort steht heu­te die Kathe­dra­le Saint Denis.

Däu­me­lin­chen klappt ihr Note­book auf. Mag sie sich jener Legen­de auch nicht ent­sin­nen – was sie da vor Augen hat, ist nichts ande­res als ihr Kopf. Wohl­ge­füllt kraft sei­ner uner­schöpf­li­chen Infor­ma­ti­ons­be­stän­de, aber auch wohl­be­schaf­fen, weil sich durch Such­ma­schi­nen in ihm Tex­te und Bil­der nach Lau­ne auf­ru­fen las­sen.“ (Ser­res 2013: 27)

 Wie der Hei­li­ge sei­nen Kopf, so trägt sie nun­mehr

ihre vor­mals inter­nen, nun exter­na­li­sier­ten kogni­ti­ven Fähig­kei­ten in Hän­den“ (Ser­res 2013: 27)!

So beschreibt uns Michel Ser­res in sei­nem 2013 ver­öf­fent­lich­ten Text mit dem schö­nen Unter­ti­tel „Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on“ das Wun­der unse­rer Zeit: In unse­ren Hän­den hal­ten wir in klei­nen schwar­zen oder bun­ten Käst­chen das gesam­te Wis­sen unse­rer Zeit! Oder genau­er gesagt, den Zugang dazu. Wir müs­sen uns noch nicht ein­mal mehr mer­ken, wo im Regal ein gesuch­tes Buch steht; wir kön­nen ein­fach Such­ma­schi­nen befra­gen!

Dies ver­än­dert unse­re Zeit und auch unser Leben; gen­au wie der Buch­druck die Pro­duk­ti­on von Wis­sen, die Wei­ter­ga­be von Wis­sen und die Rezep­ti­on von Wis­sen ver­än­dert hat.

Als Leh­ren­der bedeu­tet dies in der Pra­xis einer Vor­le­sung oder eines Semi­nars, dass wir mit dem all­zeit ver­füg­ba­ren Wis­sen kon­kur­rie­ren:

Weil alle Welt das Wis­sen, das da ver­brei­tet wird, bereit hat. Zur Gän­ze. Zur frei­en Ver­fü­gung. Zur Hand. Jeder­zeit zugäng­li­ch im Netz, bei Wiki­pe­dia, mit dem Han­dy, durch jedes belie­bi­ge Por­tal“ (Ser­res 2013: 35)

Das Wis­sen fokus­siert sich nicht mehr im Kathe­der, im Red­ner­pult – es ist all­ge­gen­wär­tig im Raum der Vor­le­sung, des Semi­nars, der Schu­le. Und damit ändert sich die Rol­le des Leh­ren­den; was ist denn der wirk­li­che Mehr­wert, der Nut­zen, der Gebrauchs­wert, den wir als Leh­ren­de rea­li­sie­ren kön­nen?

Heu­ris­ti­ken zu ent­wi­ckeln und zu ver­mit­teln, ein­zel­ne Mosa­ik­stei­ne zu einem Gesamt­bild zusam­men­zu­fü­gen, den Gebrauchs- und Erklä­rungs­wert von Theo­ri­en durch eine erfah­rungs­ge­sät­tig­te Pra­xis­an­kopp­lung her­zu­stel­len, Lern­vor­gän­ge zu initi­ie­ren, durch­zu­füh­ren, zu beglei­ten, zu kom­men­tie­ren und zu bewer­ten – so könn­ten die Auf­ga­ben eines Leh­ren­den beschrie­ben wer­den.

Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als Per­ma­nent Whi­te Water

Den All­tag von „sozia­len per­so­nen­be­zo­ge­nen Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen“ in der Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als „kom­plex, kon­flikt­be­la­den, mehr­deu­tig und daher rela­tiv schwer zu ver­ste­hen“ (Kla­tetz­ki 2010: 18) zu beschrei­ben ist das Eine. Die Dis­kus­si­on und Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes im Rah­men eines Semi­nars kann sogar für die Stu­die­ren­den bis zu einer beding­ten und begrenz­ten Ein­sicht in den All­tag eben jener Orga­ni­sa­tio­nen füh­ren.

Kop­peln wir aber den All­tag der Erfah­run­gen der Leh­ren­den und der Ler­nen­den – denn ein Groß­teil der Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten kommt mit Erfah­run­gen aus eben jenen Orga­ni­sa­tio­nen in die Semi­na­re – mit theo­re­ti­schen Ein­sich­ten, wie sie uns bei­spiels­wei­se Peter Vaill mit sei­ner Zustands­be­schrei­bung des „Per­ma­nent Whi­te Water“ (Vaill 1996) lie­fert, so wird der chao­ti­sche und erleb­te All­tag erklär­bar.

Eskimorolle Digital

Das sinn­bild­li­che Ver­mit­teln der “Eski­mo­rol­le” als eige­ne Qua­li­tät per­sön­li­cher Leh­re in der Sozi­al­ar­beit

Unsi­cher­heit und Risi­ko wer­den im Bild des Wild­was­ser­fah­rers im wei­ßen Was­ser nach­voll­zieh­bar, die Ver­knüp­fung von Theo­rie und Pra­xis wer­den sicht­bar in Schutz­maß­nah­men wie Schwimm­wes­te und Helm (wobei en pas­sant die span­nen­de Fra­ge zu klä­ren ist, ob Theo­rie jetzt mehr Schwimm­wes­te oder mehr Helm ist) und die “Eski­mo­rol­le” kann über­setzt wer­den in die kunst­vol­le Beherr­schung des ana­ly­ti­schen und metho­di­schen Instru­men­ta­ri­ums.

Die­ses hier ansatz­wei­se skiz­zier­te Zusam­men­stel­len von kon­text­fer­nen und kon­text­na­hen Bil­dern, das Über­tra­gen von Erklä­rungs­an­sät­zen aus grund­le­gend anders struk­tu­rier­ten Fel­dern in die Sozia­le Arbeit, das Her­stel­len von trans­dis­zi­pli­nä­ren Ver­knüp­fun­gen auch jen­seits der Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – so könn­te man die neu­en Auf­ga­ben des Leh­rens im Zeit­al­ter der ubi­qui­tä­ren Weis­heit ver­su­chen zu beschrei­ben. Die Anfor­de­run­gen an die­se neu­en Aufgaben- und Rol­len­zu­schrei­bun­gen sind anspruchs­voll und kom­plex; Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät, Ambi­gui­täts­to­le­ranz, und Beschei­den­heit sind dabei die Grund­aus­stat­tung und das mephis­to­phe­li­sche

all­wis­send bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst“ (Faust I)

kann in der einen oder ande­ren Situa­ti­on durch­aus wei­ter­hel­fen.

Das Gan­ze macht uns Kopf­schmer­zen; die Wis­sens­dif­fu­si­on, die Rol­len­ver­än­de­rung, die zuneh­men­den Unsi­cher­hei­ten. Da mag dann wie­der­um ein Bli­ck zurück auf den hei­li­gen Dio­ny­si­us hel­fen; er gilt als einer der 14 Not­hel­fer und sei­ne Anru­fung soll bei Kopf­schmer­zen hel­fen!

Quel­len:

Kla­tetz­ki, Tho­mas (Hrsg.)(2010). Sozia­le per­so­nen­be­zo­ge­ne Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Ser­res, Michel (2013). Erfin­det Euch! Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on. Ber­lin: Edi­ti­on Suhr­kamp.

Vaill, Peter (1996). Learning as a Way of Being: Stra­te­gies for Sur­vi­val in a World of Per­ma­nent Whi­te Water. New York: Jos­sey Bass.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Große Erzählungen” und Soziale Arbeit

Der im Mai 2015 ver­stor­be­ne Phi­lo­so­ph Odo Mar­quard – er selbst bezeich­ne­te sich als „Skep­ti­ker“ – hat vie­le unter­schied­li­che Fäden gespon­nen und Begrif­fe ent­wor­fen. Man den­ke nur an sein schö­nes Wort der „Inkom­pe­tenz­kom­pen­sa­ti­ons­kom­pe­tenz“ oder wie er im „Abschied vom Prin­zi­pi­el­len“ sei­ne phi­lo­so­phi­sche Sicht for­mu­liert:

Die Skep­ti­ker sind also gar nicht die, die prin­zi­pi­ell nichts wis­sen; sie wis­sen nur nichts Prin­zi­pi­el­les“ (Mar­quard 1981: 17).

Religionswand

Die­se Küchen­wand kann gele­sen wer­den als “geron­ne­ne Poly­my­thie”. Unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen fin­den ihren Platz.

Ein durch­gän­gi­ger Faden die­ses Mit­glieds der „skep­ti­schen Gene­ra­ti­on“ ist sei­ne tie­fe Skep­sis gegen­über Hal­tun­gen, die er unter dem Begriff der „Geschichts­phi­lo­so­phie“ sub­sum­miert. Einer Posi­ti­on, die er als „Dau­er­flucht aus dem Gewis­sen­ha­ben in das Gewis­sen­s­ein“ (Mar­quard 1981: 57) beschreibt und der er eine star­ke Nei­gung zum „Neo­ma­nichäis­mus“, zum „Tri­bu­nal“ und zum „Mono­my­thos“ zuschreibt.

Und im „Lob des Polyt­he­is­mus“ skiz­ziert er die­sen „Mono­my­thos“ als den „Mythos des unauf­halt­sa­men, welt­ge­schicht­li­chen Fort­schritts zur Frei­heit“ (Mar­quard 1981: 99), der neben sich kei­ne ande­ren Mythen, kei­ne ande­ren Geschich­ten dul­det. Das Unbe­ha­gen, das er ange­sichts die­ser Mono­my­tho­lo­gie emp­fin­det, basiert einer­seits auf dem Ver­lust der Viel­heit und an Frei­heit. Ande­rer­seits hat Mar­quard – er ist 1928 gebo­ren – im „tota­li­tä­ren Jahr­hun­dert“ erlebt, was denen geschieht, die sich die­ser „gro­ßen Erzäh­lung“ ent­zie­hen: Sie wer­den „fort­an zum Häre­ti­ker, zum Geschichts­ver­rä­ter, zum Men­schen­feind“ (Mar­quard 1981: 101) mit allen Kon­se­quen­zen! Daher sein tief sit­zen­des Unbe­ha­gen ange­sichts des „Mono­my­thos der allein­se­lig­ma­chen­den Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te“ und sein Plä­doy­er für eine Viel­heit von Mythen und Geschich­ten, für die Poly­my­thie.

Die Poly­my­thie erscheint in der Pra­xis

Ein Semi­n­ar an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten; zukünf­ti­ge Sozi­al­ar­bei­te­rIn­nen beschäf­ti­gen sich mit Grund­satz­fra­gen der Sozia­len Arbeit. Andre­as Schaar­schu­ch und sein Kon­zept der „Sozia­len Dienst­leis­tun­gen aus Nut­zer­sicht“ wird prä­sen­tiert und ver­or­tet in der Theo­rie­ge­schich­te der Pro­fes­si­on. Und in die­ser Ver­or­tung erkennt man die dort ehe­mals vor­herr­schen­de Per­spek­ti­ve, die

immer enge­re, spe­zi­fi­sche­re und damit eng­s­chränk­te Mög­lich­keits­kor­ri­do­re defi­nier­te und so von vorn­her­ein die Vor­herr­schaft gesell­schaft­li­cher Struk­tu­ren über das Han­deln sup­po­nier­te“ (Schaar­schu­ch 2006: 84).

Han­deln wird still­ge­stellt; die Struk­tur beherrscht das Tun. Und als eine mög­li­che Ant­wort auf die­ses Dilem­ma erscheint das Kon­zept der „Sozia­len Dienst­leis­tung“, wel­ches anknüp­fend an die Inter­es­sen der Nut­ze­rIn­nen die Hand­lungs­fä­hig­keit der Sozia­len Arbeit wie­der­her­stellt, indem sie das

Aneig­nungs­han­deln der Nut­ze­rin­nen und Nut­zer in das Zen­trum stellt“ (Schaarschuch/​Oelerich 2005: 9)!

Der Gebrauchs­wert und der Nut­zen für die Nut­ze­rIn­nen rücken in den Fokus der Pro­fes­si­on und wer­den zum Prüf­stein gelun­ge­ner Sozia­ler Arbeit; Han­deln ist wie­der mög­li­ch. Und an die­sem Punkt gerät das Semi­n­ar in Bewe­gung!

Als Reak­ti­on auf Theo­rie­an­ge­bo­te, die „mono­my­thi­sch“ ver­mit­teln, dass ein Rich­ti­ges im Fal­schen nicht sein kann, dass ein Han­deln unter den aktu­el­len „Struk­tu­ren“ nicht oder nur begrenzt mög­li­ch ist, dass „Haupt–“ vor „Neben­wi­der­sprü­chen“ zu lösen sein; als Reak­ti­on auf all die­se Ein­schrän­kun­gen und dicho­to­m­en Erklä­rungs­mus­ter wird das ange­bo­te­ne Kon­zept als Befrei­ung und Hand­lungs­er­mäch­ti­gung erlebt.

In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on wer­den gen­au die­se neu­en Hand­lungs­an­ge­bo­te und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten als das erlebt, was eine gute Theo­rie sein soll: im wahrs­ten Sin­ne prak­ti­sch!

Ein Gesche­hen voll­zieht sich im Semi­n­ar, was nur ver­gleich­bar ist mit den Ver­än­de­run­gen, die sich in der Begeg­nung Stu­die­ren­der mit sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en erge­ben, die die Welt­sicht der Stu­die­ren­den gründ­li­ch bewe­gen. Wer erfah­ren hat, wie wirk­mäch­tig z.B. Bour­dieus „Habi­tus“ auf bil­dungs­be­nach­tei­lig­te Stu­die­ren­de sein kann, gewinnt an Ver­trau­en zu „guter Theo­rie“.

Wenn Theo­ri­en wie Bril­len sind, die in ihrer Unter­schied­lich­keit unter­schied­li­che Bil­der der Wirk­lich­keit erge­ben kön­nen (ein Bild, wel­ches ich mei­ner Kol­le­gin Anne van Rie­ßen ver­dan­ke), dann gewinnt das Lob der „Poly­my­thie“ von Odo Mar­quardt an Bedeu­tung für die Leh­re: Unter­schied­li­che Bril­len sind vor­zu­stel­len, um mono­my­thi­sche „gro­ße Erzäh­lun­gen“ mit ihren elen­den Kon­se­quen­zen für die Hand­lungs­fä­hig­kei­ten der Stu­die­ren­den und der Pro­fes­si­on zu dekon­stru­ie­ren.

Quel­len:

Mar­quard, Odo (1981). Abschied vom Prin­zi­pi­el­len. Stutt­gart: Reclam.

Oele­rich, Ger­trud; Andre­as Schaar­schu­ch (Hg.) (2005). Sozia­le Dienst­lei­tun­gen aus Nut­zer­sicht. Zum Gebrauchs­wert Sozia­ler Arbeit. Mün­chen: Rein­hardt.

Schaar­schu­ch, Andre­as (2006). Der Nut­zer Sozia­ler Dienst­leis­tun­gen als Pro­du­zent des „Sozia­len“. In: T. Bada­wia; H. Luck­as & H. Mül­ler (Hrsg.), Das Sozia­le Gestal­ten: Über Mög­li­ches und Unmög­li­ches der Sozi­al­päd­ago­gik (S. 81–94). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Let me google that for you!

Eine neue Spe­zies Stu­die­ren­de lehrt Universitäts- und Hoch­schul­pro­fes­so­rIn­nen das Fürch­ten: Digi­tal Nati­ves – jun­ge Men­schen, die mit digi­ta­len Medi­en auf­ge­wach­sen sind und kei­ne Welt ohne Inter­net mehr ken­nen. Man kann über die „Mill­en­ni­als” oder auch „Gene­ra­ti­on Y”, wie sie von Sozio­lo­gIn­nen genannt wird (und zu der auch ich wohl zäh­le), ja viel schimp­fen, aber eines muss man uns doch las­sen: wenn es um das Beschaf­fen von Infor­ma­tio­nen geht, sind wir unge­schla­ge­ne Welt­meis­ter! Aus­ge­rüs­tet mit Tablets, Smart­pho­nes und mit vir­tuo­sen Fin­ger­fer­tig­kei­ten (jah­re­lan­ges Game­boy­spie­len zahlt sich end­li­ch aus) fin­den wir im Netz Ant­wor­ten in Sekun­den­schnel­le; häu­fig noch bevor der Leh­ren­de die Fra­ge über­haupt zu Ende an die Tafel geschrie­ben hat – Oh ja, auch heu­te noch fin­den sich an deut­schen Hoch­schu­len Pro­fes­so­rIn­nen aus der „Krei­de­zeit”.

Wo Fak­ten­wis­sen Auto­ri­tät bedeu­te­te wird das iPad zur Waf­fe im „Klas­sen­kampf”

Das Wis­sen der Welt wird nun gelie­fert von einer Maschine, so groß wie ein Taschen­buch und nur eini­ge hun­dert Gramm schwer. Immer mehr Stu­die­ren­de sit­zen mit Tablets in der Vor­le­sung; wer noch kei­nes besitzt, der greift zum Smart­pho­ne – stan­dard move. Über die Fol­gen sind vie­le Pro­fes­so­rIn­nen irri­tiert: Der Stu­die­ren­de im zwei­ten Fach­se­mes­ter fin­det den gesuch­ten Para­gra­phen im BGB schnel­ler als der habi­li­tier­te Jurist über­haupt blät­tern kann. Das Worst-​Case-​Szenario: Ein ange­hen­der Sozio­lo­ge ruft wäh­rend der „Ein­füh­rung in die Sozio­lo­gie” ins Semi­n­ar: „Da ist ein Feh­ler auf der Folie. Durk­heim wur­de nicht in die­sem Jahr gebo­ren.” Pein­li­ch! Wenn so etwas pas­siert, sehen vie­le Leh­ren­de ihre Auto­ri­tät bedroht. War­um eigent­li­ch?

Et steht über­haupt allet im Buch wat ich sach, bloß nid­de so schön”

Mir wur­de schon von Vor­le­sun­gen berich­tet, in denen der Leh­ren­de nur noch Power­point­fo­li­en her­aus­gibt auf denen die Über­schrif­ten und zen­tra­len Begrif­fe feh­len. Begrün­dung: „Wenn Sie wis­sen, was vor­kommt, könn­ten Sie den Rest auch goo­geln. War­um soll­ten Sie dann noch in mei­ne Vor­le­sung kom­men?” Sehr gute Fra­ge! Aber doch wohl eine auf die Dozen­tIn­nen selbst die bes­te Ant­wort haben soll­ten. Oder noch schär­fer: Eine Fra­ge, die nie im Raum ste­hen dürf­te. Gegen­bei­spiel ­– schon ein­mal fol­gen­den Satz gehört? „Goe­thes Faust? Schau ich mir nicht im Thea­ter an, alle rele­van­ten Infos ste­hen im Brock­haus.” Oder „Livekar­ten für McCart­ney, nein dan­ke. Die Beat­les kann ich auch bei Spo­ti­fy hören.”

Es geht mir kei­nes­wegs dar­um, Pro­fes­so­rIn­nen zu Bildungs-​Animateuren zu degra­die­ren oder die Stu­die­ren­den zu Kun­den zu erhe­ben. Aber ist es nicht so: Wenn ech­te Exper­tIn­nen mit Lei­den­schaft von dem spre­chen, wovon sie begeis­tert sind (was hof­fent­li­ch vor­aus­ge­setzt wer­den darf), ist es kei­ne Anstren­gung zuzu­hö­ren. Es macht Spaß, Mut und inspi­riert! Wenn ein Meis­ter von sei­nem Fach spricht, hän­gen wir an sei­nen Lip­pen.

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Eine Welt ohne Inter­net – für mei­ne Gene­ra­ti­on nur noch schwer vor­stell­bar.

Natür­li­ch sind die Grund­la­gen in der Leh­re oft „Same Pro­ce­du­re As Every Year”, aber wenn es gut und ver­ständ­li­ch vor­ge­tra­gen wird, kom­men wir ger­ne. Dann hat es ein­fach einen Mehr­wert. Denn nicht zuletzt kommt mit jedem Semes­ter eine neue Esels­brü­cke, ein ori­gi­nel­les Bei­spiel oder eine wit­zi­ge Rand­be­mer­kung (amü­sant ist eben nicht zwin­gend das Gegen­stück zu seriös) dazu. Übung macht den Meis­ter, bis irgend­wann der magi­sche Satz der Stu­die­ren­den fällt: „Ich höre Ihnen ger­ne zu. Sie erklä­ren total gut!”

Das schöns­te Kom­pli­ment, das man mir per­sön­li­ch machen kann, ist fol­gen­des: Sie stel­len im Vor­feld alle Foli­en online, Sie geben Lite­ra­tur­lis­ten aus, ein Groß­teil der Stu­die­ren­den hat schon eine Vor­ah­nung, dass sie wohl bestehen wer­den (z.B. weil das Refe­rat schon gehal­ten und für gut befun­den wur­de) und dann ist der Semi­nar­raum am letz­ten Tag trotz­dem noch bre­chend voll.

Auch über Anwe­sen­heits­pflich­ten kann (und soll­te) man vor­treff­li­ch strei­ten. Das Schö­ne wenn sie ent­fällt, ist doch aber: die Stu­die­ren­den stim­men mit den Füßen ab!

Wer nun behaup­ten will, es gebe The­men, die sei­en qua­si von Natur aus unse­xy und da müs­se man durch, dem rate ich mal einen Sci­en­ce Slam zu besu­chen – chal­len­ge accep­ted!

Rat­ge­ber gegen Lie­bes­kum­mer

Ich möch­te an die­ser Stel­le eine Behaup­tung auf­stel­len: Bei vie­len Debat­ten im Hoch­schul­um­feld, die um die nega­ti­ven Kon­se­quen­zen der Digi­ta­li­sie­rung und die inten­si­ve Soci­al Media Nut­zung von Stu­die­ren­den krei­sen, geht es nicht um Tech­nik. Es geht um die Fra­ge: „Was ist Bil­dung und wozu ist sie wich­tig?”. Der Weg­fall des Fak­ten­wis­sens zwingt uns die­se Fra­ge wie­der auf – gut so – und wir rin­gen nach Ant­wor­ten und eini­ge Prot­ago­nis­ten der Bil­dungs­land­schaft auch nach Luft. Eine beru­hi­gen­de Ant­wort könn­te doch sein:

Bil­dung ist das, was übrig bleibt, wenn wir ver­ges­sen, was wir gelernt haben.” (Edward Fre­de­rick Lind­ley Wood)

Gute Dozen­tIn­nen tun doch mehr als Ver­mitt­lung von Fak­ten­wis­sen (die­ses Argu­ment wird häu­fig und ger­ne selbst von Tech­nik­geg­ne­rIn­nen vor­ge­tra­gen). Sie kon­textua­li­sie­ren Wis­sen, ent­wi­ckeln mit den Stu­die­ren­den neue Fra­gen, berich­ten von Forschungs- und Lebens­er­fah­rung, sind Men­to­rIn­nen, Spie­gel und Kor­rek­tiv und vie­le Din­ge mehr. Es gibt ein­fach Auf­ga­ben und Pro­ble­me im Leben, die nicht wirk­li­ch durch das Lesen von Büchern gelöst wer­den kön­nen – und die Zwi­schen­über­schrift gibt einen ers­ten Hin­weis auf einen Klas­si­ker im pri­va­ten, den die meis­ten wohl intui­tiv erfas­sen kön­nen.

Könn­te hier nicht auch eine Chan­ce der Digi­ta­li­sie­rung lie­gen? Weil das rei­ne Ver­mit­teln von Fak­ten­wis­sen banal und obso­let wird, haben wir nun wie­der Zeit für die wesent­li­chen Aspek­te von Bil­dung? Des­halb wür­de ich auch eLe­arning nicht inter­pre­tie­ren als der Ver­su­ch von tech­no­phi­len Com­pu­tera­van­g­ar­dis­ten die Uni­ver­si­tät abzu­schaf­fen – es könn­te doch auch dar­um gehen, den Pro­fes­so­rIn­nen den Rücken frei zu hal­ten, um mehr Zeit für eine men­to­ren­haf­te Betreu­ung der Stu­die­ren­den zu schaf­fen, die heu­te lei­der nur eini­gen weni­gen stu­den­ti­schen Mit­ar­bei­te­rIn­nen, Wis­sen­schaft­li­chen Hilfs­kräf­ten und Dok­to­ran­dIn­nen zu Teil wird.

Durch das Inter­net und die Digi­ta­li­sie­rung wird auch in der Bil­dung vie­les anders – aber ob es bes­ser oder schlech­ter wird, liegt doch wohl in unse­ren Hän­den. Packen wir’s an!

Aber zunächst wäre noch eine Fra­ge zu klä­ren: Wann wur­de Durk­heim denn jetzt gebo­ren? Die Ant­wort lau­tet natür­li­ch.

Autor:

Kai Hau­prich

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