Wie im „Permanent White Water“ des Netzes die “Eskimorolle” das Überleben sichert

Wohl um 250 nach Chris­tus wur­de der Pari­ser Bischof Dio­ny­si­us im Rah­men der Chris­ten­ver­fol­gun­gen auf dem Mont­mar­t­re ent­haup­tet. Die Legen­de berich­tet, dass er nach der Ent­haup­tung sei­nen Kopf in sei­ne Hän­de nahm und dort­hin ging, wo er denn begra­ben sein woll­te. An sei­nem Begräb­nis­ort steht heu­te die Kathe­dra­le Saint Denis.

Däu­me­lin­chen klappt ihr Note­book auf. Mag sie sich jener Legen­de auch nicht ent­sin­nen – was sie da vor Augen hat, ist nichts ande­res als ihr Kopf. Wohl­ge­füllt kraft sei­ner uner­schöpf­li­chen Infor­ma­ti­ons­be­stän­de, aber auch wohl­be­schaf­fen, weil sich durch Such­ma­schi­nen in ihm Tex­te und Bil­der nach Lau­ne auf­ru­fen las­sen.“ (Ser­res 2013: 27)

 Wie der Hei­li­ge sei­nen Kopf, so trägt sie nun­mehr

ihre vor­mals inter­nen, nun exter­na­li­sier­ten kogni­ti­ven Fähig­kei­ten in Hän­den“ (Ser­res 2013: 27)!

So beschreibt uns Michel Ser­res in sei­nem 2013 ver­öf­fent­lich­ten Text mit dem schö­nen Unter­ti­tel „Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on“ das Wun­der unse­rer Zeit: In unse­ren Hän­den hal­ten wir in klei­nen schwar­zen oder bun­ten Käst­chen das gesam­te Wis­sen unse­rer Zeit! Oder genau­er gesagt, den Zugang dazu. Wir müs­sen uns noch nicht ein­mal mehr mer­ken, wo im Regal ein gesuch­tes Buch steht; wir kön­nen ein­fach Such­ma­schi­nen befra­gen!

Dies ver­än­dert unse­re Zeit und auch unser Leben; gen­au wie der Buch­druck die Pro­duk­ti­on von Wis­sen, die Wei­ter­ga­be von Wis­sen und die Rezep­ti­on von Wis­sen ver­än­dert hat.

Als Leh­ren­der bedeu­tet dies in der Pra­xis einer Vor­le­sung oder eines Semi­nars, dass wir mit dem all­zeit ver­füg­ba­ren Wis­sen kon­kur­rie­ren:

Weil alle Welt das Wis­sen, das da ver­brei­tet wird, bereit hat. Zur Gän­ze. Zur frei­en Ver­fü­gung. Zur Hand. Jeder­zeit zugäng­li­ch im Netz, bei Wiki­pe­dia, mit dem Han­dy, durch jedes belie­bi­ge Por­tal“ (Ser­res 2013: 35)

Das Wis­sen fokus­siert sich nicht mehr im Kathe­der, im Red­ner­pult – es ist all­ge­gen­wär­tig im Raum der Vor­le­sung, des Semi­nars, der Schu­le. Und damit ändert sich die Rol­le des Leh­ren­den; was ist denn der wirk­li­che Mehr­wert, der Nut­zen, der Gebrauchs­wert, den wir als Leh­ren­de rea­li­sie­ren kön­nen?

Heu­ris­ti­ken zu ent­wi­ckeln und zu ver­mit­teln, ein­zel­ne Mosa­ik­stei­ne zu einem Gesamt­bild zusam­men­zu­fü­gen, den Gebrauchs- und Erklä­rungs­wert von Theo­ri­en durch eine erfah­rungs­ge­sät­tig­te Pra­xis­an­kopp­lung her­zu­stel­len, Lern­vor­gän­ge zu initi­ie­ren, durch­zu­füh­ren, zu beglei­ten, zu kom­men­tie­ren und zu bewer­ten – so könn­ten die Auf­ga­ben eines Leh­ren­den beschrie­ben wer­den.

Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als Per­ma­nent Whi­te Water

Den All­tag von „sozia­len per­so­nen­be­zo­ge­nen Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen“ in der Pro­duk­ti­on von Wohl­fahrt als „kom­plex, kon­flikt­be­la­den, mehr­deu­tig und daher rela­tiv schwer zu ver­ste­hen“ (Kla­tetz­ki 2010: 18) zu beschrei­ben ist das Eine. Die Dis­kus­si­on und Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes im Rah­men eines Semi­nars kann sogar für die Stu­die­ren­den bis zu einer beding­ten und begrenz­ten Ein­sicht in den All­tag eben jener Orga­ni­sa­tio­nen füh­ren.

Kop­peln wir aber den All­tag der Erfah­run­gen der Leh­ren­den und der Ler­nen­den – denn ein Groß­teil der Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten kommt mit Erfah­run­gen aus eben jenen Orga­ni­sa­tio­nen in die Semi­na­re – mit theo­re­ti­schen Ein­sich­ten, wie sie uns bei­spiels­wei­se Peter Vaill mit sei­ner Zustands­be­schrei­bung des „Per­ma­nent Whi­te Water“ (Vaill 1996) lie­fert, so wird der chao­ti­sche und erleb­te All­tag erklär­bar.

Eskimorolle Digital

Das sinn­bild­li­che Ver­mit­teln der “Eski­mo­rol­le” als eige­ne Qua­li­tät per­sön­li­cher Leh­re in der Sozi­al­ar­beit

Unsi­cher­heit und Risi­ko wer­den im Bild des Wild­was­ser­fah­rers im wei­ßen Was­ser nach­voll­zieh­bar, die Ver­knüp­fung von Theo­rie und Pra­xis wer­den sicht­bar in Schutz­maß­nah­men wie Schwimm­wes­te und Helm (wobei en pas­sant die span­nen­de Fra­ge zu klä­ren ist, ob Theo­rie jetzt mehr Schwimm­wes­te oder mehr Helm ist) und die “Eski­mo­rol­le” kann über­setzt wer­den in die kunst­vol­le Beherr­schung des ana­ly­ti­schen und metho­di­schen Instru­men­ta­ri­ums.

Die­ses hier ansatz­wei­se skiz­zier­te Zusam­men­stel­len von kon­text­fer­nen und kon­text­na­hen Bil­dern, das Über­tra­gen von Erklä­rungs­an­sät­zen aus grund­le­gend anders struk­tu­rier­ten Fel­dern in die Sozia­le Arbeit, das Her­stel­len von trans­dis­zi­pli­nä­ren Ver­knüp­fun­gen auch jen­seits der Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – so könn­te man die neu­en Auf­ga­ben des Leh­rens im Zeit­al­ter der ubi­qui­tä­ren Weis­heit ver­su­chen zu beschrei­ben. Die Anfor­de­run­gen an die­se neu­en Aufgaben- und Rol­len­zu­schrei­bun­gen sind anspruchs­voll und kom­plex; Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät, Ambi­gui­täts­to­le­ranz, und Beschei­den­heit sind dabei die Grund­aus­stat­tung und das mephis­to­phe­li­sche

all­wis­send bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst“ (Faust I)

kann in der einen oder ande­ren Situa­ti­on durch­aus wei­ter­hel­fen.

Das Gan­ze macht uns Kopf­schmer­zen; die Wis­sens­dif­fu­si­on, die Rol­len­ver­än­de­rung, die zuneh­men­den Unsi­cher­hei­ten. Da mag dann wie­der­um ein Bli­ck zurück auf den hei­li­gen Dio­ny­si­us hel­fen; er gilt als einer der 14 Not­hel­fer und sei­ne Anru­fung soll bei Kopf­schmer­zen hel­fen!

Quel­len:

Kla­tetz­ki, Tho­mas (Hrsg.)(2010). Sozia­le per­so­nen­be­zo­ge­ne Dienst­leis­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Ser­res, Michel (2013). Erfin­det Euch! Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on. Ber­lin: Edi­ti­on Suhr­kamp.

Vaill, Peter (1996). Learning as a Way of Being: Stra­te­gies for Sur­vi­val in a World of Per­ma­nent Whi­te Water. New York: Jos­sey Bass.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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