Eher eine „dichte Beschreibung“, denn ein „Reisebuch“ – Alice Albinias „Empires of the Indus“

Die eng­lisch­spra­chi­ge Rei­se­li­te­ra­tur unter­schei­det sich in Inhalt, Far­be und Form von der deutsch­spra­chi­gen Rei­se­li­te­ra­tur; in die­sem Fall wohl ver­gleich­bar mit den jewei­li­gen Wis­sen­schafts­tex­ten. Zumin­dest sagen dies mei­ne Stu­die­ren­den des 1. Pro­pä­deu­tik­se­mes­ters, wenn sie zur Ein­füh­rung ins The­ma Tex­te aus unter­schied­li­chen Wis­sen­schafts­kul­tu­ren (im kon­kre­ten Fall aus Frank­reich, Eng­land und Deutsch­land) gele­sen haben.

Deutsch­spra­chi­ge und Eng­lisch­spra­chi­ge den­ken und schrei­ben allem Anschein nach sowohl über die Welt, als auch das Rei­sen in ihr sehr unter­schied­li­ch. Das mag an den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der zwei Spra­chen lie­gen – man lese zu die­ser Fra­ge ein­mal Guy Deut­schers wun­der­ba­res Buch „Im Spie­gel der Spra­che (Deut­scher 2012), wor­in er über die­se Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der Spra­che nach­denkt. Aber es mag auch an den sehr unter­schied­li­chen Kolo­ni­al­ge­schich­ten Eng­lands und Deutsch­lands lie­gen; zumin­dest las­sen die Lek­tü­ren der Rei­se­bü­cher von Richard Bur­ton, Robert Byron, Patrick Leigh Fer­mor oder Bru­ce Chat­win einen Typus des bzw. der Rei­sen­den erken­nen, wie wir ihn in Deutsch­land so nicht her­vor brin­gen.

Empi­res of the Indus“

In die­ser wun­der­ba­ren Tra­di­ti­on ist mit Ali­ce Albi­nia eine Auto­rin zu ent­de­cken, die in ihrem Buch über den Indus „Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river“ (Albi­nia 2008) die Geschich­te einer Rei­se von der Mün­dung bis zu Quel­le erzählt. Allein die­se Umkeh­rung könn­te als ein hüb­scher „side­ki­ck“ ver­merkt wer­den; aber ihre gro­ße Erzäh­lung ist weit mehr: In Zeit und Raum reist sie auf die­sen 309 Sei­ten; vor und zurück, in die Anti­ke, ins gol­de­ne Zeit­al­ter des Bud­dhis­mus, in die Zeit der Petro­gly­phen, nach Ost­afri­ka, Zen­tral­asi­en, Indien und Euro­pa – aber immer wie­der fin­den wir uns als Lese­rIn am Ufer die­ses gro­ßen Flus­ses wie­der. Hier begin­nen und enden alle ihre Geschich­ten.

Indus

Wan­der­schu­he nach vier Wochen ‘hin­ter der nächs­ten Ecke’ im Hima­la­ya.

Geschich­ten wie die über die Mas­sen­mor­de, die die Tei­lung des bri­ti­schen Raj in Indien und Pakis­tan beglei­te­ten und noch heu­te den poli­ti­schen All­tag der bei­den Län­der prä­gen; man lese nur Rana Das­gup­t­as „Del­hi“ (Das­gup­ta 2014), der die­ses Trau­ma im All­tag Indiens prä­zi­se beschreibt. Oder die wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen über die mus­li­mi­schen Hei­li­gen, die Sufis und ihr Leben und Lei­den am feu­da­len Sys­tem der hydrau­li­schen Kul­tur. Ihre Fes­te mit Musik und Tanz, mit Andacht und Hin­ga­be, die so gar nicht unse­rem Bild des Islam ent­spre­chen. Oder die Nach­fol­ger der afri­ka­ni­schen Skla­ven, die bis heu­te ihre eige­ne Kul­tur, ihre eige­ne Musik, ihre eige­ne Dich­tung und Spra­che bewah­ren und ver­tei­di­gen.

Und, und, und – eine auf­re­gen­de, fer­ne und doch nahe Welt, die uns Ali­ce Albi­nia beschreibt – weit ent­fernt von der media­len west­li­chen Dar­stel­lung Pakis­tans und nahe an den grund­le­gen­den Fra­gen der mensch­li­chen Exis­tenz – wie leben wir? Und was ist gut, böse, rich­tig und fal­sch? Und was haben Alex­an­der der Gro­ße und Gaut­am Bud­dha dazu gedacht und gesagt? Und die vie­len ande­ren Erobe­rer (und ihre Köche), die das rei­che und frucht­ba­re Land am Indus besit­zen woll­ten.

Von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te nimmt uns Albi­nia mit auf eine Rei­se, die nicht das Exo­ti­sche, nicht den „Ori­ent“ sucht, kon­stru­iert und bunt­schil­lernd prä­sen­tiert. Obwohl das Bunt­schil­lern­de an der einen und ande­ren Stel­le immer wie­der auf­leuch­tet. Viel­mehr gelingt ihr eine eige­ne neue und fas­zi­nie­ren­de Qua­li­tät. Es ist die­se eine Ver­mi­schung aus his­to­ri­schen und poli­ti­schen Grund­li­ni­en und Grund­kon­flik­ten, mit einer eth­no­gra­fi­sch prä­zi­sen Beschrei­bung, einer „dich­ten Beschrei­bung“ (Geertz 1987) der Lebens­wel­ten am gro­ßen Fluss – dies alles in einer hoch­prä­zi­sen und far­bi­gen Spra­che. All­täg­li­ch erschei­nen­de Din­ge und Zustän­de wer­den durch die­sen ihren eige­nen Bli­ck erhellt, in neue Zusam­men­hän­ge gestellt und gewin­nen so eine neue Gestalt, die uns Lesern neue Ein­sich­ten erlau­ben. Und was kann man mehr von einem Buch erwar­ten?

Als Lese­rIn die­ser Rei­se am gro­ßen Fluss in Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft hat man aller­dings eine Vor­aus­set­zung mit­zu­brin­gen: Dass man schon immer wis­sen woll­te, wie denn die Welt hin­ter der nächs­ten Ecke aus­sieht! Und nur dann, wird man mit Ali­ce Albi­nia ein auf­re­gen­des und klu­ges Lese­aben­teu­er erle­ben kön­nen! Und das ist doch eine Emp­feh­lung für die lan­gen Herbst­aben­de.

Quel­len:

Albi­nia, Ali­ce (2008). Empi­res of the Indus. The sto­ry of a river. New York: Live­right Publis­hing Cor­po­ra­ti­on.

Das­gup­ta, Rana (2014). Del­hi. Im Rau­sch des Gel­d­es. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Deut­scher, Guy (2012). Im Spie­gel der Spra­che: War­um die Welt in ande­ren Spra­chen anders aus­sieht. Frank­furt: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag.

Geertz, Clif­ford (1987). Dich­te Beschrei­bung. Bei­trä­ge zum Ver­ste­hen kul­tu­rel­ler Sys­te­me. Frank­furt: Suhr­kamp Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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