Lektüren vom Sofa Vol I – Griechenland

Der auf­merk­sa­men Lese­rin wird es nicht ent­ge­hen, dass das For­mat der „Lek­tü­ren vom Sofa“ nicht von mir stammt – es ist schlicht­weg von Nick Horn­by „über­nom­men“ (eine schö­ne Umschrei­bung für eine gewis­se „Lax­heit in Fra­gen geis­ti­gen Eigen­tums“), der in einer Kolum­ne in der Lite­ra­tur­zeit­schrift The Belie­ver über sei­ne ganz eige­nen Leseer­fah­run­gen berich­tet. Die deutsch­spra­chi­ge Lese­rin fin­det die ent­spre­chen­den Über­set­zun­gen unter der Über­schrift „Mein Leben als Leser“ (Horn­by 2005 und 2015).

In die­sen immer lau­ni­gen und immer sehr sub­jek­ti­ven Berich­ten zur eige­nen Lek­tü­re, lässt uns Nick Horn­by teil­ha­ben an sei­nen Leseer­fah­run­gen, sei­nen Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen. Dadurch wer­den Lese­rin und Leser sei­ner Tex­te ange­regt, abge­schreckt oder neu­gie­rig gemacht – eine eige­ne Lek­tü­re kann eine Reak­ti­on auf die­se Anre­gun­gen sein und ist es auch oft!

So sind auch die „Lek­tü­ren vom Sofa“ kei­ne Rezen­sio­nen im klas­si­schen Sin­ne (wie wir sie im Feld der „prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft“ z.B. bei Soci­al­net fin­den); sie sind viel­mehr sub­jek­ti­ve Leseer­fah­run­gen im wei­ten Feld sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur; wenn auch hier und dort immer wie­der ein Titel aus der Bel­le­tris­tik auf­scheint.

Die­se ers­ten „Lek­tü­ren vom Sofa“ sind auch nicht wirk­li­ch vom Sofa – sie ist viel­mehr ein Lek­tü­ren­be­richt, in der immer wie­der das Mit­tel­meer im Hin­ter­grund rauscht – denn mit Bli­ck auf eben die­ses Mit­tel­meer fan­den die Lek­tü­ren statt.

Stuff I’ve Been Rea­ding“

Als ich im ver­gan­ge­nen Jahr Wolf­gang Streecks „Gekauf­te Zeit (Streeck 2013) las, blieb ein fades Gefühl zurück: Bril­lan­te Ana­ly­se, aber Hand­lungs­emp­feh­lun­gen wie „Abschaf­fung des Euro“, „Zer­schla­gung der EU“ und „zurück zum Natio­nal­staat“, die ich als zutief­st fal­sch emp­fand. Das mag damit zusam­men­hän­gen, dass ich als auf der Gren­ze Gebo­re­ner die Abschaf­fung der euro­päi­schen Bin­nen­gren­zen immer als einen ganz per­sön­li­chen Gewinn ver­bucht habe. Aber wo auch immer die Grün­de zu ver­or­ten sind, die Lek­tü­re hin­ter­ließ mich rat­los.

In die­se Lücke stieß Hau­ke Brunk­hor­st mitDas dop­pel­te Gesicht Euro­pas(Brunk­hor­st 2014). End­li­ch eine Ana­ly­se, die sich der wider­sprüch­li­chen Wirk­lich­keit Euro­pas Empi­rie bezo­gen nähert, die die Ent­wick­lungs­li­ni­en der EU in ihren Kon­tro­ver­sen und Kon­flik­ten skiz­ziert, die mit den Kunst­fi­gu­ren „Dr. Jekyll“ und „Mr. Hyde“ Per­so­ni­fi­ka­tio­nen der kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen ver­wen­det und die letzt­li­ch ein­fach klar und deut­li­ch beschreibt, wie weit Euro­pa schon gedie­hen ist.

Und für mich völ­lig neu war die Idee einer „Ver­fas­sungse­vo­lu­ti­on“, mit der Brunk­hor­st die eigen­wil­li­ge evo­lu­tio­nä­re Ent­wick­lung einer euro­päi­schen Rechts­ent­wick­lung beschreibt – bis hin zum euro­päi­schen Bür­ger­recht. So habe ich, und das war ange­sichts der par­al­lel zur Lek­tü­re tag­täg­li­ch erleb­ten grie­chi­schen Wirk­lich­keit, begrif­fen, dass ich neben mei­ner natio­nal­staat­li­chen Bür­ger­schaft auch eine euro­päi­sche Bür­ger­schaft inne­ha­be – mit allen neu­en Rech­ten! Ein neu­er Gedan­ke in die­ser euro­päi­schen Debat­te. Und ein Gedan­ke, der nach vor­ne weist – hin zu einem neu­en Euro­pa, einem Euro­pa, wo

der immer enge­ren Inte­gra­ti­on, von der Ver­trä­ge träu­men und die die Libe­ra­li­sie­rungs­ma­schine hoch­s­e­lek­tiv, funk­tio­nal inte­gra­tiv und sozi­al inte­gra­tiv ver­wirk­licht, könn­te eine immer enge­re Koope­ra­ti­on ega­li­tär – inter­ven­tio­nis­ti­scher Staa­ten­grup­pen mit ver­gleich­ba­ren Pro­ble­men, Insti­tu­tio­nen und poli­ti­schen Tra­di­tio­nen ent­ge­gen gesetzt wer­den“ (Brunk­hor­st 2014: 170).

Meer Griechenland

Die “Lek­tü­ren vom Sofa” kom­men dies­mal direkt vom grie­chi­schen Meer.

Dop­pelt ist das Gesicht Euro­pas – nach vor­ne und nach hin­ten zei­gend; ein ande­res Bild ist denk­bar und ein ande­res Euro­pas kann Wirk­lich­keit wer­den. Eine Lek­tü­re, die neu­en Wind ins eige­ne Den­ken bläst!

Der Ber­li­ner Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Her­fried Münk­ler hat mitMacht in der Mit­te(Münk­ler 2015) einen wei­te­ren Bei­trag zur glei­chen Debat­te gelie­fert, einen Bei­trag der schnell unter den Ver­dacht der „Geo­po­li­tik“ gestellt wur­de.

Ohne wei­ter auf die­se frag­wür­di­ge Ver­ein­fa­chung ein­zu­ge­hen – man lese zur Rol­le des Rau­mes in der Poli­tik ein­fach mal wie­der Karl Schlö­gels „Im Rau­me lesen wir die Zeit“ (Schlö­gel 2003) – und ohne auf die eine oder ande­re Ver­ein­fa­chung im ers­ten Teil des Buches ein­zu­ge­hen (nur knapp 190 Sei­ten Text schrän­ken ein), lie­fert auch Münk­ler zur Euro­pa Debat­te einen neu­en Fokus. Und die­ser neue Fokus macht die Lek­tü­re so erfreu­li­ch.

Erfreu­li­ch dadurch, dass er unauf­ge­regt und his­to­ri­sch gegrün­det die neue Rol­le Deutsch­lands als Macht in der Mit­te beschreibt und die Rah­men­be­din­gun­gen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten die­ser Mit­tel­macht im Kon­text euro­päi­scher Poli­tik skiz­ziert. Auch wenn sich die­se Beschrei­bung stel­len­wei­se liest, wie eine Arbeits­platz­be­schrei­bung für Ange­la Mer­kel, so ist die Dar­stel­lung der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen deut­scher Poli­tik in und mit Euro­pa, von einer beru­hi­gen­den Unauf­ge­regt­heit. Es ist – auch hier bie­tet sich wie­der der Ver­gleich zu Streeck an – beru­hi­gend zu lesen, dass Poli­tik immer noch und immer wie­der das Boh­ren dicker Bret­ter (Max Weber) ist und allem Anschein auch bleibt.

Ste­phan Les­se­nich hat bereits 2012 mitTheo­ri­en des Sozi­al­staats (Les­se­nich 2012) eine Ein­füh­rung in die „Sozi­al­staat­lich­keit“ vor­ge­legt, die von erfri­schen­der Gründ­lich­keit – mei­ne ame­ri­ka­ni­schen Freun­de wür­den dies als „deut­sche Gründ­lich­keit“ bezeich­nen – ist. Wor­um es denn im Sozi­al­staat geht, wie man ihn ver­ste­hen und erklä­ren kann, und wohin er sich aktu­ell bewegt – das sind die The­men, die Les­se­nich skiz­ziert und dis­ku­tiert.

Natür­li­ch ist das Büch­lein – wie der Unter­ti­tel schon sagt – eine Ein­füh­rung. Aber trotz­dem ist der Text mäan­drie­rend kom­plett, erfreu­li­ch wider­spruchs­reich und in jeder Zei­le dis­kurs­freu­dig.

So ist die­ser Ein­füh­rungs­band nicht nur für Ein­stei­ge­rIn­nen eine Ein­füh­rung in die Dis­kur­se zur Sozi­al­staat­lich­keit und in die Dis­kur­se zur Dis­kurs­fä­hig­keit, er ist auch für jede Lese­rin eine Übung in prak­ti­scher und theo­re­ti­scher Umset­zung des Arti­kel 20 Grund­ge­setz. Ein durch und durch erfreu­li­ches Büch­lein, des­sen Lek­tü­re anstren­gungs­reich und anre­gend ist.

Das „Schö­ne und Gute“ kommt auch in die­sen „Lek­tü­ren vom Sofa“ vor: Kimvon Rudyard Kipling. Ich muss geste­hen, dass ich ein­mal im Jahr die­ses schma­le Bänd­chen lese; immer und immer wie­der. Und jedes Jahr ent­de­cke in Facet­ten, die ich in den Vor­lek­tü­ren über­las – aus wel­chen Grün­den auch immer. Ob nun „Kim“ als ein Ent­wick­lungs­ro­man zu lesen ist, oder ob dies eher ein auto­bio­gra­fi­sch gefärb­ter Bei­trag zum „Ori­en­ta­lis­mus“ sei – die Band­brei­te der Eti­ket­tie­run­gen und Inter­pre­ta­tio­nen ist unüber­schau­bar. Und dies gilt nicht nur für „Kim“, son­dern für Kipling in Gän­ze.

Für mich ist die­se „klei­ne Erzäh­lung“ eine „gro­ße Erzäh­lung“ – ein Plä­doy­er für Trans­kul­tu­ra­li­tät und für einen Kul­tu­ren­be­griff, in der die eine Kul­tur ohne die ande­re Kul­tur nicht denk­bar ist. Von daher ist und bleibt „Kim“ ein hoch aktu­el­ler Kom­men­tar zu einer glo­ba­li­sier­ten und sich wei­ter­hin glo­ba­li­sie­ren­den Welt und zu den Mög­lich­kei­ten und Ein­schrän­kun­gen, die die­se Welt bie­tet.

Mei­ne medi­ter­ra­ne Lek­tü­re von „Kim“ war die­ses Jahr eine beson­de­re: Als Geburts­tags­ge­schenk gab es das Büch­lein in einer eng­li­schen Aus­ga­be von 1920, illus­triert mit Zeich­nun­gen von Kiplings Vater Lock­wood Kipling – eine hap­ti­sch und ästhe­ti­sch beson­de­re Lek­tü­ren­qua­li­tät, die beson­ders e-​Book Lese­rin­nen zu emp­feh­len ist.

Der deutsch­spra­chi­gen Lese­rin emp­feh­le ich „Kim“ in der Über­set­zung von Gis­bert Haefs, erschie­nen bei Haff­mans (Kipling 2001).

An der einen oder ande­ren Stel­le der „Lek­tü­ren vom Sofa“ mag die auf­merk­sa­me Lese­rin das eine oder ande­re Sand­korn gefun­den haben – das ist dem Mit­tel­meer geschul­det. Die nächs­ten „Lek­tü­ren vom Sofa“ kom­men wie­der ori­gi­nal vom Sofa – ver­spro­chen!

Lite­ra­tur:

Brunk­hor­st, Hau­ke (2014). Das dop­pel­te Gesicht Euro­pas. Ber­lin.

Horn­by, Nick (2005). Mein Leben als Leser. Köln.

Horn­by, Nick (2015). Weni­ger reden und öfter mal in die Bade­wan­ne. Mein Leben als Leser. Köln.

Kipling, Rudyard (2001). Kim. Zürich.

Les­se­nich, Ste­phan (2012). Theo­ri­en des Sozi­al­staats. Zu Ein­füh­rung. Ham­burg.

Münk­ler, Her­fried (2015). Macht in der Mit­te. Die neu­en Auf­ga­ben Deutsch­lands in Euro­pa. Ham­burg.

Schlö­gel, Karl (2003). Im Rau­me lesen wir die Zeit: Über Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schich­te und Geo­po­li­tik. Mün­chen.

Streeck, Wolf­gang (2013). Gekauf­te Zeit. Die ver­tag­te Kri­se des demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Ein Kommentar

  • Lie­ber Tho­mas,
    habe Dei­ne Lese­früch­te mit Ver­gnü­gen gele­sen und fest­ge­stellt, dass wir ziem­li­ch ana­lo­ge Bewer­tun­gen haben, wobei ich geste­hen muss, dass ich nicht alle erwähn­ten Wer­ke kon­su­miert habe.
    Kom­me gera­de aus Urlaub in der fran­zö­si­chen Pro­vinz zurück. Da hat sich seit 15 Jah­ren, als wir das letz­te mal die Loire her­un­ter­pad­del­ten, nicht geän­dert. Allen­falls die Land­flucht hat zuge­nom­men. Nach wie vor gehen Bau­ern und Hand­wer­ker mit­tags ein zwei Stun­den gemüt­li­ch ins Restau­rant, des­halb brau­chen sie natür­li­ch ene Agen­da a la Schrö­der, ist Zeit­ver­schwen­dung. Die fran­zö­si­sche Sozi­al­quo­te liegt bei40 Pro­zent (BRD 30), u.a. haben sie all die Ein­schnit­te bei Gesund­heits­kos­ten nicht gemacht. Hof­fe, sie hal­ten das wei­ter durch, bin aber skeptisch…Die Idyl­le könn­te trü­gen.

    Herz­li­che Grü­ße und wei­ter viel Spaß beim Lesen
    Arnd Schwen­dy

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