Quartier, Quartier was sagst du mir?

Sozia­le Ungleich­heit gehört zu den klas­si­schen For­schungs­ge­gen­stän­den der moder­nen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Im Lau­fe der Zeit haben sich von Marx über Weber, Durk­heim und Gei­ger bis hin zu Bour­dieu unter­schied­lichs­te Theo­ri­en und Model­le sozia­ler Ungleich­heit eta­bliert (vgl. Burzan 2011). Für sozio­lo­gi­sche New­bies: sozia­le Ungleich­heit meint nicht etwa nur die Viel­falt der Men­schen und deren Lebens­wei­sen, frei nach dem Mot­to: „Die Welt ist eben bunt!“. Es han­delt sich dar­über hin­aus um die Beob­ach­tung, dass

Men­schen auf­grund ihrer Stel­lung in sozia­len Bezie­hungs­ge­fü­gen von den ‚wert­vol­len Gütern‘ einer Gesell­schaft regel­mä­ßig mehr als ande­re erhal­ten.“  (Hra­dil 2005: 30)

Robert E. Park über­trug die­ses Kon­zept bereits Anfang des 20. Jahr­hun­derts auf den (Wohn-) Raum (vgl. Volk­mann 2012: 15). Die sich dar­aus erge­ben­de Annah­me, dass sich sozia­le Dis­tanz auch räum­li­ch mani­fes­tiert, bezeich­net man als Segre­ga­ti­on („Ent­mi­schung“ von lat. segre­ga­re: „abson­dern“, „tren­nen“). Sozi­al­ähn­li­che Grup­pen woh­nen häu­fig gemein­sam in bestimm­ten Stadt­tei­len oder Quar­tie­ren. Bei sozi­al benach­tei­lig­ten Per­so­nen­grup­pen geschieht dies jedoch oft nicht gänz­li­ch frei­wil­lig, denn Hart­mut Häu­ßer­mann (2012: 384) beschreibt zutref­fend:

Die Rei­chen woh­nen wo sie wol­len, die Armen woh­nen, wo sie müs­sen.“

Strit­tig bleibt in der Wis­sen­schaft nach wie vor, ob die räum­li­che Kon­zen­tra­ti­on sozi­al benach­tei­lig­ter Grup­pen, bzw. die Ent­mi­schung eines Stadt­teils, selbst­ver­stär­ken­de Nega­ti­v­e­f­fek­te auf die Bewoh­ner­schaft eines Quar­tiers haben kann. Let’s have a look!

Zer­bro­che­nes Glas

Broken Window

Annah­me der Broken-​Window-​Theorie: Ver­wüs­tung erzeugt Ver­wüs­tung, erzeugt letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät.

Im Jah­re 1982 ver­öf­fent­li­chen James Q. Wil­son und Geor­ge L. Kel­ling einen nun berühm­ten (aber auch umstrit­te­nen) Arti­kel, der Bezug nahm auf ein sozi­al­psy­cho­lo­gi­sches Expe­ri­ment von Phil­ip Zim­bar­do aus dem Jah­re 1969 (vgl. Hae­fe­le 2013: 36ff). Zim­bar­do hat­te beob­ach­tet, dass eine ein­ge­schla­ge­ne Fens­ter­schei­be an einem Auto, das ohne Num­mern­schild und mit offe­ner Motor­hau­be in der Bronx abge­stellt war, dazu führ­te, dass das Fahr­zeug in kür­zes­ter Zeit völ­lig aus­ge­plün­dert und zer­stört wur­de. War das Auto hin­ge­gen unbe­schä­digt, blieb das auch wei­ter­hin so. Die abge­lei­te­te Broken-​Window-Theo­rie besagt nun, dass nicht beho­be­ne, leich­te Beschä­di­gun­gen oder Ver­un­rei­ni­gun­gen in einer Nach­bar­schaft (typi­sch für benach­tei­lig­te Quar­tie­re) wei­te­re schwer­wie­gen­de­re „phy­si­cal and soci­al inci­vi­li­ties“ und letzt­li­ch Kri­mi­na­li­tät nach sich zie­hen. Zer­stö­run­gen und Abfall signa­li­sie­ren den Bewoh­ne­rIn­nen man­geln­de sozia­le Kon­trol­le, Kri­mi­na­li­täts­furcht ent­steht, Bewoh­ne­rIn­nen zie­hen fort, die Miet­prei­se sin­ken, sozi­al benach­tei­lig­te Per­so­nen zie­hen zu, das Quar­tier wird stig­ma­ti­siert, auch für Kri­mi­nel­le wird das Quar­tier schließ­li­ch zum Rück­zugs­raum – eine Abwärts­spi­ra­le beginnt. Die­se noch recht mecha­ni­sche Beschrei­bung sozia­ler Wirk­lich­keit wur­de im Lau­fe der Jah­re durch ver­schie­de­ne Disorder-​Theorien erwei­tert und modi­fi­ziert (sie­he dazu Hae­fe­le 2013). Schon Engels stell­te fest:

Hier woh­nen die Aerms­ten der Armen. […] mit Die­ben, Gau­nern und Opfern der Pro­sti­tu­ti­on bunt durch ein­an­der […], sin­ken doch täg­li­ch tie­fer, ver­lie­ren täg­li­ch mehr und mehr die Kraft den demo­ra­li­sie­ren­den Ein­flüs­sen der Noth, des Schmut­zes und der schlech­ten Umge­bung zu wider­ste­hen“ (Engels 1845: 41 zit. in Volk­mann 2012: 21).

Doch auch ande­re deut­sche Berühmt­hei­ten beschrei­ben recht aktu­ell ähn­li­che Phä­no­me­ne in ihrem Blo­ck, die die Annah­me von selbst­ver­stär­ken­den nega­ti­ven Quar­tier­s­ef­fek­ten nahe legen.

Ein Hafen in die Gesell­schaft

Ent­ge­gen öffent­li­cher Debat­ten über Zuwan­de­rung, in denen oft auch eine dif­fu­se Angst vor „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ mit­schwingt, kann eine soge­nann­te „eth­ni­sche Segre­ga­ti­on“ (Men­schen mit ähn­li­chen kul­tu­rel­len Wur­zeln woh­nen gemein­sam an einem Ort) durch­aus auch posi­ti­ve und inte­gra­ti­ons­för­dern­de Mecha­nis­men aus­lö­sen. Für sozio­öko­no­mi­sche geschwäch­te Zuwan­de­rIn­nen ­bie­ten Quar­tie­re mit einem hohen Anteil von Migran­tIn­nen zunächst eine Chan­ce: Sie die­nen als eine ers­te Anlauf­stel­le, als eine Art „Hafen“ in die frem­de Gesell­schaft. Denn die Migra­ti­on stellt häu­fig zunächst eine Situa­ti­on der Ver­un­si­che­rung dar, weil

in der Frem­de die Tra­di­tio­nen, Gewohn­hei­ten, die Kul­tur, Spra­che, Klei­dung und die Ritua­le des Hei­mat­lan­des wert­los gewor­den sind, im Gegen­teil sogar mit Ableh­nung behan­delt wer­den“ (Far­wick 2009: 35).

Arrival City

Ein Quar­tier mit “beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf” kann auch als Arri­val City fun­gie­ren und damit eine wich­ti­ge Funk­ti­on für die Stadt erfül­len.

Dadurch, dass Zuge­wan­der­te ähn­li­cher Her­kunft sich im Quar­tier wech­sel­sei­tig unter­stüt­zen, schüt­zen sie ihr sozia­les und kul­tu­rel­les Kapi­tal. Haben sie sich wie­der sozio­öko­no­mi­sch sta­bi­li­siert und kul­tu­rell ori­en­tiert, zie­hen sie in der Regel ein­zeln wei­ter in ande­re Stadt­tei­le – eine Art nied­rig­schwel­li­ge Inte­gra­ti­on voll­zieht sich. Vor­aus­set­zung ist dabei aber stets, dass den Zuge­wan­der­ten ein gesell­schaft­li­cher Auf­stieg ermög­licht wird (sozia­le Mobi­li­tät). Hier ist die Auf­nah­me­ge­sell­schaft in der Ver­ant­wor­tung! Saun­ders (2011) bezeich­net Orte über die sich sol­che Migra­tio­nen voll­zie­hen als „Arri­val Cities“. Sie las­sen sich in Groß­städ­ten auf der gan­zen Welt fin­den – von Los Ange­les über Rio de Janei­ro bis hin nach Berlin-​Kreuzberg (vgl. Saun­ders 2011). Die­se sinn­bild­li­chen „Häfen“ erfül­len die wich­ti­ge Funk­ti­on eines gesell­schaft­li­chen „Durch­lauf­er­hit­zers“ für eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on. Ähn­li­che Effek­te wur­den bereits 1938 von Paul Fre­de­rick Cres­sey für Chi­ca­go beschrie­ben (vgl. Far­wick 2009: 42) – auch hier also: no brea­king news!

Viel­leicht sind es ein­fach die Stör­che.

Empi­ri­sch lässt sich eines immer wie­der wun­der­bar bewei­sen: der Stor­ch bringt die Kin­der. Denn in kin­der­rei­chen Regio­nen, gibt es eben auch vie­le Stör­che. So ein­fach!

In Wirk­lich­keit han­delt es sich hier aber um eine Schein­kor­re­la­ti­on. Tat­säch­li­ch besteht kein ech­ter Ursache-​Wirkungs-​Zusammenhang – cum hoc ergo prop­ter hoc! Viel­mehr ist es so, dass Stör­che auf dem Land leben und Men­schen in länd­li­chen Regio­nen in der Regel mehr Kin­der bekom­men bzw. Fami­li­en mit vie­len Kin­dern auf’s Land zie­hen. Man nennt dies das Stor­chen­pro­blem. Auf glei­che Wei­se lässt sich übri­gens auch „nach­wei­sen“, dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem durch­schnitt­li­chen Scho­ko­la­den­kon­sum eines Lan­des und der Anzahl sei­ner Nobel­preis­trä­ger gibt. Also, nur zu!

Was auf den ersten Blick so klar strukturiert und einfach wirkt, ist in Wahrheit ein hochsensibles Konstrukt.

Was auf den ers­ten Bli­ck so klar struk­tu­riert und ein­fach wirkt, ist in Wahr­heit ein hoch­sen­si­bles Kon­strukt.

Ich möch­te behaup­ten, dass es sich  mit Quar­tier­s­ef­fek­ten ähn­li­ch ver­hält: Zwar klin­gen eini­ge der beschrie­be­nen Zusam­men­hän­ge zunächst durch­aus plau­si­bel, las­sen sich even­tu­ell sogar mit Daten­ma­te­ri­al unter­füt­tern, doch ob ein unmit­tel­ba­rer – oder gar  mecha­ni­scher – Zusam­men­hang zwi­schen der äuße­ren Umwelt und dem Ver­hal­ten der Bewoh­ne­rIn­nen besteht, bleibt oft zu bezwei­feln (vgl. auch Hae­fe­le 2013: 224). Hin­zu kommt, dass sich posi­ti­ve wie nega­ti­ve Quar­tier­s­ef­fek­te ohne wei­te­res über­la­gern und wech­sel­sei­tig beein­flus­sen kön­nen. Ein Stadt­teil kann durch­aus sowohl Schau­platz eines Broken-​Window-​Effekts, als auch eine inte­gra­ti­ons­för­dern­de Arri­val City sein. Was im Hin­ter­grund noch alles zusam­men­spielt, aber nicht direkt beob­acht­bar ist (laten­te Varia­blen), wis­sen wir oft nicht. Auch ist ein Stadt­teil kein abge­schlos­se­ner Con­tai­ner. Men­schen bewe­gen sich zusätz­li­ch in wei­te­ren sozia­len Sphä­ren (Davon wird an ande­rer Stel­le noch zu spre­chen sein.). Ober­fläch­li­che Zuschrei­bun­gen wie „Pro­blem­kiez“ oder „auf­stre­ben­der Stadt­teil“ grei­fen zu kurz, wenn sie den Wan­del eines Quar­tiers auf eini­ge weni­ge Deter­mi­nan­ten zurück­füh­ren wol­len und fata­lis­ti­sche Zusam­men­hän­ge zwi­schen mate­ri­el­ler Umwelt und Men­sch pos­tu­lie­ren. Aber wir alle nei­gen lei­der oft dazu, ein­fa­che Ant­wor­ten auf schwie­ri­ge Fra­gen beson­ders sym­pa­thi­sch zu fin­den.

Wer sozia­le Pro­ble­me bes­ser ver­ste­hen möch­te, soll­te stets ein gerüt­telt‘ Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Gepäck haben, denn die Ursa­chen und Fol­gen von Armut und sozia­ler Aus­gren­zung sind ver­wor­ren und kom­plex. Viel­schich­tig zu den­ken und Wider­sprü­che aus­zu­hal­ten wer­den zur Grund­vor­rau­set­zung guter sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis. Und die Imple­men­tie­rung von Maß­nah­men, wel­che die Lebens­um­stän­de der Bewoh­ne­rIn­nen eines „Stadt­teils mit beson­de­rem Ent­wick­lungs­be­darf“ ver­bes­sern sol­len, wird zur sinn­bild­li­chen Mika­do­pro­ble­ma­tik: Zieht man unbe­darft das fal­sche Stäb­chen, wackeln drei wei­te­re Hölz­chen unge­wollt mit.

Zum Wei­ter­le­sen:

Hae­fe­le, Joa­chim (2013). Die Stadt, das Frem­de und die Furcht vor Kri­mi­na­li­tät. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Saun­ders, Dou­glas (2011). Arri­val City: Über alle Gren­zen hin­weg zie­hen Mil­lio­nen Men­schen vom Land in die Städ­te – von ihnen hängt unse­re Zukunft ab. Mün­chen: Bles­sing.

Quel­len:

Burzan, Nicole (2011). Sozia­le Ungleich­heit. Eine Ein­füh­rung in die zen­tra­len Theo­ri­en. Wies­ba­den: Sprin­ger VS.

Cres­sey, Paul Fre­de­rick (1938). “Popu­la­ti­on Suc­ces­si­on in Chi­ca­go, 1898–1930”, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 44, 59–69.

Far­wick, Andre­as (2009). Segre­ga­ti­on und Ein­glie­de­rung: Zum Ein­fluss der räum­li­chen Kon­zen­tra­ti­on von Zuwan­de­rern auf den Ein­glie­de­rungs­pro­zess. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Häu­ßer­mann, Hart­mut (2012). Woh­nen und Quar­tier. Ursa­chen sozi­al­räum­li­cher Segre­ga­ti­on. In: E.-U. Hus­ter, J. Boeckh und H. Mogge-​Grotjahn (Hrsg.), Hand­buch Armut und Sozia­le Aus­gren­zung (S. 383–396). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Hra­dil, Ste­fan und Schie­ner, Jür­gen (2005). Sozia­le Ungleich­heit in Deutsch­land. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Volk­mann, Anne (2012). Quar­tier­s­ef­fek­te in der Stadt­for­schung und in der sozia­len Stadt­po­li­titk: Die Rol­le des Rau­mes bei der Repro­duk­ti­on sozia­ler Ungleich­heit. Ber­lin: Univ.-Verl. der TU, Univ.-Bibliothek.

Wil­son, James und Kel­ling, Geor­ge (1982). Bro­ken Win­dows.

Autor:

Kai Hau­prich

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2 Kommentare

  • Ange­sichts der empi­ri­schen Tat­sa­che einer kaum exis­ten­ten sozia­len Mobi­li­tät, hal­te ich es für einen ganz schön rea­li­täts­fer­nen und zyni­schen Euphe­mis­mus von sog. “Anlauf­stel­len” oder “Arri­val Cities” zu spre­chen.

    • Kai Hauprich

      Rich­tig, auf die Not­wen­dig­keit der sozia­len Mobi­li­tät habe ich des­halb noch ein­mal expli­zit hin­ge­wie­sen – son­st wer­den alle Quar­tie­re zur Fal­le. Es gibt im inter­na­tio­na­len Kon­text aber eben auch Stadt­tei­le, die als Arri­val City funk­tio­nie­ren, da Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten gewähr­leis­tet sind. Ich emp­feh­le hier Saun­ders und Far­wick. Andern­falls wür­de ich Ihnen völ­lig zustim­men.

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