Zeig‘ mir deine Follower und ich sag dir, wer du bist

Der Umgang, den wir pfle­gen, sagt viel über uns selbst aus. Wir nei­gen dazu, Kon­takt zu Men­schen auf­zu­neh­men, die uns ähn­li­ch sind ­­– Sozi­al­psy­cho­lo­gIn­nen spre­chen von Homo­phi­lie – und las­sen uns im Umkehr­schluss natür­li­ch auch von Per­so­nen beein­flus­sen, die uns nahe ste­hen – Bis hier­hin: Bin­sen­weis­heit. Fritz Hei­der (1946) beschrieb in sei­ner Balan­ce­theo­rie (zuge­ge­ben noch recht rudi­men­tär – aber doch ein guter Ein­stieg) bereits Mit­te der 1940er Jah­re einen sol­chen Zusam­men­hang zwi­schen unse­ren Ein­stel­lun­gen und den Bezie­hun­gen zu Mit­men­schen.

In Zei­ten, in denen der Umgang mit Soci­al Media Platt­for­men wie Face­book, Ins­ta­gram oder auch Twit­ter zu unse­rem all­täg­li­chen Stan­dard­re­per­toire des Sozia­len gehört, wird uns „der Umgang den wir pfle­gen“ so plas­ti­sch wie noch nie vor Augen gestellt: Sven schreibt dir über Whats­app, Sabi­ne kom­men­tiert dei­nen Bei­trag auf Ins­ta­gram, Micha­el hat dich auf einem Foto mar­kiert und @Thomas folgt dir jetzt auf Twit­ter! In wel­chem Ver­hält­nis unse­re digi­ta­len Bezie­hun­gen nun zu unse­ren Freun­den und Bekannt­schaf­ten im Real-​Life ste­hen (Reiz­wort: „Face­book­freun­de“) steht auf einem ande­ren Blatt und darf (soll­te!) ger­ne kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­den. Aus empi­ri­sch sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve han­delt es sich doch nüch­tern betrach­tet zunächst mal um gut doku­men­tier­te – weil en pas­sant ent­stan­de­ne – Daten über das sozia­le Sys­tem der betref­fen­den Per­son. Im öffent­li­chen Dis­kurs fällt der Fokus der Debat­ten um sol­che Daten sehr schnell auf jene, die von Pri­vat­un­ter­neh­men oder auch Geheim­diens­ten im Hin­ter­grund erho­ben und aus­ge­wer­tet wer­den könn­ten und wohl auch wer­den. Die­se Debat­ten sind unge­mein wich­tig und müs­sen auch geführt wer­den! Es gibt da aber noch eine ande­re Form von Daten, über die in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und poli­ti­schen Dis­kur­sen sel­te­ner gespro­chen wird:

Auf vie­len Soci­al Media Platt­for­men (und beson­ders auf Twit­ter) fal­len fort­wäh­rend Infor­ma­tio­nen und Daten über Nut­ze­rIn­nen an, die noch zunächst kei­ne beson­de­re Aus­sa­ge­kraft haben, weil sie recht frag­men­tiert (also in klei­nen Tei­len) und chao­ti­sch vor­lie­gen. Es fehlt der Über­bli­ck! Die­sen Daten wird von den meis­ten Usern des­halb auch kei­ne wei­te­re Beach­tung geschenkt: ein Like hier, ein Favo­rit dort, noch schnell ein Ret­weet und ab heu­te fol­ge ich @MaxMustermann – wen kümmert’s? Sam­melt bzw. aggre­giert – Sozi­al­wis­sen­schaft­ler­sprech – man die­se Infor­ma­tio­nen aber und stellt sie gra­phi­sch dar, kann man sehr viel über einen Men­schen ler­nen.

Etwas kon­kre­ter: Mit kos­ten­lo­ser Soft­ware wie NodeXL (eine Erwei­te­rung für Excel – für Netz­werkana­ly­ti­ker emp­feh­lens­wert!) ist es mög­li­ch, ego­zen­trier­te Follower-​Netzwerke von Twit­ter zu erhe­ben. Heißt jetzt was? Es ist mög­li­ch, eine Lis­te der Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt her­un­ter­zu­la­den. Im nächs­ten Schritt lässt sich ermit­teln, wer im Krei­se die­ser User, wem der ande­ren auf Twit­ter folgt. Die­ses Bezie­hungs­cha­os wird in einem nächs­ten Schritt z.B. mit der Open Sour­ce Soft­ware Gephi geord­net und dar­ge­stellt. Dazu wer­den Grup­pen (soge­nann­te „Modu­la­ri­ty Clas­ses“) errech­net von Per­so­nen, die unter­ein­an­der stark ver­bun­den sind – sozu­sa­gen Cli­quen. Was hier recht tri­vi­al klingt, erzeugt zum Teil erschre­ckend exak­te Bil­der bzw. Pro­fi­le eines Users. Ord­net man das Bezie­hungs­ge­wirr gra­phi­sch mit ent­spre­chen­den Algo­rith­men (soge­nann­te „Spring Embed­der“) und schaut sich die ent­ste­hen­den Grup­pen unter der Fra­ge­stel­lung an “Was haben die­se Per­so­nen gemein­sam?”, lässt sich schnell able­sen, mit wem man es da zu tun hat. Bei­spiel gefäl­lig?

Kai Follower Network

Twit­ter Follow-​Netzwerk: Die­ser Nut­zer inter­es­siert sich schein­bar für Sozi­al­wis­sen­schaft (grün), Digitalisierung/​Internet (blau/​gelb) und kommt aus Düs­sel­dorf (rosa). Guess who?

Mir geht es hier, ganz aus­drück­li­ch nicht, um den schon infla­tio­när ver­wen­de­ten und recht unkon­kre­ten Mode-​Begriff der „Big Data“. Auch geht es mir nicht um den Leit­spruch „Pass bloß auf was du pos­test!“. Ich spre­che von den Daten, die bei der Nut­zung von Soci­al Media unwei­ger­li­ch anfal­len und von jeder­mann gesam­melt und ana­ly­siert wer­den kön­nen. Für sich genom­men sind das in der Regel harm­lo­se und tri­via­le Infos. Bün­delt man sie aber mit ein­fa­chen Metho­den, bekom­men sie eine ganz neue Qua­li­tät (Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen wür­den viel­leicht von Emer­genz spre­chen).

Aus einer rein sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve drän­gen sich mir immer wie­der zwei Fra­gen auf:

  1. Was lässt sich aus den Daten able­sen und wie kann ich es kon­struk­tiv und für gute (!) Zwecke nut­zen?
  2. Wel­che Daten darf ich aus dem Blick­win­kel der Wis­sen­schafts­ethik über­haupt erhe­ben, aus­wer­ten und vor allem wo und wie publi­zie­ren?

Zur ers­ten Fra­ge habe ich im Aus­tau­sch mit ande­ren Netz­werkana­ly­ti­ke­rIn­nen und Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen jeden Tag neue Idee, wie man die­se Daten struk­tu­rie­ren könn­te und was sich dar­aus epis­te­mio­lo­gi­sch (erkennt­nis­ge­win­nend) ablei­ten lie­ße. Mein Favo­rit: Man erhe­be auf beschrie­be­ne Wei­se ein Netz­werk, aller Per­so­nen denen @maxmustermann auf Twit­ter folgt, und ein wei­te­res Netz­werk der Per­so­nen, die wie­der­um ihm fol­gen. Dar­an lässt sich able­sen, woher @maxmustermann sei­ne Infor­ma­tio­nen bezieht, an wem er sich inhalt­li­ch ori­en­tiert und wen er unter­stützt. Letz­te­res Netz­werk zeigt, wie er auf ande­re Men­schen wirkt, wen er anzieht und in wel­chen Krei­sen er Ein­fluss hat.

Die, wie ich fin­de, kniff­li­ge­re Fra­ge ist aber doch Fol­gen­de: An wel­chen Daten darf ich mich über­haupt unge­fragt bedie­nen und was darf ich davon öffent­li­ch machen? Man könn­te sich zwar (von naiv bis dreist) auf den Stand­punkt stel­len, alle Daten sei­en ja ohne­hin frei von der betref­fen­den Per­son im Netz zur Ver­fü­gung gestellt wor­den und des­halb kön­ne man sich bedie­nen – man habe ja rein wis­sen­schaft­li­che Inter­es­sen. Dage­gen hal­te ich aber, dass die meis­ten Nut­ze­rIn­nen die vor­ge­stell­ten Mög­lich­kei­ten über­haupt nicht ken­nen und sich ver­mut­li­ch anders im Web “beneh­men” wür­den, wenn man ihnen die Ergeb­nis­se zeigt. Noch schär­fer: Darf ich mei­ne Ana­ly­sen öffent­li­ch machen? Einer­seits zeigt man nichts, was nicht für jeder­mann theo­re­ti­sch recher­chier­bar wäre (bei Twit­ter ist es für jeder­mann mög­li­ch ein­zu­se­hen wem @maxmustermann folgt). Ich hal­te aber hier dage­gen, dass die Dar­stel­lung der Daten der­ma­ßen kon­zen­triert ist, dass ihre Ver­öf­fent­li­chung der Zustim­mung bedarf, wenn es sich um Ein­zel­per­so­nen han­delt. Denn die­se Ana­ly­sen kön­nen kon­kre­te (nega­ti­ve) Aus­wir­kun­gen auf das Leben die­ser Per­so­nen haben – sie sind sehr aus­sa­ge­kräf­tig. Wenn man sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Lai­en ein sol­ches Netz­werk zeigt, erfas­sen nahe­zu alle sehr intui­tiv, in wel­chen Krei­sen sich die unter­such­ten Per­so­nen bewe­gen und was das über sie sagt. Ich erin­ne­re hier nur an die Debat­te um goo­gle street view! Natür­li­ch wäre es auch theo­re­ti­sch mög­li­ch, dass ich mir mal anschaue, wo mei­ne Kol­le­gIn­nen woh­nen – auch in Real-​Life. Dass das nun aber jeder bequem von Zuhau­se aus tun kann, hat aber eine ganz ande­re Qua­li­tät. Es wird zurecht pro­tes­tiert!

Ich fin­de die prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft soll­te sich kei­nes­wegs die kon­struk­ti­ven Mög­lich­kei­ten die­ser neu­en digi­ta­len Metho­den ent­ge­hen las­sen, zumal das Inter­net zu einem immer wich­ti­ge­ren Teil von Gesell­schaft wird. Wir kön­nen hier sehr viel über Gesell­schaft ler­nen und für „gute Din­ge“ nut­zen. Über die ethi­schen Rah­men­be­din­gun­gen und Gren­zen der Erhe­bung und Aus­wer­tung von öffent­li­chen Online­da­ten wird aber unbe­dingt zu dis­ku­tie­ren sein – bevor auch hier das mora­li­sche Vaku­um ent­steht, das wir ger­ne Wirt­schafts­un­ter­neh­men vor­wer­fen.

Oder um es mit dem gro­ßen Phi­lo­so­phen Lem­my Kil­mis­ter zu sagen:

Just ‘cos you got the power. That don’t mean you got the right”

Quel­len:

Hei­der, F. (1946) “Atti­tu­des and Cogni­ti­ve Orga­niza­t­i­on”, Jour­nal of Psy­cho­lo­gie, Vol. 1946 No. 21, pp. 107–112.

Autor:

Kai Hau­prich

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2 Kommentare

  • AufmerksamGeleserin

    Hal­lo,

    inter­es­san­ter Blog 🙂

    Net­ter Arti­kel mit anschau­li­chen Gra­fi­ken, was durch Twit­ter u.ä. alles mög­li­ch ist auch in der aktu­el­len NEON (6÷2015).

    Grü­ße von hier nach Ddorf
    Auf­merk­sam­Ge­le­se­rin

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