Rückblick: Fachtag Sozial im Netz – Die Zukunft der Sozialen Arbeit ist digital!

Auch wir in der Sozia­len Arbeit haben gehofft, geze­tert, gebangt und geschimpft, aber es bleibt wohl dabei: Das Inter­net geht nicht ein­fach wie­der weg! Fol­ge­rich­tig kann des­halb auch die Zukunft der Sozia­len Arbeit nur eine digi­ta­le sein. Und um die­se Zukunft gemein­sam gestal­ten zu kön­nen, tra­fen sich vor einem Monat Prak­ti­ke­rIn­nen und Stu­die­ren­de aus den Sozi­al­be­ru­fen, Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Inter­es­sier­te auf dem ers­ten Fach­tag „Sozi­al im Netz“ in Köln. Mit etwas zeit­li­chem Abstand möch­ten wir einen Schul­ter­bli­ck zurück wagen und den gemein­sa­men Tag „in die Welt ein­schrei­ben“ (vgl. Stal­der 2016: 95).

Leid­me­di­en und Refe­ren­zia­li­tät

Die zen­tra­len Impuls­vor­trä­ge des Fach­tags – also Keyno­tes, lie­be Gene­ra­ti­on Ted­talk – gin­gen aus von Raul Kraut­hau­sen, Inter­net­ak­ti­vist und Grün­dungs­mit­glied der Sozi­al­hel­den sowie dem Kultur- und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Felix Stal­der.

Raul Kraut­hau­sen eröff­ne­te die Ver­an­stal­tung inhalt­li­ch mit einem beleb­ten Bericht aus eini­gen Jah­ren Sozial­en­ga­ge­ment und Akti­vis­mus im und mit dem Inter­net. Er beschrieb eini­ge Ker­n­ide­en und Her­an­ge­hens­wei­sen der Sozi­al­hel­den, deren Mot­to lau­tet „Ein­fach mal machen!“ und führ­te dabei sehr ein­drück­li­ch vor, wel­che Gestaltungs- und Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten das Netz bei­spiels­wei­se für Men­schen mit Behin­de­rung bie­tet, wenn ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment auf Digi­ta­li­tät stößt.

Felix Stal­der beschrieb dann spä­ter pas­send dazu wie in der Kul­tur der Digi­ta­li­tät bei­spiels­wei­se über Remix,Namensschild Fachtag Remake, Mas­hup und ähn­li­che Prak­ti­ken „Men­schen  (…) an kol­lek­ti­ven Ver­hand­lun­gen von Bedeu­tung teil­neh­men (…)“ (Stal­der 2016: 96) und so Kul­tur von immer mehr Akteu­rIn­nen geschaf­fen wird. Er bezeich­net dies als Refe­ren­tia­li­tät und sieht dar­in neben Gemein­schaft­lich­keit und Algo­rith­mi­zi­tät eine grund­le­gen­de Form der Digi­ta­li­tät. Den Zusam­men­hang die­ser For­men des „Kul­tur­schaf­fens“ erör­tert er in sei­nem sehr zu emp­feh­len­den Werk „Kul­tur der Digi­ta­li­tät“. Beson­ders hob Stal­der aber noch­mal hevor, dass „neue kul­tu­rel­le Rea­li­tä­ten, die heu­te unse­ren All­tag prä­gen“ eben kei­ne direk­te Fol­ge tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung sei­en. Mit ande­ren Wor­t­en: Bit­te alle wie­der set­zen und beru­hi­gen – das Inter­net ist nicht schuld! (vgl. Stal­der 2016: 21)

Herr Stal­der wur­de übri­gens – einem Fach­tag zur Digi­ta­li­sie­rung ange­mes­sen – per Sky­pe für den Vor­trag zuge­schal­tet, was einen inter­es­san­ten Effekt her­bei­führ­te, den Micha­el Wesch als „con­text col­lap­se“ beschreibt: wäh­rend rund 150 Fach­tag­teil­neh­men­de im Ple­num dem anre­gen­den Vor­trag auf Lein­wand fol­gen, spricht der Spea­ker hun­der­te von Kilo­me­tern ent­fernt in sei­nem Büro zu einer Web­cam.

Ärmel hoch!

Thomas Fachtag

Prof. Dr. Tho­mas Mün­ch: „Der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess der Sozia­len Arbeit ins Digi­ta­le hat längst begon­nen. Auf dem Fach­tag heu­te gab es den Auf­bruch 2.0. Ver­trau­en wir unse­ren jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen: Sie sind in der Digi­ta­len Welt groß gewor­den, sie haben das Exper­ten­wis­sen, wie die digi­ta­le Zukunft der Sozia­len Arbeit gehen kann.“

Die Viel­falt der ange­bo­te­nen Work­shops zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit gab einen schüch­ter­nen Hin­weis dar­auf wie viel in der kom­men­den Zeit zu tun ist, um „das Sozia­le ins Netz“ zu brin­gen: Digi­ta­li­sie­rung im Kon­text von Woh­nungs­lo­sig­keit, Digi­ta­le Arbeit mit Senio­ren, Digi­ta­le Arbeit mit Geflüch­te­ten, Öffent­lich­keits­ar­beit Online, Digi­ta­le Sozi­al­be­ra­tung und natür­li­ch auch Arbeit mit Jugend­li­chen im Netz, um nur eini­ge The­men­fel­der zu nen­nen.

Ein wie­der­keh­ren­der Topos – das zei­gen die Aus­wer­tun­gen der Work­shops und auch Gesprä­che beim Mit­tag­es­sen – bleibt dabei: Wir müs­sen schnell und kon­kret mit der digi­ta­len Sozi­al­ar­beit begin­nen, auch auf die Gefahr hin, dass es hier und da noch hol­pert oder knirscht. Wir haben lan­ge gewar­tet und nun gibt es viel zu tun! Und so fin­det sich auf vie­len Ergeb­nis­pla­ka­ten der Work­shops das Mot­to der Sozi­al­hel­den wie­der: „Ein­fach mal machen!“

Mikro­re­bel­lion am Steh­ti­sch

Am Nach­mit­tag hat­ten die Fach­tag­teil­neh­me­rIn­nen noch­mals die Gele­gen­heit, bei den soge­nann­ten Table Ses­si­ons an Steh­ti­schen die The­men der Work­shops offen zu dis­ku­tie­ren. Der beson­de­re Effekt die­ser Metho­de, die aus der Bar­camp­kul­tur stammt, ist dass die Teil­neh­me­rIn­nen unge­zwun­gen und auf Augen­hö­he dis­ku­tie­ren kön­nen d.h. auch gege­be­nen­falls über Hier­ar­chie­ebe­nen hin­weg.

Und so ent­wi­ckel­te sich am Tisch „For­schung und Digi­ta­li­sie­rung“ eine ange­reg­te und recht typi­sche Dis­kus­si­on dar­über, wie Füh­rung und Inter­net­kul­tur nun zuein­an­der ste­hen soll­ten. Wäh­rend eini­ge lebens- und berufs­er­fah­re­ne Kol­le­gIn­nen im Kon­text von Hate­spee­ch dafür plä­dier­ten, dass weni­ge in der Hier­ar­chie hoch­an­ge­sie­del­ten Per­so­nen „Gesicht zei­gen“ und füh­ren müss­ten, plä­dier­ten die Berufs­ein­stei­ge­rIn­nen und „digi­tal nati­ves“ dafür, dass alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen der Orga­ni­sa­ti­on im Netz die Gele­gen­heit haben soll­ten sich ver­ant­wor­tungs­voll zu bestim­men The­men zu posi­tio­nie­ren. „Wir krie­gen das hin, lasst uns auch mal machen!“, so eine Teil­neh­me­rin der Gene­ra­ti­on Y. Und so lau­tet ein Ergeb­nis der Table Ses­si­on fol­ge­rich­tig: #mehr­Ver­trau­en­in­den­Nach­wuchs.

Alter Wein und neue Schläu­che

Als eine Beson­der­heit des Fach­tags ist mit Sicher­heit zu nen­nen, dass hier auch neue digi­ta­le und ana­lo­ge For­ma­te ein­ge­bracht wur­den, die über die eines klas­si­schen Fach­ta­ges hin­aus­rei­chen: Vor­stel­lungs­run­de über hash­tags, Twit­ter­wall, Table Ses­si­ons, Sky­pe­vor­trä­ge oder auch der gemein­sa­me Hash­tag #sozia­lim­netz. Über letz­te­ren und in diver­sen Face­book­grup­pen zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit wer­den die begon­ne­nen Dis­kus­sio­nen und Initia­ti­ven des Fach­ta­ges wei­ter­ge­führt. Denn auch wenn die Sozia­le Arbeit im Digi­ta­len neue For­men und Werk­zeu­ge gewinnt, so bleibt die „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ doch immer noch ein Geschäft, dass mit Mühe und Beharr­lich­keit ver­bun­den ist. Um die Auf­bruchs­stim­mung, die bei „Sozi­al im Netz“ deut­li­ch zu spü­ren war, nun umzu­set­zen, heißt es also dran­blei­ben, bas­teln und wer­keln.

In die­sem Sin­ne, lie­be Sozi­al­ar­beit, auf ins #Neu­land!

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Ver­an­stal­dungs­do­ku­men­ta­ti­on und Kon­tak­te

Pres­se­mit­tei­lung zum Fach­tag

Bei­trag im Dom­ra­dio

Lite­ra­tur:

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Kai Hau­prich

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Digitalität in der Sozialen Arbeit – es bewegt sich was!

Wer sich mit Digi­ta­li­tät in der Sozia­len Arbeit beschäf­tigt – also der Fra­ge, wie sich die „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ durch die Digi­ta­li­tät ver­än­dert – kann erstaun­li­che und dabei oft wider­sprüch­li­che Erfah­run­gen machen: schlich­te Igno­ranz steht unver­mit­telt neben gro­ßer Begeis­te­rung; inno­va­ti­ve digi­ta­le „Auf­he­bun­gen“ reagie­ren auf die beson­de­ren struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen des Fel­des und dane­ben agie­ren ana­lo­ge Akteu­re ohne jedes Inter­es­se am WEB 2.0.

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Tho­mas Mün­ch war auf dem “Bar­camp Sozia­le Arbeit” 2016.

Nun könn­te man mit einem Ach­sel­zu­cken zur Tages­ord­nung über­ge­hen und sich auf Wolf­gang Sei­bel und sei­nen „funk­tio­na­len Dilet­tan­tis­mus“ (Sei­bel 1994) beru­fen – so ist sie halt, die Pro­fes­si­on. Oder kann man einen neu­en und inter­es­sier­ten Fokus auf die Ent­wick­lung des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit legen, um zu schau­en was, wie und wohin es sich dort gera­de ent­wi­ckelt.

Und gen­au das haben die Initia­to­rin­nen und Initia­to­ren des ers­ten „Bar­camp Sozia­le Arbeit“  in Bonn getan; einen neu­en und enga­gier­ten Bli­ck auf die Pro­fes­si­on unter­nom­men. An den bei­den Tagen Ende Novem­ber in Bonn tra­fen sich Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus Hoch­schu­le und Inter­es­sier­te aus der Digi­ta­len Welt zu einer ers­ten Bestands­auf­nah­me. Her­aus kamen einen Viel­zahl von „Ses­si­ons“ – der Grund­bau­stein eines Bar­camp im Sin­ne von kur­zen Arbeits­ein­hei­ten zu einem bestimm­ten The­ma – die einen ers­ten Bli­ck auf die Wirk­lich­keit des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit erlau­ben.

Natür­li­ch wur­den auch Hemm­nis­se beschrie­ben, aber vor allem wur­de aus Ver­bän­den, Ver­ei­nen und Pro­jek­ten berich­tet, in denen lang­sam aber sicher das Ana­lo­ge durch das Digi­ta­le ersetzt wird. Da ist oft „Ver­su­ch und Irr­tum“ die Metho­de der Wahl, da sind Lei­tungs­ka­der völ­lig ver­wirrt ange­sichts der hier­ar­chi­schen Ver­wüs­tun­gen, die das Digi­ta­le anrich­tet, da wer­den neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men erprobt und über unbe­ab­sich­tig­te Neben­fol­gen dis­ku­tiert – bunt ist die neue digi­ta­le Welt in der Sozia­len Arbeit!

Man­che Ses­si­on lie­fer­te einen wun­der­ba­ren, ana­ly­ti­schen Bli­ck in die Para­dig­ma­wech­sel, die sich dort in der digi­ta­len Pra­xis längst voll­zie­hen: Chris­ti­an Mül­lers Berich­te aus den orga­ni­sa­tio­na­len Kon­se­quen­zen und Ver­än­de­run­gen der Digi­ta­li­tät waren zum Bei­spiel ein­fach wun­der­bar in ihren prä­zi­sen und dich­ten Beschrei­bun­gen und beru­hig­ten gleich­zei­tig die eige­nen dünn gewor­de­nen Ner­ven ange­sichts einer zähen Pra­xis.

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Hier geht es zum Fach­tag “Sozi­al im Netz”, der am 24.01.2017 in Köln statt­fin­det!

Die Kaf­fee­pau­sen boten aus­rei­chend Raum und Zeit für Ide­en, Anre­gun­gen, Fra­gen und Kon­tak­te – auch dar­auf ach­te­ten die Orga­ni­sa­to­rin­nen des Bar­camp – und wie es sich für ein Bar­camp zur Digi­ta­li­tät gehört, war das Echo im Digi­ta­len (#sozi­al­camp) in Echt­zeit.

Dabei wird es nicht blei­ben: „Twit­ter­stamm­ti­sche“ und „Labs“ (@SabineDepew) sind geplant  und bereits Ende Janu­ar wird der Fach­tag „Sozi­al im Netz“ – eine Koope­ra­ti­on von Cari­tas­ver­band Köln, Diö­ze­san Cari­tas­ver­band Erz­bis­tum Köln und der Hoch­schu­le Düs­sel­dorf HSD – den nächs­ten Schritt in der Digi­ta­li­tät der Sozia­len Arbeit gehen.

Wenn es denn stimmt, dass die „Zukunft der Sozia­len Arbeit digi­tal ist“ – so der Unter­ti­tel des Fach­ta­ges im Janu­ar 2017 – dann hat sich die Pro­fes­si­on bereits auf den rich­ti­gen Weg gemacht.

Oder wie es Felix Stal­der – einer der bei­den Keyno­tespea­ker auf dem Fach­tag „Sozi­al im Netz“ for­mu­liert:

Sol­che Ver­fah­ren des Sich-​Einschreibens in die Welt durch Hin­wei­sen, Ver­bin­den und Ver­än­dern wer­den ange­wandt, um durch das eige­ne Han­deln in der Welt Bedeu­tung zu schaf­fen und um sich selbst in ihr zu kon­sti­tu­ie­ren, für sich und für ande­re (…) Dies nicht zu tun, wür­de zu Unsicht­bar­keit und Vergessen-​Werden füh­ren.“ (Stal­der 2016: 123).

Wir sind gespannt, wie sich die Sozia­le Arbeit in die „schö­ne neue Welt“ ein­schrei­ben wird!

 

Lite­ra­tur:

Sei­bel, Wolf­gang (1994). Funk­tio­na­ler Dilet­tan­tis­mus. Baden-​Baden.

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Wer mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben” oder von der Schwierigkeit des Fundraisings

Es begann mit einer „Tro­cken­übung“ in einem Semi­n­ar zum The­ma „Macht und Geld“ im ver­gan­ge­nen Win­ter­se­mes­ter: „Wenn ich Spen­den akqui­rie­re, gibt es mora­li­sche Gren­zen?“ war die Grund­satz­fra­ge. Eini­ge der dis­ku­tier­ten Fall­bei­spie­le waren schnell und ein­deu­tig zu klä­ren: Von Rüs­tungs­kon­zer­nen woll­ten die Stu­die­ren­den kei­ne Spen­den anneh­men; ein Hilfs­pro­jekt für Minen­op­fer in Kam­bo­dscha finan­ziert von einem Minen­her­stel­ler – das gin­ge gar nicht.

Doch schon bei der Ban­ken­fra­ge wur­de es kniff­lig! Kön­nen z.B. Spen­den von glo­bal täti­gen Ban­ken ange­nom­men wer­den, die mit Lebens­mit­teln spe­ku­lie­ren, war eine Fra­ge, die kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de und zu der es kein ein­deu­ti­ges Mei­nungs­bild im Semi­n­ar gab.

Als Papst hat man es da ein­fa­cher. Papst Bene­dikt XVI hat­te bei sei­nem Besu­ch in Köln anläss­li­ch des Welt­ju­gend­ta­ges 2005 kein Pro­blem, eine Spen­de der Kreis­spar­kas­se Köln über 20.000 Euro anzu­neh­men:

Für den Abschluss­got­tes­dienst auf dem Mari­en­feld wer­den die Kar­di­nä­le und Bischö­fe mit ein­heit­li­chen Mit­ren aus­ge­stat­tet. Das hat­te sich der Papst gewünscht.“ (KSTAZ 2005)

Und in die­sem Fall gab es allem Anschein nach kei­ne Beden­ken bei Papst und Kar­di­nal, die Spen­de einer loka­len Köl­ner Bank anzu­neh­men.

Zur „Tro­cken­übung“ in die­sem Auf­bau­se­mi­n­ar des Stu­di­en­gangs der Sozia­len Arbeit an unse­rer Hoch­schu­le gehör­te auch ein nur leicht fik­ti­ves Fall­bei­spiel aus der Pra­xis: Dür­fen Pro­jek­te der Sozia­len Arbeit in der Arbeitslosen- und Armuts­ar­beit Spen­den eines Bor­dells anneh­men?  So die Anfra­ge aus der Pra­xis. Und „leicht fik­tiv“ des­halb, weil der Dozent in sei­ner Pra­xis als Geschäfts­füh­rer eines Arbeits­lo­sen­zen­trums vor Jah­ren mit eben die­ser Anfra­ge kon­fron­tiert wur­de. Die Debat­te war span­nend, kon­tro­vers und „anwen­dungs­ori­en­tiert“ (um an die­ser Stel­le den Begriff „prag­ma­ti­sch“ zu ver­mei­den). Die Mehr­heit der Stu­die­ren­den war für die Annah­me einer sol­chen Spen­de.

Vor­aus­ge­setzt wur­de aller­dings, dass es sich im kon­kre­ten Fall um einen Bor­dell­be­trieb han­delt, in dem die For­de­run­gen der „Huren­be­we­gung“ wie z.B. von Hydra e.V.  oder dem BesD (Bun­des­ver­band ero­ti­sche und sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen e.V.) nach  „Nor­ma­li­sie­rung der Sex­ar­beit“ oder „Sex­ar­beit ist Arbeit!“ Wirk­lich­keit wer­den kön­nen (vgl. www.berufsverband-sexarbeit.de). Da es sich hier um Orte han­delt, an denen „das Recht auf Arbeit und gesell­schaft­li­che Akzep­tanz statt mora­li­sie­ren­der Ver­bots­men­ta­li­tät“ exis­tiert!

Zwangs­pro­sti­tu­ti­on, so der Ten­or der Dis­kus­si­on, ver­un­mög­licht für sozia­le Pro­jek­te eine Spen­de­n­an­nah­me; selbst­be­stimm­te Sex­ar­beit – wie sie die „Huren­be­we­gung“ defi­niert – ermög­licht sie.

Dass die­se Posi­ti­on mit der Dop­pel­mo­ral bür­ger­li­cher Spen­der­grup­pen unter Umstän­den kol­li­die­ren kann,  „sei nicht zu ver­mei­den und müs­se im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“ – so eine Erkennt­nis der Semi­nar­teil­neh­me­rin­nen im Lau­fe der Dis­kus­si­on.

Schmut­zi­ges Geld? Die Geschich­te einer Kol­li­si­on.

Aus der „Tro­cken­übung“ eines Hoch­schuls­e­mi­nars wur­de dann ganz schnell der Ernst­fall: Zum 20-​jährigen Bestehen des Köl­ner Bor­dells „Pascha“ (eines der größ­ten Bor­del­le Deutsch­lands, das sich als „Euro­pas größ­tes Lauf­haus“ bewirbt) ver­kün­det der Besit­zer Her­mann „Pascha“ Mül­ler erheb­li­che Spen­den­be­trä­ge an Köl­ner Ver­ei­ne, wie den Vrings­treff e.V, das Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum KALZ e.V. mit sei­ner Über­le­bens­sta­ti­on Gul­li­ver, den Sack e.V und eini­ge mehr.

Hand mit Geld

Pecu­n­ia non olet?

An einem ent­spre­chen­den „Bene­fiz­abend“ im „Pascha“ neh­men auch die bei­den Ver­eins­vor­sit­zen­den von Vrings­treff und KALZ teil. Bei­de sind evan­ge­li­sche Pfar­rer und bei­de äußern ihre Bereit­schaft, auch „Bordell-​Spenden“ anzu­neh­men. Ein „Shits­torm“ – noch ganz klas­si­sch haupt­säch­li­ch in Print – bricht los: Das ört­li­che Leit­me­di­um „Köl­ner Stadt-​Anzeiger“ brei­tet am Kar­ne­vals­sams­tag auf einer gan­zen Sei­te der Lokal­aus­ga­be die Geschich­te aus; alles unter der Über­schrift „Pfar­rer hof­fen auf Bordell-​Spende. Südstadt-​Seelsorger lobt Sex­be­trieb bei Bene­fiz­abend – Kri­tik von Kir­che und Femi­nis­ten“ inklu­si­ve eines Kom­men­tars mit  dem Titel „Pfar­rer Mört­ters Ver­hält­nis zum Bor­dell. Dem Pascha in die Fal­le gegan­gen“ (KSTAZ 6./7.02.2016) in dem „natür­li­ch“ ein Zusam­men­hang zwi­schen „Sil­ves­ter­nacht“ und „Bor­dell­spen­den“ her­ge­stellt wird.

Was in der „Tro­cken­übung“ noch ein­fach zu beant­wor­ten schien, wird in der Pra­xis zu einem fun­da­men­ta­len Pro­blem. Nicht jeder Trä­ger der Sozia­len Arbeit kann von jedem Spen­der Geld anneh­men – es ist wohl doch kom­pli­zier­ter in der Pra­xis des Fund­rai­sings.

Hei­ligt der Zweck die Mit­tel?

Im media­len Fundraising-​Diskurs fin­det der Fall sofort sei­nen Nie­der­schlag: Auf der Web­site „ngo:dialog“ wird der Fall skiz­ziert, ana­ly­siert und es wer­den im Umgang mit dem „Rot­licht“ Leit­fra­gen ent­wi­ckelt, um ein ähn­li­ches Fias­ko zu ver­mei­den. Denn – so die pro­fes­sio­nel­len Fund­rai­ser –

nicht jede Fund­rai­sing­me­tho­de ist ethi­sch“ und eine „unethi­sche Ent­schei­dung bringt gewöhn­li­ch unmit­tel­ba­re Vor­tei­le, kann aber lang­fris­tig sehr teu­er kom­men.“

Ganz „prak­ti­sch“ kom­men die Fund­rai­ser dann zu der Ein­schät­zung, dass sich für das Pascha die Sache doch eher aus­ge­zahlt habe. Denn „so viel Auf­merk­sam­keit erzielt man nor­ma­ler­wei­se nicht mit die­sem Gewer­be“ ist ihr Fazit. Für den Geber hat es sich schein­bar gelohnt.

Die Gabe

Andre­as Voß hat uns in sei­ner wun­der­ba­ren Stu­die über „Bet­teln und Spen­den“ (Voß 1992), die er in Anleh­nung und krea­ti­ver Wei­ter­ent­wick­lung von Mar­cel Mauss’ „Die Gabe“ (Mauss 1990) erar­bei­tet hat, auf die inne­re Logik und Struk­tur des Bet­telns und des Spen­dens hin­ge­wie­sen. Und wie Mauss legt Voß den Fokus auf den Aus­tau­sch: Was wird getauscht und was ist der Gegen­wert – wür­den bei­de Auto­ren in die­sem ganz kon­kre­ten Fall fra­gen.

So len­ken wir den ana­ly­ti­schen, neu­gie­ri­gen Bli­ck auf das Gesche­hen und lesen eine ganz ande­re mög­li­che Logik: Ein Bor­dell, sei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und der Bor­dell­be­sit­zer wol­len Akzep­tanz und Aner­ken­nung dadurch errei­chen, dass sie sich im Enga­ge­ment für die Armen enga­gie­ren, aus­zeich­nen und so ihren Sta­tus ver­bes­sern – ähn­li­ch wie die Deut­sche Bank in ihren CSR Akti­vi­tä­ten.

Löffel

Wer mit dem Teu­fel isst, muss einen lan­gen Löf­fel haben!

Aber im Unter­schied zur Deut­schen Bank ist ihre Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem und sozia­lem Kapi­tal völ­lig unzu­rei­chend und ihr Ver­su­ch, mit­tels ihres öko­no­mi­schen Kapi­tals – dar­ge­bracht in Spen­den – dies zu ver­än­dern, ist stra­te­gi­sch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Ihr Anspruch, durch ihre Dienst­leis­tun­gen im „Rot­licht­mi­lieu“ gen­au so wich­ti­ge Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft zu erbrin­gen wie Kir­chen, Sozi­al­ar­beit, Feu­er­wehr, Poli­zei und Müll­ab­fuhr, muss abge­wehrt wer­den. Denn im Unter­scheid zu den ande­ren Akteu­ren der gesell­schaft­li­ch not­wen­di­gen Dienst­leis­tun­gen, erbrin­gen sie ihre Leis­tun­gen im „Abgrund der Lei­den­schaf­ten“, in denen wir „nicht Herr im eige­nen Hau­se sind“. Und die hier­mit ver­bun­de­nen Ängs­te und Sehn­süch­te, sind nicht durch Spen­den zu „hei­len“. Ganz im Gegen­teil: Wird hier gespen­det, stim­men Leis­tung und Gegen­lei­tung ganz schnell nicht mehr über­ein.

Lan­ger Löf­fel“ oder gute Ana­ly­se­kom­pe­tenz

Wer, so das Fazit aus die­ser Köl­ner Bege­ben­heit, als Akteur in der „Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt“ Spen­den­ak­qui­se betreibt, soll­te also gen­au hin­se­hen, wel­che Qua­li­tä­ten den Spen­der aus­zeich­nen. Stört oder ver­stört der Spen­der durch sei­ne „mora­li­schen Eigen­schaf­ten“ das Spen­der­um­feld einer Orga­ni­sa­ti­on, gilt es sorg­fäl­tig zu über­le­gen. Ist der eige­ne Löf­fel lang genug – also über­ste­he ich einen sol­chen Shits­torm unbe­scha­det – oder kom­me ich als Orga­ni­sa­ti­on nach einer sorg­fäl­ti­gen und ana­ly­ti­sch begrün­de­ten Abwä­gung doch eher zu der Ent­schei­dung, dass die Kosten-​Nutzen-​Relation in die­sem kon­kre­ten Fall nicht stimmt?

Und was wür­de ich tun, wenn mir Uli Hoen­eß oder Ali­ce Schwar­zer Geld spen­den?

Gute Fra­ge!

 

Lite­ra­tur:

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2008). Die Bischö­fe tra­gen Weiß. Aus­ga­be vom 11.08.2005. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Kari­ta­ti­ve Ver­ei­ne gehen auf Abstand zum Pascha. Aus­ga­be vom 11.02.2016. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Pfar­rer hof­fen auf Bor­dell­spen­de. Aus­ga­be vom 06./07.02.2016. Köln.

Mauss, Mar­cel (1990). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Voß, Andre­as (1992). Bet­teln und Spen­den. Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Ritua­le frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Die heiße Schlacht um ein kaltes Medium

Die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung löst tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung aus. Dabei ist das Inter­net schon lan­ge nicht mehr nur noch das Medi­um der Kat­zen­fo­tos und übri­gen Belang­lo­sig­kei­ten. Es wird über das „Inter­net of Things“ qua­si zu einer neu­en Infra­struk­tur: Radio über Spo­ti­fy, Fern­se­hen über Net­flix, die Strom­zäh­ler wer­den per Smart­pho­ne regel­bar und ein nicht uner­heb­li­cher Teil der Büro­tä­tig­kei­ten wird in der Cloud abge­ar­bei­tet. Selbst­fah­ren­de Autos ste­hen in den Start­lö­chern!Roboter

Der Umstand, dass ein Leben ohne das World Wide Web in weni­gen Jah­ren so unvor­stell­bar erscheint wie ein All­tag ohne elek­tri­sches Licht oder Auto­mo­bil (velo­phi­le Zeit­ge­nos­sen dür­fen ger­ne auch eine Welt ohne Fahr­rad ima­gi­nie­ren), spal­tet oft in zwei Lager: tech­nik­be­geis­ter­te Inter­ne­teu­pho­ri­ker schwär­men von den Mög­lich­kei­ten des Net­zes, den Pla­ne­ten nun „offe­ner und gerech­ter“ zu machen, gleich­zei­tig sor­gen sich selbst­er­nann­te „Tech­nik­kri­ti­ker“ um eine Welt „in der alle stän­dig nur auf die­se Din­ger glot­zen“. Wäh­rend ers­te­re häu­fig eine gewis­se quasi-​prophetische Arro­ganz umgibt, nut­zen letz­te­re eine alte Immu­ni­sie­rungs­tak­tik: Wer sich selbst die Eigen­schaft zuschreibt beson­ders kri­ti­sch zu sein, lässt Dis­kus­si­ons­part­ne­rIn­nen nur noch die Welt der Nai­vi­tät. Unterm Strich: eine auf­ge­la­de­ne, wenig frucht­ba­re und für alle Betei­lig­ten nerv­rau­ben­de Debat­te, die schon so man­ches sonnta­g­li­che Fami­li­en­früh­stück in ein digi­ta­les Schlacht­feld ver­wan­delt hat. Eine geeig­ne­te Medi­zin dage­gen kann die Lek­tü­re von Mar­shall McLu­hans „Magi­schen Kanä­len“ sein, die der hit­zi­gen Debat­te eine medi­en­his­to­ri­sche und medi­en­theo­re­ti­sche Decke ein­zieht.

Bücher, die die Welt ver­än­dern?

Für den kana­di­schen Medi­en­theo­re­ti­ker Mar­shall McLu­han ist jedes Medi­um als eine Erwei­te­rung des Men­schen bzw. eine Aus­wei­tung sei­ner Sin­ne oder Fähig­kei­ten zu ver­ste­hen: das Fern­glas ist eine Erwei­te­rung des Auges, das Rad eine Erwei­te­rung des Fußes (vgl. McLu­han 1964: 118), das Tele­fon eine Erwei­te­rung der Stim­me und des Hör­sinns (vgl. McLu­han 1995: 219). McLu­han arbei­te­te also mit einem sehr wei­ten Medi­en­be­griff. Das Inter­net kann­te der 1980 ver­stor­be­ne Medi­en­ana­ly­ti­ker noch nicht, pro­gnos­ti­zier­te aber bereits:

Sowohl Com­pu­ter als auch hoch­ent­wi­ckel­te Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me wer­den wahr­schein­li­ch in Net­zen geschal­tet wer­den, um für 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, sowie den Über­gang von einer auf Schwer­in­dus­trie auf­ge­bau­ten Wirt­schaft zu einer dienst­leis­tungs­ori­en­tier­ten zu voll­zie­hen, deren Mit­tel­punkt die Bedürf­nis­se des Ein­zel­ver­brau­chers bil­den wer­den.“ (McLu­han 1995: 120)

Über die­je­ni­gen, die ver­söhn­li­ch beto­nen, dass es beim Wert eines Medi­um pri­mär dar­auf ankä­me zu wel­chen Zwecken man es letzt­li­ch ein­set­zen möch­te, spot­te­te der Kana­di­er, der heu­te als einer der ein­fluss­reichs­ten Medi­en­theo­re­ti­kern gilt. Er ent­geg­ne­te: „In die­ser Behaup­tung […] steckt ein­fach gar nichts, was einer genaue­ren Über­prü­fung stand­hiel­te, denn es ent­geht ihm [einem Ver­tre­ter die­ser Posi­ti­on] das Wesen des Medi­ums […]“ (McLu­han 1964: 21). Möch­te man unter­su­chen wel­che gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen eine neue Tech­no­lo­gie aus­löst, so kommt es nicht auf den Inhalt an, den sie trans­por­tiert, son­dern auf die Eigen­schaf­ten und Wir­kun­gen des Medi­ums an sich. Was wird erwei­tert und was wird begrenzt? Die­ser Gedan­ke ver­dich­tet sich in einem Satz mit dem McLu­han klas­si­scher­wei­se zitiert wird:

Das Medi­um ist die Bot­schaft.” (McLu­han 1964: 17)

Es kommt im Kern also weni­ger dar­auf an, ob die Anzahl der „gehalt­vol­len“ Bücher die „Schund­li­te­ra­tur“ über­wiegt. Was unse­re Gesell­schafts­form grund­le­gend ver­än­dert hat, war der Buch­druck an sich. Ohne Schrift, pho­ne­ti­sches Alpha­bet und Druck wären Ver­wal­tung, Hoch­spra­che und „ein his­to­ri­sches Bewusst­sein“ undenk­bar (vgl. McLu­han 1964; 1995). Und so wur­de der Druck im 16. Jahr­hun­dert – aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht – eben auch zur Grund­la­ge von Natio­na­lis­mus einer­seits und Indi­vi­dua­lis­mus ande­rer­seits (vgl. McLu­han 1964: 31).

Alles bleibt beim Alten, das heißt: alles wird neu!

Die Lek­tü­re von McLu­hans Schrif­ten lässt all jene wie­der bes­ser schla­fen, die sich davor ängs­ti­gen, dass Bücher, Hand­schrift und ande­re Kul­tur­tech­ni­ken durch die Digi­ta­li­sie­rung ver­schwin­den könn­ten und so die Gesell­schaft ernst­haf­ten Scha­den nimmt. Denn alte Medi­en wer­den bei McLu­han nicht ein­fach ersetzt; viel­mehr beinhal­tet jedes neue Medi­um eine Viel­zahl von älte­ren kul­tu­rel­len Errun­gen­schaf­ten (vgl. McLu­han 1964: 18).

Wie bei einer Matrjoschka enthält jedes neue Medium zahlreiche alte Medien.

Wie bei einer Matrjosch­ka, ent­hält jedes neue Medi­um zahl­rei­che alte Medi­en.

Ähn­li­ch wie bei einer rus­si­schen Matrjosch­ka hat das Tablet – by the way: das hap­tischs­te Medi­um der Welt – ganz aktu­ell das Papier­buch „ver­schluckt“. Das Buch wie­der­um beinhal­tet den Druck, der Druck die Schrift, die Schrift das pho­ne­ti­sche Alpha­bet, das Alpha­bet die Spra­che und so wei­ter. Ein Trost für alle Biblio­phi­len: Die Gene­ra­ti­on Y passt gut auf eure Lieb­lin­ge auf – ver­spro­chen!

Die Erfin­dung und Ver­brei­tung eines neu­en Medi­ums hat jedoch auch per­sön­li­che, sowie gesell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen, die zu Rei­bun­gen füh­ren und regel­recht Schmer­zen berei­ten. McLu­han ist also kei­nes­wegs als tech­ni­ke­u­pho­ri­scher Medi­en­na­iv­ling zu lesen! Jedes neue Medi­um, ver­stan­den als Aus­wei­tung oder Erwei­te­rung des Kör­pers, führt auch immer zu einer „Selbstam­pu­ta­ti­on“ (vgl. McLu­han 1994: 58). Ein Scho­ck durch die plötz­li­che Erwei­te­rung führt zu einer Art Betäu­bung als Schutz­me­cha­nis­mus (Nar­ko­se):

Die Aus­wahl eines ein­zi­gen Sin­nes zur star­ken Sti­mu­lie­rung oder eines ein­zi­gen erwei­ter­ten, iso­lier­ten oder »ampu­tier­ten« Sin­nes in der Tech­nik ist zum Teil der Grund für die betäu­ben­de Wir­kung, die die Tech­nik als sol­che auf jene aus­übt, die sie geschaf­fen haben und sie ver­wen­den.“ (McLu­han 1964: 60)

Medi­en­fein­de, die jetzt vom Stuhl auf­sprin­gen und rufen „Ich hab’s gewusst!“ mögen sich bit­te noch­mal kurz hin­set­zen. McLu­han geht es weni­ger dar­um, dass bestimm­te Medi­en „dumm machen“. Er sen­si­bi­li­siert in den „Magi­schen Kanä­len“ und vor allem in „The Glo­bal Vil­la­ge“ Lese­rIn­nen in ers­ter Linie dafür, dass jedes neue Medi­um bestimm­te Sin­ne betont und in den Vor­der­grund rücken lässt. Jede Erwei­te­rung durch ein Medi­um löst dabei bestimm­te gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen aus über die Umge­stal­tung der Sin­nes­kom­po­si­ti­on. McLu­han (1995: 218) dekli­niert nach einem Vie­rer­sche­ma (sei­ne berühm­te Tetra­de) ver­schie­de­ne Medi­en – hier das Flug­zeug – in Bezug auf die Ver­än­de­run­gen, die sie aus­lö­sen:

A Erwei­tert die ver­ti­ka­len wie hori­zon­ta­len Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten.
B Ver­al­tet das Rad und die Stra­ße, die Eisen­bahn und das Schiff.
C Bringt die Vogel­per­spek­ti­ve ver­bun­den mit der Aura der Minia­tu­ri­sie­rung zurück.
D Kehrt um in gelei­te­te Geschos­se. Ver­wan­delt den Pla­ne­ten in eine aus­ge­dehn­te Stadt: urb orbs.”

In glei­cher Wei­se ver­än­dert die Eisen­bahn unser Ver­hält­nis zu Raum und Zeit; die Schrift löst sprach­münd­li­che Kul­tu­ren ab; das Bar­geld ver­al­tet den Tau­sch und die Klei­dung – eine Erwei­te­rung der Haut – „schal­tet das Kli­ma aus“ (vgl. McLu­han 1995: 214). Jedes neue Medi­um wird dabei beglei­tet von eupho­ri­schen Heils­ver­spre­chen einer­seits und kul­tur­pes­si­mis­ti­scher Kri­tik ande­rer­seits, wie Kat­rin Pas­sig sie in ihren schö­nen Bei­trä­gen zu den Stan­dard­si­tua­tio­nen der Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung und Tech­nik­kri­tik beschreibt. Eine fan­tas­ti­sche Grab­bel­kis­te für Fana­ti­ker mit einer Aus­wahl völ­lig unspe­zi­fi­scher und des­halb zeit­lo­ser Pseu­do­ar­gu­men­te!

HTML und das Glo­ba­le Dorf

McLu­han selbst hat die Geburt des Inter­nets durch die Hyper­text Mar­kup Lan­gua­ge von Sir Tim Berners-​Lee wie gesagt nicht mehr mit­er­le­ben kön­nen. Und trotz­dem beschrieb er bereits etwas, das uns durch Whats­app, Face­book und Sky­pe tag­täg­li­ch vor Augen gestellt wird:

Elek­tri­sch zusam­men­ge­zo­gen ist die Welt nur mehr ein Dorf. Die elek­tri­sche Geschwin­dig­keit, mit der alle sozia­len und poli­ti­schen Funk­tio­nen in einer plötz­li­chen Implo­si­on koor­di­niert wer­den, hat die Ver­ant­wor­tung des Men­schen in erhöh­tem Maß bewusst wer­den las­sen.“ (McLu­han 1964: 13)

Wer den Kana­di­er liest, dem soll­te schnell däm­mern, dass die Fra­ge, ob Face­book nun „Fluch oder Segen” sei oder der Frust über die Ortho­gra­phie in Chat­ver­läu­fen nur an der Ober­flä­che des Medi­ums krat­zen. Die Ver­än­de­run­gen, die das Inter­net aus­ge­löst hat und noch aus­lö­sen wird, lie­gen tie­fer. Sie erge­ben sich auch hier nicht aus dem Inhalt (Kat­zen­fo­tos), son­dern den beson­de­ren Eigen­schaf­ten des Medi­ums. Und mit dem Kul­tur­anthro­po­lo­gen Micha­el Wesch gespro­chen, könn­te eine Bot­schaft des Medi­ums Inter­net bei­spiels­wei­se lau­ten: „The machine is us/​ing us!“

 

 

Die Fra­gen, die Micha­el Wesch hier auf­wirft, sind Fra­gen, die in einer “inter­net­be­trie­be­nen” Gesell­schaft nun wirk­li­ch mal zu dis­ku­tie­ren wären, denn:

jedes Medi­um hat die Macht, sei­ne eige­nen Pos­tu­la­te dem Ahnungs­lo­sen auf­zu­zwin­gen.“ (McLu­han 1964: 26)

… aber es muss ja viel­leicht nicht gera­de am Früh­stücks­ti­sch sein.

Zum Anschau­en:

3Sat (2011). Sco­bel. Mar­shall McLu­han. Ein Visio­när des Medi­en­zeit­al­ters.

Quel­len:

McLu­han, Mar­shall (1964). Die magi­schen Kanä­le. Under­stan­ding Media. Düs­sel­dorf: Econ Ver­lag.

McLu­han, Mar­shall und Powers, Bru­ce (1995). The Glo­bal Vil­la­ge. Der Weg der Medi­en­ge­sell­schaft in das 21. Jahr­hun­dert. Pader­born: Jun­fer­mann Ver­lag.

Autor:

Kai Hau­prich

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Lektüren vom Sofa Vol II – „Paradigmenwechsel live“

Die Lek­tü­re von Tho­mas S. Kuhns „Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­ti­on“ (Kuhn 1996) ver­än­dert die Welt­sicht von Lese­rin und Leser grund­le­gend: Denn der Begriff des Para­dig­men­wech­sels eröff­net einen völ­lig neu­en Bli­ck auf die Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft, hin­ter den man nicht mehr zurück kann.

Nimmt man in Fol­ge den Begriff in sei­nen ganz eige­nen Werk­zeug­kas­ten der Erkennt­nis auf und ver­wen­det ihn nicht nur im streng wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne, son­dern ver­leiht ihm eine gewis­se All­tags­taug­lich­keit (ohne ihn infla­tio­när zu miss­brau­chen) in der Beob­ach­tung gesell­schaft­li­cher und technisch-​wissenschaftlicher Ent­wick­lung, so erkennt man schnell, wie prak­ti­sch eine gute Theo­rie ist.

An der einen oder ande­ren Bruch­stel­le im All­tag kann eine – im prak­ti­schen Sin­ne – gute Theo­rie natür­li­ch zu Ver­stim­mun­gen füh­ren: Kein Gespräch mit einem Ope­ra Afi­cio­na­do, ohne dass „Die fei­nen Unter­schie­de“ (Bour­dieu 1987) im Hin­ter­kopf mit­schwin­gen und kei­ne Dis­kus­si­on über „Ideo­lo­gie­frei­heit“, ohne dass Karl Mann­heims Ein­sich­ten über die gesell­schaft­li­che Gebun­den­heit von Erkennt­nis die Debat­te grun­die­ren.

Und so führt uns Wolf­gang Schi­vel­bu­sch in sei­ner wun­der­ba­ren „Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se“ (Schi­vel­bu­sch 2000) bei­spiel­haft vor, zu wel­chen Tie­fen­schich­ten der Erkennt­nis eine Ver­bin­dung von tech­nik­so­zio­lo­gi­scher und kul­tur­his­to­ri­scher Theo­rie und Metho­de füh­ren kann.

Der Wis­sen­schafts­jour­na­list Franz Mil­ler hat mit sei­nem Bericht über die Ent­wick­lung des mp3 For­mats (Mil­ler 2015) eine ähn­li­che Erzäh­lung vor­ge­legt, die man mit zuneh­men­den Ver­gnü­gen liest. Er erzählt die Geschich­te einer wis­sen­schaft­li­chen Inno­va­ti­on mit alle ihren Höhen und Tie­fen, ihren Sie­gen und Nie­der­la­gen, den Wider­stän­den und Geg­nern und letz­ten Endes von der Beharr­lich­keit, mit der die han­deln­den For­scher (Frau­en kom­men fast nur als sor­gen­de Ehe­frau­en vor) ihre Idee einer psy­cho­akus­ti­sch ver­lust­lo­sen Kom­pri­mie­rung von Ton­da­tei­en zum Erfolg brin­gen.

Als lang­jäh­ri­ger Pres­se­spre­cher der Fraun­ho­fer Gesell­schaft – die als For­schungs­ge­sell­schaft die­se Ent­wick­lung erst ermög­lich­te – berich­tet er kennt­nis­reich und mit ana­ly­ti­schem Werk­zeug über einen aktu­el­len „Para­dig­men­wech­sel“!

Wer nach­voll­zie­hen will, wie Inno­va­tio­nen im Zeit­al­ter der ana­lo­gen Tech­nik ent­ste­hen, um dann in der digi­ta­len Revo­lu­ti­on als „dis­rup­ti­ve Inno­va­ti­on“ die gesam­te Musik­bran­che völ­lig ver­än­dern (und die­se „dis­rup­ti­ve“ Ver­än­de­rung steht den Print­me­di­en noch bevor), dem sei die Lek­tü­re die­ser klu­gen und mate­ri­al­rei­chen Stu­die emp­foh­len. „Es gibt gar nichts außer Unbe­re­chen­bar­keit“ (Mil­ler 2015: 450) ist ein Fazit und so führt die Lek­tü­re bei Lese­rin und Leser zu zwei Effek­ten: Nichts, aber auch wirk­li­ch gar nichts, wird im Kon­text der digi­ta­len Revo­lu­ti­on so blei­ben wie es ist! Und kein Musik­ge­nuss vom Smart­pho­ne ist der Lese­rin mehr mög­li­ch, ohne an die dahin­ter­ste­hen­de Inno­va­ti­on als Para­dig­men­wech­sel zu den­ken.

Demo­kra­tie und WEB 2.0

Herbstwand

Die letz­ten grü­nen Zwei­ge des Jah­res

Wir haben uns allem Anschein nach dar­an gewöhnt, die Kon­se­quen­zen die­ser digi­ta­len Revo­lu­ti­on eher im Licht, als im Schat­ten zu sehen. Euro­pä­er und Nord­ame­ri­ka­ner schei­nen zwang­haft fort­schritt­s­op­ti­mis­ti­sch; ein roter Faden, der sich von Dide­rots „Ency­clo­pé­die“ durch die Post­mo­der­ne hin­durch bis ins Heu­te mäan­driert.

Die „Ham­bur­ger Edi­ti­on“ des Ham­bur­ger Insti­tuts für Sozi­al­for­schung wid­met sich dem­ge­gen­über seit ihrer Grün­dung der ver­dienst­vol­len Auf­ga­be, gera­de die Schat­ten­sei­ten, die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ zu beschrei­ben. Mit „Die Anti­po­li­ti­schen“ des fran­zö­si­schen Juris­ten Jac­ques de Saint Vic­tor (Saint Vic­tor 2015) liegt ein Essay vor, der die Frei­heits­ver­spre­chen des WEB 2.0 mit ihren kali­for­ni­schen Unter­tö­nen einer luzi­den Kri­tik unter­zieht. Und wer in den letz­ten Wochen die ver­roh­ten Kom­men­ta­re rechts­po­pu­lis­ti­scher und rechts­ra­di­ka­ler Trol­le in den „Soci­al Media“ zur Zuwan­de­rung gele­sen hat, kann sei­ner bit­te­ren Kri­tik an der „Anti­po­li­tik“ der Netz­de­mo­kra­tie und ihrer popu­lis­ti­schen Bewe­gun­gen nur zustim­men.

Saint Vic­tor sieht in den digi­ta­len For­men von Demo­kra­tie den Ver­su­ch, die reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­ti­en und Ver­fah­rens­wei­sen des Wes­tens durch eli­tis­ti­sche, ner­dis­ti­sche und tech­ni­zis­ti­sche Model­le zu unter­lau­fen. Ähn­li­ch wie neue digi­ta­le Ange­bo­te im WEB 2.0 wie z.B. das pri­va­te Trans­port­un­ter­neh­men UBER ein Frei­heits­ver­spre­chen pro­pa­gie­ren, aber letzt­li­ch pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se pro­du­zie­ren, so dia­gnos­ti­ziert Saint Vic­tor der digi­ta­len Demo­kra­tie ein grund­le­gen­des Demo­kra­tie­de­fi­zit. Ein Essay von knapp unter 100 Sei­ten, der eine Lek­tü­re wert ist.

Win­ter­rei­se im Herbst

Dass die­se „Lek­tü­ren vom Sofa“ wirk­li­ch vom herbst­li­chen Sofa und nicht von den „Küs­ten des Lichts“ kom­men, lässt bereits der Titel erken­nen: „Schu­berts Win­ter­rei­se“ beti­telt der eng­li­sche Ten­or Ian Bos­tridge (Bos­tridge 2015) sei­ne ganz eige­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Lied“ der Roman­tik.

Was, so fra­gen sich viel­leicht an die­ser Stel­le die Lese­rin und der Leser, die aus sozi­al­wis­sen­schaft­li­chem Inter­es­se die­sen Blog lesen, was hat denn nun das roman­ti­sche Lied von Schu­bert und die ent­spre­chen­den Mei­nun­gen eines Sän­gers mit uns und unse­rem Inter­es­se an Gesell­schaft zu tun?

Kunst, so könn­te ich ant­wor­ten, ist eben eine Art und Wei­se des Men­schen, sich mit den vor­ge­fun­de­nen Umstän­den und Fra­gen sei­ner Exis­tenz aus­ein­an­der zu set­zen. So wie Wis­sen­schaft eben eine ande­re ist! Und auf je sehr unter­schied­li­chen Wegen suchen wir Ant­wor­ten auf eben die­se Fra­gen und Umstän­de.

Als musi­ka­li­scher Analpha­bet sind Lek­tü­ren über Musik in der Regel für mich nicht les­bar; im auk­to­ria­len Duk­tus wer­den mir Ein­sich­ten mit­ge­teilt, die her­me­ti­sch ver­schlos­sen blei­ben:

Wir haben einen Sona­ten­haupt­satz mit nahe­zu durch­lau­fen­den Sech­zehn­tel­fi­gu­ra­tio­nen vor uns, die humorvoll-​spielerisch, wie aus fan­ta­sie­vol­len Impro­vi­sa­tio­nen gewon­nen erschei­nen und Drei­klangsbre­chun­gen, Wech­sel­no­ten, Ska­len und Alber­ti­bäs­se abwech­seln las­sen.“ (Mau­ser 2014: 18)

Inter­es­sant, bloß – was soll es bedeu­ten?

Die aktuellen Lektüren vom Sofa spielen vor herbstlicher Kulisse.

Die aktu­el­len Lek­tü­ren vom Sofa spie­len vor herbst­li­cher Kulis­se.

Bos­tridge, der sich selbst als musi­ka­li­schen Auto­di­dak­ten bezeich­net, ver­mei­det jeden her­me­ti­schen Duk­tus. Ihm geht es viel­mehr dar­um, die 24 Lie­der der Win­ter­rei­se sei­nen Lese­rin­nen und Lesern in ihren viel­fäl­ti­gen Bedeu­tungs­ebe­nen nahe zu brin­gen. Und es sind eben die­se unter­schied­li­chen Bedeu­tungs­ebe­nen, die Bos­tridge uns in den Ver­sen von Mül­ler und der Musik von Schu­bert eröff­net.

Wir ver­ste­hen in der Lek­tü­re den poli­ti­schen Gehalt der ver­wen­de­ten Bil­der von Eis und Schnee, erle­ben die fros­ti­ge Met­ter­nich Ära mit Ver­fol­gung und Denun­zia­ti­on und ver­ste­hen im Fort­gang des Tex­tes die Reak­tio­nen Schu­berts und sei­ner Freun­de auf eben die­se Erstar­run­gen der Bie­der­mei­er­zeit.

Nichts ist hier – so die Lek­tü­re – wie es scheint; die „Köh­ler­hüt­te“ im ver­schnei­ten Wald ist kei­ne roman­ti­sche Bebil­de­rung, son­dern viel­mehr ein Zitat der ita­lie­ni­schen Frei­heits­be­we­gung. Musi­ka­li­sche Bil­der, die durch den Text ent­schlüs­selt und in ihrer Zeit ver­or­tet wer­den kön­nen.

Letzt­li­ch bie­tet uns Bos­tridge eine groß­ar­ti­ge his­to­ri­sche und sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se eines Kunst­wer­kes, ohne die onto­lo­gi­schen Bedräng­nis­se und Fra­gen Schu­berts zu negie­ren: Sei­ne Krank­heit, sein Glück, wie Unglück sind immer prä­sent.

Glück­li­cher­wei­se kön­nen wir Ian Bos­tridges Win­ter­rei­se par­al­lel zur Lek­tü­re hören; auf CD, als mp3 oder Online – ein Gesamt­kunst­werk aus Musik und Text, wel­ches uns ver­zau­bert zurück­lässt:

Tod

Immer wie­der lugt das Buch von Herrn­dorf aus den Bücher­sta­peln am Sofa; immer wie­der lege ich es nach kur­zer Lek­tü­re zur Sei­te.

Nach der Dia­gno­se eines Hirn­tu­mors beginnt Wolf­gang Herrn­dorf sei­nen Blog, den er bis zwei Wochen vor sei­nem Sui­zid fort­setzt. Nach sei­nem Tod publi­zie­ren sei­ne Freun­din­nen und Freun­de die­ses Web­log als Buch; beti­telt nach der Lebens­ma­xi­me Herrn­dorfs in die­sen sei­nen letz­ten Jah­ren: „Arbeit und Struk­tur“.

Und immer wie­der neh­me ich es in die Hand und lese ein wei­te­res Kapi­tel – war­um? Fas­zi­niert mich der Tod und die Krank­heit? Bin ich froh, dass es ihn trifft und nicht mich; ich weiß es nicht.

Soll man es lesen? Der Faden, den Schu­bert in der Win­ter­rei­se spinnt; er wird hier auf eine ganz ande­re Art und Wei­se auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­spon­nen. Das Gewor­fen­s­ein in die Welt ist The­ma – völ­lig unhe­roi­sch, wie es einer post­he­roi­schen Gesell­schaft ange­mes­sen ist. Eine Herbst- und Win­ter­lek­tü­re, in der der Som­mer und das Baden im See immer wie­der auf­blit­zen und der Tod jeder­zeit im Text steht. Man soll es lesen!

Lite­ra­tur:

Bos­tridge, Ian (2015). Schu­berts Win­ter­rei­se. Mün­chen: Beck.

Bour­dieu, Pier­re (1987). Die fei­nen Unter­schie­de. Frank­furt: Suhr­kamp.

Herrn­dorf, Wolf­gang (2015). Arbeit und Struk­tur. Ham­burg: Rowohlt.

Kuhn, Tho­mas S. (1996). Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen. Frank­furt: Suhr­kamp.

Mann­heim, Karl (2015). Ideo­lo­gie und Uto­pie. Frank­furt: Klos­ter­mann.

Mau­ser, Sieg­fried (2014). Mozarts Kla­vier­so­na­ten. Mün­chen: Beck.

Mil­ler, Franz (2015). Die MP3 Sto­ry. Eine deut­sche Erfolgs­ge­schich­te. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Saint Vic­tor, Jaques de (2015). Die Anti­po­li­ti­schen. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on, HIS.

Schi­vel­bu­sch, Wolf­gang (2000). Geschich­te der Eisen­bahn­rei­se. Frank­furt: Fischer.

Autor

Tho­mas Mün­ch

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