Wer mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben” oder von der Schwierigkeit des Fundraisings

Es begann mit einer „Tro­cken­übung“ in einem Semi­nar zum Thema „Macht und Geld“ im ver­gan­ge­nen Win­ter­se­mes­ter: „Wenn ich Spen­den akqui­riere, gibt es mora­li­sche Gren­zen?“ war die Grund­satz­frage. Einige der dis­ku­tier­ten Fall­bei­spiele waren schnell und ein­deu­tig zu klä­ren: Von Rüs­tungs­kon­zer­nen woll­ten die Stu­die­ren­den keine Spen­den anneh­men; ein Hilfs­pro­jekt für Minen­op­fer in Kam­bo­dscha finan­ziert von einem Minen­her­stel­ler – das ginge gar nicht.

Doch schon bei der Ban­ken­frage wurde es kniff­lig! Kön­nen z.B. Spen­den von glo­bal täti­gen Ban­ken ange­nom­men wer­den, die mit Lebens­mit­teln spe­ku­lie­ren, war eine Frage, die kon­tro­vers dis­ku­tiert wurde und zu der es kein ein­deu­ti­ges Mei­nungs­bild im Semi­nar gab.

Als Papst hat man es da ein­fa­cher. Papst Bene­dikt XVI hatte bei sei­nem Besuch in Köln anläss­lich des Welt­ju­gend­ta­ges 2005 kein Pro­blem, eine Spende der Kreis­spar­kasse Köln über 20.000 Euro anzu­neh­men:

Für den Abschluss­got­tes­dienst auf dem Mari­en­feld wer­den die Kar­di­näle und Bischöfe mit ein­heit­li­chen Mitren aus­ge­stat­tet. Das hatte sich der Papst gewünscht.“ (KSTAZ 2005)

Und in die­sem Fall gab es allem Anschein nach keine Beden­ken bei Papst und Kar­di­nal, die Spende einer loka­len Köl­ner Bank anzu­neh­men.

Zur „Tro­cken­übung“ in die­sem Auf­bau­se­mi­nar des Stu­di­en­gangs der Sozia­len Arbeit an unse­rer Hoch­schule gehörte auch ein nur leicht fik­ti­ves Fall­bei­spiel aus der Pra­xis: Dür­fen Pro­jekte der Sozia­len Arbeit in der Arbeitslosen- und Armuts­ar­beit Spen­den eines Bor­dells anneh­men?  So die Anfrage aus der Pra­xis. Und „leicht fik­tiv“ des­halb, weil der Dozent in sei­ner Pra­xis als Geschäfts­füh­rer eines Arbeits­lo­sen­zen­trums vor Jah­ren mit eben die­ser Anfrage kon­fron­tiert wurde. Die Debatte war span­nend, kon­tro­vers und „anwen­dungs­ori­en­tiert“ (um an die­ser Stelle den Begriff „prag­ma­tisch“ zu ver­mei­den). Die Mehr­heit der Stu­die­ren­den war für die Annahme einer sol­chen Spende.

Vor­aus­ge­setzt wurde aller­dings, dass es sich im kon­kre­ten Fall um einen Bor­dell­be­trieb han­delt, in dem die For­de­run­gen der „Huren­be­we­gung“ wie z.B. von Hydra e.V.  oder dem BesD (Bun­des­ver­band ero­ti­sche und sexu­elle Dienst­leis­tun­gen e.V.) nach  „Nor­ma­li­sie­rung der Sex­ar­beit“ oder „Sex­ar­beit ist Arbeit!“ Wirk­lich­keit wer­den kön­nen (vgl. www.berufsverband-sexarbeit.de). Da es sich hier um Orte han­delt, an denen „das Recht auf Arbeit und gesell­schaft­li­che Akzep­tanz statt mora­li­sie­ren­der Ver­bots­men­ta­li­tät“ exis­tiert!

Zwangs­pro­sti­tu­tion, so der Tenor der Dis­kus­sion, ver­un­mög­licht für soziale Pro­jekte eine Spen­de­n­an­nahme; selbst­be­stimmte Sex­ar­beit – wie sie die „Huren­be­we­gung“ defi­niert – ermög­licht sie.

Dass diese Posi­tion mit der Dop­pel­mo­ral bür­ger­li­cher Spen­der­grup­pen unter Umstän­den kol­li­die­ren kann,  „sei nicht zu ver­mei­den und müsse im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“ – so eine Erkennt­nis der Semi­nar­teil­neh­me­rin­nen im Laufe der Dis­kus­sion.

Schmut­zi­ges Geld? Die Geschichte einer Kol­li­sion.

Aus der „Tro­cken­übung“ eines Hoch­schuls­e­mi­nars wurde dann ganz schnell der Ernst­fall: Zum 20-​jährigen Bestehen des Köl­ner Bor­dells „Pascha“ (eines der größ­ten Bor­delle Deutsch­lands, das sich als „Euro­pas größ­tes Lauf­haus“ bewirbt) ver­kün­det der Besit­zer Her­mann „Pascha“ Mül­ler erheb­li­che Spen­den­be­träge an Köl­ner Ver­eine, wie den Vrings­treff e.V, das Köl­ner Arbeits­lo­sen­zen­trum KALZ e.V. mit sei­ner Über­le­bens­sta­tion Gul­li­ver, den Sack e.V und einige mehr.

Hand mit Geld

Pecu­nia non olet?

An einem ent­spre­chen­den „Bene­fiz­abend“ im „Pascha“ neh­men auch die bei­den Ver­eins­vor­sit­zen­den von Vrings­treff und KALZ teil. Beide sind evan­ge­li­sche Pfar­rer und beide äußern ihre Bereit­schaft, auch „Bordell-​Spenden“ anzu­neh­men. Ein „Shits­torm“ – noch ganz klas­sisch haupt­säch­lich in Print – bricht los: Das ört­li­che Leit­me­dium „Köl­ner Stadt-​Anzeiger“ brei­tet am Kar­ne­vals­sams­tag auf einer gan­zen Seite der Lokal­aus­gabe die Geschichte aus; alles unter der Über­schrift „Pfar­rer hof­fen auf Bordell-​Spende. Südstadt-​Seelsorger lobt Sex­be­trieb bei Bene­fiz­abend – Kri­tik von Kir­che und Femi­nis­ten“ inklu­sive eines Kom­men­tars mit  dem Titel „Pfar­rer Mört­ters Ver­hält­nis zum Bor­dell. Dem Pascha in die Falle gegan­gen“ (KSTAZ 6./7.02.2016) in dem „natür­lich“ ein Zusam­men­hang zwi­schen „Sil­ves­ter­nacht“ und „Bor­dell­spen­den“ her­ge­stellt wird.

Was in der „Tro­cken­übung“ noch ein­fach zu beant­wor­ten schien, wird in der Pra­xis zu einem fun­da­men­ta­len Pro­blem. Nicht jeder Trä­ger der Sozia­len Arbeit kann von jedem Spen­der Geld anneh­men – es ist wohl doch kom­pli­zier­ter in der Pra­xis des Fund­rai­sings.

Hei­ligt der Zweck die Mit­tel?

Im media­len Fundraising-​Diskurs fin­det der Fall sofort sei­nen Nie­der­schlag: Auf der Web­site „ngo:dialog“ wird der Fall skiz­ziert, ana­ly­siert und es wer­den im Umgang mit dem „Rot­licht“ Leit­fra­gen ent­wi­ckelt, um ein ähn­li­ches Fiasko zu ver­mei­den. Denn – so die pro­fes­sio­nel­len Fund­rai­ser –

nicht jede Fund­rai­sing­me­thode ist ethisch“ und eine „unethi­sche Ent­schei­dung bringt gewöhn­lich unmit­tel­bare Vor­teile, kann aber lang­fris­tig sehr teuer kom­men.“

Ganz „prak­tisch“ kom­men die Fund­rai­ser dann zu der Ein­schät­zung, dass sich für das Pascha die Sache doch eher aus­ge­zahlt habe. Denn „so viel Auf­merk­sam­keit erzielt man nor­ma­ler­weise nicht mit die­sem Gewerbe“ ist ihr Fazit. Für den Geber hat es sich schein­bar gelohnt.

Die Gabe

Andreas Voß hat uns in sei­ner wun­der­ba­ren Stu­die über „Bet­teln und Spen­den“ (Voß 1992), die er in Anleh­nung und krea­ti­ver Wei­ter­ent­wick­lung von Mar­cel Mauss’ „Die Gabe“ (Mauss 1990) erar­bei­tet hat, auf die innere Logik und Struk­tur des Bet­telns und des Spen­dens hin­ge­wie­sen. Und wie Mauss legt Voß den Fokus auf den Aus­tausch: Was wird getauscht und was ist der Gegen­wert – wür­den beide Auto­ren in die­sem ganz kon­kre­ten Fall fra­gen.

So len­ken wir den ana­ly­ti­schen, neu­gie­ri­gen Blick auf das Gesche­hen und lesen eine ganz andere mög­li­che Logik: Ein Bor­dell, seine Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter und der Bor­dell­be­sit­zer wol­len Akzep­tanz und Aner­ken­nung dadurch errei­chen, dass sie sich im Enga­ge­ment für die Armen enga­gie­ren, aus­zeich­nen und so ihren Sta­tus ver­bes­sern – ähn­lich wie die Deut­sche Bank in ihren CSR Akti­vi­tä­ten.

Löffel

Wer mit dem Teu­fel isst, muss einen lan­gen Löf­fel haben!

Aber im Unter­schied zur Deut­schen Bank ist ihre Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem und sozia­lem Kapi­tal völ­lig unzu­rei­chend und ihr Ver­such, mit­tels ihres öko­no­mi­schen Kapi­tals – dar­ge­bracht in Spen­den – dies zu ver­än­dern, ist stra­te­gisch zum Schei­tern ver­ur­teilt. Ihr Anspruch, durch ihre Dienst­leis­tun­gen im „Rot­licht­mi­lieu“ genau so wich­tige Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft zu erbrin­gen wie Kir­chen, Sozi­al­ar­beit, Feu­er­wehr, Poli­zei und Müll­ab­fuhr, muss abge­wehrt wer­den. Denn im Unter­scheid zu den ande­ren Akteu­ren der gesell­schaft­lich not­wen­di­gen Dienst­leis­tun­gen, erbrin­gen sie ihre Leis­tun­gen im „Abgrund der Lei­den­schaf­ten“, in denen wir „nicht Herr im eige­nen Hause sind“. Und die hier­mit ver­bun­de­nen Ängste und Sehn­süchte, sind nicht durch Spen­den zu „hei­len“. Ganz im Gegen­teil: Wird hier gespen­det, stim­men Leis­tung und Gegen­lei­tung ganz schnell nicht mehr über­ein.

Lan­ger Löf­fel“ oder gute Ana­ly­se­kom­pe­tenz

Wer, so das Fazit aus die­ser Köl­ner Bege­ben­heit, als Akteur in der „Pro­duk­tion von Wohl­fahrt“ Spen­den­ak­quise betreibt, sollte also genau hin­se­hen, wel­che Qua­li­tä­ten den Spen­der aus­zeich­nen. Stört oder ver­stört der Spen­der durch seine „mora­li­schen Eigen­schaf­ten“ das Spen­der­um­feld einer Orga­ni­sa­tion, gilt es sorg­fäl­tig zu über­le­gen. Ist der eigene Löf­fel lang genug – also über­stehe ich einen sol­chen Shits­torm unbe­scha­det – oder komme ich als Orga­ni­sa­tion nach einer sorg­fäl­ti­gen und ana­ly­tisch begrün­de­ten Abwä­gung doch eher zu der Ent­schei­dung, dass die Kosten-​Nutzen-​Relation in die­sem kon­kre­ten Fall nicht stimmt?

Und was würde ich tun, wenn mir Uli Hoeneß oder Alice Schwar­zer Geld spen­den?

Gute Frage!

 

Lite­ra­tur:

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2008). Die Bischöfe tra­gen Weiß. Aus­gabe vom 11.08.2005. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Kari­ta­tive Ver­eine gehen auf Abstand zum Pascha. Aus­gabe vom 11.02.2016. Köln.

Köl­ner Stadt-​Anzeiger (2016). Pfar­rer hof­fen auf Bor­dell­spende. Aus­gabe vom 06./07.02.2016. Köln.

Mauss, Mar­cel (1990). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Voß, Andreas (1992). Bet­teln und Spen­den. Eine sozio­lo­gi­sche Stu­die über Rituale frei­wil­li­ger Armen­un­ter­stüt­zung, ihre his­to­ri­schen und aktu­el­len For­men sowie ihre sozia­len Leis­tun­gen. Ber­lin; New York: De Gruy­ter Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Münch

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Gesellschaft – da machst du dir (k)ein Bild von!

Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wie die Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft oder auch die Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft beschäf­ti­gen sich teil­weise mit recht abs­trak­ten Begrif­fen, wie bei­spiels­weise „Gesell­schaft“ oder „sozia­ler Wirk­lich­keit“. Dinge und Pro­zesse, die wir irgend­wie jeden Tag erfah­ren, die aber doch häu­fig nur recht schwer oder unbe­frie­di­gend nüch­tern in Worte zu fas­sen sind. Als Hilfs­kon­struk­tion zur Beschrei­bung nut­zen die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – wie wir es im All­tag auch alle tun – aller­hand Bil­der, Meta­phern und Sprach­bil­der, denn

weil die Gesell­schaft als Ein­heit uner­reich­bar ist, kann deren Beschrei­bung nur eine ima­gi­näre sein.“ (Schlech­trie­men 2014: 26)

Und so beschreibt der Kul­tur­so­zio­loge Tobias Schlech­trie­men den Men­schen als ein Wesen, das eben nicht nur vernunft- und sprach­be­gabt ist, son­dern als eines was „mit Bil­dern umgeht, was Bil­der pro­du­ziert, was in Bil­dern kom­mu­ni­ziert, was sich Bil­der von sich selbst, aber auch von der Welt macht.“

Des­halb ist es nicht ver­wun­der­lich, dass auch die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten aller­hand „Bil­der des Sozia­len“ zeich­nen, Ver­glei­che zu kon­kre­ten Din­gen des All­tags zie­hen und Meta­phern und andere sprach­li­che Bil­der auf­grei­fen, um ihre Gegen­stände quasi „be-​greifbar“ zu machen. Wir erin­nern uns an die ver­schie­de­nen „Zwie­bel­mo­delle“ in Sozio­lo­gie und Psy­cho­lo­gie, an „Bedürf­nis­py­ra­mi­den“,  „Gärt­ner und Bildhauer“-Modelle in der Päd­ago­gik oder Meta­phern, wie der „Schwar­min­tel­li­genz“ zur Beschrei­bung sozia­ler Koope­ra­ti­ons­leis­tun­gen.

Die Zwiebel ist erstaunlicherweise ein häufig genutztes "Bild des Sozialen".

Die Zwie­bel ist erstaun­li­cher­weise ein häu­fig ver­wen­de­tes “Bild des Sozia­len”.

Auf­fäl­lig ist hier bestimmt auch, dass viele ein­fluss­rei­che „Grand Theo­ries“ oder berühmte Theo­rien mitt­le­rer Reich­weite (vgl. Mer­ton 1968) mit sehr ein­präg­sa­men Bil­dern arbei­ten oder ihre zen­tra­len Ideen in ein­drucks­volle Meta­phern klei­den. Man könnte fast behaup­ten: je fass­ba­rer, all­täg­li­cher und ein­drück­li­cher das geis­tig gemalte Bild, desto durch­set­zungs­fä­hi­ger das beschrie­bene Modell im wis­sen­schaft­li­chen und auch öffent­li­chen Dis­kurs.

Rudolf Schmitt (vgl. 2014: 5) nennt im sozio­lo­gi­schen Kon­text unter ande­rem das Bild der „Gesell­schaft als Orga­nis­mus“ (z.B. Durk­heim, Spen­cer, Luh­mann), „Gesell­schaft als Krieg/​Kampf“ (z.B. Marx, Hob­bes, Frank­fur­ter Schule) oder „Gesell­schaft als Spiel“ (z.B. Bour­dieu, Goff­mann). Als ein Bild, das in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit wie­der stär­ker „in Mode“ gekom­men ist, müsste man hier sicher­lich die „Gesell­schaft als Netz­werk“ (z.B. Cas­tells, Moreno, White) her­vor­he­ben. Diese Ent­wick­lung hat mit Sicher­heit auch etwas mit den viel­fäl­ti­gen neuen Mög­lich­kei­ten der Ver­net­zung über das Inter­net zu tun, denn auf­kom­mende Gesell­schafts­bil­der sind stets eng mit kon­kre­ten kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen ver­bun­den.

Solange es uns diese Bil­der ermög­li­chen Erkennt­nis bes­ser mit­zu­tei­len und solange wir uns der sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten (schär­fer noch: Inter­pre­ta­ti­ons­not­wen­dig­kei­ten) bewusst sind, scheint dies auch alles unpro­ble­ma­tisch zu sein. Manch­mal erzeu­gen gerade die Kon­no­ta­tio­nen und Asso­zia­tio­nen, die die Bil­der in ande­ren wecken, ganz neue Erkennt­nisse oder wer­fen inter­es­sante Fra­gen auf: Wenn ich bei­spiels­weise „Gesell­schaft“ als ein „Spiel“ beschreibe, gibt es dann nicht zwangs­läu­fig auch Regeln, die ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen? Wer ist im Spiel Schieds­rich­te­rIn? Spielt jeder alleine oder ist das Ganze ein Mann­schafts­sport? Wie viel Kon­takt ist erlaubt, das heißt wo beginnt das Foul und wie wird es geahn­det? Und wo sind eigent­lich die gan­zen Zuschaue­rIn­nen hin, wenn doch jeder spielt?

Am Tellerrand

In sei­ner meta­pher­ana­ly­ti­schen Arbeit „Bil­der des Sozia­len“ ver­gleicht Tobias Schlech­trie­men (2014) die Arbei­ten von Jacob Moreno, Manuel Cas­tells und Bruno Latour, die alle­samt Gesell­schaft im Bild des „Netz­werks“ beschrei­ben. Schlech­trie­men zeigt hier anschau­lich wie eng Theo­rie­bil­dung mit Bil­dern, Meta­phern und Sprach­bil­dern ver­wo­ben ist. Lese­rIn­nen wird bei der Lek­türe jedoch sicher­lich auch schnell bewusst, dass die Bil­der und Meta­phern dem Den­ken hin und wie­der Schran­ken set­zen kön­nen, denn

die sozio­lo­gi­sche Theo­rie­bil­dung über die Bil­der des Sozia­len [ist] eng an die gesell­schaft­li­chen Erfah­run­gen einer Zeit gebun­den, die sich in die­sen Bil­dern arti­ku­liert.“ (Schlech­trie­men 2014: 33)

Und damit wird eben auch nichts erklärt, „was uns nicht ins Bild passt“. Wer sich Gesell­schaft bei­spiels­weise wie einen mensch­li­chen Orga­nis­mus vor­stellt, der ver­fügt zwar über ein ein­drucks­vol­les Bild, weil hier das „große Ganze“ (Makro) im „Klei­nen“ (Mikro) wider­ge­spie­gelt wird. Das Nach­den­ken über Gesell­schaft wird dadurch aber auch unwei­ger­lich „starr“, denn im gedach­ten „Gesell­schafts­or­ga­nis­mus“ oder „Volks­kör­per“ hat alles sei­nen Platz und seine angeb­lich „natür­li­che“ Ord­nung. Der ima­gi­nierte Orga­nis­mus ist außer­dem durch seine Haut nach außen hin klar abge­grenzt (vgl. Schlech­trie­men 2014: 87). Dadurch wird in die­sem „Bild des Sozia­len“ alles Neue, jede Ver­än­de­rung und alles was von außen “ein­dringt”, unwei­ger­lich als bedroh­lich emp­fun­den. Wer sich umge­kehrt „Gesell­schaft als einen fort­wäh­ren­den Kampf“ vor­stellt, ver­bringt sein Leben immer im gefühl­ten sozia­len Kriegs­zu­stand – sicher­lich ein ebenso gefähr­li­ches, geis­ti­ges Gefäng­nis.

Ana­tol Ste­fa­no­witsch beschreibt dar­über hin­aus in sei­nem Sprach­log und bei sei­nen Vor­trä­gen anhand prak­ti­scher Bei­spiele immer wie­der deut­lich und ebenso unter­halt­sam, wie Sprach­bil­der soziale Wirk­lich­keit auch schaf­fen und fal­sche „Bil­der­rah­men“ unser Den­ken und sozia­les Han­deln bei­zei­ten unbe­wusst und unge­wollt beein­flus­sen. Das falsch gewählte Sprach­bild kann uns eben auch schnell Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven „ent-​möglichen“, da es bestimmte Wege nicht mehr auf­zeigt. Dies beginnt bei schrä­gen Bil­dern wie dem „Inter­net als einen Ort“ (Cyber­space) und reicht bis in kon­krete poli­ti­sche Debat­ten über „Flücht­lings­wel­len“ und „Gast­recht“ hin­ein.

Bilderrahmen und Sozialarbeit

Die Sozi­al­ar­beit als eine prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft ist ebenso wie die Erzie­hungs­wis­sen­schaft sicher­lich eine sehr bil­der­rei­che Dis­zi­plin. Umso erstaun­li­cher, dass es in der Sozi­al­ar­beits­wis­sen­schaft – im Ver­gleich zu metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten – sel­te­ner zu tie­fer­ge­hen­den Dis­kur­sen über ver­wen­dete Theo­rie­bil­der kommt.

Wer den falschen Bilderrahmen wählt, dem entgeht manchmal Wesentliches.

Wer den fal­schen Bil­der­rah­men wählt, dem ent­geht manch­mal das Wesent­li­che.

Zen­trale Sprach­bil­der in Bezug auf Fach­be­griffe wie „Adres­sa­tIn“, „Kli­en­tIn“ und „Kun­dIn“ sind hier sicher­lich aus­ge­nom­men. Sie wer­den zu Recht und auch immer wie­der (vgl. dazu auch HBS 1996) aus­führ­lich geführt.

Rudolf Schmitt unter­zog rund 80 Haus­ar­bei­ten von Sozi­al­ar­beits­stu­die­ren­den zum Thema „Gesell­schaft“ einer Meta­pher­ana­lyse und beschreibt wun­der­bar wel­che „Bil­der von Gesell­schaft“ sich die Stu­di­en­an­fän­ge­rIn­nen machen. Neben den Bil­dern von „Gesell­schaft als Behäl­ter“, „Gesell­schaft als Schich­tung“ und „Gesell­schaft als kau­sa­ler Kraft“, fin­det sich hier auch das Bild der „Gesell­schaft als eine elter­li­che Per­son“. Gerade die bei­den letzt­ge­nann­ten las­sen schon erah­nen, wie uns (Sprach-) Meta­phern in der prak­ti­schen Arbeit auch schnell uner­wünschte glä­serne Decken ein­zie­hen kön­nen. Denn wer sich Staat und Gesell­schaft als eine Vater– oder Mut­ter­fi­gur vor­stellt oder als eine unbeug­same Kraft („Gesell­schafts­druck“), der läuft sicher­lich auch ein­mal Gefahr, sich gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen und Zusam­men­hän­gen ohne Wider­stand zu beu­gen, sie als unver­än­der­bar und not­wen­dig zu emp­fin­den und zu erdul­den. Bour­dieu beschrieb wun­der­bar in sei­ner “männ­li­chen Herr­schaft”, wie grau­sam es sein kann, dass “Papa” für sich in Anspruch nimmt immer Recht zu haben:

Das ‘Nein’ des Vaters braucht weder aus­ge­spro­chen noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. Es gibt für ein ver­nünf­ti­ges Wesen (‘Sei ver­nünf­tig’, ‘spä­ter wirst du das ver­ste­hen’) keine andere Wahl, als sich umstands­los der höhe­ren Macht der Dinge zu beu­gen. Das väter­li­che Wort ist in sei­ner mit­leid­lo­sen Für­sorge nie schreck­li­cher, als wenn es sich spon­tan in die Logik der pro­phy­lak­ti­schen Vor­aus­sage ein­ord­net.” (Bour­dieu 2005: 126)

Was aus dem Kaffeefilter tröpfelt

… wenn man sich mit der genann­ten Lite­ra­tur (Schlech­trie­men 2014; Schmitt 2014, Ste­fa­no­witsch) befasst, ist sicher­lich ein stär­ke­res Bewusst­sein dafür, wie die „Bil­der des Sozia­len“ in All­tag, Wis­sen­schaft und auch sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis Ein­fluss auf unser Den­ken und Han­deln neh­men kön­nen. Wer in der prak­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft unre­flek­tiert die fal­schen „Bil­der­rah­men“ wählt, setzt dem Den­ken und Han­deln mit­un­ter unbe­wusst, ungüns­tige oder viel­leicht auch gefähr­li­che Gren­zen. Neben metho­di­schen und metho­do­lo­gi­schen Debat­ten, die je nach Feld doch eine beträcht­li­che Domi­nanz in sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fach­dis­kur­sen gewin­nen kön­nen, wäre es manch­mal bestimmt genauso „ertrag­reich“ mehr Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­über zu füh­ren, mit wel­chen Bil­dern wir „Gesell­schaft“ und „soziale Wirk­lich­keit“ beschrei­ben. Dass diese auch mal hef­tig wer­den kön­nen, ist bestimmt weder ver­wun­der­lich, noch muss es Schlim­mes bedeu­ten, solange es denn kol­le­gial fair bleibt.

Denn wie wir von Bour­dieu bild­lich beschrie­ben wis­sen: „Sozio­lo­gie ist ein Kampf­sport!“

Fragt sich nur wel­cher.

Zum Wei­ter­le­sen:

Schlech­trie­men, Tobias (2014). Bil­der des Sozia­len. Das Netz­werk in der sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Pader­born: Wil­helm Fink Ver­lag.

Literatur:

Bour­dieu, Pierre (2005). Die männ­li­che Herr­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Hans Böck­ler Stif­tung (1996). Vom „Kli­en­ten“ zum „Kun­den“. Die markt­wirt­schaft­li­che Qua­dra­tur des sozi­al­staat­li­chen Krei­ses. Ham­burg.

Mer­ton, Robert K. (1968). Social theory und social struc­ture. New York: Free Press.

Schmitt, Rudolf (2014). Bil­der der Gesell­schaft von Stu­die­ren­den de Sozia­len Arbeit: Das Eltern-​Modell und andere Her­aus­for­de­run­gen für sozio­lo­gi­sches Wis­sen.

Autor:

Kai Hau­prich

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Ambiguitätstoleranz – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Praxisforschung?

Rea­li­siert man an einer Hoch­schule Pra­xis­for­schung durch „Lehr-​Forschungs-​Seminare“ – in denen Stu­die­rende den gesam­ten For­schungs­ab­lauf mit­ge­stal­ten und durch­füh­ren – und struk­tu­riert man diese Pra­xis­for­schung durch die Betei­li­gung wei­te­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner in Hoch­schule und Pra­xis, so hat man am Ende ein Höchst­maß an struk­tu­rel­ler Kom­ple­xi­tät. Viele unter­schied­li­che Akteure mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Rah­men­be­din­gun­gen müs­sen koor­di­niert wer­den, um ein kon­kre­tes For­schungs­pro­jekt zu rea­li­sie­ren und zu Ergeb­nis­sen zu kom­men. Dazu eine enge Zeit­vor­gabe, begrenzte Res­sour­cen und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren – ganz zu schwei­gen von der einer jeden For­schungs­pro­jekt inne­woh­nen­den, kom­ple­xen und offe­nen Fra­ge­stel­lung.

Lang­jäh­rige For­schungs­er­fah­rung trägt dazu bei, die­sen kom­ple­xen Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren mit einer gewis­sen Gelas­sen­heit zu begeg­nen. Oder wie Rolf Porst es in sei­nem wun­der­ba­ren und hilf­rei­chen Arbeits­buch „Fra­ge­bo­gen“ (Aller­beck und Hoag zitie­rend) for­mu­liert: „Erfah­rene Umfra­ge­for­scher ken­nen die hier gül­tige Vari­ante des Mur­phy­schen Geset­zes, dass alles, was schief gehen kann, auch schief gehen wird, schon lange“ (Porst 2009: 186).

Ikone

Unein­deu­tige Göt­ter: Jüdi­sche Mesusa und Mari­eni­kone

Stu­die­rende der Sozia­len Arbeit wer­den im Rah­men einer Pro­fes­si­ons­de­batte früh mit der Vor­stel­lung kon­fron­tiert, dass eine hohe Ambi­gui­täts­to­le­ranz (ver­stan­den als die Fähig­keit Unein­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit als Bestand­teil ihres pro­fes­sio­nel­len All­tags zu begrei­fen, mehr oder weni­ger klag­los zu ertra­gen und zu bewäl­ti­gen) zur Kern­kom­pe­tenz der Pro­fes­sion gehört. Ohne sich hier län­ger mit der Frage zu beschäf­ti­gen, ob die Fähig­keit wider­sprüch­li­che Rea­li­tä­ten, Viel­deu­tig­keit, Rol­len­kon­flikte und Inkon­sis­ten­zen zu ertra­gen bzw. kon­struk­tiv zu nut­zen, eine Fähig­keit des Indi­vi­du­ums oder eine kogni­tive Ori­en­tie­rung dar­stellt, stellt sich die Frage, an wel­chem Punkt des Stu­di­ums der Sozia­len Arbeit Ambi­gui­täts­to­le­ranz geför­dert oder ent­wi­ckelt wer­den kann.

Und an die­ser Stelle tritt dann die Pra­xis­for­schung aus den Kulis­sen. Denn ein Lehr­for­schungs­pro­jekt ist quasi Fleisch gewor­dene Ambi­gui­tät: Kön­nen die Koope­ra­ti­ons­part­ner koor­di­niert wer­den, kön­nen aus den unter­schied­li­chen Inter­es­sen und Fra­ge­stel­lun­gen For­schungs­fra­gen gene­riert wer­den, kann mit unter­schied­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken ein For­schungs­vor­ha­ben wirk­lich umge­setzt wer­den, kön­nen unter­schied­li­che Zeit­struk­tu­ren koor­di­niert wer­den? Und, und, und.

Und – das ist die span­nende Frage – ertra­gen Stu­die­rende die­sen Pro­zess fort­wäh­ren­der Unein­deu­tig­keit, Unsi­cher­heit und Offen­heit, die­ses fort­wäh­rende Infra­ge­stel­len von Ergeb­nis­sen – ertra­gen sie den Struk­tur gewor­de­nen Zwei­fel?

Nach meh­re­ren Semes­tern Erfah­rung mit Lehr­for­schungs­pro­jek­ten kön­nen zumin­dest die Rah­men­be­din­gun­gen benannt wer­den, die sol­che Pro­zesse erleich­tern: Es ist immer wie­der hilf­reich, die struk­tu­rel­len Unter­schiede, die kom­ple­xen Ent­schei­dungs­ab­läufe und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen offen zu benen­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Pro­bleme nach­voll­zieh­bar zu machen. Die mög­li­chen und wahr­schein­li­chen Ursa­chen von Unein­deu­tig­kei­ten ana­ly­tisch nach­zu­voll­zie­hen erhöht bei allen Teil­neh­mern­in­nen der Lehr­for­schungs­pro­jekte die not­wen­dige Ambi­gui­täts­to­le­ranz.

Im Auge des Tai­funs“

Wenige Tage nach den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht eine Exkur­sion mit Stu­die­ren­den der Sozia­len Arbeit zur „Über­le­bens­sta­tion GULLIVER am Köl­ner Haupt­bahn­hof: Wir tref­fen uns am Haupt­ein­gang des Bahn­ho­fes und fast alle haben die Bil­der der Sil­ves­ter­nacht im Kopf. Auf­fäl­lig sind die hohe Poli­zei­prä­senz vor und auch im Haupt­bahn­hof und die rela­tiv geringe Anzahl an Pas­san­tin­nen und Rei­sen­den. Sach­kun­dig ange­lei­tet erkun­den wir die Hil­fe­struk­tur für Woh­nungs­lose und Dro­gen­nut­ze­rin­nen im Bahn­hofs­um­feld, durch­strei­fen den Haupt­bahn­hof mit sei­nen unter­schied­li­chen Sze­nen, bevor wir die Über­le­bens­sta­tion auf der „After­seite“ des Bahn­hofs errei­chen. Hier erhal­ten wir eine sach­kun­dige Ein­füh­rung in die Arbeit von GULLIVER und in die aktu­el­len Pro­bleme.

Und in der Dis­kus­sion im Bahn­bo­gen der Über­le­bens­sta­tion (über uns don­nern die Züge auf den Glei­sen) wird den Stu­die­ren­den deut­lich, wie zen­tral Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Sozia­len Arbeit sein kann: Seit Sil­ves­ter sind die „Pro­blem­grup­pen“ des Bahn­hofs­um­fel­des auf Grund der hohen Poli­zei­prä­senz ver­schwun­den, die übli­chen Gäste in GULLIVER – Dro­gen­nut­ze­rin­nen, Tre­ber, Woh­nungs­lose, Zuwan­de­rer – kom­men angst­freier in die Ein­rich­tung und für die Pro­fis der Sozia­len Arbeit in der „sozi­al­ar­bei­ter­freien Zone“ der Über­le­bens­sta­tion (ein geron­ne­ner Wider­spruch) hat sich die Arbeit mit ihren Gäs­ten durch eben diese „Ereig­nisse“ der Sil­ves­ter­nacht ver­ein­facht.

Aber dies alles vor dem Hin­ter­grund, dass die struk­tu­rel­len Pro­bleme des Bahn­hofs­um­fel­des nur aus­ge­setzt, aber nicht gelöst sind.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Kul­tur

Koran und Kruzifix

Unein­deu­tige Göt­ter: Qur’an in Leder­ta­sche und Kru­zi­fix am Rosen­kranz

Tho­mas Bauer hat mit sei­ner luzi­den Stu­die zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz im Islam deut­lich gemacht, wie wesent­lich diese Fähig­keit von Gesell­schaf­ten für die Ent­wick­lung eben die­ser Gesell­schaf­ten ist. Ver­su­chen sie, so seine The­sen, Ambi­gui­tä­ten im Sinne einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung zu ver­nich­ten, so schaf­fen sie eine „Welt der Ein­deu­tig­kei­ten und der abso­lu­ten Wahr­heit“ (Bauer 2011: 13). Die „mosai­sche Unter­schei­dung“ (vgl. Ass­mann 2010) und der dort gegrün­dete Mono­the­is­mus der drei Buch­re­li­gio­nen wird fol­ge­rich­tig von Ass­mann als Quelle von Into­le­ranz, Gewalt und Hass gese­hen.

Gesell­schaf­ten, die dage­gen auf einer Kul­tur der Ambi­gui­täts­to­le­ranz grün­den, ver­su­chen mehr oder weni­ger Ambi­gui­tät ein­zu­gren­zen. Es wird nicht ver­sucht, Unter­schied­lich­kei­ten zu eli­mi­nie­ren, „son­dern ledig­lich, sie so weit zu domes­ti­zie­ren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die ver­blei­bende Viel­falt wird nicht bearg­wöhnt, son­dern dank­bar ange­nom­men“ (Bauer 2011: 13). Und das inter­es­sante an Bau­ers Stu­die ist eben darin zu sehen, dass er quel­len­ge­sät­tigt belegt, welch hohes Maß an Ambi­gui­täts­to­le­ranz die isla­mi­sche Welt von 900 bis 1500 aus­zeich­net.

Kul­tu­relle Ambi­gui­tät ist also Teil der con­di­tio humana (Bauer 2011: 17) – so die Kon­se­quenz sei­ner Stu­die. Und daran ändern die „Ereig­nisse“ der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht nicht das Geringste!

Lite­ra­tur:

Ass­mann, Jan (2010). Die Mosai­sche Unter­schei­dung. Oder der Preis des Mono­the­is­mus. Mün­chen: Han­ser Ver­lag.

Bauer, Tho­mas (2011). Die Kul­tur der Ambi­gui­tät. Eine andere Geschichte des Islams. Ber­lin: Ver­lag der Welt­re­li­gio­nen (Suhr­kamp).

Porst, Rolf (2009). Fra­ge­bo­gen. Ein Arbeits­buch. Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor:

Tho­mas Münch

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Oh du sinnlose? – Ein Lobwort auf das Weihnachtsritual.

Alle Jahre wie­der – mit fast schon erschre­cken­der Regel­mä­ßig­keit – wer­den wir erneut vom Weih­nachts­fest über­rascht. Die einen ver­setzt die Vor­weih­nachts­zeit in win­ter­li­che Advent­seu­pho­rie. Bereits am ers­ten Dezem­ber hän­gen die bun­ten Lich­ter­ket­ten, glim­men die Räu­cher­männ­chen und duf­ten die Plätz­chen nach Omas Geheim­re­zep­tur im gan­zen Haus. Bei­nah gene­ral­stabs­mä­ßig wer­den hand­ge­malte Gruß­kar­ten und vor­weih­nacht­li­che Care-​Pakete mit Spritz­ge­bäck und Pra­li­nen an liebe Bekannte in die ganze Repu­blik hin­aus­ge­schickt.

Die urba­nen Weih­nacht­fest­kri­ti­ke­rIn­nen hin­ge­gen stel­len jähr­lich die Sys­tem­frage: Wozu Weih­nach­ten? Warum fei­ern wir die­ses Fest, das sich zuneh­mend von sei­nen ursprüng­li­chen, reli­giö­sen Wur­zeln löst, über­haupt noch? Rei­ner kapi­ta­lis­ti­scher Kon­sum­ter­ror – so eine geläu­fige, bit­tere Ana­lyse. Außer­dem läh­men der advent­li­che Schlen­drian und der Müßig­gang zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr die ganze Repu­blik.image4

Einem weih­nachts­lie­ben­den Sozi­al­wis­sen­schaft­ler trei­ben Mono­loge die­ser Art bis wei­len die Zor­nes­röte ins Gesicht – viel­leicht hat aber auch der Glüh­wein sei­nen Teil zu den roten Bäck­chen bei­ge­tra­gen. Sobald er sich aus dem Weih­nachts­markt­ge­drän­gel befreien kann, fährt er – den Leb­ku­chen noch zwi­schen den Zäh­nen – nach Hause, um mit eth­no­lo­gi­scher Lite­ra­tur sein Fest zu ver­tei­di­gen und der Frage nach­zu­ge­hen: Ist Weih­nach­ten wirk­lich ein sinn­lo­ses Fest?

Das Weih­nachts­fest als kalen­da­ri­sches Ritual

Weihnachtsmann

Der Weih­nachts­mann – nur eine Erfin­dung von Coca Cola? Nicht ganz.

Wer glaubt Weih­nach­ten sei ein rein reli­giö­ser, christ­li­cher Brauch, der irrt, denn das Weih­nacht­ri­tual wurde von sehr vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen beein­flusst (vgl. Braun 2010). Ein „ers­tes“ oder „rich­ti­ges“ Weih­nach­ten lässt sich his­to­risch nur sehr schwer aus­ma­chen. Folgt man Karl-​Heinz Brauns schö­nem Arti­kel zu Weih­nach­ten (2010), so wurde das erste Weih­nacht­fest von den West­kir­chen bereits im 4. Jahr­hun­dert gefei­ert. Der Son­nen­kult und die Son­nen­sym­bo­lik frü­he­rer Kul­tu­ren aus Ägyp­ten, Grie­chen­land und Rom wur­den dabei auf Jesus Chris­tus über­tra­gen ­– wie bei­spiels­weise „der Geburts­tag der unbe­sieg­ba­ren Sonne“, der nach Wunsch von Kai­ser Aure­lian am 25. Dezem­ber gefei­ert wurde (vgl. Braun 2010: 6). Der Weih­nachts­kranz soll eine Erfin­dung des Theo­lo­gen und Sozi­al­päd­ago­gen Johann Hein­rich Wichern sein, der armen Kin­dern mit einem Kranz ­– ein Wagen­rad,  dar­auf 20 rote und 4 weiße Ker­zen ­– anzei­gen wollte, wann end­lich Hei­lig­abend ist. Der Wichern­kranz schlich sich also erst im 19. Jahr­hun­dert in deut­sche Wohn­zim­mer und wurde fes­ter Bestand­teil der Advents­zeit (vgl. ebd.: 6). Der „Lich­ter­baum“ – für viele das ritu­elle Zen­trum des Weih­nachts­kults – geht auf eine aris­to­kra­ti­sche Tra­di­tion aus dem 18. Jahr­hun­dert zurück. Erst die Erfin­dung der Eisen­bahn, die schnau­fend Tan­nen­bäume durch ver­schneite Land­schaf­ten in die Städte tra­gen konnte, machte Weih­nachts­bäume für die breite Masse ver­füg­bar (vgl. ebd.: 8).

Mit christ­li­cher Reli­gio­si­tät haben viele der ritu­el­len Bestand­teile unse­res Weih­nachts­fests also zunächst nur wenig zu tun. Bis zur Refor­ma­tion fei­erte man in west­li­chen Kir­chen vor allem den Namens­tag des Niko­laus von Myra. Mar­tin Luther über­trug die Auf­gabe des Kinder-​Beschenkens spä­ter dem „Christ­kind“ (vgl. ebd.: 8). Der Weih­nachts­mann wurde wohl nicht – wie eine urbane Legende es behaup­tet – von Coca-​Cola erfun­den, jedoch wirbt die Firma seit den 1930er Jah­ren mit die­ser gut­mü­ti­gen, rausch­bär­ti­gen Vater­fi­gur. By the way – wir sehen hier ein wei­te­res Mal: ohne Ein­flüsse „frem­der Kul­tu­ren“ wäre unser „christ­li­ches Abend­land“, das eini­gen neu­er­dings so am Her­zen liegt, eine ziem­lich trau­rige Ver­an­stal­tung.

Weihnachten. Ein kalendarische Ritual.

Weih­nach­ten. Ein kalen­da­ri­sches Ritual.

Doch wozu fei­ern reli­giöse wie nicht-​religiöse Zeit­ge­nos­sIn­nen dann Weih­nach­ten? Das Weih­nachts­fest kann – mit eth­no­lo­gi­scher Brille auf der Nase – zunächst als ein sozia­les Ritual beschrie­ben wer­den. Riten und Rituale fin­den sich in allen Gesell­schaf­ten. Sie sind für Men­schen wich­tig, „da sie ihnen die Mög­lich­keit bie­ten, mit grund­le­gen­den Pro­ble­men der Exis­tenz umzu­ge­hen, zu denen etwa das Bedürf­nis nach Sicher­heit, Ord­nung und Erklä­run­gen genauso gehö­ren, wie auch die mensch­li­che Sterb­lich­keit und die Siche­rung des Über­le­bens” (Wol­berg 2002: 5).

Neben ereig­nis­be­zo­ge­nen Ritua­len, wie bei­spiels­weise Initia­ti­ons­ri­ten, die den Über­gang des Kin­des ins Erwach­se­nen­al­ter mar­kie­ren, fin­den sich auch in allen Kul­tu­ren kalen­da­ri­sche Rituale, die das Jahr struk­tu­rie­ren – bei­spiels­weise das Weih­nachts­fest (vgl. ebd.). Auch die­ses ist hoch­gra­dig „sinn-​stiftend“, weil es unter ande­rem unsere Werte und Nor­men über Sym­bo­li­ken und Prak­ti­ken sicht­bar wer­den lässt und damit „repro­du­ziert“. „Sinn“ kann sozi­al­wis­sen­schaft­lich als Zusam­men­hang inter­pre­tiert wer­den:

Davon dass etwas ‚Sinn macht‘, ist immer dann die Rede, wenn Zusam­men­hänge erkenn­bar wer­den, wenn also ein­zelne Dinge, Men­schen, Bege­ben­hei­ten, Erfah­run­gen nicht iso­liert für sich ste­hen, son­dern in irgend­ei­ner Weise auf­ein­an­der bezo­gen sind.“ (Schmid 2007: 45)

So gese­hen ist das Weih­nachts­fest quasi ein „sozia­les Destil­lat“ des­sen, wie Men­schen sich seit hun­der­ten von Jah­ren „die Welt erklä­ren“ und ihr Zusam­men­le­ben gestal­ten. Oft fehlt uns nur der ent­spre­chende Abstand zum eige­nen Ritus, um den „Sinn“ oder die Sinn­zu­sam­men­hänge klar zu erken­nen.

Ingrid Kel­ler­mann und Fumio Ono (2011), die eine Patchwork-​Familie bei ihrem ers­ten gemein­sa­men Weih­nach­ten eth­no­lo­gisch beglei­te­ten, beschrei­ben ein­drück­lich, wie die selbst­ge­wähl­ten Rituale und Prak­ti­ken des Fes­tes die neue Fami­lie zusam­men­brin­gen.

[Rituale] füh­ren die betei­lig­ten Men­schen dazu, sich auf­ein­an­der zu bezie­hen. Für die Erzeu­gung fami­liä­ren Glücks sind sie von zen­tra­ler Bedeu­tung. Ihre Per­for­ma­ti­vi­tät schafft soziale For­men des Glücks.“ (Kel­ler­mann und Ono 2011: 20)

Sinn liegt auf dem Gaben­tisch

Wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen das Wort „Gabe“ hören, klin­geln alle Alarm­glo­cken und Gesprächs­part­ne­rIn­nen kön­nen sich auf einen wort­rei­chen Mono­log zu den Arbei­ten von Mar­cel Mauss gefasst machen. Die­ser unter­suchte eth­no­lo­gisch die soziale Funk­tion des Tau­schens und Han­delns – oder noch abs­trak­ter – die der „Gabe“. Das Geben und Neh­men ist bei Mauss (1968) ein zen­tra­ler Modus von Ver­ge­sell­schaf­tung: Zusam­men gehö­ren jene Men­schen, die ein­an­der wech­sel­sei­tig Gaben machen und von­ein­an­der Gaben anneh­men. Dies beginnt beim „sich die Hand geben“ und endet bei regel­rech­ten “Geschen­kor­gien” unterm Christ­baum. Im Ver­ständ­nis von Mauss resul­tiert aus jeder ange­nom­me­nen Gabe – wie zum Bei­spiel einem Weih­nachts­ge­schenk – die Ver­pflich­tung zu einer Gegen­gabe.

Die Gabe ist also etwas, das gege­ben wer­den muss, das emp­fan­gen wer­den muss und das anzu­neh­men den­noch zugleich gefähr­lich ist. Das rührt daher, dass die gege­bene Sache selbst eine wech­sel­sei­tige und unwi­der­ruf­li­che Bin­dung schafft, vor allem dann, wenn es sich um eine Nah­rungs­gabe han­delt […] So darf man z. B. auch nicht mit sei­nem Feind essen.“ (Mauss 1968: 147)

Im Umkehr­schluss zum letz­ten Satz ergibt sich auch die Funk­tion des gemein­sa­men Weih­nachts­es­sens – mit oder ohne Kar­tof­fel­sa­lat und Würst­chen. Mauss beschreibt, dass in allen Kul­tu­ren das Nicht-​Erwidern (oder Erwidern-​Können) von Gaben mit magi­schen Vor­stel­lun­gen des Unheils ver­bun­den sind oder dass es die Ehre ver­letzt, Gaben nicht zu erwi­dern (vgl. ebd.: 152). Das Weih­nachts­fest kann als eine Art des Pot­latschs – damit meint Mauss ein rau­schen­des Fest des Schen­kens (vgl. ebd.: 23) – ver­stan­den wer­den:

so riva­li­sie­ren z. B. wir selbst bei unse­ren Weih­nachts­ge­schen­ken, Par­ties, Hoch­zeits­fei­ern, Ein­la­dun­gen, und wir füh­len uns noch heute ver­pflich­tet, uns zu revan­chie­ren“ (Mauss 1968: 25)

Der Ver­such ein­an­der „an die­sem Weih­nach­ten mal nichts zu schen­ken“, den einige Fami­lien jedes Jahr aufs Neue ver­su­chen, schei­tert – zumin­dest aus eth­no­lo­gi­scher Per­spek­tive – auch daran, dass Geben und Schen­ken Zusam­men­ge­hö­rig­keit schaf­fen sol­len und schaf­fen. Gerade denen keine Gabe zu machen, die uns nahe ste­hen, ist damit ein sozia­les Para­do­xon.IMG_3099

Doch auch im Ritual des Schen­kens zei­gen und repro­du­zie­ren sich reli­giöse und gesell­schaft­li­che Werte und Bil­der wie Karl-​Heinz Braun auf­zeigt: Denn so wie Gott der Mensch­heit sei­nen Sohn „schenkt“, so schen­ken die Erwach­se­nen an Weih­nach­ten in einem ver­ti­ka­len Pro­zess – von oben nach unten – ihren Kin­dern (vgl. Braun 2010: 8). Aber eben nur dann, wenn diese sich wür­dig gemacht haben; wenn sie „schön artig“ waren. Auch die rei­chen „Herr­schaf­ten“ beschenk­ten im Mit­tel­al­ter nur die „guten Armen“ (a.a.O.). Und so taucht die Figur des „unwür­di­gen“ Armen hier erneut in der Sozi­al­wis­sen­schaft auf und sitzt dies­mal mit lee­ren Hän­den unterm Christ­baum.

Mach mal Pause.

Für viele Men­schen ist die Weih­nachts­zeit und die Zeit „zwi­schen den Tagen“ eine ver­lo­rene. Die Fei­er­tage und erzwun­gene Ent­schleu­ni­gung „läh­men“ den gan­zen All­tag und Betrieb ­– so der Zorn vie­ler „Grin­che“. Doch genau damit erfüllt das „Fest der Besinn­lich­keit“ eine wei­tere wich­tige Funk­tion für die Gesell­schaft und das Indi­vi­duum:

Pau­sen sind wich­tig, um sich in die­ser Welt zu ori­en­tie­ren, um zur Besin­nung zu kom­men, also, ohne Pau­sen wären wir besin­nungs­los und die Welt wird sinn­los, weil der Sinn sich in den Pau­sen ent­wi­ckelt. Der Sinn ent­wi­ckelt sich dann, wenn ich auf das, was ich getan habe, das, was ich auch erlebt habe, drauf­schaue.“ (Karl­heinz Geiß­ler zitiert in Wehrle und Glaap 2009)

Schneemann

Ein Recht auf Gemüt­lich­keit?

Damit ist die Pause also kei­nes­wegs als ein „Nichts“ zu ver­ste­hen. Sie ist ledig­lich der pas­sive Teil von Akti­vi­tät, ohne den keine Akti­vi­tät als sol­che zu erken­nen wäre (vgl. ebd.). Mal so am Rande: eine argu­men­ta­tive Steil­vor­lage für alle Pro­kras­ti­na­to­rIn­nen!

In Groß­bri­tan­nien unter­nahm man im Zuge des ers­ten Welt­kriegs den Ver­such, den Sonn­tag als Ruhe­tag abzu­schaf­fen, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern – Kon­se­quenz: Stö­run­gen im Arbeits­ab­lauf, Unzu­frie­den­heit der Arbei­te­rIn­nen und sin­kende Pro­duk­ti­vi­tät (vgl. ebd.). Und so beschloss auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor eini­gen Jah­ren, mit Bezug­nahme auf Arti­kel 139 der Wei­ma­rer Ver­fas­sung, dass Fei­er­tage wie der Sonn­tag „als Tage der Arbeits­ruhe und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­lich geschützt“ blei­ben (vgl. Braun 2010: 7). Weih­nachts­kri­ti­ke­rIn­nen, die sich hier am reli­giö­sen Bezug stö­ren, denen kann man auch mit Cicero begeg­nen, der gesagt haben soll:

Mir scheint näm­lich selbst ein freier Bür­ger nicht wirk­lich frei zu sein, der nicht irgend­wann auch ein­mal ein­fach nichts tut.“ (Cicero)

Auch in die­ser Hin­sicht sind das Weih­nachts­fest und die „träge“ Weih­nachts­zeit kei­nes­wegs sinn-​los: denn unterm Baum kom­men wir erst wie­der zur „Be-​Sinnung“. Vor­aus­ge­setzt, dass dort gerade nie­mand träl­lert oder Block­flöte spielt.

Plan B (WL)

Wer nun noch immer nicht davon über­zeugt wer­den konnte, dass Weih­nach­ten keine sinn-​lose Zeit ist, der braucht – das gebe ich zu – ein ande­res Kon­zept. Eine gelun­gene Hand­rei­chung, um sich wäh­rend der Tage mit Humor über Was­ser zu hal­ten, wäre das Buch „Bernd Stauss opti­miert Weih­nach­ten – Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung“ (2009). Der habi­li­tierte Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schafts­lehre lie­fert hier aller­hand prak­ti­sche Tech­ni­ken, um Weih­nach­ten effek­ti­ver und effi­zi­en­ter zu gestal­ten, denn „mit ein­fa­chen, rea­li­täts­na­hen betriebs­wirt­schaft­li­chen Metho­den kön­nen die weih­nacht­li­chen Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kon­troll­pro­zesse wesent­lich effi­zi­en­ter gestal­tet wer­den“ (Stauss 2009: 7). Hierzu zäh­len Metho­den wie „Weih­nachts­ziel­pla­nung mit Hilfe der Christ­mas Score­card (CSC)“, die „bedürf­nis­ge­rechte Geschenk­wunscher­mitt­lung mit Hilfe der Con­joint Ana­lyse“ oder auch der „Geschen­ke­ein­kauf mit­tels Gift Tar­get Cos­ting“.

Allen ande­ren wün­sche ich eine besinn­li­che und erhol­same Weih­nachts­zeit. Pfle­gen Sie mit ihren liebs­ten Men­schen die schöns­ten Weih­nachts­ri­tuale und lau­schen Sie den Klän­gen die­ses Meis­ter­werks zeit­ge­nös­si­scher musi­ka­li­scher Weih­nachts­kunst!

Zum Wei­ter­le­sen und Anschauen:

Braun, Karl-​Heinz (2010). „Weih­nach­ten. Eine zwie­späl­tige soziale Sym­bol­ge­schichte“, Sozial Extra, 34 (11−12), S. 6–11.

Ent­ho­ven, Raphael (2009). Gabe. Raphaël Ent­ho­ven emp­fängt Andris Breit­ling. Arte: Phi­lo­so­phie.

Wulf, Chris­toph; Suzuki, Shoko; Zir­fas, Jörg; Kel­ler­mann, Ingrid; Inoue, Yoshi­t­aka; Ono, Fumio; Taken­aka, Nanae (2011). Das Glück der Fami­lie. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Lite­ra­tur:

Kel­ler­mann, Ingrid und Ono, Fumio (2011). Das Weih­nachts­fest als Brü­cken­schlag. In: C. Wulf, S. Suzuki; J. Zir­fas; I. Kel­ler­mann; Y. Inoue; F. Ono und N. Taken­aka (Hrsg.), Das Glück der Fami­lie (S. 73–107). Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mauss, Mar­cel (1968). Die Gabe. Form und Funk­tion des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.

Schmid, Wil­helm (2007). Glück. Alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und warum es nicht das Wich­tigste im Leben ist. Frank­furt am Main: Insel-​Verlag.

Stauss, Bernd (2009). Opti­miert Weih­nach­ten. Eine Anlei­tung zur Besinnlichkeits-​Maximierung. Wies­ba­den: Gab­ler Ver­lag.

Wehrle, Clau­dia und Glaap, Oli­ver (2009). HR 2 Wis­sens­wert. Vom Ver­schwin­den der Pause. Hes­si­scher Rund­funk. Sen­dung vom 18.12.2009.

Wol­berg, Raphaela (2002). Riten und Rituale. Der Sprung über die Rin­der. Ein Initia­ti­ons­ri­tus der Hamar in Südwest-​Äthiopien (Semi­nar­ar­beit). Uni­ver­si­tät Trier: Fach­be­reich Eth­no­lo­gie.

Autor

Kai Hau­prich

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Mit Bourdieu in der Cocktailbar

Ein Abend in der Cock­tail­bar; der Bar­kee­per nimmt meine Bestel­lung auf. Etwas schnodd­rig, aber doch bestimmt, bestelle ich einen „Gin Tonic“!

Und“, sagt der war­tende Bar­kee­per „Bour­dieu?“. Um dann in meine Ver­blüf­fung hin­ein seine Nach­frage nach der Gin Sorte, der Tonic Sorte und nach der Eis Sorte (Wel­ches Mine­ral­was­ser wird zu Eis?) zu stel­len. „Noch nie was von den fei­nen Unter­schie­den gehört?“ – so sein Kom­men­tar zu mei­ner Sim­pli­zi­tät. Und zu mei­nem unzu­rei­chen­den Dis­tink­ti­ons­ver­mö­gen; es fehle mir eben – um mit Nor­bert Elias zu spre­chen – die „Lust am Kon­trast“.

Denn auf der Folie der „Fei­nen Unter­schiede“ (Bour­dieu 1987) wird meine simple Geträn­ke­be­stel­lung zum Nach­weis mei­ner man­gel­haf­ten Aus­stat­tung mit kul­tu­rel­lem Kapi­tal und damit zu einer ein­deu­ti­gen Zuord­nung zu einer Schicht, die die „Fei­nen Unter­schiede“ nicht kennt. Meine simple (im dop­pel­ten Sinne) Geträn­ke­be­stel­lung labelt mich im Feld der Cock­tail­bar als „bar-​fern“ und „kul­tur­fern“!

Cocktails

Die Pra­xis­taug­lich­keit von Bour­dieu zeigt sich bei­zei­ten sogar in der Cock­tail­bar.

Selbst wenn mein Porte­mon­naie an die­sem Abend den Genuss eines „hand­ge­bla­se­nen“ Schwarz­waldgins mög­lich machen könnte, ver­un­mög­licht es mein man­geln­des kul­tu­rel­les Kapi­tal: Ich weiß nichts über eben die­sen köst­li­chen Gin und daher werde ich ihn nicht trin­ken kön­nen.

Ganz prak­tisch gewinnt an die­sem Abend in der Cock­tail­bar Bour­dieus Kri­tik des kul­tu­rel­len Kon­sums und Geschmacks ihre unschlag­bare Pra­xis­taug­lich­keit – sie erklärt uns die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen unse­rer eige­nen kul­tu­rel­len Aus­stat­tung und wie diese unsere eigene Pra­xis uns im gesell­schaft­li­chen Oben und Unten zuord­net. Und wie uns eine ent­spre­chende ana­ly­ti­sche Aus­stat­tung, eben diese Zuord­nung auch und gerade in all­täg­li­chen Pra­xen ermög­licht.

Bour­dieu im Jugend­amt

Ein Bera­tungs­set­ting im Jugend­amt einer Ruhr­ge­biets­kom­mune – gestan­dene Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und Päd­ago­gen mit jah­re­lan­ger Pra­xis in der offe­nen Jugend­ar­beit dis­ku­tie­ren zwei Tage ihren päd­ago­gi­schen All­tag im Kon­text eines kom­mu­na­len Spar­haus­hal­tes. „Wie“, so ihre Frage „kann Jugend­ar­beit bei lee­ren Kas­sen aus­se­hen?“ und zwangs­läu­fig mäan­driert diese Dis­kus­sion auch und immer um „Kul­tur“.

Plötz­lich steht Oper, Schau­spiel und Museum kon­tro­vers zur Offe­nen Jugend­ar­beit und erstaun­li­cher­weise (?) ord­nen sich die Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker der Sozia­len Arbeit in ihrer Wer­tig­keit den „Hohen Küns­ten“ frei­wil­lig unter. Und im Fort­gang der Dis­kus­sion wird dann deut­lich, wie wenig ihre eigene kul­tu­relle Pra­xis sich in Oper, Schau­spiel und Museum wie­der­fin­det.

Hoch­kul­tur“ wird viel­mehr dem gesell­schaft­li­chen Oben zuge­ord­net (ein quasi natur­wüch­si­ger „Bour­dieuis­mus“?) und im Unten ist eben ihr All­tag und der All­tag der „nor­ma­len“ Men­schen – so das Fazit die­ses Dis­kur­ses.

In der Rezep­tion der „Fei­nen Unter­schiede“ ver­än­dert sich ihre „All­tags­so­zio­lo­gie“; dass kul­tu­relle Pra­xis auch immer der Dis­tink­tion dient, ver­än­dert ihren Fokus auf ihre eigene kul­tu­relle Pra­xis und auf die Pra­xis der „Hoch­kul­tur“. Und mit „Habi­tus“, „Kapi­tal“ und „Feld“ (vgl. Bour­dieu 1998 und 2001) ver­mit­teln sich ihnen ana­ly­ti­sche Instru­mente, die ihre pro­fes­sio­nel­len Fel­der ver­ste­hen und erklä­ren und tak­ti­sche, sowie stra­te­gi­sche Mus­ter für ihr ganz eige­nes prak­ti­sches und poli­ti­sches Han­deln ver­mit­teln.

In der Rezep­tion und Dis­kus­sion der Bour­dieu­schen Begriffe und (Feld-)Analysen ent­ste­hen den Exper­tin­nen der Sozia­len Arbeit ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­tende Instru­mente, die dann in ihrer eige­nen Pra­xis neue ana­ly­ti­sche und hand­lungs­lei­tende Ein­sich­ten her­vor­brin­gen: Eine ganz prak­ti­sche Theo­rie!

Der „Königs­me­cha­nis­mus“ im rhei­ni­schen Rat­haus

Beim Lesen von Elias bin ich immer wie­der frap­piert, wie sehr unsere Posi­tio­nen sich glei­chen“ (Leuw und Zim­mer­mann 1983), so beschreibt Bour­dieu sein Ver­hält­nis zu Nor­bert Elias, den er mit Marx, Durk­heim und Weber zu sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Vor­bil­dern zählte. Und so ist es auch nicht ver­wun­der­lich, son­dern viel­mehr fol­ge­rich­tig, dass auch Nor­bert Elias als „Men­schen­wis­sen­schaft­ler“ uns in die­sem Blog prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft – wenn auch nicht in der Cock­tail­bar – begeg­net.

Soziale Arbeit als „schwa­che Ver­tre­tung schwa­cher Inter­es­sen“ – man denke nur an die „Erwerbs­lo­sen­be­we­gung“ (vgl. Kie­ser 1988) oder die Durch­set­zungs­stra­te­gien der Sozia­len Arbeit auf EU-​Ebene (vgl. Sei­bel 2010) – nimmt gerne Anlei­hen in angren­zen­den Dis­zi­pli­nen; ob es nun Politik-, Geschichts- oder Sozi­al­wis­sen­schaft ist. Nor­bert Elias hat mit sei­nen gro­ßen Erzäh­lun­gen über „Zivi­li­sa­tion“ (vgl. Elias 1983 und 1987) eine wahre „Fund­grube“ für Ana­ly­sen und Hand­lungs­stra­te­gien gelie­fert, deren Taug­lich­keit für die „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ nur in der Pra­xis über­prüft wer­den kann – folgt man denn hier Marx und sei­nen „The­sen über Feu­er­bach“ .

In „Die höfi­sche Gesell­schaft“ (Elias 1983) ent­wi­ckelt Elias mit dem „Königs­me­cha­nis­mus“ eine erfolg­rei­che Stra­te­gie (zumin­dest für die Könige Frank­reichs), um Macht zu erobern und zu erhal­ten, indem geg­ne­ri­sche Inter­es­sen­grup­pen immer in einem Macht­gleich­ge­wicht zu hal­ten sind. Nur dann, wenn sich die Macht­po­ten­tiale gegen­sei­tig im Schach hal­ten, kön­nen schwa­che Zen­tral­mächte oder Zen­tral­fi­gu­ren Macht­po­si­tio­nen erobern und der­art Macht akku­mu­lie­ren. Inter­es­san­ter­weise benutzt Her­mann Korte diese Denk­fi­gur, um Angela Mer­kels Auf­stieg zur Macht im Rah­men einer Fall­stu­die zu beschrei­ben (Korte 2009).

In einem Semi­nar zur Ein­füh­rung in Kom­mu­nale Sozi­al­po­li­tik; Hand­lungs­stra­te­gien zur Inter­es­sen­durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen wer­den am Bei­spiel eines Arbeits­lo­sen­zen­trums in einer rhei­ni­schen Groß­stadt dis­ku­tiert. Die Ein­füh­rung der Denk­fi­gur des „Königs­me­cha­nis­mus“ eröff­net einen völ­lig neuen Fokus für die Stu­die­ren­den; Macht­po­ten­tiale in der Ver­än­de­rung wer­den nun­mehr in den (Be-)Griff genom­men; ein sozio­lo­gi­scher und his­to­ri­scher Rück­blick schafft eine neue Per­spek­tive für aktu­elle Pro­bleme.

Poli­tik wird in ihrer his­to­ri­schen und sach­lich begrün­de­ten Ver­än­der­bar­keit als Mecha­nis­mus erkenn­bar, die ein­zel­nen Zahn­rä­der sicht­bar, Instru­mente zur Neu­ein­stel­lung kön­nen ent­wi­ckelt und umge­setzt wer­den – „prak­ti­sche Sozi­al­wis­sen­schaft“ eben.

Zum Wei­ter­le­sen und Anschauen:

Fröh­lich, Ger­hard und Reh­bein, Boike (2009). Bourdieu-​Handbuch. Leben, Werk, Wir­kung. Stutt­gart: J.B. Metz­ler.

Leuw, Peter de und Zim­mer­mann, Hans-​Dieter (1983). Die fei­nen Unter­scheide und wie sie ent­ste­hen. Pierre Bour­dieu erforscht den All­tag. Frank­furt: Hes­si­scher Rund­funk TV-​Film.

Lite­ra­tur:

Bour­dieu, Pierre (1987). Die fei­nen Unter­schiede. Kri­tik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Bour­dieu, Pierre (1998). Vom Gebrauch der Wis­sen­schaft. Für eine kli­ni­sche Sozio­lo­gie des wis­sen­schaft­li­chen Fel­des. Kon­stanz: UVK.

Bour­dieu, Pierre (2001). Die Regeln der Kunst: Genese und Struk­tur des lite­ra­ri­schen Fel­des. Frank­furt: Suhr­kamp.

Elias, Nor­bert (1983). Die höfi­sche Gesell­schaft. Frank­furt: Suhr­kamp.

Elias, Nor­bert (1987). Über den Pro­zeß der Zivi­li­sa­tion. Frank­furt: Suhr­kamp.

Kie­ser, Albrecht (1988). Zwi­schen Siech­tum und Wider­stand. Sozi­al­ar­beit und Erwerbs­lo­sen­be­we­gung. Bie­le­feld: Lucht­erhand.

Korte, Her­mann (2009). “Und ich gucke mir das an. Angela Mer­kels Weg zur Macht. Eine Fall­stu­die”, In: Mar­tina, Löw (Hg.), Geschlecht und Macht. Ana­ly­sen zum Span­nungs­feld von Arbeit, Bil­dung und Fami­lie (S. 16–28). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Sei­bel, Katha­rina (2010). “Rekla­ma­tion und Durch­set­zung schwa­cher Inter­es­sen”, In: , Ben­ja­min Benz u.A (Hrsg.). Soziale Poli­tik – Soziale Lage- Soziale Arbeit (S. 207–224). Wies­ba­den: VS Ver­lag.

Autor

Tho­mas Münch

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