Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schu­le Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­ren­de den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man die­se Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schu­le und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Vie­le unter­schied­li­che Akteu­re mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­ga­be, begrenz­te Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­ri­ge For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Por­st es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­be­ck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­re­ne Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­ti­ge Vari­an­te des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lan­ge“ (Por­st 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Jüdi­sche Mesu­sa und Mari­eni­ko­ne

Stu­die­ren­de der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­bat­te früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­si­on gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Fra­ge zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flik­te und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­ti­ve Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Fra­ge, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stel­le tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist qua­si Flei­sch gewor­de­ne Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­li­ch umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nen­de Fra­ge – ertra­gen Stu­die­ren­de die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­ren­de Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zes­se erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schie­de, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läu­fe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­ble­me nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­ti­sch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jek­te die not­wen­di­ge Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Weni­ge Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­si­on mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­ti­on GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv gerin­ge Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lo­se und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­ti­on auf der „After­sei­te“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­di­ge Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­ble­me.

Und in der Dis­kus­si­on im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­ti­on (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­li­ch, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäs­te in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lo­se, Zuwan­de­rer – kom­men angst­frei­er in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­frei­en Zone“ der Über­le­bens­sta­ti­on (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben die­se „Ereig­nis­se“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­ti­ge Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bau­er hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­li­ch gemacht, wie wesent­li­ch die­se Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so sei­ne The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sin­ne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bau­er 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­de­te Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quel­le von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­li­ch, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­ben­de Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bau­er 2011: 13). Und das inter­es­san­te an Bau­ers Stu­die ist eben dar­in zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, wel­ch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­rel­le Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio huma­na (Bau­er 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und dar­an ändern die „Ereig­nis­se“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Gerings­te!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bau­er, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine ande­re Geschich­te des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Por­st, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

Arti­kel wei­ter­emp­feh­len über:
Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedIn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*