Rückblick: Fachtag Sozial im Netz – Die Zukunft der Sozialen Arbeit ist digital!

Auch wir in der Sozia­len Arbeit haben gehofft, geze­tert, gebangt und geschimpft, aber es bleibt wohl dabei: Das Inter­net geht nicht ein­fach wie­der weg! Fol­ge­rich­tig kann des­halb auch die Zukunft der Sozia­len Arbeit nur eine digi­tale sein. Und um diese Zukunft gemein­sam gestal­ten zu kön­nen, tra­fen sich vor einem Monat Prak­ti­ke­rIn­nen und Stu­die­rende aus den Sozi­al­be­ru­fen, Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und Inter­es­sierte auf dem ers­ten Fach­tag „Sozial im Netz“ in Köln. Mit etwas zeit­li­chem Abstand möch­ten wir einen Schul­ter­blick zurück wagen und den gemein­sa­men Tag „in die Welt ein­schrei­ben“ (vgl. Stal­der 2016: 95).

Leid­me­dien und Refe­ren­zia­li­tät

Die zen­tra­len Impuls­vor­träge des Fach­tags – also Keyno­tes, liebe Gene­ra­tion Ted­talk – gin­gen aus von Raul Kraut­hau­sen, Inter­net­ak­ti­vist und Grün­dungs­mit­glied der Sozi­al­hel­den sowie dem Kultur- und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Felix Stal­der.

Raul Kraut­hau­sen eröff­nete die Ver­an­stal­tung inhalt­lich mit einem beleb­ten Bericht aus eini­gen Jah­ren Sozial­en­ga­ge­ment und Akti­vis­mus im und mit dem Inter­net. Er beschrieb einige Ker­n­ideen und Her­an­ge­hens­wei­sen der Sozi­al­hel­den, deren Motto lau­tet „Ein­fach mal machen!“ und führte dabei sehr ein­drück­lich vor, wel­che Gestaltungs- und Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten das Netz bei­spiels­weise für Men­schen mit Behin­de­rung bie­tet, wenn ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment auf Digi­ta­li­tät stößt.

Felix Stal­der beschrieb dann spä­ter pas­send dazu wie in der Kul­tur der Digi­ta­li­tät bei­spiels­weise über Remix,Namensschild Fachtag Remake, Mas­hup und ähn­li­che Prak­ti­ken „Men­schen  (…) an kol­lek­ti­ven Ver­hand­lun­gen von Bedeu­tung teil­neh­men (…)“ (Stal­der 2016: 96) und so Kul­tur von immer mehr Akteu­rIn­nen geschaf­fen wird. Er bezeich­net dies als Refe­ren­tia­li­tät und sieht darin neben Gemein­schaft­lich­keit und Algo­rith­mi­zi­tät eine grund­le­gende Form der Digi­ta­li­tät. Den Zusam­men­hang die­ser For­men des „Kul­tur­schaf­fens“ erör­tert er in sei­nem sehr zu emp­feh­len­den Werk „Kul­tur der Digi­ta­li­tät“. Beson­ders hob Stal­der aber noch­mal hevor, dass „neue kul­tu­relle Rea­li­tä­ten, die heute unse­ren All­tag prä­gen“ eben keine direkte Folge tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung seien. Mit ande­ren Wor­ten: Bitte alle wie­der set­zen und beru­hi­gen – das Inter­net ist nicht schuld! (vgl. Stal­der 2016: 21)

Herr Stal­der wurde übri­gens – einem Fach­tag zur Digi­ta­li­sie­rung ange­mes­sen – per Skype für den Vor­trag zuge­schal­tet, was einen inter­es­san­ten Effekt her­bei­führte, den Michael Wesch als „con­text col­lapse“ beschreibt: wäh­rend rund 150 Fach­tag­teil­neh­mende im Ple­num dem anre­gen­den Vor­trag auf Lein­wand fol­gen, spricht der Spea­ker hun­derte von Kilo­me­tern ent­fernt in sei­nem Büro zu einer Web­cam.

Ärmel hoch!

Thomas Fachtag

Prof. Dr. Tho­mas Münch: „Der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess der Sozia­len Arbeit ins Digi­tale hat längst begon­nen. Auf dem Fach­tag heute gab es den Auf­bruch 2.0. Ver­trauen wir unse­ren jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen: Sie sind in der Digi­ta­len Welt groß gewor­den, sie haben das Exper­ten­wis­sen, wie die digi­tale Zukunft der Sozia­len Arbeit gehen kann.“

Die Viel­falt der ange­bo­te­nen Work­shops zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit gab einen schüch­ter­nen Hin­weis dar­auf wie viel in der kom­men­den Zeit zu tun ist, um „das Soziale ins Netz“ zu brin­gen: Digi­ta­li­sie­rung im Kon­text von Woh­nungs­lo­sig­keit, Digi­tale Arbeit mit Senio­ren, Digi­tale Arbeit mit Geflüch­te­ten, Öffent­lich­keits­ar­beit Online, Digi­tale Sozi­al­be­ra­tung und natür­lich auch Arbeit mit Jugend­li­chen im Netz, um nur einige The­men­fel­der zu nen­nen.

Ein wie­der­keh­ren­der Topos – das zei­gen die Aus­wer­tun­gen der Work­shops und auch Gesprä­che beim Mit­tag­es­sen – bleibt dabei: Wir müs­sen schnell und kon­kret mit der digi­ta­len Sozi­al­ar­beit begin­nen, auch auf die Gefahr hin, dass es hier und da noch hol­pert oder knirscht. Wir haben lange gewar­tet und nun gibt es viel zu tun! Und so fin­det sich auf vie­len Ergeb­nis­pla­ka­ten der Work­shops das Motto der Sozi­al­hel­den wie­der: „Ein­fach mal machen!“

Mikro­re­bel­lion am Steh­tisch

Am Nach­mit­tag hat­ten die Fach­tag­teil­neh­me­rIn­nen noch­mals die Gele­gen­heit, bei den soge­nann­ten Table Ses­si­ons an Steh­ti­schen die The­men der Work­shops offen zu dis­ku­tie­ren. Der beson­dere Effekt die­ser Methode, die aus der Bar­camp­kul­tur stammt, ist dass die Teil­neh­me­rIn­nen unge­zwun­gen und auf Augen­höhe dis­ku­tie­ren kön­nen d.h. auch gege­be­nen­falls über Hier­ar­chie­ebe­nen hin­weg.

Und so ent­wi­ckelte sich am Tisch „For­schung und Digi­ta­li­sie­rung“ eine ange­regte und recht typi­sche Dis­kus­sion dar­über, wie Füh­rung und Inter­net­kul­tur nun zuein­an­der ste­hen soll­ten. Wäh­rend einige lebens- und berufs­er­fah­rene Kol­le­gIn­nen im Kon­text von Hate­speech dafür plä­dier­ten, dass wenige in der Hier­ar­chie hoch­an­ge­sie­del­ten Per­so­nen „Gesicht zei­gen“ und füh­ren müss­ten, plä­dier­ten die Berufs­ein­stei­ge­rIn­nen und „digi­tal nati­ves“ dafür, dass alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen der Orga­ni­sa­tion im Netz die Gele­gen­heit haben soll­ten sich ver­ant­wor­tungs­voll zu bestim­men The­men zu posi­tio­nie­ren. „Wir krie­gen das hin, lasst uns auch mal machen!“, so eine Teil­neh­me­rin der Gene­ra­tion Y. Und so lau­tet ein Ergeb­nis der Table Ses­sion fol­ge­rich­tig: #mehr­Ver­trau­en­in­den­Nach­wuchs.

Alter Wein und neue Schläu­che

Als eine Beson­der­heit des Fach­tags ist mit Sicher­heit zu nen­nen, dass hier auch neue digi­tale und ana­loge For­mate ein­ge­bracht wur­den, die über die eines klas­si­schen Fach­ta­ges hin­aus­rei­chen: Vor­stel­lungs­runde über hash­tags, Twit­ter­wall, Table Ses­si­ons, Sky­pe­vor­träge oder auch der gemein­same Hash­tag #sozia­lim­netz. Über letz­te­ren und in diver­sen Face­book­grup­pen zur Digi­ta­li­sie­rung der Sozia­len Arbeit wer­den die begon­ne­nen Dis­kus­sio­nen und Initia­ti­ven des Fach­ta­ges wei­ter­ge­führt. Denn auch wenn die Soziale Arbeit im Digi­ta­len neue For­men und Werk­zeuge gewinnt, so bleibt die „Pro­duk­tion von Wohl­fahrt“ doch immer noch ein Geschäft, dass mit Mühe und Beharr­lich­keit ver­bun­den ist. Um die Auf­bruchs­stim­mung, die bei „Sozial im Netz“ deut­lich zu spü­ren war, nun umzu­set­zen, heißt es also dran­blei­ben, bas­teln und wer­keln.

In die­sem Sinne, liebe Sozi­al­ar­beit, auf ins #Neu­land!

 

Zum Wei­ter­le­sen:

Ver­an­stal­dungs­do­ku­men­ta­tion und Kon­takte

Pres­se­mit­tei­lung zum Fach­tag

Bei­trag im Dom­ra­dio

Lite­ra­tur:

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Kai Hau­prich

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Digitalität in der Sozialen Arbeit – es bewegt sich was!

Wer sich mit Digi­ta­li­tät in der Sozia­len Arbeit beschäf­tigt – also der Frage, wie sich die „Pro­duk­tion von Wohl­fahrt“ durch die Digi­ta­li­tät ver­än­dert – kann erstaun­li­che und dabei oft wider­sprüch­li­che Erfah­run­gen machen: schlichte Igno­ranz steht unver­mit­telt neben gro­ßer Begeis­te­rung; inno­va­tive digi­tale „Auf­he­bun­gen“ reagie­ren auf die beson­de­ren struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen des Fel­des und dane­ben agie­ren ana­loge Akteure ohne jedes Inter­esse am WEB 2.0.

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Tho­mas Münch war auf dem “Bar­camp Soziale Arbeit” 2016.

Nun könnte man mit einem Ach­sel­zu­cken zur Tages­ord­nung über­ge­hen und sich auf Wolf­gang Sei­bel und sei­nen „funk­tio­na­len Dilet­tan­tis­mus“ (Sei­bel 1994) beru­fen – so ist sie halt, die Pro­fes­sion. Oder kann man einen neuen und inter­es­sier­ten Fokus auf die Ent­wick­lung des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit legen, um zu schauen was, wie und wohin es sich dort gerade ent­wi­ckelt.

Und genau das haben die Initia­to­rin­nen und Initia­to­ren des ers­ten „Bar­camp Soziale Arbeit“  in Bonn getan; einen neuen und enga­gier­ten Blick auf die Pro­fes­sion unter­nom­men. An den bei­den Tagen Ende Novem­ber in Bonn tra­fen sich Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus Hoch­schule und Inter­es­sierte aus der Digi­ta­len Welt zu einer ers­ten Bestands­auf­nahme. Her­aus kamen einen Viel­zahl von „Ses­si­ons“ – der Grund­bau­stein eines Bar­camp im Sinne von kur­zen Arbeits­ein­hei­ten zu einem bestimm­ten Thema – die einen ers­ten Blick auf die Wirk­lich­keit des Digi­ta­len in der Sozia­len Arbeit erlau­ben.

Natür­lich wur­den auch Hemm­nisse beschrie­ben, aber vor allem wurde aus Ver­bän­den, Ver­ei­nen und Pro­jek­ten berich­tet, in denen lang­sam aber sicher das Ana­loge durch das Digi­tale ersetzt wird. Da ist oft „Ver­such und Irr­tum“ die Methode der Wahl, da sind Lei­tungs­ka­der völ­lig ver­wirrt ange­sichts der hier­ar­chi­schen Ver­wüs­tun­gen, die das Digi­tale anrich­tet, da wer­den neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men erprobt und über unbe­ab­sich­tigte Neben­fol­gen dis­ku­tiert – bunt ist die neue digi­tale Welt in der Sozia­len Arbeit!

Man­che Ses­sion lie­ferte einen wun­der­ba­ren, ana­ly­ti­schen Blick in die Para­dig­ma­wech­sel, die sich dort in der digi­ta­len Pra­xis längst voll­zie­hen: Chris­tian Mül­lers Berichte aus den orga­ni­sa­tio­na­len Kon­se­quen­zen und Ver­än­de­run­gen der Digi­ta­li­tät waren zum Bei­spiel ein­fach wun­der­bar in ihren prä­zi­sen und dich­ten Beschrei­bun­gen und beru­hig­ten gleich­zei­tig die eige­nen dünn gewor­de­nen Ner­ven ange­sichts einer zähen Pra­xis.

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Hier geht es zum Fach­tag “Sozial im Netz”, der am 24.01.2017 in Köln statt­fin­det!

Die Kaf­fee­pau­sen boten aus­rei­chend Raum und Zeit für Ideen, Anre­gun­gen, Fra­gen und Kon­takte – auch dar­auf ach­te­ten die Orga­ni­sa­to­rin­nen des Bar­camp – und wie es sich für ein Bar­camp zur Digi­ta­li­tät gehört, war das Echo im Digi­ta­len (#sozi­al­camp) in Echt­zeit.

Dabei wird es nicht blei­ben: „Twit­ter­stamm­ti­sche“ und „Labs“ (@SabineDepew) sind geplant  und bereits Ende Januar wird der Fach­tag „Sozial im Netz“ – eine Koope­ra­tion von Cari­tas­ver­band Köln, Diö­ze­san Cari­tas­ver­band Erz­bis­tum Köln und der Hoch­schule Düs­sel­dorf HSD – den nächs­ten Schritt in der Digi­ta­li­tät der Sozia­len Arbeit gehen.

Wenn es denn stimmt, dass die „Zukunft der Sozia­len Arbeit digi­tal ist“ – so der Unter­ti­tel des Fach­ta­ges im Januar 2017 – dann hat sich die Pro­fes­sion bereits auf den rich­ti­gen Weg gemacht.

Oder wie es Felix Stal­der – einer der bei­den Keyno­tespea­ker auf dem Fach­tag „Sozial im Netz“ for­mu­liert:

Sol­che Ver­fah­ren des Sich-​Einschreibens in die Welt durch Hin­wei­sen, Ver­bin­den und Ver­än­dern wer­den ange­wandt, um durch das eigene Han­deln in der Welt Bedeu­tung zu schaf­fen und um sich selbst in ihr zu kon­sti­tu­ie­ren, für sich und für andere (…) Dies nicht zu tun, würde zu Unsicht­bar­keit und Vergessen-​Werden füh­ren.“ (Stal­der 2016: 123).

Wir sind gespannt, wie sich die Soziale Arbeit in die „schöne neue Welt“ ein­schrei­ben wird!

 

Lite­ra­tur:

Sei­bel, Wolf­gang (1994). Funk­tio­na­ler Dilet­tan­tis­mus. Baden-​Baden.

Stal­der, Felix (2016). Kul­tur der Digi­ta­li­tät. Ber­lin.

Autor:

Tho­mas Münch

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Wer mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben” oder von der Schwierigkeit des Fundraisings

Es begann mit einer „Tro­cken­übung“ in einem Semi­nar zum Thema „Macht und Geld“ im ver­gan­ge­nen Win­ter­se­mes­ter: „Wenn ich Spen­den akqui­riere, gibt es mora­li­sche Gren­zen?“ war die Grund­satz­frage. Einige der dis­ku­tier­ten Fall­bei­spiele waren schnell und ein­deu­tig zu klä­ren: Von Rüs­tungs­kon­zer­nen woll­ten die Stu­die­ren­den keine Spen­den anneh­men; ein Hilfs­pro­jekt für Minen­op­fer in Kam­bo­dscha finan­ziert von einem Minen­her­stel­ler – das ginge gar nicht.

Doch schon bei der Ban­ken­frage wurde es kniff­lig! Kön­nen z.B. Spen­den von glo­bal täti­gen Ban­ken ange­nom­men wer­den, die mit Lebens­mit­teln spe­ku­lie­ren, war eine Frage, die kon­tro­vers dis­ku­tiert wurde und zu der es kein ein­deu­ti­ges Mei­nungs­bild im Semi­nar gab.

Als Papst hat man es da ein­fa­cher. Papst Bene­dikt XVI hatte bei sei­nem Besuch in Köln anläss­lich des Welt­ju­gend­ta­ges 2005 kein Pro­blem, eine Spende der Kreis­spar­kasse Köln über 20.000 Euro anzu­neh­men:

Für den Abschluss­got­tes­dienst auf dem Mari­en­feld wer­den die Kar­di­näle und Bischöfe mit ein­heit­li­chen Mitren aus­ge­stat­tet. Das hatte sich der Papst gewünscht.“ (KSTAZ 2005)

Und in die­sem Fall gab es allem Anschein nach keine Beden­ken bei Papst und Kar­di­nal, die Spende einer loka­len Köl­ner Bank anzu­neh­men.

Zur „Tro­cken­übung“ in die­sem Auf­bau­se­mi­nar des Stu­di­en­gangs der Sozia­len Arbeit an unse­rer Hoch­schule gehörte auch ein nur leicht fik­ti­ves Fall­bei­spiel aus der Pra­xis: Dür­fen Pro­jekte der Sozia­len Arbeit in der Arbeitslosen- und Armuts­ar­beit Spen­den eines Bor­dells anneh­men?  So die Anfrage aus der Pra­xis. Und „leicht fik­tiv“ des­halb, weil der Dozent in sei­ner Pra­xis als Geschäfts­füh­rer eines Arbeits­lo­sen­zen­trums vor Jah­ren mit eben die­ser Anfrage kon­fron­tiert wurde. Die Debatte war span­nend, kon­tro­vers und „anwen­dungs­ori­en­tiert“ (um an die­ser Stelle den Begriff „prag­ma­tisch“ zu ver­mei­den). Die Mehr­heit der Stu­die­ren­den war für die Annahme einer sol­chen Spende.

Vor­aus­ge­setzt wurde aller­dings, dass es sich im kon­kre­ten Fall um einen Bor­dell­be­trieb han­delt, in dem die For­de­run­gen der „Huren­be­we­gung“ wie z.B. von Hydra e.V.  oder dem BesD (Bun­des­ver­band ero­ti­sche und sexu­elle Dienst­leis­tun­gen e.V.) nach  „Nor­ma­li­sie­rung der Sex­ar­beit“ oder „Sex­ar­beit ist Arbeit!“ Wirk­lich­keit wer­den kön­nen (vgl. www.berufsverband-sexarbeit.de). Da es sich hier um Orte han­delt, an denen „das Recht auf Arbeit und gesell­schaft­li­che Akzep­tanz statt mora­li­sie­ren­der Ver­bots­men­ta­li­tät“ exis­tiert!

Zwangs­pro­sti­tu­tion, so der Tenor der Dis­kus­sion, ver­un­mög­licht für soziale Pro­jekte eine Spen­de­n­an­nahme; selbst­be­stimmte Sex­ar­beit – wie sie die „Huren­be­we­gung“ defi­niert – ermög­licht sie.

Dass diese Posi­tion mit der Dop­pel­mo­ral bür­ger­li­cher Spen­der­grup­pen unter Umstän­den kol­li­die­ren kann,  „sei nicht zu ver­mei­den und müsse im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“ – so eine Erkennt­nis der Semi­nar­teil­neh­me­rin­nen im Laufe der Dis­kus­sion.

Schmut­zi­ges Geld? Die Geschichte einer Kol­li­sion.

Aus der „Tro­cken­übung“ eines Hoch­schuls­e­mi­nars wurde dann ganz schnell der Ernst­fall: Zum 20-​jährigen Bestehen des Köl­ner Bor­dells „Pascha“ (eines der größ­ten Bor­delle Deutsch­lands, das sich als „Euro­pas größ­tes Lauf­haus“ bewirbt) ver­kün­det der Besit­zer Her­mann „Pascha“ Mül­ler erheb­li­che Spen­den­be­träge an Köl­ner Ver­eine, wie den Vrings­treff e.V, das Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum KALZ e.V. mit sei­ner Über­le­bens­sta­tion Gul­li­ver, den Sack e.V und einige mehr.

Hand mit Geld

Pecu­nia non olet?

An einem ent­spre­chen­den „Bene­fiz­abend“ im „Pascha“ neh­men auch die bei­den Ver­eins­vor­sit­zen­den von Vrings­treff und KALZ teil. Beide sind evan­ge­li­sche Pfar­rer und beide äußern ihre Bereit­schaft, auch „Bordell-​Spenden“ anzu­neh­men. Ein „Shits­torm“ – noch ganz klas­sisch haupt­säch­lich in Print – bricht los: Das ört­li­che Leit­me­dium „Köl­ner Stadt-​Anzeiger“ brei­tet am Kar­ne­vals­sams­tag auf einer gan­zen Seite der Lokal­aus­gabe die Geschichte aus; alles unter der Über­schrift „Pfar­rer hof­fen auf Bordell-​Spende. Südstadt-​Seelsorger lobt Sex­be­trieb bei Bene­fiz­abend – Kri­tik von Kir­che und Femi­nis­ten“ inklu­sive eines Kom­men­tars mit  dem Titel „Pfar­rer Mört­ters Ver­hält­nis zum Bor­dell. Dem Pascha in die Falle gegan­gen“ (KSTAZ 6./7.02.2016) in dem „natür­lich“ ein Zusam­men­hang zwi­schen „Sil­ves­ter­nacht“ und „Bor­dell­spen­den“ her­ge­stellt wird.

Was in der „Tro­cken­übung“ noch ein­fach zu beant­wor­ten schien, wird in der Pra­xis zu einem fun­da­men­ta­len Pro­blem. Nicht jeder Trä­ger der Sozia­len Arbeit kann von jedem Spen­der Geld anneh­men – es ist wohl doch kom­pli­zier­ter in der Pra­xis des Fund­rai­sings.

Hei­ligt der Zweck die Mit­tel?

Im media­len Fundraising-​Diskurs fin­det der Fall sofort sei­nen Nie­der­schlag: Auf der Web­site „ngo:dialog“ wird der Fall skiz­ziert, ana­ly­siert und es wer­den im Umgang mit dem „Rot­licht“ Leit­fra­gen ent­wi­ckelt, um ein ähn­li­ches Fiasko zu ver­mei­den. Denn – so die pro­fes­sio­nel­len Fund­rai­ser –

nicht jede Fund­rai­sing­me­thode ist ethisch“ und eine „unethi­sche Ent­schei­dung bringt gewöhn­lich unmit­tel­bare Vor­teile, kann aber lang­fris­tig sehr teuer kom­men.“

Ganz „prak­tisch“ kom­men die Fund­rai­ser dann zu der Ein­schät­zung, dass sich für das Pascha die Sache doch eher aus­ge­zahlt habe. Denn „so viel Auf­merk­sam­keit erzielt man nor­ma­ler­weise nicht mit die­sem Gewerbe“ ist ihr Fazit. Für den Geber hat es sich schein­bar gelohnt.

Die Gabe

Andreas Voß hat uns in sei­ner wun­der­ba­ren Stu­die über „Bet­teln und Spen­den“ (Voß 1992), die er in Anleh­nung und krea­ti­ver Wei­ter­ent­wick­lung von Mar­cel Mauss’ „Die Gabe“ (Mauss 1990) erar­bei­tet hat, auf die innere Logik und Struk­tur des Bet­telns und des Spen­dens hin­ge­wie­sen. Und wie Mauss legt Voß den Fokus auf den Aus­tausch: Was wird getauscht und was ist der Gegen­wert – wür­den beide Auto­ren in die­sem ganz kon­kre­ten Fall fra­gen.

So len­ken wir den ana­ly­ti­schen, neu­gie­ri­gen Blick auf das Gesche­hen und lesen eine ganz andere mög­li­che Logik: Ein Bor­dell, seine Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und der Bor­dell­be­sit­zer wol­len Akzep­tanz und Aner­ken­nung dadurch errei­chen, dass sie sich im Enga­ge­ment für die Armen enga­gie­ren, aus­zeich­nen und so ihren Sta­tus ver­bes­sern – ähn­lich wie die Deut­sche Bank in ihren CSR Akti­vi­tä­ten.

Löffel

Wer mit dem Teu­fel isst, muss einen lan­gen Löf­fel haben!

Aber im Unter­schied zur Deut­schen Bank ist ihre Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem und sozia­lem Kapi­tal völ­lig unzu­rei­chend und ihr Ver­such, mit­tels ihres öko­no­mi­schen Kapi­tals – dar­ge­bracht in Spen­den – dies zu ver­än­dern, ist stra­te­gisch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Ihr Anspruch, durch ihre Dienst­leis­tun­gen im „Rot­licht­mi­lieu“ genau so wich­tige Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft zu erbrin­gen wie Kir­chen, Sozi­al­ar­beit, Feu­er­wehr, Poli­zei und Müll­ab­fuhr, muss abge­wehrt wer­den. Denn im Unter­scheid zu den ande­ren Akteu­ren der gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Dienst­leis­tun­gen, erbrin­gen sie ihre Leis­tun­gen im „Abgrund der Lei­den­schaf­ten“, in denen wir „nicht Herr im eige­nen Hause sind“. Und die hier­mit ver­bun­de­nen Ängste und Sehn­süchte, sind nicht durch Spen­den zu „hei­len“. Ganz im Gegen­teil: Wird hier gespen­det, stim­men Leis­tung und Gegen­lei­tung ganz schnell nicht mehr über­ein.

Lan­ger Löf­fel“ oder gute Ana­ly­se­kom­pe­tenz

Wer, so das Fazit aus die­ser Köl­ner Bege­ben­heit, als Akteur in der „Pro­duk­tion von Wohl­fahrt“ Spen­den­ak­quise betreibt, sollte also genau hin­se­hen, wel­che Qua­li­tä­ten den Spen­der aus­zeich­nen. Stört oder ver­stört der Spen­der durch seine „mora­li­schen Eigen­schaf­ten“ das Spen­der­um­feld einer Orga­ni­sa­tion, gilt es sorg­fäl­tig zu über­le­gen. Ist der eigene Löf­fel lang genug – also über­stehe ich einen sol­chen Shits­torm unbe­scha­det – oder komme ich als Orga­ni­sa­tion nach einer sorg­fäl­ti­gen und ana­ly­tisch begrün­de­ten Abwä­gung doch eher zu der Ent­schei­dung, dass die Kosten-​Nutzen-​Relation in die­sem kon­kre­ten Fall nicht stimmt?

Und was würde ich tun, wenn mir Uli Hoeneß oder Alice Schwar­zer Geld spen­den?

Gute Frage!

 

Lite­ra­tur:

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2008). Die Bischöfe tra­gen Weiß. Aus­gabe vom 11.08.2005. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Kari­ta­tive Ver­eine gehen auf Abstand zum Pascha. Aus­gabe vom 11.02.2016. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Pfar­rer hof­fen auf Bor­dell­spende. Aus­gabe vom 06./07.02.2016. Köln.

Mauss, Mar­cel (1990). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Voß, Andreas (1992). Bet­teln und Spen­den. Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Rituale frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Münch

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Gesellschaft – da machst du dir (k)ein Bild von!

Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wie die Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft oder auch die Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft beschäf­ti­gen sich teil­weise mit recht abs­trak­ten Begrif­fen, wie bei­spiels­weise „Gesell­schaft“ oder „sozia­ler Wirk­lich­keit“. Dinge und Pro­zesse, die wir irgend­wie jeden Tag erfah­ren, die aber doch häu­fig nur recht schwer oder unbe­frie­di­gend nüch­tern in Worte zu fas­sen sind. Als Hilfs­kon­struk­tion zur Beschrei­bung nut­zen die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – wie wir es im All­tag auch alle tun – aller­hand Bil­der, Meta­phern und Sprach­bil­der, denn

weil die Gesell­schaft als Ein­heit uner­reich­bar ist, kann deren Beschrei­bung nur eine ima­gi­näre sein.“ (Schlech­trie­men 2014: 26)

Und so beschreibt der Kul­tur­so­zio­loge Tobias Schlech­trie­men den Men­schen als ein Wesen, das eben nicht nur vernunft- und sprach­be­gabt ist, son­dern als eines was „mit Bil­dern umgeht, was Bil­der pro­du­ziert, was in Bil­dern kom­mu­ni­ziert, was sich Bil­der von sich selbst, aber auch von der Welt macht.“

Des­halb ist es nicht ver­wun­der­lich, dass auch die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten aller­hand „Bil­der des Sozia­len“ zeich­nen, Ver­glei­che zu kon­kre­ten Din­gen des All­tags zie­hen und Meta­phern und andere sprach­li­che Bil­der auf­grei­fen, um ihre Gegen­stände quasi „be-​greifbar“ zu machen. Wir erin­nern uns an die ver­schie­de­nen „Zwie­bel­mo­delle“ in Sozio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie, an „Bedürf­nis­py­ra­mi­den“,  „Gärt­ner und Bildhauer“-Modelle in der Päd­ago­gik oder Meta­phern, wie der „Schwar­min­tel­li­genz“ zur Beschrei­bung sozia­ler Koope­ra­ti­ons­leis­tun­gen.

Die Zwiebel ist erstaunlicherweise ein häufig genutztes "Bild des Sozialen".

Die Zwie­bel ist erstaun­li­cher­weise ein häu­fig ver­wen­de­tes “Bild des Sozia­len”.

Auf­fäl­lig ist hier bestimmt auch, dass viele ein­fluss­rei­che „Grand Theo­ries“ oder berühmte Theo­rien mitt­le­rer Reich­weite (vgl. Mer­ton 1968) mit sehr ein­präg­sa­men Bil­dern arbei­ten oder ihre zen­tra­len Ideen in ein­drucks­volle Meta­phern klei­den. Man könnte fast behaup­ten: je fass­ba­rer, all­täg­li­cher und ein­drück­li­cher das geis­tig gemalte Bild, desto durch­set­zungs­fä­hi­ger das beschrie­bene Modell im wis­sen­schaft­li­chen und auch öffent­li­chen Dis­kurs.

Rudolf Schmitt (vgl. 2014: 5) nennt im sozio­lo­gi­schen Kon­text unter ande­rem das Bild der „Gesell­schaft als Orga­nis­mus“ (z.B. Durk­heim, Spen­cer, Luh­mann), „Gesell­schaft als Krieg/​Kampf“ (z.B. Marx, Hob­bes, Frank­fur­ter Schule) oder „Gesell­schaft als Spiel“ (z.B. Bour­dieu, Goff­mann). Als ein Bild, das in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit wie­der stär­ker „in Mode“ gekom­men ist, müsste man hier sicher­lich die „Gesell­schaft als Netz­werk“ (z.B. Cas­tells, Moreno, White) her­vor­he­ben. Diese Ent­wick­lung hat mit Sicher­heit auch etwas mit den viel­fäl­ti­gen neuen Mög­lich­kei­ten der Ver­net­zung über das Inter­net zu tun, denn auf­kom­mende Gesell­schafts­bil­der sind stets eng mit kon­kre­ten kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen ver­bun­den.

Solange es uns diese Bil­der ermög­li­chen Erkennt­nis bes­ser mit­zu­tei­len und solange wir uns der sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten (schär­fer noch: Inter­pre­ta­ti­ons­not­wen­dig­kei­ten) bewusst sind, scheint dies auch alles unpro­ble­ma­tisch zu sein. Manch­mal erzeu­gen gerade die Kon­no­ta­tio­nen und Asso­zia­tio­nen, die die Bil­der in ande­ren wecken, ganz neue Erkennt­nisse oder wer­fen inter­es­sante Fra­gen auf: Wenn ich bei­spiels­weise „Gesell­schaft“ als ein „Spiel“ beschreibe, gibt es dann nicht zwangs­läu­fig auch Regeln, die ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen? Wer ist im Spiel Schieds­rich­te­rIn? Spielt jeder alleine oder ist das Ganze ein Mann­schafts­sport? Wie viel Kon­takt ist erlaubt, das heißt wo beginnt das Foul und wie wird es geahn­det? Und wo sind eigent­lich die gan­zen Zuschaue­rIn­nen hin, wenn doch jeder spielt?

Am Tellerrand

In sei­ner meta­pher­ana­ly­ti­schen Arbeit „Bil­der des Sozia­len“ ver­gleicht Tobias Schlech­trie­men (2014) die Arbei­ten von Jacob Moreno, Manuel Cas­tells und Bruno Latour, die alle­samt Gesell­schaft im Bild des „Netz­werks“ beschrei­ben. Schlech­trie­men zeigt hier anschau­lich wie eng Theo­rie­bil­dung mit Bil­dern, Meta­phern und Sprach­bil­dern ver­wo­ben ist. Lese­rIn­nen wird bei der Lek­türe jedoch sicher­lich auch schnell bewusst, dass die Bil­der und Meta­phern dem Den­ken hin und wie­der Schran­ken set­zen kön­nen, denn

die sozio­lo­gi­sche Theo­rie­bil­dung über die Bil­der des Sozia­len [ist] eng an die gesell­schaft­li­chen Erfah­run­gen einer Zeit gebun­den, die sich in die­sen Bil­dern arti­ku­liert.“ (Schlech­trie­men 2014: 33)

Und damit wird eben auch nichts erklärt, „was uns nicht ins Bild passt“. Wer sich Gesell­schaft bei­spiels­weise wie einen mensch­li­chen Orga­nis­mus vor­stellt, der ver­fügt zwar über ein ein­drucks­vol­les Bild, weil hier das „große Ganze“ (Makro) im „Klei­nen“ (Mikro) wider­ge­spie­gelt wird. Das Nach­den­ken über Gesell­schaft wird dadurch aber auch unwei­ger­lich „starr“, denn im gedach­ten „Gesell­schafts­or­ga­nis­mus“ oder „Volks­kör­per“ hat alles sei­nen Platz und seine angeb­lich „natür­li­che“ Ord­nung. Der ima­gi­nierte Orga­nis­mus ist außer­dem durch seine Haut nach außen hin klar abge­grenzt (vgl. Schlech­trie­men 2014: 87). Dadurch wird in die­sem „Bild des Sozia­len“ alles Neue, jede Ver­än­de­rung und alles was von außen “ein­dringt”, unwei­ger­lich als bedroh­lich emp­fun­den. Wer sich umge­kehrt „Gesell­schaft als einen fort­wäh­ren­den Kampf“ vor­stellt, ver­bringt sein Leben immer im gefühl­ten sozia­len Kriegs­zu­stand – sicher­lich ein ebenso gefähr­li­ches, geis­ti­ges Gefäng­nis.

Ana­tol Ste­fa­no­witsch beschreibt dar­über hin­aus in sei­nem Sprach­log und bei sei­nen Vor­trä­gen anhand prak­ti­scher Bei­spiele immer wie­der deut­lich und ebenso unter­halt­sam, wie Sprach­bil­der soziale Wirk­lich­keit auch schaf­fen und fal­sche „Bil­der­rah­men“ unser Den­ken und sozia­les Han­deln bei­zei­ten unbe­wusst und unge­wollt beein­flus­sen. Das falsch gewählte Sprach­bild kann uns eben auch schnell Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven „ent-​möglichen“, da es bestimmte Wege nicht mehr auf­zeigt. Dies beginnt bei schrä­gen Bil­dern wie dem „Inter­net als einen Ort“ (Cyber­space) und reicht bis in kon­krete poli­ti­sche Debat­ten über „Flücht­lings­wel­len“ und „Gast­recht“ hin­ein.

Bilderrahmen und Sozialarbeit

Die Sozi­al­ar­beit als eine prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft ist ebenso wie die Erzie­hungs­wis­sen­schaft sicher­lich eine sehr bil­der­rei­che Dis­zi­plin. Umso erstaun­li­cher, dass es in der Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft – im Ver­gleich zu metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten – sel­te­ner zu tie­fer­ge­hen­den Dis­kur­sen über ver­wen­dete Theo­rie­bil­der kommt.

Wer den falschen Bilderrahmen wählt, dem entgeht manchmal Wesentliches.

Wer den fal­schen Bil­der­rah­men wählt, dem ent­geht manch­mal das Wesent­li­che.

Zen­trale Sprach­bil­der in Bezug auf Fach­be­griffe wie „Adres­sa­tIn“, „Kli­en­tIn“ und „Kun­dIn“ sind hier sicher­lich aus­ge­nom­men. Sie wer­den zu Recht und auch immer wie­der (vgl. dazu auch HBS 1996) aus­führ­lich geführt.

Rudolf Schmitt unter­zog rund 80 Haus­ar­bei­ten von Sozi­al­ar­beits­stu­die­ren­den zum Thema „Gesell­schaft“ einer Meta­pher­ana­lyse und beschreibt wun­der­bar wel­che „Bil­der von Gesell­schaft“ sich die Stu­di­en­an­fän­ge­rIn­nen machen. Neben den Bil­dern von „Gesell­schaft als Behäl­ter“, „Gesell­schaft als Schich­tung“ und „Gesell­schaft als kau­sa­ler Kraft“, fin­det sich hier auch das Bild der „Gesell­schaft als eine elter­li­che Per­son“. Gerade die bei­den letzt­ge­nann­ten las­sen schon erah­nen, wie uns (Sprach-) Meta­phern in der prak­ti­schen Arbeit auch schnell uner­wünschte glä­serne Decken ein­zie­hen kön­nen. Denn wer sich Staat und Gesell­schaft als eine Vater– oder Mut­ter­fi­gur vor­stellt oder als eine unbeug­same Kraft („Gesell­schafts­druck“), der läuft sicher­lich auch ein­mal Gefahr, sich gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen und Zusam­men­hän­gen ohne Wider­stand zu beu­gen, sie als unver­än­der­bar und not­wen­dig zu emp­fin­den und zu erdul­den. Bour­dieu beschrieb wun­der­bar in sei­ner “männ­li­chen Herr­schaft”, wie grau­sam es sein kann, dass “Papa” für sich in Anspruch nimmt immer Recht zu haben:

Das ‘Nein’ des Vaters braucht weder aus­ge­spro­chen noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. Es gibt für ein ver­nünf­ti­ges Wesen (‘Sei ver­nünf­tig’, ‘spä­ter wirst du das ver­ste­hen’) keine andere Wahl, als sich umstands­los der höhe­ren Macht der Dinge zu beu­gen. Das väter­li­che Wort ist in sei­ner mit­leid­lo­sen Für­sorge nie schreck­li­cher, als wenn es sich spon­tan in die Logik der pro­phy­lak­ti­schen Vor­aus­sage ein­ord­net.” (Bour­dieu 2005: 126)

Was aus dem Kaffeefilter tröpfelt

… wenn man sich mit der genann­ten Lite­ra­tur (Schlech­trie­men 2014; Schmitt 2014, Ste­fa­no­witsch) befasst, ist sicher­lich ein stär­ke­res Bewusst­sein dafür, wie die „Bil­der des Sozia­len“ in All­tag, Wis­sen­schaft und auch sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis Ein­fluss auf unser Den­ken und Han­deln neh­men kön­nen. Wer in der prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft unre­flek­tiert die fal­schen „Bil­der­rah­men“ wählt, setzt dem Den­ken und Han­deln mit­un­ter unbe­wusst, ungüns­tige oder viel­leicht auch gefähr­li­che Gren­zen. Neben metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten, die je nach Feld doch eine beträcht­li­che Domi­nanz in sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fach­dis­kur­sen gewin­nen kön­nen, wäre es manch­mal bestimmt genauso „ertrag­reich“ mehr Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­über zu füh­ren, mit wel­chen Bil­dern wir „Gesell­schaft“ und „soziale Wirk­lich­keit“ beschrei­ben. Dass diese auch mal hef­tig wer­den kön­nen, ist bestimmt weder ver­wun­der­lich, noch muss es Schlim­mes bedeu­ten, solange es denn kol­le­gial fair bleibt.

Denn wie wir von Bour­dieu bild­lich beschrie­ben wis­sen: „Sozio­lo­gie ist ein Kampf­sport!“

Fragt sich nur wel­cher.

Zum Wei­ter­le­sen:

Schlech­trie­men, Tobias (2014). Bil­der des Sozia­len. Das Netz­werk in der sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Pader­born: Wil­helm Fink Ver­lag.

Literatur:

Bour­dieu, Pierre (2005). Die männ­li­che Herr­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Hans Böck­ler Stif­tung (1996). Vom „Kli­en­ten“ zum „Kun­den“. Die markt­wirt­schaft­li­che Qua­dra­tur des sozi­al­staat­li­chen Krei­ses. Ham­burg.

Mer­ton, Robert K. (1968). Social theory und social struc­ture. New York: Free Press.

Schmitt, Rudolf (2014). Bil­der der Gesell­schaft von Stu­die­ren­den de Sozia­len Arbeit: Das Eltern-​Modell und andere Her­aus­for­de­run­gen für sozio­lo­gi­sches Wis­sen.

Autor:

Kai Hau­prich

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Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schule Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­rende den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man diese Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schule und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Viele unter­schied­li­che Akteure mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­gabe, begrenzte Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­rige For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Porst es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­beck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­rene Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­tige Vari­ante des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lange“ (Porst 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­tige Göt­ter: Jüdi­sche Mesusa und Mari­eni­kone

Stu­die­rende der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­batte früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­sion gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Frage zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flikte und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­tive Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Frage, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stelle tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist quasi Fleisch gewor­dene Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­lich umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nende Frage – ertra­gen Stu­die­rende die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­rende Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zesse erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schiede, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läufe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­bleme nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­tisch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jekte die not­wen­dige Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Wenige Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­sion mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­tion GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv geringe Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lose und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­tion auf der „After­seite“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­dige Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­bleme.

Und in der Dis­kus­sion im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­tion (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­lich, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäste in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lose, Zuwan­de­rer – kom­men angst­freier in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­freien Zone“ der Über­le­bens­sta­tion (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben diese „Ereig­nisse“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­bleme des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­tige Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bauer hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­lich gemacht, wie wesent­lich diese Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so seine The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sinne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bauer 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­dete Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quelle von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­lich, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­bende Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bauer 2011: 13). Und das inter­es­sante an Bau­ers Stu­die ist eben darin zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, welch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­relle Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio humana (Bauer 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und daran ändern die „Ereig­nisse“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Geringste!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bauer, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine andere Geschichte des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Porst, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Münch

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