Große Erzählungen” und Soziale Arbeit

Der im Mai 2015 ver­stor­be­ne Phi­lo­so­ph Odo Mar­quard – er selbst bezeich­ne­te sich als „Skep­ti­ker“ – hat vie­le unter­schied­li­che Fäden gespon­nen und Begrif­fe ent­wor­fen. Man den­ke nur an sein schö­nes Wort der „Inkom­pe­tenz­kom­pen­sa­ti­ons­kom­pe­tenz“ oder wie er im „Abschied vom Prin­zi­pi­el­len“ sei­ne phi­lo­so­phi­sche Sicht for­mu­liert:

Die Skep­ti­ker sind also gar nicht die, die prin­zi­pi­ell nichts wis­sen; sie wis­sen nur nichts Prin­zi­pi­el­les“ (Mar­quard 1981: 17).

Religionswand

Die­se Küchen­wand kann gele­sen wer­den als “geron­ne­ne Poly­my­thie”. Unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen fin­den ihren Platz.

Ein durch­gän­gi­ger Faden die­ses Mit­glieds der „skep­ti­schen Gene­ra­ti­on“ ist sei­ne tie­fe Skep­sis gegen­über Hal­tun­gen, die er unter dem Begriff der „Geschichts­phi­lo­so­phie“ sub­sum­miert. Einer Posi­ti­on, die er als „Dau­er­flucht aus dem Gewis­sen­ha­ben in das Gewis­sen­s­ein“ (Mar­quard 1981: 57) beschreibt und der er eine star­ke Nei­gung zum „Neo­ma­nichäis­mus“, zum „Tri­bu­nal“ und zum „Mono­my­thos“ zuschreibt.

Und im „Lob des Polyt­he­is­mus“ skiz­ziert er die­sen „Mono­my­thos“ als den „Mythos des unauf­halt­sa­men, welt­ge­schicht­li­chen Fort­schritts zur Frei­heit“ (Mar­quard 1981: 99), der neben sich kei­ne ande­ren Mythen, kei­ne ande­ren Geschich­ten dul­det. Das Unbe­ha­gen, das er ange­sichts die­ser Mono­my­tho­lo­gie emp­fin­det, basiert einer­seits auf dem Ver­lust der Viel­heit und an Frei­heit. Ande­rer­seits hat Mar­quard – er ist 1928 gebo­ren – im „tota­li­tä­ren Jahr­hun­dert“ erlebt, was denen geschieht, die sich die­ser „gro­ßen Erzäh­lung“ ent­zie­hen: Sie wer­den „fort­an zum Häre­ti­ker, zum Geschichts­ver­rä­ter, zum Men­schen­feind“ (Mar­quard 1981: 101) mit allen Kon­se­quen­zen! Daher sein tief sit­zen­des Unbe­ha­gen ange­sichts des „Mono­my­thos der allein­se­lig­ma­chen­den Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te“ und sein Plä­doy­er für eine Viel­heit von Mythen und Geschich­ten, für die Poly­my­thie.

Die Poly­my­thie erscheint in der Pra­xis

Ein Semi­n­ar an einer Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaf­ten; zukünf­ti­ge Sozi­al­ar­bei­te­rIn­nen beschäf­ti­gen sich mit Grund­satz­fra­gen der Sozia­len Arbeit. Andre­as Schaar­schu­ch und sein Kon­zept der „Sozia­len Dienst­leis­tun­gen aus Nut­zer­sicht“ wird prä­sen­tiert und ver­or­tet in der Theo­rie­ge­schich­te der Pro­fes­si­on. Und in die­ser Ver­or­tung erkennt man die dort ehe­mals vor­herr­schen­de Per­spek­ti­ve, die

immer enge­re, spe­zi­fi­sche­re und damit eng­s­chränk­te Mög­lich­keits­kor­ri­do­re defi­nier­te und so von vorn­her­ein die Vor­herr­schaft gesell­schaft­li­cher Struk­tu­ren über das Han­deln sup­po­nier­te“ (Schaar­schu­ch 2006: 84).

Han­deln wird still­ge­stellt; die Struk­tur beherrscht das Tun. Und als eine mög­li­che Ant­wort auf die­ses Dilem­ma erscheint das Kon­zept der „Sozia­len Dienst­leis­tung“, wel­ches anknüp­fend an die Inter­es­sen der Nut­ze­rIn­nen die Hand­lungs­fä­hig­keit der Sozia­len Arbeit wie­der­her­stellt, indem sie das

Aneig­nungs­han­deln der Nut­ze­rin­nen und Nut­zer in das Zen­trum stellt“ (Schaarschuch/​Oelerich 2005: 9)!

Der Gebrauchs­wert und der Nut­zen für die Nut­ze­rIn­nen rücken in den Fokus der Pro­fes­si­on und wer­den zum Prüf­stein gelun­ge­ner Sozia­ler Arbeit; Han­deln ist wie­der mög­li­ch. Und an die­sem Punkt gerät das Semi­n­ar in Bewe­gung!

Als Reak­ti­on auf Theo­rie­an­ge­bo­te, die „mono­my­thi­sch“ ver­mit­teln, dass ein Rich­ti­ges im Fal­schen nicht sein kann, dass ein Han­deln unter den aktu­el­len „Struk­tu­ren“ nicht oder nur begrenzt mög­li­ch ist, dass „Haupt–“ vor „Neben­wi­der­sprü­chen“ zu lösen sein; als Reak­ti­on auf all die­se Ein­schrän­kun­gen und dicho­to­m­en Erklä­rungs­mus­ter wird das ange­bo­te­ne Kon­zept als Befrei­ung und Hand­lungs­er­mäch­ti­gung erlebt.

In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on wer­den gen­au die­se neu­en Hand­lungs­an­ge­bo­te und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten als das erlebt, was eine gute Theo­rie sein soll: im wahrs­ten Sin­ne prak­ti­sch!

Ein Gesche­hen voll­zieht sich im Semi­n­ar, was nur ver­gleich­bar ist mit den Ver­än­de­run­gen, die sich in der Begeg­nung Stu­die­ren­der mit sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en erge­ben, die die Welt­sicht der Stu­die­ren­den gründ­li­ch bewe­gen. Wer erfah­ren hat, wie wirk­mäch­tig z.B. Bour­dieus „Habi­tus“ auf bil­dungs­be­nach­tei­lig­te Stu­die­ren­de sein kann, gewinnt an Ver­trau­en zu „guter Theo­rie“.

Wenn Theo­ri­en wie Bril­len sind, die in ihrer Unter­schied­lich­keit unter­schied­li­che Bil­der der Wirk­lich­keit erge­ben kön­nen (ein Bild, wel­ches ich mei­ner Kol­le­gin Anne van Rie­ßen ver­dan­ke), dann gewinnt das Lob der „Poly­my­thie“ von Odo Mar­quardt an Bedeu­tung für die Leh­re: Unter­schied­li­che Bril­len sind vor­zu­stel­len, um mono­my­thi­sche „gro­ße Erzäh­lun­gen“ mit ihren elen­den Kon­se­quen­zen für die Hand­lungs­fä­hig­kei­ten der Stu­die­ren­den und der Pro­fes­si­on zu dekon­stru­ie­ren.

Quel­len:

Mar­quard, Odo (1981). Abschied vom Prin­zi­pi­el­len. Stutt­gart: Reclam.

Oele­rich, Ger­trud; Andre­as Schaar­schu­ch (Hg.) (2005). Sozia­le Dienst­lei­tun­gen aus Nut­zer­sicht. Zum Gebrauchs­wert Sozia­ler Arbeit. Mün­chen: Rein­hardt.

Schaar­schu­ch, Andre­as (2006). Der Nut­zer Sozia­ler Dienst­leis­tun­gen als Pro­du­zent des „Sozia­len“. In: T. Bada­wia; H. Luck­as & H. Mül­ler (Hrsg.), Das Sozia­le Gestal­ten: Über Mög­li­ches und Unmög­li­ches der Sozi­al­päd­ago­gik (S. 81–94). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Mün­ch

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Ein Kommentar

  • Odo Mar­quard hat eini­ges zur Auf­lö­sung von “Mono­my­then” und Ver­fes­ti­gun­gen des Den­kens in Welt­an­schau­un­gen bei­ge­tra­gen; scha­de, dass nur sel­ten auf ihn Bezug genom­men wird. In der qua­li­ta­ti­ven For­schung, in der eini­ge Rich­tun­gen zu “Schu­len” und geschlos­se­nen Welt­an­schau­un­gen gewor­den sind, wäre sei­ne Zur­kennt­nis­nah­me wün­schens­wert. Ein ein­zi­ger Auf­satz bezieht sich auf ihn:
    Sich­ler, Ral­ph (1994). Plu­ra­li­sie­rung und Per­spek­ti­vi­tät. Über­le­gun­gen zu einer post­mo­der­nen Ver­si­on inter­pre­ta­ti­ver For­schung. Jour­nal für Psy­cho­lo­gie, 2(4), S. 5–15. Down­load: http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/2252

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